Mutter

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Wenn ich etwas Gutes über meine Mutter sagen sollte, dann wäre es dies:

sobald ich krank war, was selten vorkam, war sie zur Stelle und für mich da.
Lag ich fiebernd in meinem Bett unter der Dachschräge, bedeckte sie mich mit einem warmen Daunenduvet, das sie über und über mit ihrem edlen Lieblingsparfum besprüht hatte. Neben mir stapelte sie turmhoch Bücher und Comics, dazu Packungen flaumweicher Kleenextücher, wie sie sie sonst nur zum Abschminken benutzte, und die ich bis heute mit dem Abdruck ihres kleinen rosarot oder pink angemalten Mundes und den Flecken ihrer schwarzen Wimperntusche in Verbindung bringe.
Damit ich mich bemerkbar machen konnte, wenn ich zwischen zwei Schlafphasen wach wurde, stellte sie die kleine Messingglocke neben mein Bett, mit der sie uns, als wir noch klein waren, an Weihnachten zur Bescherung gerufen hatte. Sie reichte mir warme Waschlappen mit duftender Seife, mit denen ich mich reinigen konnte, schüttelte mein Bett auf, sorgte für Frischluft, brachte mir Tee und Apfelstückchen oder eine geschälte Orange, machte Wadenwickel, achtete darauf, dass ich meine Medikamente nahm und einmal, als das Fieber, trotz aller Maßnahmen, weiter und immer weiter stieg und mit ihm mein Blutdruck und ich schließlich starkes Nasenbluten bekam, welches sich nur durch eine Tamponade stillen ließ, legte meine Mutter eine Matratze in mein Zimmer und wachte die Nacht über neben meinem Bett. Das war einer der wenigen Momente in meinem Leben in denen ich mich rundum geborgen fühlte. So sehr, dass es mir gar nichts mehr ausmachte krank zu sein.
Doch trotz aller Anstrengungen und ihres Wissens als examinierte Krankenschwester, verschlechterte sich mein Zustand und mein Onkel, der Pfarrer, wurde gerufen. Der große Mann setzte sich auf meine Bettkante, legte seine schwere Hand auf meine heisse Stirn und sprach zu mir, die ich bereits phantasierte und eingehüllt war in purpurrote Nebelfelder, über das Leben, über Jesus und über den Tod. Hinter ihm nahm ich verschwommen meine Mutter wahr. Mit vor der Brust verschränkten Armen stand sie da, hielt sich an sich selbst fest und ich glaubte, sie weinen zu sehen. Da wusste ich, dass sie mich doch gerne hatte und schloss die Augen.
Bald darauf holte mich der Krankenwagen ab.

Nur ein einziges Mal noch in meinem Leben, habe ich mich ihr wieder so verbunden gefühlt, wie an diesem Tag. Das war kurz nach ihrem Tod.

Dieser Text entstand unter dem Eindruck dieses Textes von Andreas Glumm: Mutter

Bild: Luca Rossato, until the end, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Vierhändig

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Ich weiß nicht, wie ich auf das `Lied´ gekommen bin. Warum ich genau dieses und kein anderes sang. Ich habe mir nichts dabei gedacht, da bin ich sicher. Wahrscheinlich hätte ich, wenn ich nur kurz inne gehalten hätte, das, was dann geschah, verhindern oder zumindest aufschieben und in seinen Konsequenzen abmildern können. Ich hatte keine Ahnung, wie sehr ich sie damit provozierte und wie aufgeladen die Stimmung bereits war. Vielleicht hatte sie gespürt, wie ich sie betrachtet hatte, als sie dalag am Pool, mit der dicken Hornhaut an den Fußsohlen und den großen Brüsten, die formlos in ihren Achseln klemmten, und ihrem Bauch, mit den silbernen Streifen. Vielleicht hatten meine Blicke, mit denen ich ihren Körper wog und seine Unzulänglichkeiten entblößte, sie gekränkt. Doch wahrscheinlich brauchte es das gar nicht und es reichte meine Anwesenheit und die Tatsache, dass sie und ich gemeinsam an diesen verlassenen Ort geschickt worden waren, mein Vater ihr diese Pflicht auferlegt hatte zu beweisen wie falsch er lag. Wir hatten das beide nicht gewollt, da bin ich sicher, doch wir konnten den Erwartungen, dem Anspruch an uns selbst und an die Tragfähigkeit unserer Beziehung, die fürsorgliche Mutter, die kranke Tochter, nichts entgegen halten. Wir mussten auch diesen Weg miteinander gehen um das was uns trennte ins Unauflösbare zu zementieren. Verbunden durch eine Fessel, die umso tiefer ins Fleisch schnitt, je mehr wir uns voneinander zu entfernen versuchten.

