Ich weiss es doch nicht

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Ich bin schon im Flur, als ich die Mail lese und nach dem ersten Satz laufen die Tränen. Das Telefon klingelt. Die Schwester, der Wasserschaden, die Versicherung, solche Sachen, die mir trocken im Kopf sind, wie alter Streuselkuchen. Ich weiss das doch nicht, weiss das alles nicht, und mir platzt der Kopf, der leere hallende Kopf, übervoll mit Pein, wie auch mein Herz und meine Seele. Alles tut weh, sitzt an der falschen Stelle, die Haut auf links gegen das rohe Fleisch getackert, bricht der Krater auf und es ergießt sich und ich antworte so gut ich kann. Höre ihre Verärgerung, von weitem, ihren Verdruss und denke an Dich, wenn ihr doch alle nur schweigen würdet, einmal, in dieser Wüste, in der kein Gras sich rührt und kein Zuhause ist.
Ja, sage ich, ich weiss es nicht. Kannst du vielleicht, und wir legen auf, den Hund neben mir verlasse ich die Wohnung und weiss nicht wie ich dorthin gekommen bin, noch wo ich war. Schien die Sonne?
Sie muss geschienen haben, die Sonne, denn sie hört niemals auf damit. Es kümmert sie nicht wer gekommen oder wer gegangen ist. Dieses Mal sind Wir es, die gestorben sind und der Ort an dem wir lebten existiert noch, doch wir sind nicht mehr dort.
Eingesperrt die Liebe in einem toten Raum, verlassen am Tisch, ohne Dich und mich, vor dem leeren Teller, allein in der Nacht, bleibt das Kissen leer, auch am Morgen und am Nachmittag, wenn die späten Sonnenstrahlen goldene Punkte malen und jeder für sich ist in seinem eigenen Leben voller Erinnerung, Verlust und einer neuen Einsamkeit, die anders klingt als jede andere zuvor.
Verloren haben wir uns, ob Schicksal oder Dummheit. Ich weiss es doch nicht. Ich weiss das alles nicht. Was geschehen ist, ist geschehen.
Wie konnten wir so achtlos mit einem so großen Geschenk umgehen.
Ich weine.

 

 

 

 

burn before reading

ajobilovetohate

I am the heroine of this story,
I don’t need to be saved.
I don’t need feedback from anybody.
Go fuck yourself, cunt.

 

Ich bin die Heldin dieses Blogs.
Ich will nicht erlöst werden.
(- die Stute verweigert das Hindernis).

/

Stück für Stück wird das Land weg gespült von einem bleifarbenen Meer ohne Brandung. Ein sachtes, stetiges Schwappen, friedlich und still. Kein Sturm, nicht einmal das. Alles wird zu Sand und erst die Beben der Zukunft werden neue Berge errichten. Perspektiven.

Eingeschlafen am frühen Morgen, bin ich schon bald mit wundem Hals und Fieber erwacht. Rückenschmerzen, nicht allein von der nächtlichen Mail und den Fragen, die sie aufwirft, auch von all den anderen Dingen, die zu tragen sind, obwohl und gerade weil sie nicht existieren oder sichtbar sind.
Sie drohen nur.

Ich zurre alles was lose ist fest und beruhige mich mit Märchen.

Die Ziege, die kein Blatt gefunden haben will und keinen Mucks macht, als der Vater ihre Lügen aufdeckt und sie mit Peitschenhieben davonjagt.
Stumm auch die kleine Meerjungfrau, die ihren Prinzen so sehr liebt, dass sie über Scherben geht, schweigend jeden Schmerz erduldet um bei ihm sein zu können und schließlich in Meeresschaum aufgeht.
(So tapfer werde ich nie sein).

Die Geschichte von Frau Holle habe ich gleich mehrmals hintereinander angehört. Nicht wegen der Werksgerechtigkeit, die der Wahren, Schönen, Guten widerfährt, und noch weniger wegen des Schicksals der faulen Pechmarie.

