medium rare

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Der Kanzler fährt mit den beiden Frauen und dem Jungen in den Süden. Sie will sich verabschieden. Vom Meer, vom Sand, vom Horizont. Dem Kind eine Erinnerung schaffen.

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Oben auf der Markise baut die Amsel ihr Nest. Die Katzen schauen zu, schmal ihre Pupillen, wie Todesschlitze.
Darwin-Award, sagt der Eine schulterzuckend, wer so dumm ist wird eben keine Nachkommen haben. Natürliche Auslese.

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Hinter dem Bethanien, neben einem Mülleimer, liegen die abgenagten Wirbelsäulen zweier großer Tiere inmitten der Habseligkeiten eines Sandlers, wie ihn die Doktorandin nennt. Wenige Schritte entfernt lebt eine Gruppe osteuropäischer Menschen, vorwiegend Männer, unter einem Treppenabsatz. Ihr Quartier haben sie mit Planen vor den Blicken und dem eiskalten Wind abgeschirmt. Ab und an hört man sie zetern, hinter Brettern und Plastikwänden. Nachts, wenn der Mariannenplatz leer ist, finden sie sich in dem kleinen Rondell zusammen und trinken auf ihre Freundschaft und auf die Zukunft, den fernen Planeten.

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Frühling. Der erste zarte Schimmer zeigt sich an den kahlen Ästen, die Farben kehren zurück.
Der Hund trägt bereits seine Sommerfrisur. Leichtfüßig tänzelt er durch den Park, die Nase im Wind, ein freundliches Schwanzwedeln hier und da. Auch Hunde pflegen nachbarschaftliche Beziehungen.

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In den Cafés halten die Flaneure blinzelnd ihre Winterblässe in die Sonne. Ein auffälliger Bartschwund hat stattgefunden in den Monaten der Häuslichkeit, ansonsten immer noch tiefsitzende Röhrenhosen und ausgemergelte Gesichter mit sparsamer Mimik.

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In letzter Zeit, ein aufmerksamer Kommentator bemerkte es bereits, frage ich mich immer häufiger, ob ich noch schreiben soll. Alles scheint gesagt. Leben und Tod und Teufel und Universum. Und Liebe natürlich. Variationen hier und da. Befindlichkeiten, Geplapper. Sinnlos und laut. Alle reden viel zuviel und sagen viel zuwenig, ohne Pause, ohne Verstand und ich mittenmang.
Fellpflege nennt das der Kanzler. Gegenseitiges verbales Lausen. Plaudern, über das Wetter reden, zusammen sitzen in der vertrauten Geborgenheit der Herde.

Verzweiflung, nenne ich es. Labern gegen das Vergehen und gegen die Hoffnungslosigkeit.
Gefühlsverkatert bin ich. Es gab derer zuviele in den letzten Monaten. Nicht das kleine Einmaleins, sondern das Große. Tausend mal tausend. Die riesigen Themen, das, was die Welt zusammenhält oder auseinanderfallen lässt, zumindest die meine.
Mit Hochdruck arbeite ich an meiner Gesottenheit. Inzwischen liegt sie bei medium rare.
Es tut weh, wenn sich das Fleisch von den Knochen löst.

(Wer schreibt der atmet)

 

 

 

 

 

Bild: Kenneth Parker, Family
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Kadaver

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Al fin de la batalla,
y muerto el combatiente, vino hacia él un hombre
y le dijo: «¡No mueras, te amo tanto!»
Pero el cadáver ¡ay! siguió muriendo.

Masa, César Vallejo

 

Der Bauschaum in meinem Gehirn härtet langsam aus, kalt wird’s im Oberstübchen, doch ich verbiete dem Hypochonder in mir „Gift + Bauschaum + Geruchshalluzinationen“ zu googlen.
Solche nämlich verfolgen mich in Form von Verwesungswahn, seit ich mit der S-Bahn in Richtung Westkreuz unterwegs war und sich dort schlagartig ein widerwärtiger Pestilenzgestank breit machte, der selbst die Gruppe der rülpsenden Saufprolls  aufschreckte und in den benachbarten Teil des Wagens trieb, wo sie laut röhrend über den unerträglichen Gestank abkotzten.
(Alta, isch kotz ab!)

