Kleine Wolke, oder Death Before Dishonour

 

80er. Party Frankfurt Bonames.
Seelenlose Trabantenstadt. Ein Ort an dem man problemlos untertauchen könnte. Irgendwie sind wir in dieser Neubauküche mit schmalen Kunsttofffenstern und Blick auf Ghetto gelandet. Alle sturzbesoffen. Keiner weiß, wer Gastgeber oder Gast  ist, und was hier gefeiert wird. Ausreichend Sprit für alle. Reicht.

Tolga, der spindeldürre, allgegenwärtige  Assi-Punk sitzt auf der Arbeitsplatte, kippt sich das nächste Lübzer in den Hals, während seine vergilbten, schwarzgeränderten Finger alles befummeln, was so da ist. Auch die elektrische Brotschneidemaschine, auf der er gerade sitzt. Im Vollsuff zerfräst er sich die juvenile, in Levis gehüllte linke Arschbacke. Die Hose blutgetränkt. Die Krümelrillen fast augenblicklich verklebt von Hämoglobin. Erst als die Gesprächslautstärke abrupt runterdimmt, und ungewohnt viele Blicke an ihm haften bleiben, bemerkt Tolga,  dass etwas passiert ist, springt von der Arbeitsplatte und betrachtet sein blutrotes Gesäß.

Ich tilt! Voll killed! Echt too much! Fuck you!!!

The Exploited schrammeln ungerührt weiter. Tolga öffnet ein Bier, und pumpt es ab. Als er bald darauf pinkeln geht, sind wütends Schreie aus dem kleinbürgerlichen Badezimmer mit flauschigem Badewannenvorleger zu hören. Fasern der Hose, haben sich mit der Schnittstelle verklebt. Allein das Nesteln an den Knöpfen der 501 reicht aus, die Wunde wieder zum Bluten zu bringen.

Keine Bahn bringt uns in dieser Nacht mehr nach Hause.

Afterwork Punkrock

afterwork punkrock

afterwork punkrock (Photo credit: mkorsakov)

Manchmal bin ich überrascht, wie erwachsen ich reden und schreiben kann.

Dass ich zu vielen Dingen eine eigene und häufig sogar fundierte Meinung habe.

Dass ich 3sat und arte schaue, Lyrik liebe, Zeitschriften abonniert habe, Wein trinke, Tischsitten beherrsche, kochen kann. Verschiedene Sprachen erlernt habe. Einen eigenen Hund habe, der zudem noch ziemlich gut erzogen ist.

Die Katzen nicht so.

Dass ich mich um alle Belange meines Lebens selbst kümmern kann, und mich wie ein gut programmierter Robot durch diesen Gemischtwarenladen bewege.

Dass ich Rechnungen bezahle und eine Steuernummer habe.

Dass ich große Lieben und Verluste hatte.

Dass der erste Liebeskummer  lange zurückliegt, und der letzte auch.

Dass ich schon 6 Haus- und Wohnungsbrände, einen Autobrand, einen Hotelbrand, 1 Kinobrand, 1 Geisterfahrer, 1 Flugzeugabsturz, 1 bewaffneten Raubüberfall, Autounfälle, Krankheiten und diverse andere Katastrophen erlebt habe und so oft unversehrt davon gekommen bin.

Dass ich Patenkinder habe, denen ich Dinge schenke, über die ich mich als Kind gefreut hätte.

Dass ich das kleine Mädchen mit den kurzen Zöpfchen links und rechts war, dass auf der Weide steht und Angst vor einem Schaf hat.

Dass ich die 14Jährige war, die sich die Haare absäbelt, Punkrock hört und mit Substanzen regelmäßig das Gehirn ausschaltet.

Dass ich tatsächlich ein Studium abgeschlossen habe.

Dass ich ins Casino gehe und dort Roulette spiele.

Dass ich große Entscheidungen ganz alleine treffen und dann auch durchziehen kann.

Dass ich die war, die immer bei mir war, und die ganz unbemerkt erwachsen wurde.