Das Märchen macht mich auf eine unbestimmte Art froh und gibt mir Hoffnung:

dass es hell sein wird, auf der anderen Seite des Brunnens,
dass das um Hilfe rufende Brot aus dem Ofen geholt werden wird, ehe es verbrennt,
dass auch der Apfelbaum von seiner schweren Last befreit werden wird,
und
dass Frau Holle jeden Tag aufs Neue ihre Betten aufschütteln und Schnee herab rieseln lassen wird, auf die stille Erde.

Für heute erwarten wir die ersten Flocken hier in Berlin.

Das Obst ist längst geerntet.
Ich möchte nicht verbrennen.

I am the heroine of this story.
Cover me.
Please.

 

Bild: http://www.bighappyfunhouse.com/archives/07/04/ Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.5/

 

Zwänge

SAMSUNG
Der Tag an dem ich eigentlich leer ausgehen sollte ist der Tag, an dem die Sonne bereits am frühen Morgen den Nebel aufgelöst und die Welt in ein freundliches Licht getaucht hat.
Keine Schokolinse im Adventskalender, dafür aber große Vorfreude nach beinahe schlafloser Nacht. Immer wieder das Smartphone zur Hand genommen und eine Runde Solitaire gespielt. Stets der gleiche Score. Nur einmal, da muss ich irgend etwas anders gemacht haben, denn die Statistik zeigt für Mitte September eine dreimal so hohe Punktzahl wie gewöhnlich an. Das verstehe mal einer.
Aber um Rekorde geht es ja nicht beim Patiencen legen, sondern, wie der Name nahelegt, um Geduld. Patience eben. Davon habe ich in diesem Jahr derartig viel aufbringen müssen, dass man meinen könnte ich solle mich besser mit Ballerspielen in den Schlaf schunkeln, um wenigstens noch ein wenig Wut loszuwerden und mich so wieder herunter zu dimmen. Ganz falsch. Für mich gibt es in diesem Zustand zwischen Wachsein und Schlaf nichts besseres als Ordnung zu schaffen. Karten aufzunehmen und sie schön der Reihenfolge und Farbe nach auf 4 Stapel zu sortieren.
Ich räume eben einfach gerne auf.

Y. arbeitete in einem Café in Schöneberg. Ein sehr angenehmer, eleganter Laden, in dem ich viele Stunden meines Lebens verbracht habe, nicht zuletzt, weil Y. mir so gut gefiel mit seinen lackschwarzen Haaren, dem kräftigen Kinn, den hellbraunen Augen und der tragenden Stimme.
Jahre später trafen wir uns an einem anderen Ort wieder und saßen bald darauf zusammen in meiner Küche. Er lag mit dem Oberkörper auf der Tischplatte, beide Arme zu mir herüber gestreckt, jede seiner Hände umfasste eine meiner Brüste. So unterhielten wir uns.
Y. erzählte mir, dass ich in seiner Erinnerung die Frau war, die sobald sie im Café Platz genommen hatte anfing aufzuräumen, Salz und Pfeffer nebeneinander zu stellen, die Eiskarte quer statt hochkant, damit sie nicht mein Gegenüber verdeckte, die Speisekarte gerade vor mich hin und an der Tischkante ausgerichtet, den Ascher exakt in die Mitte. Meine Zigaretten, das Zippo und mein Porti legte ich aufeinander gestapelt links neben mich.
Gut beobachtet, dachte ich und genierte mich ein wenig.
Y. und ich verbrachten ein paar Wochen miteinander. Irgendwann hörten wir auf uns anzurufen. Das letzte Mal, als ich ihn sah stand er vor dem alevitischen Gemeindezentrum und unterhielt sich mit anderen Gläubigen. Wir nickten uns zu und lächelten.
Sein Zwang mir mit festem Griff die Brustwarzen umzudrehen, hatte die Beziehung bereits in einem frühen Stadium im Keime erstickt.

Zugrunde

Short-Winged Blister Beetle, Meloe angusticollis

Meloe angusticollis (Photo credit: Wikipedia)

Die Tage vergehen, und schon ist es Sommer.
Bis zu unserer Hochzeit in Dänemark sind es keine 6 Wochen mehr.
13. August, Tag des Mauerbaus.
Eine Vollmondnacht.

