Jugendliche siezen

punk with love

punk with love (Photo credit: kenteh.

Komm, wir gehen raus. Jugendliche siezen.“ sage ich zum Unterfranken.

Wie willst du das denn machen?“

Naja, ansprechen und nach dem Weg fragen, oder nach irgendetwas anderem.“

Was soll das bringen?“

Das ärgert sie.“

Kannst du schön allein machen.“

Mach ich auch.“

Auf dem Oranienplatz fragt ein Punk nach dem Leergut zu unseren Füßen.

Kannste haben.“ sage ich.

Er sammelt die Flaschen ein und verschwindet wieder.

Siezen, ja?“ fragt der Unterfranke.

Klaro, aber keine Punks.“

Hölle, Hölle, Hölle

 

Die Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel über Berlin, und es ist schneidend kalt.
Als ich über die Schillingbrücke Richtung Kreuzberg stapfe, pfeift mir der Nordwind in den Nacken. 
Ich friere bis auf die Knochen.
In der Ferne erhebt sich die Engelskirche, in deren Schatten sich das Baumhaus an der Mauer des Efendi Kalin duckt. Wenige Meter vor mir fliegen fünf Schwäne, mit riesigen Schwingen, knapp über die Brücke und die sich stauenden Autos hinweg. Unter ihnen auch ein graugefiedertes Jungtier.
 Vor der Silhouette des Roten Rathauses, landen sie auf der Spree und ziehen mit anmutig gebogenen Hälsen weiter Richtung Westen.
 Ein paar Enten und Möwen sitzen auf den Eisschollen und lassen sich flussabwärts treiben. Dazwischen bahnt sich ein klagendes Blässhuhn mit rostiger Stimme den Weg durch das kalte Nass. 
Wie eine Taube nickt es, von einem inneren Takt angetrieben, unentwegt mit dem Kopf, taucht für einige Sekunden unter, und kommt an unerwarteter Stelle wieder an die Oberfläche.
Erstaunlich, dass Schwäne trotz ihrer Leibesfülle so gut fliegen können, denke ich.
 So, wie die Spieler der Berliner Eisbären, die sich dickgepolstert, mit schrankbreiten Schultern und wattierten Schienbeinen überraschend behende übers Eis bewegen. Töle starrt durch die Metallstreben des Brückengeländers auf die Spree. 
Ihr Winterfell ist zottlig-grau.
Die Jukebox in meinem Kopf springt an. Ein Oldie reiht sich an den anderen:

„Ich möchte ein Eisbär sein, im kalten Polar…“
„You´re as cold as ice…“
„Ice, ice, baby“

und sogar
„Ein Lied kann eine Brücke sein“.

Aus welchem verstaubten Winkel meines Gehirns diese Töne wohl an die Oberfläche gefunden haben?
 Die Patina der Jahre hat sie ein wenig vergoldet, aber schon nach ein paar Takten bröckelt sie und mir reicht´s.

„Wo man singt, da lass dich nieder, denn böse Menschen haben keine Lieder“

Schwachsinn.

Es waren die übelsten Petzen und Streber, die sich im Musik-Unterricht besonders hervortaten indem sie auf exhibitionistische Weise, ihre glockenhelle Stimme zur Schau stellten.
 Mit betulich aufgerissenen Mündern und eifrigem Gesichtsausdruck, sangen sie auch im Kirchenchor, der mir schon deswegen wie eine Idioten-Liga vorkam. Die sakrale Musik bewegte sie so sehr, dass sie mit festgenagelten Füßen auf einer unsichtbaren Vertikalachse hin- und herpendelten, wie ein Metronom.
Ich erinnere mich an den Besuch bei der Passauer Maidult vor vielen Jahren. Erwachsene Menschen sitzen untergehakt auf Bänken, Bierhymnen johlend, bei denen sich Mädel auf Knödel, Durst auf Wurst und Stock auf Bock oder Rock reimt.
Lederhosen, Dirndl, Gamsbart, Musi, Maß und Brez´n.
Da wird gewippt, geschunkelt, gepoltert, geschuhplattelt, vor Freude gewiehert und gejuchzt.
Wie beim Karneval: verkleidete Narren, die betrunken auf langen Holzbänken sitzen, nach jedem Tusch hysterisch auflachen, und losgrölen, sobald der erste Takt von „Viva Colonia“ gespielt wird.
Rhythmisches Klatschen.

Gell du hast misch gelle gern, gelle isch dich aach, 
gelle wann isch lache tu, gell dann lachst du aach

In Würzburg hatte ich einen Mitstudenten, der als Burschenschafter mietfrei in einer schönen alten Villa lebte, die der Verbindung gehörte. Finanziert von den Alten Herren, ehemaligen „Burschen“.
 Meinem Kommilitonen verhalf sein Corps zu einem unbeschwerten Studium, mit reichlich Zeit für´s Saufen und Burschenlieder schmettern.

Verkleiden, trinken, lärmen.

