Reling

5506207419_379ede0b27_z1

Der befreundete Anästhesist schickt mir eine Empfehlung zur Medikation vor, während und nach der Narkose, weiterzureichen an den behandelnden Kollegen. Sein Rat: von allem so wenig wie möglich. Außerdem möge man „auf alle möglichen kardialen Überraschungen gefasst (…) sein, und sich von allen Seiten Glück und eine glückliche Hand wünschen (…) lassen“.
Da kann ja eigentlich nichts mehr schief gehen.

Vor den zu erwartenden Schmerzen habe ich gar keine Angst. Die lassen sich wegatmen. Ich beherrsche die Technik der Flucht nach innen, an einen sicheren Ort, von dem aus ich so ziemlich alles ertragen kann. Ruhig und hell ist es dort und ich bin stark und unverwundbar. Es ist mir möglich aus meinem Körper herauszustreten und mich vor Unbill zu schützen, solange ich mich mit meiner Seele an mir selbst, meiner inneren Reling, festhalten kann.

Angst habe ich allerdings davor, dass genau dieser Rückzugsort mir durch die passagere Psychose, die ich jedes Mal nach einer Narkose durchlebe, zeitweilig abhanden kommen könnte. Dass aus meiner Seele wieder ein hauchdünnes Flatterband ohne Substanz und ohne Hafen wird, dass ich mir selbst verloren gehe, irgendwo auf dieser Reise und ich erst mühselig und über Wochen und Monate die versprengten Teile einsammeln und zusammensetzen muss.

Ich fürchte mich davor, dass mir ein Gruselclown im Krankenhaus erscheint, dass ich von Paranoia gejagt aus dem Fenster springen möchte, dass ich ohne Kurzzeitgedächtnis ziellos in meinem Wahn herumschippere (für mein Umfeld übrigens nur während der ersten zwei Tage nach der Op bemerkbar) und, dass ich nicht mal Valium zur Beruhigung bekommen werde, weil ich auf Benzodiazepine paradox reagiere, nämlich mit manischen, exhibitionistischen Anwandlungen (note to myself: schöne Unterwäsche einpacken, für den Fall).

Gleichzeitig freue ich mich, dass ich dann wohl hoffentlich schon übernächste Woche beschwerdefrei bin, und, dass ich im Krankenhaus endlich werde schlafen können, ohne ständig auf das Atemgeräusch des Hundes, oder das Gluckern in ihrem Bauch lauschen zu müssen.
Töle wird, und das macht mich besonders glücklich, während meiner Abwesenheit von dem Einen versorgt werden, trotz allem, ebenso wie die Katz.
Das ist eine so schöne Wendung, dass mir alles andere auch nicht mehr soviel ausmacht, und wenn ich dann noch daran denke, wieviel Unterstützung ich von den lieben befreundeten Netzfrauen bekomme, dann möchte ich beinahe frohlocken und bin schon gleich wieder ganz zuversichtlich und vergnügt. Danke, danke, danke!

Den geborstenen Wassertanks in der Welt möchte ich zurufen: Seid Ihr noch ganz dicht?

Und überhaupt sende ich prophylaktisch schon mal ein paar Grüße rund um den Globus, den ich auf meinem Kurztrip zu bereisen gedenke.

Mit etwas Glück krieg ich sogar Propofol verabreicht und werde damit einen wunderbaren Rausch erleben! Falls ja, kriegt Alice bei Interesse einen kleinen Erfahrungsbericht dazu.

Montag Vormittag geht’s los. Ich wünsche meiner Leserschaft ein erholsames Wochenende, beware of the Gruselclowns und haltet Euch immer schön an der inneren Reling fest, dann kann Euch nichts passieren.