Queremos compartir con vosotros la última luna llena antes de nuestra boda

Wir haben die Papiere übersetzen lassen und die Einladungskarten für den Junggesellenabschied verschickt. Die Trauzeugen sind geladen, das Hotel auf Nykobing Falster, die Fähre dorthin, sowie der Flug für D.s Mutter sind gebucht. Sie wird aus Lima anreisen und bei mir wohnen, bis D. und ich Berlin verlassen und nach Dänemark fahren.
Unsere Trauzeugen, Anton, und Xavier mit seiner Frau Dolores werden uns auf dieser kleinen Reise begleiten.
Der eine aus Freundschaft, die anderen aus Überzeugung.
Lieber wäre mir, seine Mutter hätte sich für eine Pension irgendwo in der Nähe entschieden, aber D. zuliebe wird es genau so laufen, wie sie es möchte. Keine Eskalation auf die letzten Meter.
Bereits der erste Eindruck, als ich sie auf den Fotos sah, die D. mir damals in Barcelona  zeigte, legte einen Schatten auf alles, was noch kommen sollte.
Wir teilen nicht nur die Liebe zu ihrem Sohn, wir haben auch das gleiche Gesicht.
Sie mag dich, erzählt er mir Wochen später. Sie findet dich schön.
Seitdem ist sie Schritt für Schritt ein wenig näher an mich heran gerückt, und inzwischen schickt sie mir alle drei Tage Mails, die meist um sie oder ihren Sohn kreisen.
Wenn sie es sich leisten kann, ruft sie an.
Einmal am Telefon reden wir über die Katzen, und sie erzählt mir die Geschichte von ihrem Kater Puchy, der vor Jahren bei der Kastration verstarb. Nie wird sie sich das verzeihen können, niemals. Ein so junges und bezauberndes Tier. Ein harmloser Eingriff. Eine unbekannte Herzerkrankung. Wer konnte das ahnen? Plötzlich bricht sie in Tränen aus, und schluchzt eine kleine Weile in die Muschel.
Ich weiß nicht, was ich sagen soll.
Da gibt es ganz andere Dinge, die du dir nicht verzeihen solltest, denke ich, und merke, wie erneut Wut und Ekel in mir aufsteigen.
Mit kraftloser Stimme versuche ich ein paar tröstende Worte auf spanisch, die sie derart anrühren, dass sie gleich wieder geschüttelt wird von vergangenem Leid.
Ich hasse sie, diese Irre, dieses Monster. Unser Unglück.
*
Seit meinem letzten Aufenthalt in Barcelona ist die Stimmung zwischen mir und D. angespannt. Verzweiflung macht sich breit.
Wir halten einander nicht mehr, wir umklammern uns. Unsere Küsse sind Bisse, sein Griff hart, der Sex grob. Oft weine ich, nachdem wir uns geliebt haben und er sich zur Seite rollt. Ohne mich zu umarmen. steht er auf und geht in die Küche, wo er eine Zigarette nach der anderen raucht. Den Ascher, wie einen Teller vor sich auf dem Tisch.
Sein Blick ist kalt. Er ist enttarnt.

*
Ledig, junge Frau, sind sie nur genau ein Mal im Leben, sagt der Mann vom Einwohnermeldeamt zu mir. Danach sind sie verheiratet, geschieden oder verwitwet, aber nie wieder ledig.“
Ein Gefühl, als müsste ich meine Jungfräulichkeit auf einem Beamtenschreibtisch opfern.
Jeder mögliche Fehltritt in der Zukunft wird kein Ausrutscher, sondern gleich Ehebruch sein.
*
Seine Mutter. Ihre Hassnachrichten auf dem Anrufbeantworter, wenn sie ihn nicht erreicht.
Eres una mierda! Du bist ein Stück Scheiße!“
Das ständige Einfordern von Mails, Fotos, täglichem Kontakt.
Oft ist D. so erschöpft, dass er mit dem Gesicht nach unten auf das Bett fällt und sofort einschläft.
Seine Haut ist fettig der Rücken voller Furunkel.
Er raucht Kette, die Hände sind schwitzig, seine Augen glasig geädert vom Druck.