Ich selbst, geschützt durch partielle Geruchstaubheit, nehme zunächst nur die Bewegung, den kleinen Tumult, den Aufruhr im Wagen wahr, registriere wie es leer und leerer wird um mich herum, sehe mit einem Auge, dass einige Fahrgäste auf Zehenspitzen ihre Nase den gekippten Fenstern entgegenrecken, und wundere mich, ohne weiter darüber nachzudenken, dass der Eine oder Andere sein Halstuch über Mund und Nase schiebt, das Kinn auf die Brust legt und den Blick ganz tief nach innen richtet.

Und wie ich mich so leise wundere, erwischt auch mich, völlig aus dem Nichts heraus, die Welle, brandet in meine Wahrnehmung hinein, drückt sich in die Nase, in die sich zusammen ziehenden Schleimhäute, nach oben ins Gehirn, löst dort einen tiefen, sehr heftigen Ekel und Würgreiz aus, den ich nur mit höchster Konzentration niederzukämpfen vermag, so sehr hebt es mich, meinen Magen, rührt in den Eingeweiden herum, zieht mir die Mundwinkel nach unten und raubt mir den Atem. Die Zunge ist kurz davor aus meinem Rachen zu springen, wie Kai aus der Kiste, das Entsetzen hinauszuspeien, das Schütteln, das Grauen, dass sich pastös noch oben schiebt und mein Denken lähmt.

Die Quelle des unerträglichen Gestanks ist schnell ausgemacht:
ein Mann Mitte Dreißig, der beim letzten Halt zugestiegen sein muss, einer, wie man sie häufig in der S-Bahn antrifft, mit ausgefranstem Bart, schmutzigem Gesicht, schwarzgeränderten Fingernägeln und lumpiger Kleidung, nichts Ungewöhnliches an sich, hockt mit angewinkelten Beinen vor der hintersten Tür des Waggons und schaut durch die Scheiben nach draußen in die vorbeiziehende Tristesse.
Scheinbar unberührt von der Bestürzung um ihn herum sitzt er dort, das Licht bricht sich in seinen hellen Augen und die Jeans die er trägt ist bis zum Saum hinunter mattbraun und steif von getrocknetem Kot.
Ich zucke zusammen.

Weiß er denn gar nicht; kann er nicht; ist er krank?

Doch es riecht nicht allein nach Exkrementen, das ginge beinahe noch, sondern, und das ist das viel Schlimmere, nach Verwesung, nach faulendem Fleisch, nach sich zersetzendem Körper, sterbenden Zellen, nach Botulinumtoxin, stickigschwüler Süße, nach Moschus und Tod.

Kaum sehe ich ihn, gesellt sich zu meinem Ekel auch gleich das Gefühl hilflosen Mitleids und großer Ratlosigkeit.

Verfault dieser Mann etwa bei lebendigem Leibe? Verbirgt sich unter der verdreckten Jeans eine schwärende Wunde, Wundfraß, nekrotisches Gewebe? Ist er schon unrettbar verloren? Hat er Schmerzen, oder ist er diesen Zustand inzwischen so gewohnt, dass er sich nicht mehr krümmen oder halb bewusstlos saufen muss, um ihn zu ertragen?

Muss man ihm denn nicht helfen, die Feuerwehr rufen, einen Arzt, etwas unternehmen? Irgendetwas, Hauptsache schnell.
Wie ist es bloß möglich, dass ein Mensch in unseren Breiten, trotz unseres Reichtums und medizinischen Fortschritts, einfach so von Bakterien aufgefressen wird, wie von einem wilden Tier? Gibt es denn niemanden mehr, der auf ihn acht gibt?
Niemanden, der sich zuständig fühlt? Wer ist hier zuständig?
Wenigstens ein paar saubere Klamotten. Ein warmes Bad.
Ob bereits Maden sich in der Wunde tummeln?
Mir ist schlecht.