 

 

 

 

Bild: Alexandr Shepchenko, Француз is a Clown, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

trunken

pergola-174688_640

Guck mal, sagt die Engländerin und zeigt mit dem Kinn in Richtung Bar.
Drüben steht der Schlaks mit Samtbizeps und Messinghaut und hält sein Bier mit angewinkeltem Arm nah am Körper. Ya-ma-ha! An Alexis erinnert er, den Venezolaner, Unisexschwarm und Schrittmacher mit Dogo Argentino, Bartender der Taquería. Ein Pfiff nach dem anderen, gezapft, zum Abschluss langer Nächte. Ultraweiches s en su acento. Kochen und tanzen konnte er auch noch. Suavemente

Neben dem Samtigen steht der Typ mit den dicken Schenkeln, stramme Beine in enger Jeans, steif vor Kraft mit breitem Kiefer, plattgedrücktem Arsch und viel zuviel Latissimus unter hautengem Marlon-Brando-Shirt. Soviel Gebiss. Neander-Bob, sage ich und nehme einen Schluck aus der Flasche (Pulle um den Jargon zu: Bemühen. Bemüht. Mühe). Die Engländerin nickt. Wir trinken.

Nachts schwappt der See leise ans Ufer; sachte Brandung. Ein Rauschen, seidig wie Schmetterlingsflügel, die Luft so weich. Risotto auf der Piazza Grande, dazu ein Negroni und noch einer, zwirbele ich mir die Haarsträhne um den Finger.
Rausch, Berge und immer wieder der See. Die Wäsche verschwitzt bis auf die Haut, braune Beine übereinander geschlagen. Selbstbewusst bis Oberkante.
Gluck gluck, die Kehle hinunter. Heute noch jung. Später mal Doppelherz.

Am frühen Abend treffen wir Fernando, den zweiten Argentinier. Ein Auge ist in Paris geblieben, beim Drogenkauf am Montparnasse. Großes Handgemenge, der Andere und das Messer. Das Jochbein hat kurz darauf ein Pferdehuf erledigt, gleiche Seite, immerhin. Aus jener Zeit auch die Hepatitis C. Fernando, inzwischen ausgezehrt am schmalen, gebräunten Leib, trinkt weiter, der Lurch. Das Interferon blieb wirkungslos.
Draußen, in seinem kargen Gärtchen umrankt die Kiwi eine hölzerne Pergola. Ihre feinen Härchen im Sonnenlicht. Flaum.

Dottore, dottore! ruft die alte Frau, und umarmt den verknitterten Landarzt, sein Glasauge, über ihre Schulter hinweg, bleibt an mir hängen. Ein Kunstwerk.

Auf dem Heimweg von Milano, einige Gläser später, fahren wir durch die nächtlichen Schluchten. Der Scheinwerfer uns voraus. Enge Kurven, Hupen im Stakkato. Morsen hinauf in den schwarzen Himmel, wo sich der Klang in der kalten Ewigkeit verliert. Auf der Straße steht ein Geißbock. Quer natürlich. Ein Bild aus alter Zeit.

Hinten, im Fond, sitzt der erste Argentinier, beide Augen auf Fernando gerichtet, dessen Glasauge, zusammen mit dem feuchten, lebendigen, in die Dunkelheit starrt.

Negroni, Negroni und noch einmal Negroni.

 

 

 

 

 

Ozeanisch

Mit dem Gesicht nach unten liege ich in dem flachen Bassin, der Boden grün und voller Algen, dunkel ist der Park und still, Wasser läuft in meine Ohren und ich höre Puck, wie er sich biegt vor Lachen, seine Facettenaugen drehen sich im Kreis und ich versuche aufzusteigen, ein Schmetterling, steif  der Rücken, wie eine Scherbe, Puck lacht und die Schwestern stehen auf dem Beckenrand und rufen meinen Namen und lachen und winken und die Kleine springt hinein, der Druck, die Welle schwappt in meine Nase und ich lasse los, ich lasse los, doch die Brüder greifen nach beiden Flügeln, mit spitzen Fingern, sie nicht zu zerstören, ganz vorsichtig, greifen sie nach den Flügeln und ziehen mich rückwärts aus dem Nektar, der rüsselhoch steht; und das Lachen von Puck, sein breiter Mund und die Spiegelaugen schillern in der Nacht.