Jetzt bin ich im Fußballstadion. Das rhythmische Springen des ganzen Blocks bringt die Tribüne gefährlich ins Schwanken, bengalisches Feuer lodert und qualmt. La-Ola-Welle.

Du hast die Haare schön
So sehen Sieger aus!

Die Bilder verschwimmen. Vor meinem inneren Auge sehe ich ein Wolfgang-Petry-Fantreffen. Alle sind, wie ihr Idol, in den achtziger Jahren hängengeblieben: mit dicker Lockenmatte auf dem Kopf, kariertem Hemd, Schnauzer im Gesicht, Bluejeans und unzähligen ausgefransten Freundschaftsbändchen an den Handgelenken.
Du bist der Wahnsinn. Ich geh mit dir durch die Hölle
singen sie im Chor. Bier kühlt die durstigen Männerkehlen und der Trupp zieht tanzend durch die Straßen. Aus den Häusern kommen immer mehr Petry-Klone, die sich dem Zug anschließen, der sich schnell zu einem Strom verdichtet. Manche von ihnen haben eine Akustik-Gitarre dabei, auf der sie das Heer der Klone musikalisch begleiten. Seit Jahren haben sie auf diesen Tag gefiebert und jeder Akkord sitzt.
Wir überqueren die Köpenicker Straße.
Hier ist Kreuzberg, hier bin ich sicher vor dem Mob, der am mit zum Himmel gestreckten Armen „Hölle, Hölle, Hölle!“ skandiert und weiter Richtung Westen marschiert.
Als ich am Kreuzdorf abbiege, kommt uns Leggit, ein betagter Doggen-Mischlingsrüde entgegen.
 Seit Jahren patrouilliert er rund um die Wagenburg. Die Hunde begrüßen sich freundlich. Am nächsten Baum hebt Leggit das Bein. Töle trabt ihm hinterher und schnuppert an der feuchten Rinde.
Aus einem 6-Tonner-Mercedes-Wohnmobil vor dem Georg-von-Rauch-Haus dringt lautes Geschrammel. Death before dishonour von The Exploited.
 Neben dem verrosteten Wagen stehen drei Punks mit ihren Hunden.
 Sie tragen schwarze Lederjacken, enge Hosen und 10-Loch Doc Martens. Mit einem Sternburger in der Hand, bewegen sie die Köpfe ruckartig zum schnellen Takt der Musik.
 Der eisige Wind trägt den Klang eines Martinshorn zu uns herüber. Von der Adalbertstraße biegt ein Krankenwagen mit Blaulicht auf den Bethaniendamm.
 Auf unserer Höhe schaltet er erneut die Sirene an.
Die Hunde der Punks heben ihre Köpfe und fangen an zu heulen.

Postbank, Punks, Platanen

Die Schlange bei der Postbank in der Skalitzer Straße reicht bis nach draußen.Punk_Red_Mohawk_Morecambe_2003
Monatsanfang, denke ich, und stelle mich an.
Langsam geht es vorwärts. Töle leckt den Gehweg ab und versucht einen Kaugummi von den Steinplatten zu nagen. Verstohlen blickt sie zu mir hoch.
Die Punks haben in der Eiseskälte vor den Eingangsstufen ein Lager aufgeschlagen. Auf jeden von ihnen kommen mindestens zwei Hunde, die mit untergeschlagenen Pfoten auf Decken liegen und an den leeren Bierflaschen schnuppern. Töle wedelt.
Drinnen ist es etwas wärmer, aber zugig. Ich blicke auf die lange Reihe der gelben Postfächer zur Linken. Verschlossene Orte an öffentlichen Plätzen gefallen mir, und ich bekomme Lust mir auch ein Postfach zuzulegen. Was mache ich dann damit?
Einfach eine Chiffre- Anzeige aufgeben und mir die Antworten dorthin schicken lassen? Dann jeden Tag hoffnungsfroh zur Post pilgern und nachschauen, ob etwas für mich angekommen ist.
Vielleicht lauert mir jemand vor den Fächern auf, um heraus zu finden, wer die Annonce aufgegeben hat.
Möglich, dass der Obdachlose, der am Ende des Ganges liegt auch nur so tut, als würde er schlafen, in Wahrheit aber ein Chiffre-Stalker ist.
Früher bot das Restaurant Goldener Hahn in der Pücklerstraße, seinen Gästen die Möglichkeit, sich Briefsendungen dorthin schicken zu lassen. Hinter dem Tresen stand, eigens hierfür, eine fast deckenhohe ausrangierte Apothekerschrankwand aus dunkler Eiche, mit vielen Fächern. Die Gäste konnten sich bei einem guten Glas Wein Zuhause fühlen, sich zurücklehnen und lässig ihre Korrespondenz erledigen.

