over me

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Am Morgen erwache ich mit einer Textzeile im Ohr und sehe mich am Frankfurter Ostbahnhof unweit meiner Schule mit A. auf einem Mäuerchen sitzen. Er pafft. Ich schaue ihm zu und denke an meine Mutter, wie sie mit tiefausgeschnittenem Negligé am Frühstückstisch sitzt, eine Zigarette in der linken Hand, vor ihr eine halbvolle Tasse Filterkaffee.

Ich bin 12 Jahre alt und habe vor wenigen Wochen meine erste LP gekauft. Einzelne Liedfetzen gehen mir im Kopf herum. Hey, hey, you, you, get off of my cloud.
Als er ferig geraucht hat, steht A. auf, greift in seine Hosentasche und holt ein plattgesessenes Lederportemonnaie heraus, das an den Rändern rundgebogen ist. Er klappt es auf, zieht aus einem der Fächer einen Zeitungsausschnitt und reicht ihn mir mit einem Kopfnicken herüber. Liebe ist… steht da über einer Zeichnung mit zwei Figuren, einem Mann und einer Frau, die nebeneinander im Bett liegen, und darunter steht … jeden Tag mit Sonntagslaune zu erwachen. Ich weiss nicht was ich sagen soll und sage nichts.

Ein paar Wochen später sitzen wir auf der Mauer hinter der Post und rauchen, A.s Oberschenkel berührt meinen. Er legt den Arm um mich und sagt: Meine Eltern sind nicht Zuhause. Meine Füße brennen, als wir von der Mauer herunter auf den harten Boden springen. A. greift nach meiner Hand. Ich ziehe sie weg und binde, wie zur Erklärung, meine Schuhe. Wir gehen nebeneinander her in Richtung Röderbergweg, A. redet über Fußball und über die Mädchen in unserer Schule. Über Anke, die schon einen BH trägt.

Vor einem der graubraunen, grob verputzten Häuser bleibt A. stehen und holt einen Schlüssel heraus. Fast alle in meiner Schule tragen einen Wohnungsschlüssel bei sich. Ich nicht. Bei uns ist immer jemand Zuhause und falls nicht warte ich im Hof oder im Garten. Einmal saß ich mehrere Stunden am Fuße des Mammutbaums und schaute nach oben zu unserem Turm, in dem eine Leiche eingemauert ist und auf dessen Spitze eine Kugel aus Zinkblech steckt. Irgendwann kam meine Mutter vom Friseur zurück. Ich erkannte sie von weitem am Klang ihrer Absätze.

A. wohnt mit seinen Eltern in einer Genossenschaftssiedlung. In der Diele liegt graue Auslegware. Die Türen zu den Räumen sind geschlossen. Der Vorraum ist auf eine Weise aufgeräumt, wie ich es von Zuhause nicht kenne. Unsere Ordnung ist eher eine zufällige, hingeworfene. Diese hier ist grundlegend und sie riecht nach Putzmitteln und Seife.
A. zieht seine Schuhe aus, ich folge seinem Beispiel. Dann öffnet er die Türe zu einem der Zimmer. Es liegt im Halbdunkeln, die Rolläden sind herunter gelassen und an der Stirnseite befindet sich ein breites Bett mit einem regalartigen Aufbau am Kopfende. Ein Dutzend Bücher, alle etwa gleich hoch und dick, stehen darin, daneben ein schwarzer Radiowecker mit roten Leuchtziffern. A. macht eine kleine Lampe an und nun sehe ich, dass der Bettrahmen und der Aufbau komplett mit pfirsichfarbenen Samt bezogen sind. Ein glänzender Steppüberwurf in der gleichen Farbe liegt auf der Matratze, die Volants reichen hinunter bis zum Boden und erinnern an die Toilettenpapierumhäkelung in der Gestalt einer Flamencotänzerin, die man auf manchen Autoablagen sehen kann.