Die Schwestern lächeln, die blasse Kleine, die Brüder sind irgendwo im Park verschwunden, balancierend, und der Mann auf dem Plakat sieht aus wie M.B. so schön, setzt die Flasche an die Lippen, die grünen, legt den Kopf in den Nacken und es läuft und läuft und läuft die Kehle herunter, ich schlucke, die Zunge klebt am Gaumen und ich gehe zurück zum Bassin kniee auf dem Rand und bücke mich nach vorne, wie Narziss im Flur, und bücke mich ganz grün, wie M.B. und falle und tauche ein in mein zitterndes Gesicht; liege, die Augen geschlossen, bewegungslos brandet die Nacht und das Grün und das Schwarz in meine Ohren.

Im Bett liegt die Kleine neben mir. Der Mann geht an uns vorbei und singt, die Engelmacherin summt dazu und die Messer fallen und fallen herunter, gleißendhell; geschickt duckt sie sich, ich strecke beide Handflächen nach oben und fange sie auf.

Es ist hell, die Engelmacherin reicht mir den Stab, drückt und drückt und ich beisse zu, es schäumt und ich schließe die Augen und es knistert ganz sachte und löst sich auf in Dunkelheit.
Ich schlafe schon, ich schlafe.

Dieser Text ist ein Beitrag zu diesem Projekt, (das zwölfte Wort/ Rausch).

 

 

 

 

 

same same

640px-Beersheba_IMG_3791

Um zwei Uhr morgens sind wir immer noch in Trinklaune.
Als wir in der Schnabelbar ankommen, bestellt B. eine weitere Runde Bier und Sambuca. Wir zünden den Schnaps an, die bläulichen Flammen wabern träge auf der dicken Flüssigkeit umher und ich denke an Uriah Heep. Im Schein des Feuers leuchtet B.´s Gesicht und ich sehe den dunklen Ring um seine helle Iris. Der Geruch von Anis steigt mir in die Nase. Mit dem Bierdeckel löschen wir das klebrig-süße Zeug, stürzen es in einem Zug herunter und B. holt bereits Nachschub, während ich noch auf den Bohnen herumkaue und mit Bier spüle. Das nächste Glas leeren wir ebenso schnell und kurz darauf, beinahe schlagartig, entfaltet sich die Wirkung des Hochprozentigen und die ohnehin gelöste Stimmung kippt in überdrehte Heiterkeit. Wir sticheln und umarmen und fassen uns an und nachdem wir ein bisschen geknutscht haben, schüttet B. ganz plötzlich und in einer euphorischen Anwandlung einen kräftigen Schwall Bier in meinen Schoß, das auf dem glatten Material der dunkelroten Kunstlederhose eine Pfütze bildet, die sich schäumend in dem Dreieck zwischen Oberschenkeln und Schritt staut.
Während ich die Beine zusammen presse beugt B. sich nach vorne, schürzt die Lippen und taucht sie in den kleinen See.

Später ziehen wir weiter in den Privatclub.

 

 

 

 

 

 

 

 

Photo: „Beersheba IMG 3791“ von Eddau – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Beersheba_IMG_3791.JPG#mediaviewer/File:Beersheba_IMG_3791.JPG

In einem Zug

English: High quality photograph of Lucky Stri...

