In Kröten enden

Das Schwierige am Kranksein ist das Kranksein. Kommt dann noch Kranksein obendrauf, ein anderes Kranksein, möglicherweise das gefürchtete, werden Geduld und Mut auf die Probe gestellt (gechallenged).
Seit ein paar Tagen habe ich Temperatur, Atemnot in der Nacht, neue, noch ungekannte Geruchsstörungen, Magen-Darm-Misere. Die Schwester sagt: mach einen Test. Der sterbende Hypochonder fragt: wozu denn noch?


Irgendwo wird Brot gebacken, Schnecken kriechen über Kaffesatz, in einem Garten sitzt eine Kröte, die Augen in den Gaumen gewachsen erspäht sie die Beute mit offenem Maul und schaut ihr im Herunterschlingen beim Sterben zu.
Anderswo wächst ein Kind auf, ein Hund, ein Kalb. Nicht alle werden das nächste Frühjahr erleben.
Im Winkel des Kreuzes ein Nest.

So geht das, immer weiter. Und es ist nicht so schlimm, wie man denken sollte: es ist entsetzlich und tröstlich und wunderbar zugleich.

Früher, als ich noch Tiere aß, bestellte ich gerne Schwertfisch vom Grill. Der serbische Kellner des griechischen Lokals brachte vor (dem), während (des) und nach dem Essen(s) einen Ouzo (auf´s Haus). Den ersten und letzten kippte ich heimlich in die winzige Tischvase, die überlief und sich auf der Strukturdecke ergoss.
In dem bunkerartigen, fenterlosen Lokal dudelte Musik in Dauerschleife. Am Ende jedes Durchlaufs erklang ein geheimnisvolles Pfeifen, eine versonnene Traummelodie, man hörte das Klappern in der Küche, die Stimmen der anderen Gäste und dann ging alles von vorne los.

Bei meinem letzten Besuch bat mich der Kellner im Beisein des Kanzlers, den Ouzo nicht wieder in die Vase zu schütten.

In der Nacht erwachte ich mit Herzklopfen und Durst.

Außenwelle

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Gibt es die eigentlich noch, diese Dauertanzwettbewerbe, bei denen zu Tode erschöpfte Pärchen sich auf einer halbverlassenen Tanzfläche im Kreise drehen, bis sie umkippen und dafür belohnt werden mit was weiß ich.

Gibt es die eigentlich noch, diese kleinen PEZ-Spender in deren langen Plastikhals man einen Stapel der eckigen flachen Bonbons einlegt und diese dann durch Nachhintenklappen des aufgesetzten Tierkopfes oben wieder herausschiebt und aufisst?(Rauchen verboten, PEZen erlaubt!)

Früher waren es rot eingefärbte Nüsse, die wir aus dem Tischautomaten am Tresen holten, während unsere Eltern beim Ouzo versackten im blauen Dunst.

Gleich nebenan die Reinigung, Röver, und einen Eingang weiter das kleine Wollgeschäft in das ich an einem Herbsttag, ich muss 11 gewesen sein, hineinspazierte, 12 Knäuel dicke taubengraue Schurwolle kaufte und die Verkäuferin anschließend fragte wie ich einen Pullover daraus fertigen könne. Sie erklärte es mir und gab mir ein paar Stricknadeln in die Hand. Danach saß ich jeden Nachmittag bei ihr und strickte, so, wie sie es mir gezeigt hatte, und auch sie handarbeitete schweigend, warf ab und an einen verwunderten Blick zu mir herüber und lächelte.

Man kann sich denken, dass das Ganze nicht den Beifall meiner Mutter fand, doch was sollte sie schon dagegen sagen. An Weihnachten jedenfalls war der Pullover fertig und ich trug ihn zum Gottesdienst in der evangelischen Kirche, unten im Ort. Meine Schwester hatte ihre roten Haare zu einer schönen Außenwelle geföhnt und der Baron spielte hingebungsvoll vor dem Altar auf der Gitarre, dass ihr beinahe ihr junges Herz zerschmolz.

Zuhause dann wird wohl der übliche Weihnachtszirkus mit Schreien und Flüchen stattgefunden haben. Ich erinnere mich nicht daran. Zu gut war das Gefühl in meinem selbstgestrickten Pullover bei Tische zu sitzen und  prostestantisch-korrekten Kartoffelsalat zu essen.

 

 

 

 

 

Bildquelle: Wikipidia, Von Jiri Hönes – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=14931679