Gab es etwas in mir, das sie herausfordern wollte, das Freude an der Provokation hatte oder zumindest Genugtuung darin fand, im ganz eigentlichen Sinne, oder war ich wirklich so arglos und dumm, als ich aus der menschenleeren dunklen Lobby heraustrat, noch ganz verzückt von meinem eigenen Spiegelbild, von der Freundlichkeit, die es mir entgegen gebracht hatte, von meiner Schönheit, von der ich wusste, wie außergewöhnlich sie war, es wusste, aber nicht fühlte, und von der ich immer wieder überrascht war, wenn ich mich erblickte, anders als erwartet, nicht plump und grob, sondern zart und ebenmäßig. Eine Schönheit, die mir mehr schadete als nützte, weil sie sie nicht ertrug, nicht duldete, und jede Würdigung, ob in Worten oder Blicken ahndete, ausnahmslos. Mein Aussehen war etwas worüber wir schwiegen. Ich kannte die Regeln und ich hielt mich daran.

Doch an diesem Tag machte ich einen Fehler.

Manchmal denke ich, dass in der kurzen Zeit meiner Abwesenheit etwas passiert sein muss. Etwas, das den Boden vorbereitete, ihn ebnete indem es die Spannung unter der sie stand ins Unerträgliche steigerte. Was, wenn der ältere Herr, der neben ihrer Liege stand, als ich zurück kam, etwas zu ihr gesagt hatte, einen Satz, ein misslungenes Kompliment, das den Umweg über die Tochter nahm, um der Mutter zu schmeicheln.
Es muss so gewesen sein, denn als ich herunter kam und  aus der Lobby ins gleißende Sonnenlicht trat, das mich blendete und die Menschen am Pool mit ihren Liegen zu dunklen Klumpen auf kurzen Beinen verschmelzen ließ, schlafenden Krokodilen ähnlich, stand dieser Mann da, lächelnd die knochigen Fäuste auf die Hüften gestemmt, und flirtete mit ihr, während meine Mutter, halb aufgerichtet, das lose Bikinioberteil mir beiden Händen gegen ihre Brüste drückte und ins Gegenlicht blinzelte. Ich erinnere mich deutlich an diese doppelte Beidhändigkeit, an zwei Hüften, zwei Brüste und vier Hände. Das Bild ist mir unvegesslich geblieben. Es war das letzte, was ich von meiner Mutter für die kommenden zwölf Tage zu sehen bekam.

 

 

 

(Liebe Leserschaft, ich schreib hier mal am Stück ein paar Episoden hintereinander weg. Mir geht es sehr gut, nichts tut weh, weder beim Schreiben und auch sonst nicht. Wer das  hier nicht lesen möchte, möge einfach aussetzen, bis ich wieder zu anderen Themen übergehe, demnächst. Danke für die geschätzte Aufmerksamkeit!)

Bild: Joan Arkham
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Mittenmang

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Manchmal ist Bloggen wie Klassenfahrt. Man verreist zusammen, sitzt abends in Grüppchen in den Stockbetten, hat Spaß und vielleicht sogar Freude, lacht, spielt irgendetwas und manche flirten ein wenig miteinander. Ohne Absichten, versteht sich. Ist ja nur Internet.

Es gibt, wie im richtigen Leben, die enigmatischen Einzelgänger und, als das andere Extrem, die geselligen Frohnaturen, die hier und da zu einem Plausch verweilen und zu jedem Thema etwas beizutragen haben. Es gibt jene, die bewundern und die, die bewundert werden wollen. Der eine trinkt, der andere raucht und eine backt Kuchen und reicht Schnittchen. Das sind die Mütterlichen, die braucht es in jeder Gruppe, so, wie es den Klassenclown geben muss. Außerdem sind da noch die Trolls, die Spaßverderber, die durch ihr regelwidriges Verhalten für einen noch größeren Zusammenhalt sorgen. Jeder füllt seine Nische, fühlt sch mehr oder weniger wohl darin, und irgendwann macht man die Kiste aus, die Reise ist vorbei und alle gehen nach Hause. Jeder für sich. Man verabschiedet sich, ein bisschen erfüllt und ein wenig leer vom vielen Reden und Lachen und den langen Nächten. Ausgelaugt und müde ist man. Man schläft erstmal, ernüchtert langsam und dann setzt man sich wieder an den Schreibtisch, geht an die Arbeit und braucht ganz dringend Rückzug und Zeit für sich.
So geht es mir.