Setz dich zu mir, sagt A. der sich wie selbstverständlich aufs Bett gelegt hat und ich setze mich zu ihm. Die Matratze sinkt ungewohnt stark ein und ich rutsche ein Stück nach hinten um nicht abschüssig zu sitzen. A. streckt einen Arm nach mir aus und legt ihn um meine Taille, den Daumen hängt er in den Bund meiner Jeans ein, unsere Haut berührt sich. Ich fühle mich unwohl. Eine Weile geschieht weiter nichts. Wir schweigen, er liegend, ich sitzend, sein Daumen kreist auf meinem Bauch. Irgendwann richtet A. sich auf und streift zuerst seinen Pullover und dann das T-Shirt darunter ab. Ich ignoriere das so gut ich kann und schaue mir die Buchrücken des Bücherdutzends an. Unbezähmbare Angélique steht dort, oder Angélique und Ihre Liebe, daneben Angélique und die Versuchung und als letztes in der Reihe Angélique triumphiert.
Zieh dich aus,
sagt A. jetzt und guckt mich merkwürdig an. Ich bin unschlüssig was ich tun soll. Als er nicht aufhört mich anzustarren, ziehe ich meinen Pullover aus. Das T-Shirt auch, fordert A. und legt nun eine ganze Hand auf meinen Bauch.
Ich möchte nicht, antworte ich, da greift A. von hinten um mich herum und schiebt mein T-Shirt mit beiden Händen nach oben. Mit einem Ruck hat er mich aus dem Sitzen ins Liegen gerissen und mir mein zwei Handgriffen das Hemd ausgezogen. Wenn ich wie die C. Ohrringe trüge, hätte er mir jetzt das Ohrläppchen eingerissen, denke ich. A. setzt sich auf mich, fährt mit beiden Händen an meinem Körper hoch und runter und stößt mit seinem Becken gegen meines. Seine Augen sind glasig und seine Unterlippe hängt ein wenig. Ich schaue ihn an und spüre weder Angst noch Anspannung. Eher so etwas wie Verwunderung. Auf eine merkwürdige Weise erinnert er mich an unseren Graupapagei, wenn er, auf der Stange sitzend, mit dem  Kopf auf und ab wippt und um unsere Aufmerksamkeit buhlt.

Nach einer Weile, ich weiss nicht wieviele Minuten inzwischen vergangen sind, lässt A. sich auf mich sinken und ich spüre seine dampfige Haut auf meiner. Seine Beckenbewegungen werden härter und meine Hüftknochen schmerzen darunter. Grunzend beisst er in meinen Hals. Der Geruch von Speichel dringt in meine Nase und ich denke an einen Nachmittag mit unserer Nenntante im Günthersburgpark. Wir hatten Brötchen mit Esszettschnitten gegessen und sollten anschließend in ein Stofftaschentuch spucken, damit sie unsere Gesichter abwischen konnte. Mich ekelte davor.
A. sackt zusammen und bleibt regungslos auf mir liegen.  Ich warte einen Moment, bis ich sicher bin, dass es vorbei ist. Dann schiebe ich ihn weg, stehe auf und ziehe mich an.  Vor der Haustüre schlüpfe ich in meine Schuhe.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Tobi Gaulke, Oerlikon Walk, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Behandeling

SAMSUNG
Komm, wir gehen in die Schlemmerabteilung am Ostbahnhof
, sage ich zu dem Einen, und meine damit Rewe im Souterrain des trostlosesten aller Berliner Bahnhöfe. Mit mäßiger Euphorie machen wir uns fertig für die sonntägliche Tristesse, eine kleine Runde an der frischen Luft kann uns nicht schaden, danach legen wir uns einfach wieder ins Bett. Durch den Badezimmerspiegel schieße ich ein paar Photos von uns beiden. Nie war der richtige Moment dafür im letzten Jahr, jetzt ist er da, die 25- Watt-Beleuchtung steht uns ausgezeichnet, ich mache gleich sieben. Verschwommen, zerzaust und glücklich sehen wir auf den Bildern aus, die mich schon wenige Sekunden nach ihrer Entstehung anrühren, als verwiesen sie auf einen längst versunkenen Sehnsuchtsort, ein Atlantis der Liebe, untergegangen in den Wehen der Geschichte.

Wir sind da, wir leben!

Ungeduscht und mit hochgestelltem Kragen gehen wir durch den diesigen Februarnachmittag, mich fröstelt. Der frisch gewaschene Hund trottet brav an unserer Seite. Es geht ihm wieder gut, die Krankheit scheint wirklich überstanden.

