Immer Heute


Staubige Hitze und verbrannter Rasen. Schlingpflanzen ranken entlang der Schrebergartenzäune. Dahinter dösende Datschen mit halbgeschlossenen Lidern. Sirrende Wespen kreisen über fauligem Obst.

In der kurzen Stille des Atemholens zwischen Abend- und Nachtstunde liegt schweigend die Stadt.

Kopfruckelnd laufen die Tauben im Kreis umher. Es riecht nach Kleister, Kippen, Bier und Hundekot.

Die Fahrkarte hundertmal in den Spalt schieben und es ein ums andere Mal zuschnappen hören, das Stempelgebiss. Violette Abdrücke wie beim Zahnarzt, der den Überstand mit Färbepapier prüft. Schicht für Schicht die Zeit übereinanderlegen, synchron zu ihrem Vergehen. Zeitmesser auch die an den Rändern aufwellende Plakatlasagne an den eisernen Streben der Hochbahn. Lage für Lage vergangene Erwartungen. Obenauf die Heutige. Bald schon erfüllt oder enttäuscht und überdeckt von neuen Wegweisern zu einem nahenden Morgen.

Das Haus ist fertig, beendet der Nestbau. Der Augenblick entscheidet über das Überleben, alles andere ist eine Frage des Komforts.

April is the cruelest month. Noch ein Mal die Koffer packen und abreisen in ein neues Leben, in eine unbekannte Stadt. Weg von hier und von allem. Nur das Tölchen, das nähme ich mit.
Abends, wenn sie zusammengerollt und mit untergeschlagenen Beinen wie ein wartendes Kitz auf dem Teppich unseres sepiafarbenen Hotelzimmers läge, zündete ich mir eine Zigarette an, die erste in 8 Jahren, und bliese, auf dem Bett liegend, den blauen Rauch in die Luft. Schwindlig vom Nikotin überließe ich mich dem  Sehnen meines klopfenden Herzens und später, viel später in der Nacht atmete ich mich in einen traumlosen Schlaf.

Immer ist nur Heute und gestern bloß eine Illusion.

 

 

 

 

 

 

Bild: Mografik, Plakate, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/

slow like honey

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Before it ends just tell me where to begin

Mit dem Finger deute ich auf ein Gericht in der Speisekarte und frage den Kellner ob es vegetarisch ist. Er nickt. Nach einer Weile kommt er aus der Küche zurück, beugt sich diskret zu mir herunter und raunt: Excuse me, what exactly do you mean by vegetarian?
Die drei Männer, die sich mit ihren breitkrempigen Strohhüten neben uns aufgestellt haben, unterbrechen ihr Geigenspiel. Ich schaue auf die rot-weiß gewürfelte Tischdecke und denke: Lettuce und Lompoc, so heißen die Dinge und Orte hier. Ringsum Wüste. Niemand weiß wo wir sind.
Die Aubergine erklärt dem Mann, dass ich keine Tiere esse.

Ich ess nix was ne Muddä hat, wird Moses Jahre später auf die gleiche Frage antworten und gemeinsam werden wir im Garten der Großherzogin einen Grand Cru Superieur zwitschern, der unsere Zähne blau einfärbt, bis der Morgen graut. Am nächsten Mittag werde ich mit dir am Main liegen und du sagst: schöne Schuhe, statt meine hautenge Hochzeitshose zu bewundern, die dort sitzt, wo sie sitzen soll und wo du deine Hände hast.
Wir werden diesen Nachmittag am Ufer verbringen in der ersten und letzten Hitze des Sommers und du wirst mir von deinem Job erzählen, von deiner Ehe, deiner Odyssee und dem Königsweg. Königswege haben es dir schon immer angetan. Wenn mir jemand den Kopf abbisse liebtest du mich noch mehr, denke ich und habe keine Ahnung was du mit Königsweg meinst.

Der Kellner bringt das Essen und stellt es mit feierlichem Ernst auf den Tisch. Nach der ersten Gabel nicke ich ihm zu und lächle. Er verbeugt sich und geht. Wie auf Kommando treten jetzt die Geiger, die sich seit der Bestellung im Hintergrund gehalten hatten, wieder an uns heran, legen das Kinn auf ihre Instrumente und fiedeln mit langsamem Bogenstrich liebliche Töne, süß wie Honig, in den überdekorierten, niedrigen  Raum. Wir sind ihre einzigen Zuhörer.