Der Zug fährt in die nächste Station ein. Der Mann steigt aus und verliert sich sofort im Getümmel.
Immer noch trage ich sein Bild im Kopf und seinen Geruch in der Nase.

 

 

 

 

 

Die Antilope

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Als wir am Lokdepot vorbei, hinunter in den Flaschenhalspark gehen läuft neben uns eine hochgewachsene Frau. Sie mag Mitte vierzig sein, vielleicht auch etwas jünger, schwer zu sagen. Sie ist hager und ihre Wangenknochen treten aus dem blassen Gesicht hervor. Die dünnen Beine stecken in einer zu kurzen Jeans, die ihre kantigen Knöchel freigibt und ihre Hüften erinnern an das kastige Gestell indischer Kühe.
In der rechten Hand hält sie eine abgewetzte Alditüte und ich sehe, dass die Haut an ihren Fingern rissig und spröde ist.

Während ich versuche mich auf die Ausführungen des Unterfranken zu konzentrieren, betrachte ich die Frau aus den Augenwinkeln und fühle mich dabei unwillkürlich an die Äpfel erinnert, die wir früher den Winter über im Keller lagerten und deren Haut davon so weich und schrumpelig wurde, dass ich sie mit dem Daumen verschieben konnte.

Ich sehe also diese Frau an, sehe ihre eingefallenen Wangen, die müde Haut, die die Schädelknochen umspannt, sehe den Schmutzfilm auf ihrer Hose, den ausgefransten Saum, die nicht ganz frisch gewaschenen Haare, mattglänzend und fein wie Seide, ihr ausgesprochen schönes Profil mit den ebenmäßigen Zügen, die braunen und warmen Augen.

Sehe ihre Armut und ihre Einsamkeit.

Die Frau spürt meinen Blick, zieht die Schultern zurück und läuft noch ein wenig aufrechter als zuvor den langen schmalen Weg neben den Gleisen entlang.
Ich weiss nicht was mich reitet und weshalb ich sie weiter mit Blicken bedrängen muss, doch ich kann nicht anders. Sie nimmt mich derart gefangen mit dieser Mischung aus Schönheit und Unglück, dass ich sie immer wieder anschauen, sie mit meinen Augen betasten muss, wie etwas Seltenes, Kostbares, etwas, das man nur wenige Male im Leben zu sehen bekommt und sich deshalb genau einprägen möchte, ehe es verschwindet.
Ist es die Suche nach Ähnlichkeiten zwischen ihr und mir, die mich dazu treibt? Die Suche nach den Überbleibseln einer goldenen Zeit, einer Epoche des Überflusses und Begehrens, der sprudelnden Fülle?
Wen hat diese Frau in ihrem Schoß empfangen? Wieviele Männer und Frauen? Wer hat sie geliebt und wen davon liebte sie zurück? Welche Hoffnungen verknüpften ihre Eltern mit ihrer Geburt, welche sie selbst mit ihrem Leben, als Kind und auch später, als die Welt noch ihr gehörte? Wie wurde aus dem reissenden Strom der leise plätschernde Bach? Wohin ist all das Wasser geflossen, wohin spülte es ihre Träume, die unerfüllten, wie die erfüllten?

Wann fing das an, dass sie Stück für Stück den Boden unter den Füßen verlor? Was hat sie aus der Kurve getragen?
War es der Tod eines geliebten Menschen, eine Krankheit? Eine Trennung, der verlorene Job? Oder brauchte es gar nicht die großen Unglücke des Lebens und es reichten schon die kleinen Erschütterungen, die tägliche Erosion, der fortwährende Bruch, das Nagen der Zeit?