Online Bücher verkaufen, das könnte Geld bringen. Aber ohne Startkapital? Die Übersetzung der neuen Windows-Oberfläche ist ein Lichtblick.
Der Auftrag soll in Jena ausgeführt werden. Keine zwei Autostunden von Berlin. Wir werden uns also sehen in diesen drei Wochen.
*
In seinem fensterlosen Badezimmer ein Druck von Modigliani. Eine dunkelhaarige Frau mit dürrem Torso und Wespentaille.
Beinahe wie ich.
Ihr Gesicht geheimnisvoll, der Blick matt.
Ich suche nach einer Nagelfeile und finde mehrere halbausgedrückte Blister: Rohypnol, Lexotanil und Valium.
Als ich sie ihm hinhalte, ist er erstaunt.
Das wusstest du nicht? Wie naiv du bist.“
Mein Kinn zittert.
*
Wir sitzen im Café und lesen. D. lässt das Buch sinken und schaut mit gerunzelter Stirn auf meine Beine.
„Jeder kann Dir in den Schritt schauen“, sagt er unvermittelt.
„Das stimmt nicht.“
„Doch, wenn ich mich bücke, kann ich deinen Slip sehen. Ich will nicht, dass du solche Kleider trägst. Wie eine Schlampe.“
Die Härte seiner Worte trifft mich. Ich tue, als würde ich es leicht nehmen.
„Nur Kleinkinder oder Hunde könnten mir in den Schritt schauen, und auch das nur, wenn sie sich extra nah heranpirschen und flach auf den Boden legen“, sage ich lachend.
Er verzieht das Gesicht und wendet sich wieder seinem Buch zu.
Es ist der Ekel vor sich selbst, das weiß ich, und trotzdem tut es mir weh.
In der Nacht werde ich wach. D. steht neben dem Bett und greift nach meiner Schulter.
„Hier! Schau her! Míra!“
Er hat ein großes Badetuch um die Hüften gebunden, darunter ist er nackt.
Breitbeinig setzt er sich auf einen Stuhl vor mich hin, so, dass das Handtuch um seine Oberschenkel gespannt ist, und ich direkt auf seine Hoden und seinen schlaffen Penis blicke.
„Was siehst du?“ fragt er mich und ich spüre seinen Zorn.
„Ich weiß worauf du hinaus willst, antworte ich, aber ich liege ja schließlich, und so habe ich nie da gesessen.“
„Sag mir einfach, was du siehs
t!“ Er hebt die Stimme.
„Ich sehe deinen Schwanz.“
„Exakt! Du siehst meinen Schwanz. Und zwar deswegen, weil ich breitbeinig und mit kurzem Rock, wie eine Nutte dasitze.“
D. springt auf und wirft mit einer schnellen Handbewegung den Stuhl um.
„Du kannst es doch wenigstens zugeben! “
„Was denn? Dass ich eine Nutte bin? Dass du eine Schlampe heiraten wirst? Was willst du eigentlich von mir?“
„Dass du es einfach endlich zugibst!“
Ich schweige und schaue ihn an. Er starrt zurück, und gleichzeitig durch mich hindurch.
Plötzlich schlägt er beide Hände vors Gesicht und setzt sich neben mich aufs Bett.
Ich streichle sein Bein.

Was bisher geschah: Teil I, Teil II, Teil III, Teil IV und Teil V hier.

Attrappe

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Ein Mann, mit dem ich in meiner Jugend in mancher Nacht das Lager teilte, und der sehr viel älter war als ich, schenkte mir eines Tages die Memoiren von Katharina der Großen. Der Namensverwandtschaft wegen. Als Widmung schrieb er mir, mit einer klaren, schnörkellosen, dabei aber doch eitlen und einstudierten Handschrift, die gut zu seinem möchtegern-existentialistischen Auftreten im immerschwarzen Rollkragenpullover, mit Dreitagebart und lackschwarzem, wildem Haar passte, folgendes hinein, und traf dabei genau mein Lebensgefühl zu jener Zeit:

„Warum nur sind wir in allem so begrenzt, außer in der Fähigkeit zu leiden?“

So war das damals. Alles tat ständig weh, und immer gleich uferlos und nicht enden wollend.
Liebe zerstörte, Trennung zerstörte, Familie zerstörte und Schule quälte.
Selbst das Glück schmerzte, weil die Vorahnung seiner Endlichkeit nagte und jedes Vertrauen schon im Keim erstickte.
Alles ging vorbei, worauf und worüber sollte ich mich da freuen. Der Zauber des Anfangs wurde übertönt vom Lärmen seines bevorstehenden Endes.
Gegen die Schule, die Familie, die Liebe und den Kummer halfen nur Drogen und Sucht.
Das Extrem. Der Turbo in Allem. Exzess, Ausschweifung. Alarm.
Wollust, Völlerei, Überfluss. Maßlosigkeit. Viel von allem und von allem zuviel.