English: High quality photograph of Lucky Strike Red Original box for the UK and A Cigarette (Photo credit: Wikipedia)

Es ist sechs Uhr Abends, der Horizont färbt sich pastellgelb ein. Der Erdkugel-stemmende Atlas auf dem Eingangsportal des Bahnhofes blickt in den tiefblauen Spätsommerhimmel. Ende September. Wir stehen vor dem Frankfurter Hauptbahnhof und ich zünde eine Lucky Strike an, die ich mit schnellen Zügen heiß rauche. Als ich fertig bin, zünde ich sogleich eine Zweite an, die ich ebenso gierig und hastig herunter qualme. Vor mir liegen ein paar rauchfreie Stunden. Gleich geht der Sprinter von Gleis 8 nach Berlin. Wir haben kaum Gepäck dabei, so dass der Weg dorthin in drei Minuten zu schaffen ist. Die Freundin drängelt. Sie wird langsam nervös.
Um 10 nach sechs betreten wir die Haupthalle. Noch exakt drei Minuten bis zur Abfahrt.
Wir sehen den weißen Zug auf dem Gleis stehen und müssen rennen um ihn noch zu erreichen. Immer das Gleiche.
Geschafft!
Die Platzreservierung war weitsichtig, der Zug ist ausgebucht.
Kaum sitzen wir auf unseren Plätzen, werde ich nervös. Dreieinhalb Stunden Fahrt ohne Unterbrechung liegen vor uns. In der Eile konnten wir nichts mehr zu lesen besorgen und als Lektüre liegt nur das Deutsche-Bahn-Magazin Unterwegs aus. Stinklangweilige Eigenwerbung. Sobald der Zug los gefahren ist, werde ich im Bistro-Wagen eine Zeitung kaufen. Ich schaue auf mein Handy. Es ist jetzt zwanzig nach 6. Eine Verspätung des Sprinters am Startbahnhof ist ungewöhnlich. Als ich mich gerade frage, was los ist, spricht der Zugführer aus den Bordlautsprechern und entschuldigt sich für den Missstand. Ein Teil des Zugpersonals sei noch mit einem anderen Zug unterwegs und die Reise könne beginnen, sobald diese hier in Frankfurt angekommen seien.
Prima, denke ich, dann kann ich ja noch einmal raus gehen und eine Zigarette rauchen.
Ich mache mich auf den Weg zum Abteil des Zugführers, um ihn zu fragen, wann denn mit der Ankunft seiner Leute zu rechnen sei. Er bleibt vage, rät mir aber dringend ab noch einmal auszusteigen, um am Ende des Gleises, innerhalb der Markierung zu rauchen. Es ginge wirklich jeden Moment los,und die Fahrgäste sollten bitte auf ihren Plätzen bleiben, um eine weitere Verspätung zu vermeiden. Sein Ton ist bestimmt.
Ich habe ja gerade erst geraucht, versuche ich mich zu beruhigen und bewege mich wieder zurück zu meinem Platz, wo ich in der Unterwegs herumblättere.
Doch plötzlich, fast schlagartig, springt mich eine ungeheure Unruhe an, die mich selbst überrascht. Wir sind noch nicht einmal gestartet und ich bin schon hypernervös. Mein rechter Fuß zuckt und wackelt und ich spüre eine enorme innere Anspannung. Eine Mischung aus Wut und Verzweiflung, wie ich sie von meiner letzten Rauchentwöhnung kenne, als ich Nachts im Bett die Füße zwischen die Knöpfe der Damastbettwäsche steckte und so anspannte, dass das alte Tuch zerriss. Ich würde jetzt am Liebsten das Bahn-Heftchen in der Mitte durchreissen, anschließend sämtliche Koffer und Taschen aus den Gepäckablagen zerren, in den Mittelgang pfeffern, und die Samsonites der edel gewandeten Reisenden, auf den Boden krachen lassen.
Meine Freundin merkt an der Art, wie ich die Seiten umblättere, dass ich geladen bin. Und ich merke an der Art, wie sie unbeteiligt weg schaut, dass sie auf Deeskalation setzt.
Also sage ich es ihr: „Ich bin total geladen. Wenn der Zug nicht bald losfährt, steige ich aus und rauche noch eine.“
„Aber du hattest doch gerade zwei.“