Nach quirlig-heiterer Geselligkeit zieht es mich ins Private. Ich brauche dann Ruhe, muss vor allem schweigen, kann mich schlecht auf andere einlassen, ihnen zuhören, mich auf das konzentrieren, was sie sagen, bzw. schreiben. Ich muss meinen Gedanken nachhängen, mich auf die Woche vorbereiten und mich sammeln. Und sei es auch nur für das Schreiben des nachmittäglichen Einkaufszettels, für das fachgerechte Kraulen von Kater Ludwig, für die kleinen Dinge des Alltags. Für mich.

Um den Kopf freizubekommen gehe ich gerne hinaus in die nebligfeuchte Stadt, die mich aus grauen Fassaden mit hängenden Lidern anschaut, bewege mich durch einsame Straßen, blicke in die nackten Bäume, beobachte die Krähen, die die öffentlichen Papierkörbe plündern, über den matschigen Boden hüpfen und sich schimpfend um die besten Beutestücke balgen – räh räh – und trotte ganz langsam mit meinem Hund am Wasser entlang bis zur chinesischen Botschaft und dann die tosende Alexanderstraße rüber zum Alexanderplatz.
Wenn mir kalt ist, gehe ich kurz in den S-Bahnhof, trinke dort einen Kaffee, oder ich hole bei Saturn noch schnell ein paar Bürstenköpfe für die elektrische Zahnbürste und wärme mich dort auf.
Wenn mir sehr, sehr kalt ist steuere ich die Haartrockner-Abteilung an und föne mich solange warm, bis jemand kommt um mich zu beraten. Das Gespräch nehme ich noch mit, erfahre viel über Ionen und über die Schweinefirmen, die tun als wären sie deutsch, in Wahrheit aber längst us-amerikanisch sind, und verlasse heissgefönt und gut informiert den Elektroniktempel.

Mit hochgezogenen Schultern geht es wieder durch die müde Stadt zurück, die brave Hündin immer an meiner Seite, die ich auch deswegen so liebe, weil sie wenig redet.
Zuhause rubbele ich sie mit dem Handtuch ab, sie knurrt und fletscht und wedelt und entreisst mir schließlich das Tuch, weil sie viel stärker ist als ich und sehr gefährlich.

Als nach Beginn der selbstausgerufenen Blogparade plötzlich so viele Menschen auf mein kleines beschauliches Blog kamen und ich vor lauter Trubel beinahe schwitzige Hände bekommen hätte, weil einer dem nächsten die Klinke in die Hand gab und alle angeregt plaudernd und scherzend bei Sekt und Häppchen in meiner Küche standen, während ich, ganz unvorbereitet noch im Schlafanzug und mit zerzaustem Haar durch die Wohnung tappte, habe ich mal wieder gemerkt, was ich ohnehin schon wusste: ich bin kein Gruppenmensch. Ich kann das nicht. Jedenfalls nicht mittendrin.

Nicht, dass ich es nicht auch sehr genießen würde, aber mir fehlt tatsächlich die Energie und die Kompetenz dafür mich auf soviele Leute gleichzeitig einzulassen. Dabei bin ich durchaus gesellig, nur eben nicht in einer verantwortlichen Rolle. Eher so gesellig am Rande, mit einem Fuß in der Tür. Wenn keiner was von mir erwartet, wenn ich nicht soll oder muss, wenn ich kann wie ich will, dann bleibe ich gerne. Dann gebe ich gerne, dann bin ich liebend gerne dabei.

