Brandung

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Ein flimmernd heißer Nachmittag im Sommer. Ich sitze vor der Bar, der Verkehr donnert von allen Seiten um mich herum. Oben rattert die Hochbahn vorbei, eine gelbe Schlange voller Menschen.

Ich bestelle ein Glas Rotwein, zünde mir eine Zigarette an, setze meine aschblonde Perücke auf und beobachte das Geschehen. Eine Frau wirft Flaschen in einen der großen Glascontainer, ein Radfahrer prescht fluchend an ihr vorbei, irgendwo bellen zwei große Hunde, der Verkehr dröhnt weiter. Lärm und Alkohol lullen mich auf angenehme Weise ein.

Ein Auto hält am Straßenrand, zwei Männer steigen aus, der eine schultert ein große Kamera, der andere schleppt Kabel und Mikrofon hinterher. Der Mann mit der Kamera trägt ein lockeres weißes Hemd, seine dunklen Haare sind an den Schläfen leicht ergraut. Er bewegt sich geschmeidig. Indianisch, denke ich. Als er mich sieht hebt er die freie Hand und lächelt. Es ist Toni, der Argentinier.

Der Argentinier verschwindet, zusammen mit seinem Kollegen, in der dunklen Kühle der Bar, kommt nach einiger Zeit mit einem Glas Tinto in der Hand wieder heraus und fragt mich ob er sich zu mir gesellen dürfe. Ich nicke.

Wir sitzen nebeneinander, schauen auf die Straße und schweigen.

Mir wird heiß, kleine Schweißperlen sammeln sich auf meiner Stirn. Ich ziehe die Perücke vom Kopf und lege sie auf den Tisch vor mir.  Toni nimmt sie und setzt sie auf seine dunklen Locken. Mit bernsteinbraunen Augen sieht er mich an, seine Haut schimmert olivgrün. Er streckt seine Hand nach meinem Gesicht aus und streicht mit dem Daumen über meinen Mundwinkel.
Rotwein, sagt er und rollt dabei das r.

 

 

 

 

 

Mein Beitrag zum letzten Wort des txt-Projektes (ruhig)

13.0.0.0.0

Am  21.12.2012 um 12.12 h beendet die Wintersonnenwende den Fluch der zunehmenden Dunkelheit.

Ab dann dürfen wir jeden Tag ein paar Minuten länger im Hellen verbringen.

Es sei denn, unser aller Lebenslicht wird bei dem angekündigten Weltuntergang an eben diesem Tage ausgeblasen.

Wenn das kein Grund ist die Vorräte an erlesenen  französischen, italienischen, spanischen und argentinischen Rotweinen auszutrinken und einen guten Calvados hinterher zu kippen.

Dazu empfehle ich pkant-scharf karamelisierte Walnüsse mit Rosmarin und Thymian, sowie eine Platte feiner Käsesorten.

 

„ (..). wenn du sterbst wünsche wohl gespeist zu haben.“

(Berlin Alexanderplatz, Alfred Döblin)