Auf der Schillingbrücke kommen uns auffällig viele auffällig gekleidete Menschen entgegen, nicht als Gruppe, sondern jeder für sich, das Berghain ist nicht weit entfernt, und ich bin mal wieder hin- und hergerissen, ob ich heute großzügig sein und ihnen die Aufmerksamkeit schenken soll, nach der es sie, auf ihre verdrogte, paranoide Weise, mit verstohlenen Seitenblicken, over-acting den Irren spielend, dürstet (Schaust Du mich an? Du hast mich angeschaut. Du glotzt mich an!), oder ob ich sie vollkommen ignorieren, links liegen lassen soll und so die Beifall fordernde Bühne mit meiner Abrissbirnen-Verweigerung in Trümmer lege.

Man müsste ein Schild bei sich tragen, denke ich, eine Pappe, auf einem Holzstab montiert, und immer, wenn mir jemand entgegen käme, dessen ganzer Habitus, dessen hungrige Existenz nach Aufmerksamkeit schreit – m´as tu vu? – höbe ich es hoch, das Schild, trüge es vor mir her, wie ein Kruzifix bei einer Prozession und blendete den Bedürftigen mit meiner gütigen Gnade:

Ja, ich habe dich gesehen!

Mit dem Ernst eines Messdieners ginge ich an ihm vorbei, das Kinn feierlich erhoben, den Blick vage ins Unendliche gerichtet.

Hoffentlich kommt einem nicht mal einer entgegen, überlege ich weiter, während wir schweigend nebeneinander hergehen, der gerade cloud nine, oder irgendeine andere Designerdroge intus hat, unter deren unheilvollem Einfluss er sich auf mich wirft, sich vor den Augen des Liebsten in mein Gesicht verbeisst, wie ein Beutelteufel in die Schnauze seines Rivalen, und auf diese Weise versucht seine unstillbare Gier nach Leben zu befriedigen.
Ich sehe mich schon am Boden liegen, den Wahnsinnigen über mir. Eine zufällig vorbeifahrende Polizeistreife hält an, die Beamten versuchen mit vereinten Kräften den Zombie zu überwältigen, greifen schließlich zu ihrer Dienstwaffe und strecken ihn mit einem gezielten Schuss nieder. Der Mann ist sofort tot.

Bald darauf erliege auch ich im Krankenhaus meinen furchtbaren Verletzungen und tauche als 9. Opfer des noch jungen Jahres in der Berliner Drogenstatistik auf. Irgendjemand hat am Tatort mein Handy an sich gebracht und wenige Tage später gehen die Badezimmerbilder durch die Presse.

So glücklich war sie 30 Minuten vor ihrem grausamen Tod!

Zum Glück erreichen wir den Bahnhof ohne größere Zwischenfälle und stärken uns dort mit einem Ferrero Küsschen und einem Cappuccino.
Den Nachmittag verbringen wir, wie geplant, in unserem Bett, dem Sehnsuchtsort.

Wir sind da, wir leben noch!

 

 

 

 

 

Es geht voran

Bald wird es dunkel, und für einen ausgedehnten Spaziergang im Tiergarten sind wir spät dran. 
Schnell die dicke Jacke angezogen, Schal umgeworfen, Schlüssel geschnappt und zack, zack, zack 
aus dem Haus gestürzt. 
Töle spürt die Eile. Sie senkt den Kopf ein wenig und trabt konzentriert neben mir her.
Mariannenstraße, Schillingbrücke, Koppenstraße.
Am Ostbahnhof angekommen, hetze ich durch die ausgestorbene Minerva-Passage und blicke nach rechts.
Die Postfiliale bietet zwar keinen Geldverkehr, dafür aber Zigarren an, die neben dem Eingang in Humidoren aufbewahrt werden. Erstaunlich. 
Der Sandwich-Laden mit den passablen Thunfisch-Stullen ist schon wieder ausgezogen. Sein Vormieter Subway hat den zweiten Anlauf genommen hier Fuß zu fassen. 
Wie früher, ist der Laden auch heute wieder gähnend leer. 
Nicht die richtige Ecke für belegte Weißmehl-Produkte. Die Konkurrenz durch Mc Donalds und Backwerk in der Haupthalle ist einfach zu groß. 
Um dem lukullischen Elend die Krone aufzusetzen wird wahrscheinlich 
Dunkin Donuts als nächstes hier eröffnen.
Ein im Mittelgang aufgebauter Pavillon verkauft neben Filzpantoffeln, Schals mit Leopardenprint, bunten Socken und Moonboots auch Plüschhausschuhe in vielfältigen Ausführungen: Riesen-Chucks, Welpen, Ferkel, Drakulaköpfe, Tigertatzen, Bärenpranken usw.
Ich stelle mir vor, wie die glückliche Kundin Puschen für sich und ihren Partner erwirbt, die die beiden fortan in ihrer Freizeit tragen werden. 
Die Dame des Hauses trägt die Ferkel zur rosafarbenen Jogginghose mit silbernen Seitenstreifen. Der Gatte kombiniert die Raubtierfüße mit der legeren, tiefsitzenden Sweat-Hose in hellgrau.
Der Gedanke gefällt mir, und während ich mir den Alltag des Pärchens, zwischen RTL, festen und flüssigen Kohlenhydraten, sowie Lexmaul-Tuning ausmale, sehe ich mein Spiegelbild in einem Schaufenster.
 Abrupt bleibe ich stehen.
 „Nein!“ 
Töle schaut mich an und gähnt verlegen. 
„Gibt´s doch nich!“
 Der Hund macht Sitz.