Selbst an meinem Geburtstag halte ich es nicht anders.
Ich feiere jedes Jahr und bin immer und ausnahmslos kurz ehe es losgeht krank vor Lampenfieber. Mir ist schwindlig, ich schreibe im Kopf bereits die ersten bedauernden sms, rufe im Geiste in dem Lokal an, in dem ich Tische reserviert habe und denke mir Lügen aus, abstruse Begründungen, warum ich leider, leider alles abblasen muss. (Bei mir zu feiern käme sowieso nicht in Frage!)
Totenblass und schwer angeschlagen quäle ich mich dann schließlich doch aus dem Haus, schwöre mir nie wieder so viele Leute einzuladen – dieser verfluchte Geburtstagskult – und höre mich schon, wie ich der versammelten Gesellschaft noch ein paar Begrüßungsworte entgegenkrächze, ehe ich bewusstlos zusammensacke, ins Krankenhaus gebracht werden muss und bei mir Morbus Tikerscherk diagnostiziert wird, eine bis dahin vollkommen unbekannte Krankheit, die nur sehr sehr wackere Menschen überhaupt so lange und klaglos aushalten bzw. überleben können.
Und endlich werden alle wissen, dass ich weder exzentrisch, noch verschroben oder eigenbrödlerisch bin, sondern einfach nur eine sehr sehr tapfere tikerscherk. Seufz.

Auf diesen Tag in ferner Zukunft freue ich mich schon fast ein bisschen. Denn mit der Diagnose ist auch die Heilung nicht mehr weit. Absolute Ruhe verordnet der Arzt, bloß nicht zuviele Kontakte auf einmal. Sofort aufhören zu reden, wenn Sie die Lust verlässt und immer eine Hintertüre offenlassen, ganz gleich worum es sich dreht.
Lange Spaziergänge mit dem Hund sind Pflicht. Hier und da ein Nickerchen am Nachmittag, gerne auch zu zweit, am wichtigsten aber: keine Verantwortung übernehmen in Gruppen, immer schön am Rande bleiben, dann wird alles gut.

In diesem Sinne möchte ich allen danken, die bisher bei meiner Blogparade  Hauptsache händisch mitgemacht haben.
Es hat mir viel Spaß und oft auch Freude gemacht. Entschuldigt, wenn ich eine mittelmäßige bis lausige Gastgeberin war, die Schnittchen nicht fertig, die Getränke nicht kalt waren und ich die ganze Zeit im Schlafanzug mit strubbeligen Haaren Maulaffen feilbot, statt mich endlich um die Gäste zu kümmern, jeden einzeln  zu begrüßen, mich nach dem werten Befinden zu erkundigen und immer wieder Getränke nachzulegen.
Ich hab mein Bestes gegeben, ehrlich, besser kann ich´s leider nicht. Seht es mir nach, bitte!
Ihr wisst´s  ja jetzt: Morbus tkerscherk.

 

 

 

Bild: Laura Loveday
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/

Rage

SAMSUNGVon Kreuzberg sind wir über die tosende Leipziger Straße bis zum Potsdamer Platz gegangen, und dann weiter Richtung Schöneberger Ufer.  Hier, zwischen Staatsbibliothek, Neuer Nationalgalerie, Kulturforum und Philharmonie ist es auf einmal ganz ruhig.

Nowhereland

Der Tiergarten ist nah, die Luft kühler als eben noch.
Ich bin müde.
Wir setzen uns vor den Imbiss gegenüber der Staatsbibliothek, schauen in die Sonne und schweigen.
Einige Meter entfernt, im Schatten des überwucherten Vordaches, sitzen ein Mittfünfziger und seine zwanzigjährige Tochter am Tisch und streiten leise. Die Tochter ist verägert, der Vater scheint abzuwiegeln. Jeder hat ein Bier vor sich stehen. Ein ungewöhnlicher Ort für ein familiäres Gespräch.
Ich schließe die Augen.
Der Unterfranke isst Kartoffelsalat. Der Geruch von Essig und Zwiebeln weht zu mir herüber.
Willst du?“ fragt er mich.
Ohne hin zu schauen schüttele ich den Kopf.
Nein, danke.“
Die Stimme der jungen Frau wird lauter, ihr Ton schärfer.
Du warst nie für mich da“ höre ich sie sagen.
Ich habe es immer versucht, das weisst du.“
Aber du warst nicht da, wenn ich dich gebraucht habe.“
Ich möchte nicht weiter zuhören und drehe mich zum Unterfranken.
Schmeckt das?“
Geht schon.“
Jetzt wird sie schriller, ihre Stimme aggressiver. Mein Nacken verspannt sich.
Alles ok?“ fragt der Unterfranke, und ich schaue durch ihn hindurch.
Nein.“
„Hör einfach nicht hin.“
Wie soll ich da nicht hinhören?“ sage ich und bin überrascht wie gereizt ich klinge.
Kalte Wut steigt in mir auf, und ich kann mir nicht erklären woher dieses Gefühl kommt. Aber es ist da.
Ich öffne meine Jacke.
Von drüben zetert es weiter. Als ich mich umdrehe sehe ich den Mann mit hängenden Schultern am Tisch sitzen. Er raucht und schaut dabei seine Tochter an, die ohne Pause auf ihn einredet.
Sein Gesicht ist zerfurcht, die Haut ledrig. Er sieht heruntergekommen aus.
Die Tochter sitzt ihm gegenüber in knappen Shorts auf der Stuhlkante. Ihre Körperhaltung ist Angriff, so wie auch ihre Stimme und ihre Worte Angriff sind.
Die Ergebenheit ihres Vaters, der ihr keinerlei Widerstand leistet, scheint sie aus der Fassung zu bringen. Sie wiederholt ihre Vorwürfe und wird dabei immer unbeherrschter.

