In jenem Sommer

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Ich stand im zweiten Stock am Fenster und blickte über den hellen Sand hinweg auf das Meer. Blut lief meine Beine herunter und tropfte auf den weiss lackierten Dielenboden. Nach dem Duschen nahm ich eine Handvoll Toilettenpapier, um mir für´s Erste zu behelfen.
Erst am Nachmittag fasste ich den Mut meiner Mutter, die sich auf der Terrasse sonnte, zu erzählen was geschehen war. Sie rief meinen Vater herbei.

Mit ein paar Vokabeln im Gepäck wurde ich in die Dorfapotheke geschickt. Der nächste Hypermarché war weit entfernt. Nach serviettes hygiéniques solle ich fragen. Mit gesenktem Blick spuckte ich dem Apotheker, der bekittelt vor einer dunklen Holzwand mit Dutzenden Schubladen stand, die einstudierten Wörter entgegen und schämte mich, wie niemals zuvor.

Es war derselbe Sommer in dem meine tiefausgeschnittene, brathähnchenbraune Mutter in türkis–pink geblümtem Satin und auf irrwitzigen Stilettos, die Motocrossfahrer Philippe und Pierre, die es auf meine Schwester und mich abgesehen hatten, und seit Tagen in den Dünen herum cruisten, um uns zu beeindrucken, in den Garten lockte und bei Sekt und kokettem Geklimper ihre Wirkung auf die Jugend erprobte, bis den beiden Jungs schwindelig wurde vor lauter Hormonen.

In jenem Sommer gewann ich auf dem kommunistischen Volksfest eine Ente, die ich auf den Namen Hans taufte. (In Wahrheit machte ich es wie Voltaire und kaufte sämtliche Lose eines Glücksraddurchlaufes, um an das flauschige Küken zu gelangen).

In jenem Sommer zog sich meine Schwester einen Mückenstich in der Kniekehle zu, der sich zu einem fürchterlichen Abszess auswuchs, dessen Inhalt sich an einem windigen Nachmittag in zahnpastadicken Streifen in das dunkelblaue Meer vor St. Malo ergoss.

Auf jenen Sommer datiert eines der Lieblingsfotos, die ich von meinem Vater besitze zurück: er, im schwarzen Hemd, mit lackschwarzem Haar und schwarzer Brille, lässig auf die Stadtmauer gestützt und mit entspannter Miene auf´s Meer hinausblickend.

In jenem Sommer lernte ich beim Flippern, ein Freispel nach dem anderen zu holen, und den Apparat mit körperlichem Einsatz so zu manipulieren, dass der Ball nicht verloren ging und das Gerät nicht tilte.

Außerdem fand ich heraus, dass ich die Wangen einziehen und den Kopf schräg halten musste, um erwachsener auszusehen. Die Ähnlichkeit mit Lauren Bacall hat ihren Anfang in dieser Zeit.

Zwei Jahre später hörte ich längst Sex Pistols, hatte ein Kind verloren und kickte meiner Mutter eine Ladung Sand ins Gesicht, als sie mich am Strand vor den Augen aller ohrfeigte. Danach trat ich die Flucht in den sturmblauen Atlantik an.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Jean-David & Anne-Laure, St, Malo 006 (Ausschnitt), flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

 

Hämoglobin

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Die Geschichte beginnt mit einem Blutstropfen auf einem blütenweißen Laken. Die kurvige Krankenschwester rügt den jungen Assistenzarzt für sein Missgeschick. Ihre Strenge lässt ihn angenehm erschauern und fortan sucht er bei der Arbeit ihre Nähe.
Eines Tages betreten beide gleichzeitig den Aufzug. Er möchte nach oben, sie ins Erdgeschoss fahren. Und während die Kabine nach unten sirrt, sagt sie spöttisch: Wann laden Sie mich denn nun endlich zum Essen ein, X.
Der Arzt leiht sich Geld und bringt eine Aktentasche voll kleiner Scheine zur Verabredung. Die beiden werden ein Paar.
Nach 10 Monaten wird das erste Kind, ein Mädchen, geboren, das Zweite folgt ein Jahr darauf und das Dritte, der Junge, vergisst im blendenden Licht der Welt für einen Augenblick zu atmen. Ein Zwischenfall, der später Ausgangspunkt einer alleserklärenden Lebensverweigerungstheorie des Jüngstgeborenen werden wird.

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Ich fahre mit der S-Bahn. Ein etwa vierzigjähriger Mann steigt ein. Er sieht verwahrlost aus, seine Kleidung ist schmutzig und die Körperhaltung schlaff.
Der Mann geht von Reisender zu Reisendem, streckt seine Hand aus und bittet um eine Spende. Das Leben habe es nicht gut mit ihm gemeint, sagt er. Arbeitslos, obdachlos, einsam und alkoholsüchtig sei er und Schuld daran habe allein seine Mutter.

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Zwei Mal in meinem Leben hat mein Vater mich geohrfeigt. Das eine Mal nachdem ich mich mit der Hollywoodschaukel überschlagen und mir den Kopf auf den Steinplatten blutig gestoßen hatte. Das andere Mal ergriff mich beim Skatspielen grund- und haltlos ein hysterischer Lachanfall, der kein Ende nahm, bis mein Vater mir ins Gesicht schlug und ich übergangslos vom Lachen ins Heulen wechselte. Ich war sieben und mein Vater 37 Jahre alt.
Ein Jahr später, an seinem 38. Geburtstag, fuhren er und ich mit dem Zug. Er paffte eine Zigarre, blies den Rauch aus dem Fenster und sagte, dass er nun alt, sein Leben versaut und inzwischen zu kurz sei um auch nur eine Langspielplatte auflegen zu können. Er weinte.
Auf unerklärliche Weise war ihm ganz unbemerkt und ohne sein Dazutun ein riesiges Stück Zeit abhanden gekommen und niemals würde er es wiederfinden. Um weiter mit uns Kindern zu den sonntäglichen Jazz-Matinées oder ins Kommunale Kino gehen zu können, wo wir uns als einzige Gäste die Marx Brothers Filme ansahen, hörte er auf zu forschen und die blutigen Präparate veschwanden aus unserem Kühlschrank.

 

 

 

 

 

Bild: flickr, Peter C.
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/