Krank sieht sie nicht aus, auch nicht besonders geschwächt. Eher gebeutelt, beansprucht von den Zumutungen des Seins. Von den Unwegsamkeiten, für deren Überwindung ihr inzwischen die Kraft fehlt.
Ihr Gesicht wirkt noch jung und lässt den Schwung erahnen, mit dem sie sich einmal durch das Leben bewegt hat, ihr Körper indes scheint bereits den Punkt ohne Wiederkehr überschritten zu haben.

Ich sehe sie, wie sie vor zehn Jahren, auf einer Tanzfläche bei einem Ball oder einer Hochzeitsfeier lachend umher gewirbelt wird, ihre Taille umfassen lässt und sich in den Arm des Anderen hineinlegt. Ich sehe sie lächelnd an einem Glas Champagner nippen und vieldeutig über dessen Rand hinweg blicken, herausfordernd, einladend und zugleich Distanz schaffend, wie jemand, der weiß, dass man ihn nicht einholen kann. Niemals. Eine Antilope unter Schafen.

Und heute sehe ich sie an den Gleisen entlang gehen und ich frage mich, was in der Zwischenzeit geschehen sein mag.
Hat sie die Zuversicht, es noch ein Mal zu schaffen? Zurück zu kehren in ihr altes Leben? Möchte sie das überhaupt und würde sie die Kraft dafür aufbringen? Gibt es einen Glauben, eine Hoffnung, die sie immer weiter tragen?
Was führt sie dort in dieser schlaff herunter hängenden Tüte spazieren? Ist es alles, was sie besitzt, was ihr geblieben ist, was es wert war aufzubewahren?
Hat sie überhaupt noch ein Zuhause? Lebt sie allein? Wie lebt sie?

Ich kann meinen Blick nicht von ihr wenden, obwohl ich spüre wie aufdringlich ich bin, wie meine ungehörige Distanzlosigkeit sie bedrängt, wie mein rücksichtsloses Interesse ihren Raum beschneidet, ja regelrecht durchstößt.  Am liebsten würde ich ihr sagen: Es ist ganz anders. ich finde dich schön, ich bewundere dich, nur deshalb muss ich dich immer weiter anschauen, doch mit eben diesen Worten würde ich erst recht eine Grenze überschreiten, die zu übertreten mir nicht zusteht und vermutlich würde ich sie damit eher verletzen als ihr zu schmeicheln oder gar sie zu trösten, denn diese Worte verrieten doch zugleich die Wahrnehmung ihres Verfalls, ihres langsamen Verblühens und das wohlwollende Lächeln des gnädig gestimmten Zuschauers würde sie sich nur noch einsamer fühlen lassen.
So bin ich erleichtert, als der Unterfranke, der die ganze Zeit munter weiter geplappert hat, mich aus meinen Gedanken reisst und vorschlägt eine kurze Pause zu machen, um noch einmal  in die tiefstehende Sonne zu blinzeln, die warm in unserem Rücken steht.
Ich stimme zu und wir setzen uns auf die nächste Bank, die neben den Gleisen steht. Die Frau aber läuft weiter Richtung Norden, geht ohne sich umzudrehen, und ich schaue ihr hinterher, wie sie mit aufrechtem Gang dem Weg folgt und die Tüte in ihrer Hand bei jedem ihrer Schritte sachte mitwippt.
Die Luft ist kühl, ich nehme einen tiefen Atemzug und wende meinen Blick den gelb und rot lodernden Baumwipfeln zu, die in goldenes Sonnenlicht getaucht sind.
Schon bald werden sie ihr letztes Laub abgeworfen haben und die kahlen Äste in den nebligen Himmel strecken.