Zur schwarzen Hose und schwarzen Schürstiefeln trage ich tatsächlich eine rote Jacke mit gelbem Schal und gelber Kapuze, und sehe aus wie eine Deutschlandfahne. Schwarz, rot, gelb.
 Dass ich das nicht schon Zuhause gemerkt habe! 
Ob ich mir rasch etwas anderes zum Anziehen kaufe? 
In der Haupthalle gibt es einen Fanshop für Hertha BSC und die Berliner Eisbären. 
Die Fanartikel in XXXL sind zu blau, zu geräumig und sowieso nicht mein Fall. 
Ansonsten steht noch der Modevertrieb von Frau Pooth zur Auswahl.
 Der Preis für den Billigramsch ist mir zu hoch. Hungrige Kinder nähen nicht besonders gut.

Aber in diesem Flaggenlook durch die ganze Stadt?
 Dann lieber mit Drakula-Puschen in die S-Bahn steigen, einen Haarreif mit blinkenden Teufelshörnern aufsetzen und den Hund Männchen machen lassen.
 Wahrscheinlich würde sich Töle in meine Plüschfüße verbeissen und totschütteln spielen.
 Die Mitreisenden würden sich freuen, ihr lächelnd den Kopf tätscheln, die Mini-Pizza 
mit ihr teilen und mir ein paar Kupfermünzen vor die Füße werfen.


Ich beschließe meine Pläne zu vertagen und nach Kreuzberg zurück zu kehren.

Der Abwechslung halber gehen wir heute an der East- Side- Gallery entlang, Richtung Oberbaumbrücke, um torkelnde Touristen (TT) zu gucken.
 Der von Künstlern gestaltete Überrest der Berliner Mauer mit seiner naiv-düsteren Achtziger-Jahre-Ästhetik ist auch heute wieder ein Magnet für die Besucher der Stadt.
 Besonders beliebtes Fotomotiv, ist das Bild der in Ketten gelegten Friedenstaube. 
Ganze Gruppen bleiben davor stehen und lassen sich ablichten, ehe sie sich einen Original-DDR-Stempel in ihren Reisepass drücken lassen.
 Ohne nach links und rechts zu schauen laufen sie kreuz und quer (TT) und schrecken verstört beiseite, als ich versuche mir mit einem „Achtung!“ den Weg durch die Menge zu bahnen.

Wahrscheinlich schüchtert sie der Nationalfahnen-Aufzug, gepaart mit meiner harschen Aufforderung und dem Hund an meiner Seite, hier im ehemaligen russischen Sektor so sehr ein, dass sie beinahe glauben, die Mauer stünde noch und jeden Moment käme ein Volkspolizist sie zu verhaften, in düstere Stasi-Gefängnisse ab zu transportieren und wochenlang gnadenlos verhören zu lassen.

Direkt hinter der East Side Gallery fließt die Spree. Sie bildete die natürliche Grenze zwischen Ost- und West-Berlin.
 Bis 1989 patrouillierten hier die Grenzposten der DDR.

„You are entering a world of pain“  hatte um die Jahrtausendwende ein anonymer Sprayer in riesigen, kunstvollen Lettern dort auf die Mauer gesprüht.
 Schade, dass das Graffito übertüncht wurde.
 Heute finden sich hier nur ein paar geistlose Kritzeleien und die üblichen Tags.