Aber war es nur das?
Hielt mich dieses ständige Leiden, das mich schon als Kind dazu brachte solange an meinen Zähnen herum zu reissen, bis ich sie endlich ziehen konnte,
das mich dazu verführte die Fingerspitzen an die rotierende Scheibe der elektrischen Brotschneidemaschine zu halten, bis die erste Hautschicht durchschnitten und feine Bluttropfen aus der brennenden Wunde hervortraten,
das mich so tief und lange am herumgereichten Joint saugen ließ, bis eine Atemlähmung eintrat, und ich nur durch feste Schläge auf den Rücken wieder nach Luft japsen konnte,
das mich mit LSD und Pilzen experimentieren ließ, bis die Wahnzusände mich überall hin verfolgten,
das mich Männern in die Arme trieb, die mir nicht gut taten,
das mich Aids nicht als Bedrohung sondern als Herausforderung verstehen ließ,
das dafür sorgte, dass ich Unmengen an Essen in mich hineinstopfte, bis mein Körper es wieder von sich gab,
das mich aber auch hungern ließ, bis ich vor Kraftlosigkeit beinahe zusammenbrach,
hielt mich eben dieses zerstörerische Leiden, das so offensichtlich danach strebte sich selbst zu perpetuieren, hielt mich genau das nicht auch am Leben und brachte mich mir näher?
Hätte ich mich denn überhaupt anders fühlen können als im Fressen, Kotzen, Hungern, Kiffen, Vögeln und Saufen? Als im Schmerz, der mir zeigte, dass ich lebte, und warmes Blut durch meine Adern floß und aus meinen Wunden perlte.
Der volle Magen, die Lungenschmerzen, sich kaum noch rühren können nach tagelangen Orgien, betrunken sein, bis nur noch Erbrechen half.
Ritzen, Beissen, Selbstverletzung. Gefahr.
Und hielt das Leiden mich nicht gleichzeitig ab von einem Leben, das in der Zukunft beginnen und mir endlich das grenzenlose Glück bringen würde, nach dem ich mich sehnte?
Was ich damals nicht wusste: es war alles da. Inmitten des stinkenden Unrates war der Tisch gedeckt.
Ich hätte dort Platz nehmen und der Musik lauschen, satt werden, lachen, mich freuen können.
Wenn ich es gekonnt hätte.
Aber der Schmerz war zu groß. Kein Blatt zwischen mir und der Welt. Alles war scharf, spitz und kantig. Und tat weh.

 

Gefunden werden

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Nach dem Essen hat sie Herzschmerzen.
Aus dem Badezimmerspiegel schauen sie die Augen ihrer Mutter an.
In der Wanne hockend steckt sie den Duschkopf in den Mund, bis die Mundwinkel einreissen.
Sie dreht den Hahn ganz auf.
Später nimmt sie einen Schluck Putzmittel.
Auf dem Boden tummeln sich die Silberfischchen.
Im Flur fällt sie um.
Sterben will sie nicht.

Sie legt die Zeitschrift auf den Tisch, zieht die Perücke vom Puppenkopf und setzt sie auf.
Aschblond. Dann bestellt sie einen Bordeaux.
Sie raucht und er schaut ihr dabei zu.
Später sind ihre Mundwinkel dunkel vom Wein.
Am nächsten Tag steht er vor ihrer Tür.
Der Adressaufkleber auf ihrer Zeitschrift.

Sie schreibt einen Brief und faltet ihn zu einem Flieger.
Auf ihrer Reise hält sie ihn zwischen den Händen.
Bei Tisch saugt sie die Nudeln mit dem Mund ein.
Sie zieht die Lippen rot nach.
Später treffen sie sich am Ufer.