Im Auto lege ich die CD ein, nehme beide Hände vom Lenkrad und trete das Gaspedal durch. Hinter uns steigt Staub auf. Im Westen verbrennt die untergehende Sonne den Himmel.

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Musiik zum Text: Fiona Apple, Slow Like Honey

(youtube-Direktlink)

Inspiriert von: Dame.Von.Welt. (Danke!)

Bild: Death Valley, flickr,  Allie Caulfield
Lizent: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Nein, nein, du bist es nicht!

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Singend trete ich aus dem Haus ins gleißende Licht und schließe kurz die Augen. Die Sonne wärmt meine Haut. Grabesstill ist es am Pool, die alten Leute dösen in der Sonne. Weiter hinten sitzt meine Mutter und unterhält sich mit einem von ihnen. Ich sehe ihren Rücken mit dem tiefen Loch, einem dunklen Trichter unterhalb des linken Schulterblatts, das bis zur Lunge geht und Folge einer schweren Erkrankung in ihrer Kindheit ist. Schläuche hatte man dort hinein gesteckt, damit sie nicht an Wundsekret und Eiter erstickte. Früher glaubte ich, dass auch mir eines Tages ein solches Loch wachsen und es mir erlauben würde stundenlang zu tauchen ohne Luft zu holen. Ein menschlicher Wal. Ich musste nur warten, bis ich erwachsen war.

Der Wind reisst die Töne von meinen Lippen und trägt sie davon. Niemand nimmt Notiz von mir und ich wandele an den Schlafenden vorbei, die nur Kulisse sind. Auf Zehenspitzen gehe ich und schraube meine Stimme nach oben.

Ha, welch Glück mich zu seh´n so schön! Bist du es, Margarete? Gib Antwort, schnell, oh gib Antwort!

Eine Opernsängerin bin ich, jubilierend und mit händeringender Hingabe eine Arie darbietend, an deren Ende ich mich mit ausgebreiteten Armen verneigen werde. Ich hole tief Luft, als meine Mutter sich plötzlich umdreht und mich anschaut. Die Augenbrauen zusammen gezogen, eine Zigarette im Mundwinkel, sieht sie mich an und ich spüre ihren Ärger. Ich kann ihn in jeder Muskelfaser, in ihrer Körperspannung, der Art, wie sie den Nacken hält, wie sie den Unterkiefer leicht nach vorne schiebt, wie ihre Nasenflügel sich weiten erkennen. Ich frage mich, wie sie es geschafft hat die Kippe in den Mund zu stecken ohne wenigstens ganz kurz eine Hand von ihrer Brust zu nehmen. Ob der Mann sie für sie angezündet und ihr dann zwischen die Lippen gesteckt hat?

Bist du es, Margarete? Gib Antwort, schnell, oh gib Antwort!

trällere ich, und jetzt schaut auch der alte Mann. Er lächelt und ich zucke zusammen. Meine Mutter starrt mich an und zischt aus dem Mundwinkel etwas zu mir herüber. Ich kann sie nicht verstehen, doch ich weiß auch so, dass ich aufhören soll zu singen. Eine Zeile noch, nur noch eine! Ich senke die Stimme und wechsle die Tonlage. Einem inneren Zwang gehorchend spule ich ganz leise und so schnell ich kann noch diesen einen Satz herunter

Nein, nein, du bist es nicht!

Mit dem letzten Ton lasse ich mich auf meine Liege gleiten und senke den Blick.

