Hafenwelle

Epiphanien-Kirche_(Berlin)_Orgel
Es ist ja mal so
, beginne ich gerne die Sätze, deren Aussage ich mit einem freundlich lächelnden Unterton Nachdruck verleihen möchte oder wie man gemeinplatzig sagen könnte: in denen ich augenzwinkernd größere und kleinere Anliegen aufs Tapet zu bringen mich anschicke.

Es ist ja mal so, dass das vergangene Jahr, das ich klugerweise, bzw. aus schierer Erschöpfung und dem unbedingten Willen zum Neuanfang (so to say: Uhren auf Null stellen) bereits am 4. November, dem 521. Jahrestag der Entdeckung Guadeloupes durch Christóbal Colón, für beendet erklärte und mit dem Lieblingsmenschen ganz still und beinahe stumm ausklingen ließ, dass also dieses Jahr 2014 in Wahrheit (bemerkenswerte Floskel) erst jetzt seine letzten Wellen ans abflachende Ufer schlägt und stetig ins Nowhereland zwischen den Jahren, diese nicht-existente aber fühlbare Zeit, hinein drängt und im unbestellten Boden weich versickert.

Caminante, son tus huellas el camino

Eine Zeit, so leer wie die mongolische Steppe und vom gleißenden Licht eines Zwischenhochs überblendet, ein korrespondierender Temperatursturz, mit klammen Fingern an der Eiger Nordwand.

Die Künstlerin, die die nicht genutzten und unbeachteten Räume durch Abguss sichtbar macht. Den Platz unter der Treppe als deren negativer Abdruck. Leerraum in Volumen verwandeln.
Der nach innen gestülpte Erker.
Alles einmal anders herum denken und sehen. Überraschend und erhellend zugleich.

Und während draußen die Spatzen am gut gefüllten Futterhaus zetern, zum Zeitvertreib oder um in das tiefe Grollen der Feuerwerkskörper weiter südlich einzustimmen, schaue ich aus dem Fenster, dem vergehenden Tag hinterher, der ganz unerwartet zum Symbol für das vergangene Jahr geworden ist. Einer wie viele und doch so schwer und bedeutungsvoll und traurig.
Am blauen Himmel eine große Wolke, golden hinterleuchtet wie feinstes Porzellan.

Und ich denke an Blaubarts achte Frau. Den kleinen Schlüssel, der ihr zum Verhängnis wurde und an das, was sie zu gewinnen suchte, ehe sie alles verlor.
Und natürlich ist es Zufall, dass sich heute die Tsunami-Katastrophe zum zehnten Mal jährt und ich mich zurück erinnere an diesen Tag, an dem die Tränen mich beinahe erstickten.
Meine Gedanken sind bei Castorp, wie sie neben mir liegt, ihr Atem so schwer, und wie ich weine über diese unvorstellbare Anzahl an Toten und den Schmerz, der mit ihrem Verlust in die Welt gekommen ist, wo doch alles so friedlich schien und das Wasser sich zunächst zurückzog, um kurz darauf mit unvorstellbarer Kraft als Walze der Zerstörung zurückzukehren.

Ist doch nur Wasser, wenn ein Fremder weint

Und wie ich so sitze, das kleine Getüm neben mir und weine und weine, weil der Tod auch bei uns im Raum steht und auf den Tag einen Monat später durch diesen hindurch schreiten und sie mit sich nehmen wird, nachdem die letzten tiefen kehligen Schreie ihren Körper verlassen haben und sie daliegt ganz still und klein, bitte ich inständig, dass ich das werde tragen und ertragen können und ich weiss, dass ich gar keine Wahl habe: das ist das Muster des Lebens, in das ich eingewoben bin, ganz gleich welche Fluchtversuche ich auch zu unternehmen trachte. Wertvolle Zeit, die dabei verloren geht und so ist es das Schwerste und zugleich Einfachste, das Unveränderbare hin- und anzunehmen, den Negativabdruck, den unsichtbaren Raum, der das Leben umgibt.

Daran denke ich heute und es dunkelt schon bald, doch die Tage werden länger und so besteht Hoffnung.

 

 

 

(Bildquelle: Wikipedia, Epiphanien-Kirche Berlin, Orgel)

Kirchner Kleist Cobain

Wenn Sie einen Toten sehen: Welche seiner Hoffnungen kommen Ihnen belanglos vor, die unerfüllten oder die erfüllten?

Heute vor 15 Jahren hat sich meine Freundin B. erhängt. In ihrer Wohnung.
Nur zwei Stunden vor ihrem Tod habe ich mit ihr telefoniert. Wir besprachen ein Referat, das wir am nächsten Tag gemeinsam halten wollten.
Norbert Elias und John L. Scotson, Etablierte und Außenseiter.
Sie war ruhig und konzentriert.

Am Tag vor ihrem Selbstmord hatte sie die EC-Karte sperren lassen, die ihr abhanden gekommen war. Kurz davor war sie beim Friseur gewesen, und wenige Wochen zuvor hatte sie aufgehört zu rauchen. Alles Dinge, die dem Leben zugewandt schienen, und die uns Freundinnen hoffen ließen. Hoffen, dass sie das Tal der Depression durchschritten hätte, und dass es von nun an aufwärts gehen würde. Dass es ihr sehr schlecht ging, hatte sie immer wieder gesagt. Geschluchzt.
B. befand sich in therapeutischer Behandlung, aber es hatte den Anschein, dass die Gespräche nur das in ihr aufwühlten, was sie dringend vergessen wollte.
B. starb im gleichen Alter und auf die gleiche Weise wie ihr Vater.