Bild: Sascha Kohlmann, flickr, Tisch und Stühle
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Körperfresser und Tinnitus

 

SAMSUNGGentrifizierung!
Will das überhaupt noch jemand hören?
Denkt nicht jeder: ach, die schon wieder! Alles verändert sich. So ist das eben. Und in New York, Frankfurt oder München ist es viel schlimmer, da brauchen wir uns gar nicht aufzuregen.

Tue ich aber. Ich rege mich auf. Nicht spezifisch dieses Mal, sondern allgemein. Und nicht immer, aber wiederkehrend. Es gibt einen Grundton, ein Störgeräusch, das Kreischen des sozialen Tinnitus, das sich in die Melodie meines Lebens eingeschlichen hat und mehr und mehr alle anderen Noten übertönt, so wie ein Presslufthammer das Jubeln einer Klarinette.

Ich rege mich auf, wenn ich die Immobilienangebote von Ziegert Immobilien, Wilkanowski und anderen via Mail geschickt bekomme, und dort „Stuck & Co“ direkt am Görlitzer Park für teuer Geld angeboten wird.  Ja, es ist nichts Neues: mein Kiez wird an die Höchstbietenden verscherbelt, die dann als Erstes eine Standleitung zum Ordnungsamt herstellen und alles, was ihnen zu laut, zu schmutzig, zu Kreuzberg erscheint kaputtdisziplinieren und wegstrafen lassen.
Nach den Verdrängten, den ehemaligen Mietern, die nicht das nötige Kleingeld auf Tasche haben, um ihr Zuhause mit Geldsäcken zu verbarrikadieren, oder die nicht das Glück haben als ehemaliger Triple-Agent mit dem Oberbürgermeister Schampus schlürfen zu dürfen, fragt ja niemand.
Ich ertappe mich immer häufiger dabei, dass ich ganze Straßenzüge in meinem Viertel meide. Schnell durch, nicht nach links und rechts schauen. Es tut so weh.

Die Markthalle beispielsweise betrete ich nicht mehr, seit die Röhrenhosenträger und die bedruckten Stoffbeutelhäschen die Luft mit ihrem verrokokotetem Shabby-Stumpfsinn unatembar gemacht haben. Ich kann sie schlicht nicht sehen, die aufgeblasenen Visagen, in deren Augen sich nichts regt, als das mechanische Rotieren ihrer auf Konsum drehenden Festplatte. Dass ein 750 g Roggenbrot (bio, na und) 4,30 € kostet kommt erschwerend hinzu. Das kann ich mir nicht leisten. Und ich will es auch nicht. Andere kleine Bioläden schaffen es auch, das Kilo Brot gewinnbringend für 3,20 € unter die Leute zu bringen.

Szenig, anspruchsvoll und immer teurer.

Wenn ich an einem Frühlingstag wie diesem das Haus verlasse, treffe ich nur selten noch auf alte Kreuzbergerinnen und Kreuzberger. Menschen, die wie ich vor langer Zeit hierher gezogen sind, weil sie den Kiez mitsamt seiner Einwohnerstruktur genau so mochten wie er war, und nicht wie er sein könnte, wenn man erst mal alle raus gemobbt und den neuen Spielplatz entsprechend seiner Bedürfnisse angepasst hat.
Wie Gitti und Heinz auf Malle.
Wann immer wir uns in den Straßen von Kreuzberg zufällig treffen, freuen wir uns.
T. aus dem Trinkteufel, A. vom Elefanten, M. aus der Madonna, oder T. vom Franziskaner.
Ach, wie schön, dich gibt es noch!
Der zweite oder dritte Satz gilt meist schon der Veränderung unseres Viertels. Wer gekommen ist, wer gehen musste, welche Kneipen und kleinen Läden verschwunden sind, dass Michael Stipe mehrfach gesichtet wurde, was die aktuelle Miete kostet, welche Häuser von Investoren aufgekauft wurden, wo ein neues Dachgeschoss mit Glaskuppel aufgesetzt wird. Welche Wohnwagen, Locations oder Supermärkte den Flammen zum Opfer gefallen sind, und wer davon profitiert.