Ich weiß, dass ich einen Fehler gemacht habe, doch ich kenne seine Konsequenzen nicht. Wird sie mir einen Klaps auf den Hinterkopf geben, eine Kopfnuss, hart genug um weh zu tun und mich zu erschrecken – das tun sie jedes Mal, selbst dann, wenn ich sie erwarte – aber leicht genug um sie nicht bloßzustellen vor ihrem Verehrer. Oder wird ihr der Schlag ein wenig fester geraten, dass es mir den Kopf nach vorne drückt und die Tränen in die Augen treibt. Vielleicht wird sie eine Bemerkung machen, etwas sagen, was mich herabsetzt, mich schlecht dastehen lassen soll vor diesem Mann. Etwas peinliches, für das ich mich schämen werde. Eines der Dinge, die sie Interna nennt und über die ich niemals reden würde, auch wenn sie nur mich beträfen. Ich kenne die Regeln

Ich kenne die Regeln und ich habe mich nicht daran gehalten. Der alte Mann ebenso wenig, doch er weiß es nicht. Das unterscheidet uns.

Es kommt ganz anders. Keinen Ton sagt meine Mutter. Ohne mich anzuschauen bindet sie das Bikinioberteil im Rücken zusammen, steht auf, sammelt Handtuch, Zigaretten und Sonnenmilch ein und steckt alles in ihre große Korbtasche, die sie sich umhängt. Dann schlüpft in ihre Pumps und geht nach einem kurzen Gruß in Richtung des alten Mannes mit schnellen Schritten davon. Ich höre ihre Absätze auf den Steinplatten, auch dann noch, als sie schon lange im Haus verschwunden ist.

 

 

 

 

Bild: http://de.torange.biz/22026.html
Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/

Vierhändig

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Ich weiß nicht, wie ich auf das `Lied´ gekommen bin. Warum ich genau dieses und kein anderes sang. Ich habe mir nichts dabei gedacht, da bin ich sicher. Wahrscheinlich hätte ich, wenn ich nur kurz inne gehalten hätte, das, was dann geschah, verhindern oder zumindest aufschieben und in seinen Konsequenzen abmildern können. Ich hatte keine Ahnung, wie sehr ich sie damit provozierte und wie aufgeladen die Stimmung bereits war. Vielleicht hatte sie gespürt, wie ich sie betrachtet hatte, als sie dalag am Pool, mit der dicken Hornhaut an den Fußsohlen und den großen Brüsten, die formlos in ihren Achseln klemmten, und ihrem Bauch, mit den silbernen Streifen. Vielleicht hatten meine Blicke, mit denen ich ihren Körper wog und seine Unzulänglichkeiten entblößte, sie gekränkt. Doch wahrscheinlich brauchte es das gar nicht und es reichte meine Anwesenheit und die Tatsache, dass sie und ich gemeinsam an diesen verlassenen Ort geschickt worden waren, mein Vater ihr diese Pflicht auferlegt hatte zu beweisen wie falsch er lag. Wir hatten das beide nicht gewollt, da bin ich sicher, doch wir konnten den Erwartungen, dem Anspruch an uns selbst und an die Tragfähigkeit unserer Beziehung, die fürsorgliche Mutter, die kranke Tochter, nichts entgegen halten. Wir mussten auch diesen Weg miteinander gehen um das was uns trennte ins Unauflösbare zu zementieren. Verbunden durch eine Fessel, die umso tiefer ins Fleisch schnitt, je mehr wir uns voneinander zu entfernen versuchten.

Gab es etwas in mir, das sie herausfordern wollte, das Freude an der Provokation hatte oder zumindest Genugtuung darin fand, im ganz eigentlichen Sinne, oder war ich wirklich so arglos und dumm, als ich aus der menschenleeren dunklen Lobby heraustrat, noch ganz verzückt von meinem eigenen Spiegelbild, von der Freundlichkeit, die es mir entgegen gebracht hatte, von meiner Schönheit, von der ich wusste, wie außergewöhnlich sie war, es wusste, aber nicht fühlte, und von der ich immer wieder überrascht war, wenn ich mich erblickte, anders als erwartet, nicht plump und grob, sondern zart und ebenmäßig. Eine Schönheit, die mir mehr schadete als nützte, weil sie sie nicht ertrug, nicht duldete, und jede Würdigung, ob in Worten oder Blicken ahndete, ausnahmslos. Mein Aussehen war etwas worüber wir schwiegen. Ich kannte die Regeln und ich hielt mich daran.

Doch an diesem Tag machte ich einen Fehler.