Keine zwölf Stunden nach ihrem Tod warte ich auf sie. Wir wollen zusammen zur Uni fahren und unser Referat halten.
An ihrer Stelle erscheint ihre Mitbewohnerin. Als ich die Tür öffne, senkt sie den Blick und betritt wortlos die Wohnung. Ich weiß sofort, dass etwas Schreckliches geschehen ist. Und ich weiss instinktiv was es ist.
T. schaut in mein angespanntes Gesicht. Es rauscht in meinen Ohren, mir ist flau, ich habe Angst. Die Spannung ist unerträglich. Ich will wissen, was passiert ist, gleichzeitig möchte ich wegrennen, die Ohren zuhalten und  „Lalalal!“ rufen.
T. schließt die Wohnungstüre hinter sich.Gefangen.Wir stehen uns gegenüber.

-B. hat sich gestern aufgehangen, sagt sie ruhig und irgendwie verlegen.

-Aufgehängt,  korrigiere ich innerlich und warte darauf, dass sie –Wir haben sie einfach abgehangen und sie erholt sich gerade, hinterher schiebt.
Ich weiss, dass das nicht sein kann, aber B.´s Tod erscheint mir noch unmöglicher als diese hoffnungslose Utopie.

Vakuum Rauschen Watte Brennen

Ich schäme mich, dass sich selbst in diesem schrecklichen Moment mein pedantischer Sprachscanner zu Wort gemeldet hat. Gleichzeitig überrollt mich eine Welle der Panik und es schüttelt mich. Viel später erst kann ich weinen. Und dann lange nicht mehr aufhören. Beim Autofahren steuere ich Richtung Avus, höre Tocotronic, schreie und und trete das Gaspedal durch.

Jahre zuvor hatte sich schon Freund A. erhängt. Er hinterließ eine kleine Tochter.
Als wir uns das letzte Mal sahen, lebte ich bereits in einer anderen Stadt. Dort besuchte er mich für zwei Tage und erzählte von der Ruhe die er im Zen-Buddhismus gefunden hatte.
Tue was du tust
Nachdem er abgereist war, dachte ich oft an ihn, und was was er gesagt hatte und versuchte mich in der gleichen Gelassenheit zu üben. Fast beneidete ich ihn, diesen Anker im Leben gefunden zu haben.
Als meine Briefe und Karten, die ich schrieb unbeantwortet blieben, rief ich ihn an. Für gewöhnlich telefonierten wir nicht, sondern schickten uns regelmäßig Papiernachrichten.
Ich erwischte seine Mitbewohnerin.
-Hallo, kann ich bitte mit A. sprechen.
-Wer bist du?
-Eine Freundin.
Unheilvolles Schweigen. Und wieder weiß ich sofort, dass etwas nicht stimmt.
A. ist tot. Wenige Tage nach seinem Besuch bei mir hat er sich erhängt.
Tue was du tust

Der dritte Selbstmörder in meinem Leben, ist mein über die Maßen geschätzter, lässiger Englisch- und Sportlehrer, der uns am ersten Tag als Klassenlehrer englische Namen gegeben hatte. Ich war Shirley.
Es gefiel mir, dass er uns die Möglichkeit eröffnete in eine andere Rolle zu schlüpfen. Englisch wurde mein Lieblingsfach. Nach dem Sportunterricht, den er gerne in den nahe gelegenen Ostpark verlegte, nahm er diejenigen, die nicht mit dem Rad unterwegs waren in seinem schwarzgoldenen Käfer-Cabriolet mit. Er war anspruchsvoll im Unterricht, forderte und mochte uns, und wir bewunderten ihn für sein souveränes Auftreten.

Johannes M.

Nach den Sommerferien gehe ich ins Sekretariat um das Klassenbuch zu holen. Als ich die Sekretärin danach frage, schaut sie auf und blickt mich sehr ernst an. Plötzlich wirkt sie angespannt. Unnatürlich. Betreten.
Sie schweigt einen Moment, scheint mit  sich zu ringen.
Mir wird heiss, ich fühle mich elend. Stickig hier.
Etwas Schlimmes hängt in der Luft.
Ich kann es förmlich greifen.
Mit einer Hand stütze ich mich an ihrem Schreibtisch ab.
Sie hustet, sammelt sich und dann sagt sie es: Der Unterricht für die Klasse 9a fällt heute aus. Euer Klassenlehrer ist tot. Es ist noch unklar wie es weiter geht.

Ich bedanke mich für die Auskunft und sichere zu dies der wartenden Klasse mitzuteilen. Ohne das Buch laufe ich aus dem Sekretariat. An der Aula vorbei renne ich in Zeitlupe das alte offene Treppenhaus herunter. Meine Knie sind weich. Trotz meiner Angst bin ich merkwürdig euphorisch und atemlos. Gleich werde ich 35 Menschen sagen müssen, was geschehen ist.
Wochen später schreibe ich seiner Mutter, die bei München lebt, einen Brief. Ich will sie wissen lassen, wie traurig ich bin, wie sehr ihr Sohn fehlt.  Sie antwortet sehr herzlich und legt ihrem Brief ein schwarz-weiss-Foto bei.
Er hatte sich aus Liebeskummer erschossen.

Musik: Peter Gabriel, Don´t give up

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Nachtrag: dass Kurt Cobain´s Tod sich am 5. April jährt, habe ich erst nach Veröffentlichung dieses Artikels gelesen.