Ich erinnere mich an die Werbung für ein Sprachinstitut, das Anfang der 90er Jahre Deutsch als Fremdsprache anbot „Learn German, as quick as you can spell reunification“. 
So schnell, wie sie buchstabiert und beschlossen war, hat sich die Wiedervereinigung nicht vollzogen. 
Auch nach über 20 Jahren, werden in den Neuen Bundesländern noch niedrigere Löhne gezahlt, als in den Alten.

Gleich sind wir an der Oberbaumbrücke. Im Lärm der riesigen Kreuzung zwischen Friedrichshain und Kreuzberg stehen ratlose Besucher der Stadt und studieren einen Reiseführer.
 Mit Hund wird man sofort als Einheimische identifiziert, und natürlich fragen sie mich nach einem der unzähligen Hostels, deren Namen ich noch nie gehört habe, weil sie mich naturgemäß nicht interessieren.

Als wir die schönste aller Berliner Brücken Richtung Süden überquert haben, biegen wir rechts ab ans May-Ayim-Ufer, und befinden uns jetzt auf der gegenüberliegenden Seite der East-Side-Gallery.
 Zur Kolonialausstellung wurde dieser Uferabschnitt ab 1891 ordentlich aufgehübscht. (Ausgerechnet hier spaziere ich jetzt in den deutschen Nationalfarben mit frisch gewaschenem weißen Hund entlang!) 
Die Doppel-Kaianlage ist eine Besonderheit. Anstelle des Leuchtturmes von damals, steht dort seit zwei Jahren die Signalkugel einer Berliner Künsterin.

Nach der Teilung Berlins verlief hier die Sektorengrenze, wobei die Spree in voller Breite zu Ost-Berlin gehörte. 
In den sechziger und siebziger Jahren wurden hier nicht nur die Menschen erschossen, die versuchten über den Fluss in den Westen zu gelangen. Es ertranken auch einige West-Berliner Kinder, weil den Rettungskräften jedes Eingreifen durch die Grenztruppen der DDR untersagt war.
 Später wurden Wasserunfallmelder aufgestellt die den DDR-Grenzposten optische und akustische Signale gaben, um (auf gleiche Weise) eine Ausnahmegenehmigung für die Rettung eines Ertrinkenden zu erhalten. 
Um weitere Kinder vor dem Sturz ins Wasser zu bewahren wurde oberhalb der Uferböschung enger Maschendraht gespannt.
Ein Teil davon steht heute noch. Löchrig durch die Jahre, wird auch er in Kürze dem neuen Anstrich des Modebezirks Kreuzberg weichen.

Man fängt an um die merkwürdigsten Dinge zu trauern, denke ich, als ich nach Hause trotte und an den leerstehenden Räumen der ungeliebten kleinen Schlecker-Filiale auf der Köpenicker Straße vorbei komme.
 In der Wrangelstraße werden die letzten Häuser saniert und selbstverständlich in Eigentumswohnungen umgewandelt. 
Wir warten gespannt auf den Einzug der neuen Nachbarn.
 Wer wird wohl als erstes gegen den, in der Markthalle beheimateten Privatclub klagen, und dessen Schließung erzwingen? 
Wieso sollte es hier in Kreuzberg anders laufen, als am Prenzlauer Berg? 


Sogar der traditionsreiche Knaack-Club, der immerhin 59 Jahre durchgehalten hat musste dem Druck der zugezogenen, neuen Eigentümer weichen. 
Der Magnet Club ist aus dem gleichen Grund nach Kreuzberg umgezogen; das Icon hat ganz dicht gemacht.
 Als im vergangenen Jahr der Club der Republik schließen musste, hing man kurzerhand ein Transparent aus dem Fenster, das mir gut gefallen hat.

Club der Republik

Zuhause angekommen schlägt mir eine Rauchwolke im Treppenhaus entgegen. Es stinkt auch wieder nach Pisse, und missmutig kicke ich die Scherben auf dem Boden beiseite, ehe Töle sich etwas eintritt.


ARF- Asoziale Radikale Ficker,

lese ich, als ich die Tür aufschließe . 


Kreuzberg 36, auf den Rest den scheiss ich!

steht darunter, ergänzt von

Fick die Welt

und


FUCK SYSTEM .

Daneben ein Fleck getrockneten Blutes.

Auch um diesen Schmutz und Gestank werde ich wohl eines Tages trauern, wenn endlich die letzte Eigentumswohnung verkauft ist. 