„Gerade? Das ist fast eine halbe Stunde her und ich muss ja jetzt noch stundenlang ohne auskommen und wenn das hier nicht bald los geht noch länger.“
„Hast du keine Nikotinpflaster dabei?“

„Doch, aber ich kann doch nicht jetzt schon…du hast Recht.“ Ich krame in meiner Tasche herum und hole zwei Pflaster heraus.
„Gleich zwei?“
„Logisch. Viel hilft viel, weisst ja.“
Ich klebe mir beide Pflaster auf den Bauch und lehne mich zurück. Der Zug steht immer noch. Ich bin kurz davor durch zu drehen. Nach meiner Erfahrung dauert es mindestens eine dreiviertel Stunde bis das Zeug wirkt und selbst dann ist es nicht einfach. Ich nehme die Speisekarte vom Haken und schaue auf das Angebot an Weinen. Da der Zug noch immer nicht rollt, ist auch das Servicepersonal nicht unterwegs. Vielleicht sind sie noch nicht einmal an Bord. Aus dem Bistrowagen besorge ich mir eine kleine Flasche Rotwein. Ein Viertel, wie der Süddeutsche sagt.
Kaum habe ich das erste Gläschen eingeschenkt, geht es los. Ja!
Der ICE rollt aus dem schönen Bahnhofsgebäude heraus und ich genieße den Blick auf den Main und die sich entfernende Skyline. Mit einem Schluck leere ich das Glas, um eine schnelle Wirkung zu erzielen. Der Alkohol steigt mir fast augenblicklich in den Kopf, ich habe nicht viel gegessen. Außerdem verstärkt er, was ich mir hätte denken können, das Suchtgefühl. Ich halte es nicht mehr aus. Als ich meine Zigaretten raushole, wird die Freundin unruhig.
„Was hast du vor?“
„Ich zünde mir jetzt eine an.“
„Das kannst du nicht machen!“
„Doch, kann ich schon.“
„Bitte nicht!“
Ich bin in der Bredouille. Wäre ich alleine, würde ich mir jetzt auf jeden Fall eine anstecken, aber ich will K. nicht in Verlegenheit bringen und sehe ein, dass der voraus zu sehende Ärger auch sie betreffen würde.
„Dann gehe ich halt auf´s Klo und rauche dort.“
„Die haben überall Rauchmelder.“
„Na und, dann hält der Zug wenigstens an und ich komme hier raus. War eh eine blöde Idee den Sprinter zu nehmen, der nie stoppt. Ich halte das nicht aus.“
„Aber das Toilettenabteil ist doch auch der Wickelraum und es sind Babies im Zug!“
K. hat immer die besseren Argumente. Ich gebe auf.
Die Mitreisenden tun so, als wäre alles in Ordnung und geben vor weiter ihr Handelsblatt, die FAS oder die BAMS zu lesen, während ich schlechte Stimmung verbreite. Ich mache die Flasche leer. Der Rioja schmeckt ganz passabel, so dass ich mir gleich einen Zweiten hole. Inzwischen wirken die Pflaster, eine leichte Übelkeit und Herzrasen stellen sich ein. Endlich.
Auch die zweite Flasche habe ich innerhalb kurzer Zeit geleert, während K. neben mir nüchtern bleibt, und komme nun in eine merkwürdig hysterisch- euphorische Stimmung. Fast so, als würde das Schiff sinken und ich noch ganz allein einen ausgelassenen Donauwalzer auf´s Parkett legen, während ich, mich selbst umarmend, dem Untergang entgegen tanze.