Manchmal denke ich, dass in der kurzen Zeit meiner Abwesenheit etwas passiert sein muss. Etwas, das den Boden vorbereitete, ihn ebnete indem es die Spannung unter der sie stand ins Unerträgliche steigerte. Was, wenn der ältere Herr, der neben ihrer Liege stand, als ich zurück kam, etwas zu ihr gesagt hatte, einen Satz, ein misslungenes Kompliment, das den Umweg über die Tochter nahm, um der Mutter zu schmeicheln.
Es muss so gewesen sein, denn als ich herunter kam und  aus der Lobby ins gleißende Sonnenlicht trat, das mich blendete und die Menschen am Pool mit ihren Liegen zu dunklen Klumpen auf kurzen Beinen verschmelzen ließ, schlafenden Krokodilen ähnlich, stand dieser Mann da, lächelnd die knochigen Fäuste auf die Hüften gestemmt, und flirtete mit ihr, während meine Mutter, halb aufgerichtet, das lose Bikinioberteil mir beiden Händen gegen ihre Brüste drückte und ins Gegenlicht blinzelte. Ich erinnere mich deutlich an diese doppelte Beidhändigkeit, an zwei Hüften, zwei Brüste und vier Hände. Das Bild ist mir unvegesslich geblieben. Es war das letzte, was ich von meiner Mutter für die kommenden zwölf Tage zu sehen bekam.

 

 

 

(Liebe Leserschaft, ich schreib hier mal am Stück ein paar Episoden hintereinander weg. Mir geht es sehr gut, nichts tut weh, weder beim Schreiben und auch sonst nicht. Wer das  hier nicht lesen möchte, möge einfach aussetzen, bis ich wieder zu anderen Themen übergehe, demnächst. Danke für die geschätzte Aufmerksamkeit!)

Bild: Joan Arkham
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Im Spiegel

 

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Im Herbst fliegen meine Mutter und ich für zwei Wochen nach Spanien. Die Wärme soll mir helfen. Es muss schlecht um mich stehen.

Wir erreichen das winzige Studio im zehnten Stock mit einem der Aufzüge. Während meine Mutter sich einrichtet, sitze ich auf dem Sofa und schaue durch die geschlossene Balkontür nach draußen. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sie ihre Tiegel, Tuben und Parfums vor dem Spiegel im Bad platziert. Das Licht bricht sich in den geschliffenen Flakons und wirft unzählige goldene Punkte an die Wand. Ich stehe auf und räume meine Sachen in die Kommode. In der obersten Schublade finde ich eine Bibel, auf spanisch. Beim Blätter-Bingo bleibt mein Finger auf dem Wort amor liegen. Ich werte das als gutes Zeichen und lege die Bibel, zusammen mit einem Kugelschreiber und einem Oktavheft zurück in die Schublade.

Das Appartementhaus steht auf einer kleinen Anhöhe. Dahinter erheben sich kahl die Berge. Ab und an knattert ein Auto über die baumlose Uferstraße, dann ist es wieder still. Die Saison ist vorbei.
Die meisten Wohnungen im Haus werden ganzjährig von ihren Eigentümern, englischen oder niederländischen Rentnern, bewohnt, die tagsüber regungslos am Pool liegen und sich am Abend auf ihre Balkone zurückziehen, wo sie essen und in die untergehende Sonne blicken. Ruhig liegt das Meer, seine Zungen lecken dunkle Zacken in den Sand.

Mittags sitze ich neben dem Pool und schaue auf die tiefblaue Linie am Horizont. Ich weiß nichts mit mir anzufangen, das Wasser ist zu kalt zum Schwimmen, das mitgebrachte Buch längst gelesen und der nächste Ort eine Dreiviertelstunde zu Fuß entfernt.
Neben mir liegt meine Mutter. Ihre Augen sind geschlossen, die Kippe in ihrer Hand brennt langsam herunter. Ich betrachte die dunklen Haarstoppeln oberhalb des Randes ihrer Bikinihose. Die Dehnungsstreifen auf ihrem Bauch schimmern im Sonnenlicht wie silbrige Laufmaschen. Oder wie Schneckenspuren, denke ich.