Mir graut vor dem Moment, in dem ein Gebäudereiniger sein Gerüst hier aufbaut und ich schriftlich dazu aufgefordert werde mich an der Planung zur Luxussanierung zu beteiligen.

Solange es hier so aussieht werde ich wohl noch ein bißchen bleiben können, bis die Gentrifizierung auch über mir zusammenschlägt wie eine große Welle.

Antikmarkt Ostbahnhof

English: Train hall of the station Ostbahnhof ...

English: Train hall of the station Ostbahnhof („East Station“) in Berlin (Photo credit: Wikipedia)

Der Ostbahnhof durfte lange Zeit den Titel Hauptbahnhof führen.
Ursprünglich 1842 als Frankfurter Bahnhof eröffnet, wechselte sein Name im Verlauf der Geschichte zu Niederschlesisch- Märkischer Bahnhof und dann zu Schlesischer Bahnhof. Ab 1950 schließlich zu Hauptbahnhof.
Jetzt heißt der Lehrter Bahnhof so und der Ostbahnhof wurde der Gare de L`Est von Berlin.
Das Wort Osten hat in Berlin eine vielschichtigere Bedeutung als in jeder anderen Stadt der Welt.
Osten ist ein Begriff, ja sogar eine Zeit.
“Als noch Osten war…” bezieht sich in den persönlichen Biografien auf die Zeit vor 1989.
Der Osten wurde über Nacht politisch abgeschafft und existierte zugleich immer weiter, nämlich als der Osten der Ossis, denn DDR-Bürger gab es nicht mehr.
Das was westdeutscher Osten gewesen war rückte in die Mitte Deutschlands.
Von West-Berlin aus betrachtet war zu Mauerzeiten alles ringsum DDR.
Heute meint man mit der Angabe: der kommt aus dem Osten durchaus auch eine Person, die beispielsweise aus dem westlich von Berlin gelegenen Potsdam stammt.
In einem wiedervereinten Korea wäre das Bedeutungspendant zum Ostbahnhof ein Nordbahnhof, und es würde vermutlich heißen: Als noch Norden war. Vielleicht auch: als noch Kim Jong-Un , war.
Wer weiß.
Der Ostbahnhof liegt sehr zentral fast genau in der Mitte Berlins.
Vis à vis der East-Side-Gallery,
Kreuzberg, selbst bei Nebel in Sichtweite.
Die gesamtdeutsche Geschichte ist so präsent, dass unlängst die großräumige Umgebung um meinen Berliner Lieblingsbahnhof gesperrt war, und zwar nicht, wie vermutet, weil hoher Staatsbesuch sich angekündigt hatte, sondern weil mal wieder eine Fliegerbombe gefunden wurde (wahrscheinlich beim Bau weiterer Gentrifizierungs-Objekte in dieser Ecke).
Auf der Rückseite des Ostbahnhofes, also der Nordseite, findet allwöchentlich ein Antikmarkt (kein Flohmarkt) statt.
Dieser Markt ist eine Art Freiluftmuseum.
Da es mir nicht primär ums Kaufen, sondern vor Allem ums Sehen geht, lohnt sich der Weg jeden Sonntag auf´s Neue.
Es gibt Händler mit schönen Radierungen, altem Porzellan und besonderem Glas.
Man findet Ausgestopftes, Bedrucktes, Geschriebenes,
Gerahmtes, Poliertes, Gehyptes,
Unnützes, Ostalgisches, Literarisches,

Flohmarkt - old radios

(Photo credit: Norte_it [Dario J Laganà])

Graphisches, Politisches, Geschichtliches, Militaria.
Plastikikonen und -monster, Kasperle-Handpuppen aus Vor-Weimarer Zeit,
Manschettenknöpfe, Projektoren inklusive Bildmaterial, Kitsch und Kunst.
Seltenes, Emailleschilder, Botanisiertrommeln,
Geschnitztes, Grammophone, Gewebtes, Besticktes,

Privates, Geliebtes und Zerbrochenes.

Inzwischen gibt es hier auch Händler, die frisch gepressten Orangensaft zum Preis von 1 Euro feilbieten.
Im Ostbahnhof selbst regieren Gerry Weber, Lidl, Rossmann, KiK, die Back Factory, Mc Donalds und Deichmann.

Things Have Changed. A worried man with a worried mind. No one in front of me and nothing behind … I used to care, but things have changed …
(Robert (Dylan) Zimmerman)