Ich gerate in extreme Quassellaune und plappere ohne Punkt und Komma. Der Alkohol hat nicht nur eine zungenlösende, sondern auch eine beflügelnde Wirkung. Mein Kopf funktioniert so gut, wie selten. Ich erinnere mich an Bücher, Gedichte, Filme, Zitate, Werbung, Begebenheiten, Erlebnisse, springe von einem Thema zum nächsten, bin eine fulminante Unterhalterin und bestelle mir beim Kellner noch eine dritte Flasche Wein.
Jetzt geht es mir besser. Die Hände sind schweißnass, mein Herz puckert, die Gesichtshaut spannt von den Pflastern, aber die Verzweiflung ist trunkener Euphorie gewichen, die Wut dem Schalk.
K. hat sich eben ein Bier bestellt, das sie sehr schnell trinkt. Vielleicht möchte sie sich meinem Level ein wenig annähern, denn ich bin inzwischen schon ziemlich angetrunken. Während ich noch bei der dritten Flasche bin, trinkt sie ihr zweites Bier, und wir beide plaudern und lachen nun, als würden wir zusammen auf einem Hochbett sitzen und uns über Jungs und die Bravo unterhalten. Die Stimmung ist gut, wenn nur diese Übelkeit und die leichten Schweißausbrüche nicht wären. Die Pflaster sind überdosiert.
Gegen die aufkommende Mundtrockenheit nehme ich noch einen Schluck. Mir ist jetzt richtig schlecht. Egal. Besser noch einen Wein holen und die Übelkeit herunter spülen. Gesagt, getan.
K. fängt an sich Sorgen zu machen.
„Meinst du nicht, du solltest langsam aufhören zu trinken?“
„Auf gar keinen Fall“, entgegne ich fröhlich, „mir ist eh schon schlecht von den Pflastern.“
„Dann mach sie ab!“
„Wir sind noch eine Stunde unterwegs. Wenn ich sie jetzt abmache, wird der Jieper so groß, dass ich die Notbremse ziehen muss.“
Der Mann am Nebentisch unterbricht seine Lektüre und schaut zu mir herüber. Mit seinen Blicken misst er die Wahrscheinlichkeit, ob ich meine Worte in die Tat umsetzen könnte und wendet sich beruhigt wieder seiner BAMS zu.
Ich sehe nicht so aus. Er traut es mir nicht zu! Da kennt er mich aber schlecht. Der Zorn des Entzugs brodelt wieder in mir hoch und meine Stimmung droht zu kippen. Am liebsten würde ich dem gelackten Idioten jetzt eine scheuern und dann in den Speisewagen gehen um dort etwas Feines zu essen, bis der Zug am nächsten Bahnhof hält und ich der Polizei übergeben werde. Zufällig kommt der Kellner vorbei und ich bestelle mir noch eine Wein und dazu eine Snack.
„Das ist die vierte Flasche“, sagt K.
„Ja, ich weiß. Und es ist die letzte für heute.“
„Ein Liter!“
„Auf einem Bein kann man nicht stehen.“
Plötzlich schäme ich mich. Ich sitze betrunken im ICE von Frankfurt nach Berlin, durch meine Adern fließen Alkohol und Nikotin und ich benehme mich wie eine offene Hose und nicht wie eine erwachsene Frau mit Hochschulabschluss. Doch gleich raunt mir wieder der kleine Teufel ins Ohr. Scheissegal! Was geht dich das an, wenn die dressierten Affen hier sitzen und so tun als bestünde die Welt aus Zahlen. Sie besteht nun mal aus Fleisch und Lust. Und Wein!