Sie hat das kommen sehen, hat sie gesagt. Doch weder Tabletten noch heiße Bäder und nicht mal der Treppensturz hatten genutzt. Jemanden zu finden, der einem dabei half war schwer, denn es war illegal, damals noch, außerdem war es gefährlich. Sie wünschte es hätte geklappt, wir alle drei, denn bis heute leidet sie unter den Spuren der Schwangerschaften. Wir haben ihre Figur ruiniert. Das verstehe ich und es tut mir Leid, dass ich daran nichts mehr ändern kann.

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Jahre später, ich sitze in einer Psychoanalyse-Vorlesung, berichtet der Professor von einer depressiven Patientin. Er beschreibt deren ausgeprägte Nasolabialfalten und ihre hagere Erscheinung. Im Laufe der Analyse stellte sich heraus, dass sie unter starken Schuldgefühlen litt, die im Zusammenhang mit dem Tod der Mutter standen, die jung an Kinderlähmung gestorben war. Das damals noch kleine Kind, glaubte durch seinen Ungehorsam, die Lähmung verursacht zu haben und dadurch die alleinige Schuld am Tod der Mutter zu tragen.

Ich verlasse den Hörsaal. In der Toilette betrachte ich mein Gesicht. Bald darauf breche ich das Studium ab.

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Meine Mutter schlägt die Augen auf. Ich schaue erst weg und dann wieder hin. Auf ihrer Oberlippe haben sich kleine Schweißtröpfchen gesammelt. Ob ich den Schlüssel haben kann, frage ich sie, ich muss auf Toilette. Sie reicht ihn mir wortlos. Oben angekommen stelle ich mich auf den Balkon und rauche. Erst dann gehe ich ins Bad. Das Gesicht, das mich aus dem Spiegel anschaut ist schön. Kleine goldene Punkte sprenkeln die Haut wie Sommersprossen. Ich lächele und es lächelt zurück. Singend kehre ich zurück an den Pool.

 

 

 

 

 

 

Bild: Von No machine-readable author provided. Guanxito2006 assumed (based on copyright claims). – No machine-readable source provided. Own work assumed (based on copyright claims)., CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1225800

All that glitters

Allgäu Bad Hindelang

Allgäu Bad Hindelang (Photo credit: svenmakesphotos)

Ja, ja so geht’s!“ schlossen zwei Bekannte mit einem deutschen, vielsagenden Händedruck ein Gespräch, in welchem sie sich eben nichts zu sagen gewusst. – „Schlechte Zeiten!“ -“Wenn nur der Friede bleibt!“ – „Meinen Sie,- ja, ja – wer weiß!“ – „Hab ich´s Ihnen nicht immer gesagt, es geht, oder es geht nicht.“ „Ja, wenn nicht der Bonaparte wäre!“ – „’ne sappermente Wirtschaft!“ – „Na, man wird ja sehen.“ – „Und das Bier auch immer schlechter.“ – „Sauregurkenzeit, Herr Gevatter!“

Willibald Alexis


Die Tage vor der Erholung.
Innere Sauregurkenzeit.
Am Freitag endlich geht es Richtung Süden.
Den Staub der Stadt aus der Seele klopfen. Das Herz lüften.

Die Weisheiten des heutigen inneren Abreißkalenders:

Da wird man alt wie eine Kuh und lernt immer noch dazu

All that glitters isn´t that gold

Was da weh tut ist nur der Schmerz

Auf Regen folgt Sonnenschein

Das gekrümmte Universum

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crop circle – echoes (Photo credit: oddsock)

„Ja, aber wer wird uns heilen von dem tauben Feuer, dem Feuer ohne Farbe, das durch die Rue de la Huchette läuft, wenn es Nacht wird, aus morschen Portalen schlägt, aus den kleinen Innenhöfen hervorkommt, von dem bildlosen Feuer, das über Steine leckt und auf den Türschwellen lauert, was sollen wir tun, um sein sanftes Brennen abzuwaschen, das uns verfolgt, das sich festsetzt um zu dauern, verbündet mit der Zeit und der Erinnerung, den haftenden Substanzen, die uns auf dieser Seite festhalten, von diesem sanften Brennen, das anhalten wird, bis es uns ausgeglüht hat.“

