Kadaver

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Al fin de la batalla,
y muerto el combatiente, vino hacia él un hombre
y le dijo: «¡No mueras, te amo tanto!»
Pero el cadáver ¡ay! siguió muriendo.

Masa, César Vallejo

 

Der Bauschaum in meinem Gehirn härtet langsam aus, kalt wird’s im Oberstübchen, doch ich verbiete dem Hypochonder in mir „Gift + Bauschaum + Geruchshalluzinationen“ zu googlen.
Solche nämlich verfolgen mich in Form von Verwesungswahn, seit ich mit der S-Bahn in Richtung Westkreuz unterwegs war und sich dort schlagartig ein widerwärtiger Pestilenzgestank breit machte, der selbst die Gruppe der rülpsenden Saufprolls  aufschreckte und in den benachbarten Teil des Wagens trieb, wo sie laut röhrend über den unerträglichen Gestank abkotzten.
(Alta, isch kotz ab!)

Ich selbst, geschützt durch partielle Geruchstaubheit, nehme zunächst nur die Bewegung, den kleinen Tumult, den Aufruhr im Wagen wahr, registriere wie es leer und leerer wird um mich herum, sehe mit einem Auge, dass einige Fahrgäste auf Zehenspitzen ihre Nase den gekippten Fenstern entgegenrecken, und wundere mich, ohne weiter darüber nachzudenken, dass der Eine oder Andere sein Halstuch über Mund und Nase schiebt, das Kinn auf die Brust legt und den Blick ganz tief nach innen richtet.

Und wie ich mich so leise wundere, erwischt auch mich, völlig aus dem Nichts heraus, die Welle, brandet in meine Wahrnehmung hinein, drückt sich in die Nase, in die sich zusammen ziehenden Schleimhäute, nach oben ins Gehirn, löst dort einen tiefen, sehr heftigen Ekel und Würgreiz aus, den ich nur mit höchster Konzentration niederzukämpfen vermag, so sehr hebt es mich, meinen Magen, rührt in den Eingeweiden herum, zieht mir die Mundwinkel nach unten und raubt mir den Atem. Die Zunge ist kurz davor aus meinem Rachen zu springen, wie Kai aus der Kiste, das Entsetzen hinauszuspeien, das Schütteln, das Grauen, dass sich pastös noch oben schiebt und mein Denken lähmt.

Die Quelle des unerträglichen Gestanks ist schnell ausgemacht:
ein Mann Mitte Dreißig, der beim letzten Halt zugestiegen sein muss, einer, wie man sie häufig in der S-Bahn antrifft, mit ausgefranstem Bart, schmutzigem Gesicht, schwarzgeränderten Fingernägeln und lumpiger Kleidung, nichts Ungewöhnliches an sich, hockt mit angewinkelten Beinen vor der hintersten Tür des Waggons und schaut durch die Scheiben nach draußen in die vorbeiziehende Tristesse.
Scheinbar unberührt von der Bestürzung um ihn herum sitzt er dort, das Licht bricht sich in seinen hellen Augen und die Jeans die er trägt ist bis zum Saum hinunter mattbraun und steif von getrocknetem Kot.
Ich zucke zusammen.

Weiß er denn gar nicht; kann er nicht; ist er krank?

Doch es riecht nicht allein nach Exkrementen, das ginge beinahe noch, sondern, und das ist das viel Schlimmere, nach Verwesung, nach faulendem Fleisch, nach sich zersetzendem Körper, sterbenden Zellen, nach Botulinumtoxin, stickigschwüler Süße, nach Moschus und Tod.

Kaum sehe ich ihn, gesellt sich zu meinem Ekel auch gleich das Gefühl hilflosen Mitleids und großer Ratlosigkeit.

Verfault dieser Mann etwa bei lebendigem Leibe? Verbirgt sich unter der verdreckten Jeans eine schwärende Wunde, Wundfraß, nekrotisches Gewebe? Ist er schon unrettbar verloren? Hat er Schmerzen, oder ist er diesen Zustand inzwischen so gewohnt, dass er sich nicht mehr krümmen oder halb bewusstlos saufen muss, um ihn zu ertragen?

Muss man ihm denn nicht helfen, die Feuerwehr rufen, einen Arzt, etwas unternehmen? Irgendetwas, Hauptsache schnell.
Wie ist es bloß möglich, dass ein Mensch in unseren Breiten, trotz unseres Reichtums und medizinischen Fortschritts, einfach so von Bakterien aufgefressen wird, wie von einem wilden Tier? Gibt es denn niemanden mehr, der auf ihn acht gibt?
Niemanden, der sich zuständig fühlt? Wer ist hier zuständig?
Wenigstens ein paar saubere Klamotten. Ein warmes Bad.
Ob bereits Maden sich in der Wunde tummeln?
Mir ist schlecht.

Der Zug fährt in die nächste Station ein. Der Mann steigt aus und verliert sich sofort im Getümmel.
Immer noch trage ich sein Bild im Kopf und seinen Geruch in der Nase.