Ein neues Hotel entsteht an der Westseite des Oranienplatzes. Ein Münchener hat das alte Kaufhaus Maassen gekauft, und möchte dort, für Jeden erschwingliche, Zimmer anbieten. Ab 110 € die Nacht.
So ist das. 110 € werden inzwischen als preiswert erachtet.
Ich könnte mir einen Ausflug in meinen eigenen Stadtteil nicht leisten.

Aber noch wohne ich hier, und fühle mich mehr und mehr an den genialen Science-Fiction-Thriller von 1978 Die Körperfresser kommen mit Donald Sutherland und Jeff Goldblum erinnert, in dem Investoren Invasoren die Bewohner San Franciscos durch seelenlose Duplikate austauschen, während die Originale zu Staub zerfallen und von der Müllabfuhr entsorgt werden.
Nach und nach werden so fast alle Menschen ersetzt. Die Verbliebenen assimilieren so gut sie können, werden aber dennoch von den Ausgetauschten, den Körperfressern entdeckt, die Ihresgleichen mit einem schrillen Signalruf und mit ausgestrecktem Arm auf die unerwünschten Relikte menschlichen Daseins aufmerksam machen.
Die Jagd hat begonnen, und sie wird erst enden, wenn alle Bewohner der Stadt ausgelöscht sind.
Zu weit hergeholt die Assoziation?
Mir egal.
Mein Blog, mein Kiez, mein Schmerz.

 

Kirchner Kleist Cobain

Wenn Sie einen Toten sehen: Welche seiner Hoffnungen kommen Ihnen belanglos vor, die unerfüllten oder die erfüllten?

Heute vor 15 Jahren hat sich meine Freundin B. erhängt. In ihrer Wohnung.
Nur zwei Stunden vor ihrem Tod habe ich mit ihr telefoniert. Wir besprachen ein Referat, das wir am nächsten Tag gemeinsam halten wollten.
Norbert Elias und John L. Scotson, Etablierte und Außenseiter.
Sie war ruhig und konzentriert.

Am Tag vor ihrem Selbstmord hatte sie die EC-Karte sperren lassen, die ihr abhanden gekommen war. Kurz davor war sie beim Friseur gewesen, und wenige Wochen zuvor hatte sie aufgehört zu rauchen. Alles Dinge, die dem Leben zugewandt schienen, und die uns Freundinnen hoffen ließen. Hoffen, dass sie das Tal der Depression durchschritten hätte, und dass es von nun an aufwärts gehen würde. Dass es ihr sehr schlecht ging, hatte sie immer wieder gesagt. Geschluchzt.
B. befand sich in therapeutischer Behandlung, aber es hatte den Anschein, dass die Gespräche nur das in ihr aufwühlten, was sie dringend vergessen wollte.
B. starb im gleichen Alter und auf die gleiche Weise wie ihr Vater.

Keine zwölf Stunden nach ihrem Tod warte ich auf sie. Wir wollen zusammen zur Uni fahren und unser Referat halten.
An ihrer Stelle erscheint ihre Mitbewohnerin. Als ich die Tür öffne, senkt sie den Blick und betritt wortlos die Wohnung. Ich weiß sofort, dass etwas Schreckliches geschehen ist. Und ich weiss instinktiv was es ist.
T. schaut in mein angespanntes Gesicht. Es rauscht in meinen Ohren, mir ist flau, ich habe Angst. Die Spannung ist unerträglich. Ich will wissen, was passiert ist, gleichzeitig möchte ich wegrennen, die Ohren zuhalten und  „Lalalal!“ rufen.
T. schließt die Wohnungstüre hinter sich.Gefangen.Wir stehen uns gegenüber.

-B. hat sich gestern aufgehangen, sagt sie ruhig und irgendwie verlegen.

-Aufgehängt,  korrigiere ich innerlich und warte darauf, dass sie –Wir haben sie einfach abgehangen und sie erholt sich gerade, hinterher schiebt.
Ich weiss, dass das nicht sein kann, aber B.´s Tod erscheint mir noch unmöglicher als diese hoffnungslose Utopie.