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Lyrik: Gottfried Benn,  Nur zwei Dinge

Musik: Cat Stevens, Child For A Day

New Rose

Cassette

Cassette (Photo credit: jesstherese)

Der Erzieher der benachbarten Kita hat solange „Du Feinäähhh, Feinääääähhh !“ gekräht, wenn er meiner Katze ansichtig wurde, bis ich anfing ihn im Privatkreis nachzuäffen und sie ebenso zu betiteln.

Irgendwann, unbemerkt, wich die Ironie der Gewohnheit und eines Tages stellte ich fest, dass ich nun ebenso schwachsinnig wie Erzieher U. zu dem Kätzchen flötete.

So hielten im Laufe des Lebens immer wieder, ursprünglich abgelehnte und verspottete Redensarten, Spleens oder auch Schlagerphrasen Einzug in das Inventar meines Habitus.
Habitusses

Eine Professorin beispielsweise, hatte die Angewohnheit uns mit besonders jugendlichem Slang beeindrucken zu wollen, vergriff sich aber dabei regelmäßig im Soziolekt, wenn sie uns in Ihrer Begeisterung für etwas mit dem Wort Stark! oder Total stark! anstecken wollte, was bei mir den Zustand des Fremdschämens auslöste.
Natürlich benutzten wir das kernig intonierte
Stark! zu Semesterende mit einer Selbstverständlichkeit, die ihre Ausdrucksweise retrospektiv zum Volltreffer machte, und mich im uneingeweihten Umfeld als hoffnungslos verblödet dastehen ließ.

Die Tage schickte mir mein Bruder eine Musikdatei, die ich nichtsahnend öffnete und die mich sehr erfreute.
Achim Reichel mit
Boxer Kutte.
Wie konnte es dazu kommen?

Ich wohnte noch bei meinen Eltern, lümmelte auf dem Bett herum, als ich plötzlich einen Schrei aus dem Nebenzimmer höre.
Kurz darauf fliegt die Türe auf und mein Bruder stürzt herein.

-WAS HAST DU GEMACHT!!!,  brüllt er und starrt mich wütend an.

-Was´n jetzt los?, denke ich.

-HIER! HÖR DIR DAS AN! VERDAMMTE SCHEISSE!!!

Er legt eine Cassette in meine Anlage und drückt auf Start.
Ich erkenne einen Song von
The Damned und zucke innerlich mit den Achseln. Was hat er denn?
Der schnelle Beat wird jäh unterbrochen von eine Frauenstimme, die säuselnd deutsch-schlagert:

Und du bist immer wieder aufgestanden,
du hast so oft ganz neu angefangen,
dass du geweint hast ist wahrscheinlich,
doch starke Frauen weinen heimlich.

Dann setzen The Damned wieder ein.
Als ich zu einer Erklärung aushole, wird der Gesang Dave Vanians erneut unterbrochen.
Dieses Mal von einer kopfig-tremolierenden Männerstimme im Grönemeyer-Stakkato.

Kutte lernt das Boxen für’n Appel und ’n Ei
Er ist hart im Nehmen und mit Herz dabei

Boxer gehn oft in die Knie
blaue Augen zahlen drauf;
Meister komm’n und gehen
aber Kutte steht wieder auf.

Beim Testen des neuen Receivers hatte ich unbemerkt diese beiden Schlagerfetzen in das Lieblingstape meines Bruders eingefügt, das er in mühseliger Fleißarbeit aus eigenen und geliehenen Schallplatten (!) aufgenommen hatte.
Hüsker Dü, The Cramps, Dinosaur Jr., Henry Rollins, The Damned, The Fall, Pixies
R. liebte diese Cassette so sehr, dass er sie trotz der grauenhaften Unterbrechungen weiter hoch und runter hörte, um mir regelmäßig Vorhaltungen über die ruinierte Sequenz zu machen.
Irgendwann allerdings hatte er sich so an den Schlagerschrott gewöhnt, dass er ihn, ironisch und Luftgitarre spielend, in Punk-Manier mitgrölte.
Noch später zitierten wir ihn fröhlich, wann immer es im Alltag um Stärke, Kämpfe, Niederlagen und Heldentum ging.
Lange Zeit danach gab die Cassette dann den Geist auf.
Kutte und die starken Frauen blieben für immer eingebrannt in den Langzeitspeicher unserer Hirne.