Er war nicht da, der Idiot. Nie war er da.
Sie hat ihn gebraucht. Jetzt braucht sie ihn nicht mehr.
Er soll aus ihrem Leben verschwinden, sich verpissen.

Auf eine unerklärliche Weise machen mich ihre Worte betroffen. Sie tun mir weh.
Zu diesem, für mich unbegreiflichen Gefühl, gesellt sich eine irrationale Verachtung für den Vater, der sich so etwas von seiner Tochter bieten lässt. Der seine Rolle nicht ausfüllt. Der die Tochter nicht einmal jetzt beschützt, indem er sie befreit von dem Hass und der Verzweiflung, die sie ihm entgegenschleudert.
Und mit ihrer Wut wächst auch meine Wut.
Hör einfach weg!“ wiederholt der Unterfranke, den die Veränderung in meiner Stimmung beunruhigt. Sein Versuch mich zu beschwichtigen bringt mich nur noch mehr in Rage. Mit einem Blick, der mir sofort leid tut bügele ich ihn ab und drehe mich wieder zu den beiden um.
Ich kann nicht anders.
Jetzt erst scheint sie überhaupt zu bemerken, dass sie  nicht alleine sind. Sie stoppt mitten im Satz, schaut zu mir herüber und lächelt freundlich. Ihr Gesicht ist offen und sehr hübsch, die Haare lang und glatt. Auch ihr Vater sieht mich nun an, senkt dann aber den Blick. Mit beiden Händen hält er die Flasche fest und wartet.
Tatsächlich dauert die Ruhe nur wenige Sekunden.
Du bist ein Arschloch,“ sagt sie plötzlich unvermittelt und mit kalter Stimme „ein beschissener Versager,“ und es klingt, als stünde sie mit einem modernen Stück auf der Bühne.
Meine Aufmerksamkeit scheint sie zu immer wüsteren Beschimpfungen anzustacheln.
Eine nach der anderen. Wie ein Maschinengewehr.
Wichser, blöde Sau, heruntergekommenes Schwein
Ich bin fassungslos und mir steigen die Tränen in die Augen.
Anstatt ihr irgend etwas entgegen zu halten, entschuldigt sich der Mann weiter bei ihr.
Es tut mir leid!“ Seine Stimme klingt jämmerlich.
Du Flasche,“ denke ich „was ist los mit dir? Wehr dich endlich!“
Ein unbeschreiblicher Zorn, der mich selbst erschreckt, und den ich nur ein einziges Mal zuvor in meinem Leben empfunden habe, steigt in mir hoch und überrollt mich wie eine glühende Walze.
Mein Herz rast, die Hände werden eiskalt.
Auf einmal bricht es aus mir heraus und ich höre mich laut schreien:
Ruhe jetzt! Ich ertrage das widerliche Gekeife nicht mehr!“
Mein Kinn zittert, als ich der völlig verdutzten Frau voller Hass in die Augen schaue.
Ich höre den Unterfranken, wie er meinen Namen sagt.
Ich höre das Rauschen in meinem Kopf.
Ich höre die Frau, wie sie behauptet, dass mich das alles nichts anginge,
und dann höre ich wieder meine eigene feste Stimme, die jetzt sehr hart klingt und die wie ein Orkan alles nieder mäht, das sich ihr in den Weg stellt.