Sehr geehrte Damen und Herren, in voraussichtlich zwanzig Minuten erreichen wir Berlin Hauptbahnhof. Unser Zug hat 6 Minuten Verspätung. Alle Anschlusszüge ab Hauptbahnhof werden erreicht.

Der Zugfahrer ist ein Gott! Er hat die Verspätung wieder eingefahren. Ich möchte nach vorne stürzen und ihn küssen. Stattdessen bleibe ich wo ich bin, ziehe mir die Nikotinpflaster vom Bauch und trinke den letzten Schluck Wein. Ich bin inzwischen sehr betrunken und erschöpft.
Am Hauptbahnhof verlassen alle Fahrgäste außer uns den Wagen.
K. ist plötzlich ähnlich aufgedreht wie ich es eben noch war. Sie ist hippelig, hat einen großen Bewegungsdrang und fragt mich, was sie jetzt tun soll.
„Was meinst du damit?“
„Ich will sporteln. Sag mir was ich machen soll!“
Das Bier zeigt seine Wirkung. Wir haben beide einen sitzen.
„Versuch mal einen Klimmzug an der Gepäckablage.“
Nichts leichter als das.
„Das war leicht. Und jetzt?“
„Jetzt mach Hürdenlauf über die Sitzreihen.“
„Und wenn jemand kommt?“
„Wer soll denn kommen?“
K. zieht ihren Rock hoch und klettert unter vollem Körpereinsatz, über die hohe Rückenlehne auf den nächsten Sitz und so immer weiter bis zum Ende des Großraumabteils.
„Und jetzt?“ ruft sie von hinten. Sie lacht, ihre Wangen sind gerötet. Das Spiel fängt an mir Spaß zu machen. Ich bin ihr Coach,und sie die ambitionierte Sportlerin.
„Und jetzt musst du unter den Sitzen durchrobben, bis hier vorne zu mir,“ kommandiere ich und fühle mich wie Katharina Witts gestrenge Trainerin. Die gute K.! Sie ist wirklich die Beste!
K. ziert sich. „Das ist doch total dreckig da unten und außerdem passe ich da nicht durch“, ruft sie quer durch den Wagen.
„Quatsch, ist sauber. Sind doch im ICE. Außerdem sind wir gleich Zuhause, sieht dich heute niemand mehr. Und natürlich passt du da durch! Komm schon Bitte!“
So angespornt verschwindet  K. hinter der Rückenlehne eines Sitzes. Ich höre, wie sie sich unter großer Anstrengung nähert. Ein Soldat auf dem Übungsplatz. Nach einer langen Weile kommt sie zerzaust und voller Schmutz unter dem Sitz mir gegenüber hervor gekrochen. Ich japse inzwischen tonlos nach Luft vor Lachen.

Sehr verehrte Fahrgäste, wir erreichen in Kürze Berlin Ostbahnhof. Der Zug endet hier.

Geschafft! Nur wenige Minuten trennen mich noch von einer Lucky. Wir verlassen den Zug, jede auf ihre Art derangiert. Vor dem Bahnhof zünden wir uns eine Zigarette an. Ich fühle mich plötzlich dreckig und bin erschöpft und leer. Ein Junkie bin ich. Ein süchtiges, armes Schwein. Scham überkommt mich, und den Heimweg verbringen wir schweigend. Der Rausch ist schlagartig vorbei. Ich habe Kopfschmerzen.

Das war vor 5 einhalb Jahren. Seitdem rauche ich nicht mehr.

Enhanced by Zemanta

Im Rausch der Heiterkeit

Unverschämt gute Laune habe ich. Geradezu aufreizend vergnügt bin ich. Dem Kummer für´s Erste die rote Karte gezeigt.
Was ist das schon, so eine kleine Malaise, was sind die Befindlichkeiten und Verstimmungen einer Katastrophenchronistin gegen den Kampf des schwarzen Ritters, der, an Tapferkeit und Mut nicht zu überbieten, noch mit amputierten Armen und Beinen, als blutspritzender Torso mit Kopf, jede Herausforderung zu nehmen bereit ist?
Nichts.
Es ist Frühling.
Und es ist Zeit mal wieder richtig zu lachen.
Über Monty Python zum Beispiel, über Fil und über diesen wunderbar trashigen Text, der eine Vorgeschichte hat (die er ganz am Ende offenbart) und der mich auch beim dritten Lesen noch sehr erheitert hat.
Und über das Leben. Weil es so schön ironisch ist.
The best things in life are free not things.

Musik zum Text:

Ich hab schon tiefgründiger geschrieben. Geht aber gerade nicht.