Ich beschließe zu fragen, was dieser Service bei der Post kostet.
Während wir uns dem Schalter nähern, schaue ich mich weiter um. Jetzt stehe ich zwischen den halbhohen Regalen, mit Druckerpapier, gelben Faltkartons in verschiedenen Größen, Klebeband, Kordel, Packpapier, Leitz-Ordnern, Gruß- und Geschenkkarten, -das übliche Sortiment.
Papier brauche ich auch bald wieder.
Über den, in eine Stellwand eingelassenen Monitor, flimmert stumm Werbung für hier erhältliche Produkte oder Serviceleistungen. Die Neonlampen, die wie aufgefächerte Aluminium-Zeppeline von der Decke hängen, verbreiten ein unangenehmes Licht und erzeugen zusammen mit dem mausgrauen Linoleumboden eine sachlich-kalte Atmosphäre.
Vor mir vertreiben sich zwei Mittzwanziger in Röhrenhosen und mit Vintage-Lederjacken und Beatles-Friseur die Zeit mit Küssen und Umarmungen.
Je weiter die Schlange nach vorne rückt, umso stickiger wird die Luft.
Briefmarken kaufe ich auch gleich noch.
Schon wieder habe ich Pech und erwische die große dünne Rothaarige mit dem verbitterten Gesichtsausdruck.
Ob ich ein Sparbuch für eine andere Person bei ihr eröffnen könne, will ich wissen.
Mit betont geringschätzigem Gesichtsausdruck, zieht sie die rechte Seite der Oberlippe hoch, als wäre sie Teilnehmerin eines Billy-Idol-look-alike-contest, und zeigt ihre großen, leicht schiefen Zähne.
Natürlich geht das nicht so einfach, und schon gar nicht so, wie ich mir das vorstelle.

Ham wa nich, jeht nich. Vajisset, jib´s uff und zieh Leine, Olle! ist die Botschaft ihrer Körperhaltung und Mimik.

Nachdem sie mein Anliegen in verächtlichem Tonfall abgeschmettert hat, wirft sie mit verschränkten Armen einen zufriedenen, beifallheischenden Blick in die Menge der Wartenden und erinnert mich dabei an Mussolini in Chaplins Der große Diktator, wenn er mit erhobenem Kinn, selbstgerecht nickend die Zustimmung seiner linientreuen Claqueure in Empfang nimmt. Niemand applaudiert, weil keiner sie mag. Ihr doch egal.

Als ich mit Töle die Filiale verlasse, blökt sie mir noch ein Hunde dürfen hier nicht rein! hinterher. Ich unterdrücke den Impuls, meinen Ärger gebärdensprachlich zum Ausdruck zu bringen.
Draußen auf dem Gehweg atme ich durch und blicke hoch zu den riesigen alten Platanen, deren runde, gestielte Samenkapseln wie kleine stachlige Lampions an den kahlen Ästen hängen und leise im Wind schaukeln.
Ich erinnere mich gelesen zu haben, dass Platanen zur Familie der Lotosgewächse gehören. Der Gedanke, dass die erhabenen Bäume mit der grün und weißlich gefleckten Rinde Abgesandte der südlichen Hemisphäre sind hebt meine Stimmung.
Auf dem Heimweg komme ich bei Mc Donalds vorbei, und beschließe mich heute nicht darüber zu ärgern, dass die Fast-Food-Kette die Chuzpe hatte eine Filiale in Kreuzberg zu eröffnen.
Am U-Bahnhof Schlesisches Tor fährt gerade eine Bahn ein. Den Anblick, wenn sie sich, von Friedrichshain kommend, in die Kurve legt, mag ich immer wieder gerne. Die leichte Schieflage erzeugt ein unverkennbares quietschendes Reibungsgeräusch, das ich trotz der Entfernung und des Straßenlärms noch aus dieser Entfernung höre. Aus den Lautsprechern auf dem Bahndamm ertönt eine Frauenstimme. Noch ein letzter Zug an der Zigarette und die Reisenden springen in die Waggons, als die rote Signallampe an den Türen schon aufblinkt und lautes Tuten die Weiterfahrt ankündigt.
Wir biegen in die Wrangelstaße ein. Rechterhand das schöne Backsteingebäude der Oberschule, das ehemals eine Kaserne gewesen sein soll. Am Ende der Straße erahne ich schon die St. Thonaskirche auf dem Mariannenplatz. Töle beschleunigt.
An der Nordseite des Platzes stehen ebenso Platanen. Eine von ihnen wurde im vorletzten Herbst so radikal zurück geschnitten, als hätte der Baumpfleger die übelsten Amputations- und Verstümmelungswünsche an ihr ausleben oder sie für irgendetwas bestrafen und damit zugleich ein Exempel für alle anderen statuieren wollen.
Im letzten Sommer hat sie, an den Enden der dicken Aststümpfe ausgetrieben. Viele dünne Zweige ragen nun wie knochige Finger in den grauen Himmel. Auf eine unerklärliche Weise macht mich dieser Anblick froh. Fast so, als hätte mich, mitten im Berliner Winter, ein milder Südwind angeweht.
Ich kehre der Lotosschwester den Rücken zu und gehe ohne Sparbuch, Druckerpapier, Briefmarken und Postfach nach Hause.

 

(Photo credit: Wikipedia)