Vakuum Rauschen Watte Brennen

Ich schäme mich, dass sich selbst in diesem schrecklichen Moment mein pedantischer Sprachscanner zu Wort gemeldet hat. Gleichzeitig überrollt mich eine Welle der Panik und es schüttelt mich. Viel später erst kann ich weinen. Und dann lange nicht mehr aufhören. Beim Autofahren steuere ich Richtung Avus, höre Tocotronic, schreie und und trete das Gaspedal durch.

Jahre zuvor hatte sich schon Freund A. erhängt. Er hinterließ eine kleine Tochter.
Als wir uns das letzte Mal sahen, lebte ich bereits in einer anderen Stadt. Dort besuchte er mich für zwei Tage und erzählte von der Ruhe die er im Zen-Buddhismus gefunden hatte.
Tue was du tust
Nachdem er abgereist war, dachte ich oft an ihn, und was was er gesagt hatte und versuchte mich in der gleichen Gelassenheit zu üben. Fast beneidete ich ihn, diesen Anker im Leben gefunden zu haben.
Als meine Briefe und Karten, die ich schrieb unbeantwortet blieben, rief ich ihn an. Für gewöhnlich telefonierten wir nicht, sondern schickten uns regelmäßig Papiernachrichten.
Ich erwischte seine Mitbewohnerin.
-Hallo, kann ich bitte mit A. sprechen.
-Wer bist du?
-Eine Freundin.
Unheilvolles Schweigen. Und wieder weiß ich sofort, dass etwas nicht stimmt.
A. ist tot. Wenige Tage nach seinem Besuch bei mir hat er sich erhängt.
Tue was du tust

Der dritte Selbstmörder in meinem Leben, ist mein über die Maßen geschätzter, lässiger Englisch- und Sportlehrer, der uns am ersten Tag als Klassenlehrer englische Namen gegeben hatte. Ich war Shirley.
Es gefiel mir, dass er uns die Möglichkeit eröffnete in eine andere Rolle zu schlüpfen. Englisch wurde mein Lieblingsfach. Nach dem Sportunterricht, den er gerne in den nahe gelegenen Ostpark verlegte, nahm er diejenigen, die nicht mit dem Rad unterwegs waren in seinem schwarzgoldenen Käfer-Cabriolet mit. Er war anspruchsvoll im Unterricht, forderte und mochte uns, und wir bewunderten ihn für sein souveränes Auftreten.

Johannes M.

Nach den Sommerferien gehe ich ins Sekretariat um das Klassenbuch zu holen. Als ich die Sekretärin danach frage, schaut sie auf und blickt mich sehr ernst an. Plötzlich wirkt sie angespannt. Unnatürlich. Betreten.
Sie schweigt einen Moment, scheint mit  sich zu ringen.
Mir wird heiss, ich fühle mich elend. Stickig hier.
Etwas Schlimmes hängt in der Luft.
Ich kann es förmlich greifen.
Mit einer Hand stütze ich mich an ihrem Schreibtisch ab.
Sie hustet, sammelt sich und dann sagt sie es: Der Unterricht für die Klasse 9a fällt heute aus. Euer Klassenlehrer ist tot. Es ist noch unklar wie es weiter geht.

Ich bedanke mich für die Auskunft und sichere zu dies der wartenden Klasse mitzuteilen. Ohne das Buch laufe ich aus dem Sekretariat. An der Aula vorbei renne ich in Zeitlupe das alte offene Treppenhaus herunter. Meine Knie sind weich. Trotz meiner Angst bin ich merkwürdig euphorisch und atemlos. Gleich werde ich 35 Menschen sagen müssen, was geschehen ist.
Wochen später schreibe ich seiner Mutter, die bei München lebt, einen Brief. Ich will sie wissen lassen, wie traurig ich bin, wie sehr ihr Sohn fehlt.  Sie antwortet sehr herzlich und legt ihrem Brief ein schwarz-weiss-Foto bei.
Er hatte sich aus Liebeskummer erschossen.

Musik: Peter Gabriel, Don´t give up

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Nachtrag: dass Kurt Cobain´s Tod sich am 5. April jährt, habe ich erst nach Veröffentlichung dieses Artikels gelesen.