Das geht mich nichts an?“ brülle ich. Meine Adern am Hals schwellen an.
„Und wie mich das was angeht, wenn ich hier deine gesprochene Gülle mithören muss.
Wie kommst du überhaupt dazu so respektlos mit deinem Vater zu reden. Bist du noch ganz dicht im Kopf?“
Statt ihre verfluchte Klappe zu halten, versucht sie noch einmal mir irgend etwas von einem Privatgespräch zu erzählen, was mich vollends aus der Fassung bringt und meine Wut ins Unermessliche steigert.
„Privat? Du behandelst deinen Vater wie ein Stück Scheisse, du demütigst und erniedrigst ihn, und belästigst uns damit. Ich will hier in Ruhe mein Wasser trinken, mich ausruhen und mir nicht dein asoziales Gewäsch anhören.  Hast du das kapiert? Natürlich geht mich das was an. Entweder hälst du jetzt deine verfluchte Schnauze, oder ich drehe durch!“
Als ich fertig bin, ist es so still, als ob ein Kanonenschlag neben mir explodiert und mein Trommelfell gerissen wäre.
Es klingelt in meinen Ohren, der Verkehr rauscht kaum hörbar im Hintergrund.
Auch der Unterfranke ist erstarrt. Der Imbissbesitzer stiert mich aus seinem dunklen Verschlag an. Vater und Tochter sind eingefroren. Ich bin zu Tode erschöpft.
Wenige Sekunden hält die Ruhe.
Dann springt die Tochter schluchzend auf, wirft dabei ihre Bierflasche um und rennt in Richtung Kulturforum davon.
Ihr Vater torkelt ihr mit schwachen Knien hinterher. Er ist betrunken.
Der Unterfranke legt den Arm um meine Schulter. Meine Zähne klappern, mir ist kalt.

Nach wenigen Minuten kommt der Mann alleine zurück. Er holt seine Packung Zigaretten vom Tisch schaut zu  mir herüber und geht zwei Schritte auf mich zu.
Seine hellen Augen sind traurig.
Danke,“ sagt er “jetzt haben sie meine Freundin endgültig vertrieben. Die kommt nie wieder.“

Die goldene Kamera

Du denkst dir nix, putzt dir die Zähne und stellst plötzlich fest, dass das Wasser im Waschbecken nicht mehr abfließt. Gar nicht mehr. Es fließt nicht nur nicht ab, sondern brackig stinkende Dreckpartikel steigen aus dem Abfluss nach oben und trüben es bräunlich ein.
Beim Versuch das Rohr mit dem Pömpel wieder frei zu pumpen, bemerke ich, dass es im Klo verdächtig gluckert. Deckel auf, weiter gepumpt. Tatsächlich! Im Porzellan sprudelt und brodelt es.
Plötzlich sehe ich dass auch der Boden des Badezimmers nass ist. Wo kommt das jetzt her?
Schnell ist die Quelle entdeckt: der Ablauf der Dusche. Da kommt das Wasser heraus.
Es sprudelt. Und sprudelt. Und sprudelt.
Und stinkt.

Deutsch: Badezimmer.

 (Photo credit: Wikipedia)

Den Feudel geschnappt, aufgewischt, Lappen über dem Putzeimer ausgewrungen.
Es sprudelt weiter.
So schnell kann ich gar nicht wischen, wie es nachläuft.
Inzwischen hat das Wasser die Badezimmertüre erreicht.
Wischen, wringen, Eimer- voll! Was jetzt?
Ins Klo gekippt. Blubber, gurgel, schnorchel- schwappen mir 10 Liter aus dem Duschablauf entgegen.
Das Wasser erreicht den Flur.
Handtücher! Alle Handtücher zusammen gerafft, die greifbar sind.
Das Parkett!
Die Arschgeigen über mir scheinen gerade eine Badezimmerorgie zu feiern. Duschen, waschen, spülen.
Das Wasser läuft unaufhörlich weiter- in den Flur.

O, du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh ich über jede Schwelle
Doch schon Wasserströme laufen.

Es stinkt so jämmerlich nach Scheiße!
Zum Glück erwarte ich Besuch! Es klingelt. Die Rettung!
Besser als irgendeinem Intendanten den Schwanz zu lutschen, sagt meine Freundin, als sie mir bei der Trockenlegung des Bades zur Hand geht.
Sie muss es wissen, sie ist Schauspielerin.
Von ihren Worten beflügelt putzen wir weiter das Bad und warten darauf, dass der herbei gefunkte Installateur das Problem lösen wird.
Es ist geil eine Frau zu sein.