Armut, Jesus und ein Sexshop

Bald ist Weihnachten. Ein Tag wie jeder andere also. Jedenfalls für Obdachlose.
Vielleicht nicht ganz wie jeder andere: deprimierender.

Bundesarchiv Bild 102-10836, Berlin, Obdachlos...

Bundesarchiv Bild 102-10836, Berlin, Obdachlose vor dem städtischen Asyl (Photo credit: Wikipedia)

Wer nicht das Glück hat, wie hier in Berlin, am Weihnachtsschmaus von Frank Zander teilnehmen zu können, oder in einer Wärmestube unterzukommen, um eventuell ein Stück Stollen zwischen die Kiemen zu kriegen, für den ist der Tag noch etwas beschissener und trostloser als der Rest des Jahres.
Beim Fest der Liebe auf der Straße zu sitzen und zu frieren, niemanden zu haben, der einen beschenkt, und für einen da ist, muss sich besonders schlimm anfühlen.
Nicht, dass mich jemand beschenken würde, aber das nur deshalb nicht, weil ich es nicht möchte.
Weil mir Weihnachten nichts bedeutet. Genauer: weil mir das ganze Gedöns, Geblinke und Geheuchel zuwider ist, und weil es den Leuten um mich herum genau so geht.
Weihnachten, das war doch immer der Tag, an dem alle enttäuscht waren, und an dem die Mutter derartig überfordert war vom Einpacken, Putzen, Backen, Schmücken und Kochen, dass spätestens am Heiligen Abend die Fetzen flogen. Aber wie.

 

Trotzdem würde ich diesen Tag nicht auf der kalten Straße verbringen wollen, wenn die meisten Kneipen geschlossen haben, und von unten in die hellerleuchteten Räume schauen, wo im Schein der Lichterketten Elektrogeräte und Kaschmirschals von Tchibo hin- und hergereicht werden, und die Weihnachtsgans verdrückt wird, während mir selbst der Magen knurrt, und die Bundespolizei mich  aus der heimeligen Wärme des Ostbahnhofes jagt.

Obdachlose gehören inzwischen so sehr zu unserem Alltag, dass man sie wenigstens an Jesus Geburtstag in die gute Stube holen sollte.
Das kann jetzt jeder, denn die Firma Preiser hat ihrem Modellbausortiment nun auch die Minifiguren Obdachloser, Obdachlose und Bettler hinzugefügt.

Der Obdachlose sitzt in schäbigem Mantel auf einer Bank, seine Habseligkeiten in drei Beuteln neben ihm.
Für 3,25 € ist dieses Idyll zu haben, über das eine Kundin und Mutter begeistert schreibt:

Mich beeindruckt der starke innere Ausdruck, der in diese kleinen Körperlein gelegt ist!-„pädagogisch wertvoll: Ja!Empathie im Spiel“
Aber, ich finde die Darstellung dann doch „schöner“, weil das Original wirklich soo klitzeklein und filigran ist!“Haltbarkeit:erfordert Geschick“
Mein 11jähriger bekommt einen Adventkalender (jeden Tag eine Figur) und ich freu mich schon so beim Vorbereiten, (obwohl ich meine Märklin-Begeisterung sonst gut zügeln kann!)“Spaßfaktor“-JA!in dem Fall der der Mutter.

Hach, so macht Empathie Spaß, und riechen tut man auch nichts!

Die Obdachlose ist mit 6,38 € etwas teurer, aber sie ist schließlich eine Frau, und da kostet allein der Haarschnitt das Doppelte. Zudem ist der Einkaufswagen mit ihren Besitztümern, den sie vor sich herschiebt, besonders liebevoll gestaltet, und sie trägt, als lebensnahes Detail, zwei unterschiedliche Paar Schuhe.
Auch zu dieser Darstellung von Armut äußert sich die Kundschaft zufrieden.

Die Obdachlose ist ein nettes Detail für die Modelleisenbahn–Ein Muß in den heutigen Zeiten.
Hartz IV jetzt auch in H0.

Herrlich!

Der Dritte im Bunde ist ein Bettler, vor dessen Füßen ein Hut liegt.
Damit wird das wichtige, christliche Thema Almosen angesprochen und wunderbar in Szene gesetzt. Welcher Christ würde nicht gerne diesen Bettler, neben Maria und Josef, den berühmtesten Obdachlosen aller Zeiten, in die heimische Krippe stellen, und auf diese Art den lieben Kleinen (pädagogisch wertvoll) zeigen, dass Bettler Menschen aus unserer Mitte sind, denen wir helfen müssen.

Kunden, die dieses Trio kauften, kauften übrigens auch die Gruppe fröhliche Zecher, die Frau mit Staubsauger, den Mann auf Krücken und den Busch (!) 1004 Sex-Shop.
Mir letzteren im regen Verkehr einer Modellbaueisenbahn vorzustellen, erwärmt mein Herz.
Sex und Uniform.

Das ist fast noch geiler als Bettler, Obdachlose und Mann auf Krücken zusammen.