(Cortázar, Rayuela)

Auf dem Flug nach Barcelona lerne ich Malte kennen.
Wir sind beide auf dem Weg ins Unbekannte.
Er beginnt eine Weltreise. Ich fliege zu einem Fremden.
Nach der Landung gehen wir gemeinsam zum Gepäckband und dann zum Ausgang.
Irgendwo dort wartet D. auf mich.
Hinter der Absperrung verabschieden Malte und ich uns. Wir drücken uns kurz. Vorfreude in jeder Pore.
Allein stehe ich jetzt in der weitläufigen Halle und schaue auf die Palmen vor dem Eingang.
Ich bin nervös. Ob wir uns erkennen werden?
Als ich meinen Namen höre drehe ich mich um. Da steht er.
Mittelgroß und mittelblond. Seine Augen sind beinahe türkis. Er trägt Jeans, Hemd, Sandalen und Bart. Wir lächeln uns an und er küsst mich flüchtig auf die Wange.
Er hat einen schönen Mund.
Wir verlassen den Flughafen.
Mit dem Mietwagen fahren wir nach Eixample.
Smalltalk und Stadtführung.

Plaça Reial
Las Ramblas
Bari Gòtic

D.wohnt in einem großen Wohnblock aus den 60er Jahren.
Von der Tiefgarage nehmen wir den engen Aufzug nach oben. Es ist stickig und warm.
Sein Blick tastet mich ab. Ich bin verlegen.
An der Wohnungstür warten drei übergewichtige Katzen, die zur Begrüßung laut maunzen. Wahrscheinlich haben sie kein Futter mehr.
Durch einen düsteren Flur, voller Kisten und Gerümpel führt er mich zum Wohnzimmer, einem kahlen, dunklen Raum mit PVC-Boden, Campingstühlen und Klapptisch. Der Balkon geht zum öden Innenhof hinaus.
Ich setze mich an den Tisch.
Möchtest du etwas trinken, ehe ich das Gepäck aus dem Auto hole?“
Gerne. Ein Wasser.“
Doch anstatt in die Küche zu gehen bleibt er stehen.
Wir schauen uns an. In seinen Augen steht eine große Frage.
Macht er sich Gedanken, wie sich die nächsten drei Tage zwischen uns entwickeln werden, oder versucht er gerade sein inneres Bild von mir mit dem tatsächlichen abzugleichen.
Eine Weile halte ich seinem Blick stand, dann schaue ich weg.
Ich spüre, dass er mich wiegt und prüft.
Guck mich bitte nicht so an. Das ist mir unangenehm.“ sage ich schließlich und mein Ton fällt harscher aus als beabsichtigt.
D.
zuckt kaum merklich zusammen. Dann dreht er sich um und geht ins Nebenzimmer, wo ich ihn herumrascheln höre. Er scheint etwas zu suchen.
Merkwürdige Stimmung hier.
Wie immer in Situationen, die mir nicht geheuer sind, springt mein Katastrophenradar an.
Was tut er da, und was würde ich machen, wenn er jetzt zurück käme und ein Messer in der Hand hielte?

Er könnte mich problemlos töten, wenn er wollte.
Zerstückeln. Verscharren, Vergessen.
Oder für immer gefangen halten.

Und dann:
Anton weiß wo ich bin. Ich muss vorsichtig sein.
Mir wird nichts passieren.

 Als er nach ein einigen Minuten zurück kommt, hält er ein paar Fotos in der Hand, die er vor mir auf den Tisch legt. Dann tritt er einen Schritt zurück. Er wirkt angespannt.

Schau dir das bitte an.“
Was ist los?“
Bitte schau dir das an!“ Er sagt es mit Nachdruck und ich greife nach dem obersten Bild.
Im gleichen Moment durchzuckt es mich.
Das kann nicht wahr sein!
Eine heisse Welle geht durch meinen Körper. Ich schaue ihn an. Er sieht traurig aus.
Auch das zweite und dritte Bild.
Wie ist das möglich?
Woher hast du diese Fotos?“ frage ich ihn und höre meine Stimme wie hinter einer Glasscheibe.
Schau sie dir bitte ganz genau an.“ sagt er und steht dabei noch immer vor mir.
Ich kann das, was sich in seinem Gesicht abspielt nicht deuten. Es bewegt sich zwischen Trauer und Panik. Und es ist ansteckend.
Wieder betrachte ich die Fotos. Sie sind allesamt schwarz-weiß und unscharf.
Ich versuche mich zu erinnern.
Wo wurde das aufgenommen. Was ist das für ein Kleid?
Die schwarze Katze, ist das Castorp? Und der Garten? Ist das irgendwo in Frankfurt?
Ich kann mich einfach nicht entsinnen.

„Woher hast du diese Fotos?“ wiederhole ich meine Frage und merke, wie seine Panik und mein Ärger sich in meinem Hals zu einem dicken, trockenen Tau zusammen drehen, das mir beinahe den Atem nimmt. Mir wird flau, meine Hände sind kalt.

Wie kommt dieser Kerl dazu mir nachzuspionieren?
Wie hat er das alles eingefädelt und wer hat ihm dabei geholfen?
Was hat er vor?

D. setzt sich mir gegenüber an den Tisch, seine Augen schwimmen. Weint er etwa?

Du weisst, dass wir uns nie gesehen haben.“sagt er „Nicht einmal ein Foto hast du mir geschickt.“
Worauf willst du hinaus?“
Antworte mir bitte! Du weisst, dass ich kein Foto von dir bekommen habe. Ich konnte das nicht wissen.“
Plötzlich legt er beide Hände vor sein Gesicht und der Oberkörper kippt nach vorne.
Wie ein vom Schmerz Überwältigter schaukelt er jetzt vor und zurück und ich höre ihn schwer atmen.
Was ist bloß los hier?
Nach etwa einer Minute scheint er sich ein wenig gefangen zu haben, setzt sich aufrecht hin und starrt mich an. Seine Augen sind groß.
Ich warte darauf, dass er etwas sagt, aber er schweigt. Katatonisch.
Wie kommst du zu diesen Aufnahmen?“ frage ich ihn schließlich, und kann meinen Ärger kaum unterdrücken.
Eine ganze Weile passiert nichts. Er sitzt und starrt.
Dann nimmt er die Fotos vom Tisch und betrachtet sie lange. Eins nach dem anderen.
Immer noch schweigt er.
Die Zeit vergeht nicht.
Ich halte den Atem an.

Warten auf den Schuss

Schließlich lockert sich seine Körperspannung. Er lehnt sich zurück und atmet aus.
Siehst du denn nicht, dass du das nicht bist?“ sagt er auf einmal. Seine Stimme klingt kraftlos.
Ich schaue ihn an und habe Blitze im Kopf.
Wie passt das alles zusammen?
Abgesehen davon, dass ich nicht mehr weiss, wann und wo die Fotos gemacht wurden, gleicht die Frau auf den Bildern mir auf´s Haar. Das bin ich.
Der Hals, die Frisur, die Körperhaltung, das Gesicht.
Wer außer mir sollte das sonst sein?
Habe ich einen Zwilling? Gibt es ein großes Familiengeheimnis?
Und wenn ja, woher weiß dieser Mann, der fast sein gesamtes Leben in Peru verbracht hat, und den ich erst seit wenigen Wochen kenne, davon, und wie hat er es geschafft über den Umweg des Forums den Kontakt zu mir aufzunehmen?
Habe nicht sogar ich als erstes auf eines seiner Postings reagiert?
Ich finde keine Antwort.
Wer ist das?“ frage ich ihn. Meine Stimme ist mir fremd.
D. holt tief Luft. Er kämpft mit sich.
Mehrmals setzt er zu einer Antwort an, bricht dann ab und schlägt die Augen nieder.
Minutenlang sitzen wir uns so gegenüber. Jeder auf seine Art auf´s Äußerste angespannt.
Dann endlich holt er tief Luft, und fast tonlos kommen die Worte über seine Lippen.
Das ist Betty.“ sagt er. „Meine Mutter.“

Teil I. hier

 

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