 

 

 

Bild: „Springbok Antelope Sossusvlei Namib Desert Namibia Luca Galuzzi 2004“ von I, Luca Galuzzi. Lizenziert unter CC BY-SA 2.5 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Springbok_Antelope_Sossusvlei_Namib_Desert_Namibia_Luca_Galuzzi_2004.JPG#/media/File:Springbok_Antelope_Sossusvlei_Namib_Desert_Namibia_Luca_Galuzzi_2004.JPG

 

 

 

 

 

Bärtige Männer

SAMSUNGIch hab´s ja nicht so mit Weihnachten. Darum an dieser Stelle kein Weihnachtsbeitrag.
Statt vor dem Baum zu sitzen und zu singen bin ich lieber draußen unterwegs und genieße die menschenleeren Straßen.
Es ist mild, fast schon warm. Dann und wann zündet irgendein Bengel einen Knaller und andere Bengel johlen dazu. Ein Auto knattert über den nassen Asphalt und der Hund steckt seine feuchte Nase in den Schmutz.
Dorthin, wo die bärtigen Männer hausen. Die, die bei der großen Verlosung eine Niete gezogen haben, die die nicht über Los gehen durften, sondern für ein paar Runden aussetzen müssen.
Mensch ärgere dich nicht
Die Balkone sind festlich erleuchtet. Immer weniger muslimische Familien leben hier, rund um den Mariannenplatz.
Am Kotti  hängen die üblichen Gestalten rum. Der Turkey fragt nicht nach Jesu Geburt.
Unter dem Viadukt der U-Bahn kauert einer neben seinen zerfetzten Tüten. Das Gesicht vom Leben auf der Straße gezeichnet.
Ich gebe ihm einen Fünfer. Er ist so schwach, dass er sich nicht einmal freuen kann.
Vor der Sparkasse steht der Nächste. Mit einem Pappbecher in der Hand öffnet er jedem die Tür. Drin liegt sein Hund auf einer Decke und schläft.
Er nimmt den Fünfer und schaut sich um, als hätte ich ihm Drogen zugesteckt.
Bei der Post auf der Skalitzer stoße ich gleich auf vier ältere Männer, die hinten im Gang bei dem Behinderteneingang sitzen und die Automatiktür mit einer Unterarmstütze blockieren.
Fünf Euro für jeden von ihnen. Hundert Jahre Leben für mich als Dank.
Draußen ein junger Typ mit Schäferhund.
Als ich ihm 5 Euro gebe kommt die Frau, die auf den Stufen zum Eingang sitzt, und streckt mir ihre Hand entgegen. 5 Tacken auch für sie.
-Siehste, jeder bekommt was, sagt der Typ zu ihr und ich ahne, dass etwas zwischen ihnen schwelt. Die Frau läuft mir hinterher und hält mir eine Packung Ibuprofen unter die Nase. Ich schüttele den Kopf und gehe weiter.
Am Ostbahnhof stehen größere Gruppen betrunkener Männer und streiten sich lautstark.
Ich getraue mich nicht, zu ihnen zu gehen und sie zu beschenken. Lärmende, alkoholisierte Männer ängstigen mich. Außerdem habe ich nicht mehr genug Geld für jeden und befürchte sie könnten sich auch noch um die Scheine streiten.
Drinnen sitzt eine einzelne Reisende mit ihrem Koffer in einem der kleinen Glaskästen, die dort für Wartende aufgestellt wurden. Ansonsten ist der Bahnhof wie ausgestorben. Mitten in der Halle ein Rollstuhlfahrer mit riesigem falbem Schäferhundmischling. Die spindeldürren Beine des Mannes liegen ausgestreckt in einer sperrigen Konstruktion. Er ist in Decken gehüllt und schläft mit zur Seite geneigtem Kopf.
Es dauert nicht lange, bis die patrouillierenden Polizisten auf ihn zutreten, sich breit aufstellen und den Schlafenden auffordern den Bahnhof zu verlassen. Der mächtige Hund fängt an zu bellen und lässt sie nicht näher herankommen. Der Rollstuhlfahrer reagiert nicht, öffnet nicht einmal die Augen. Es bellt ohne Unterlass, die beiden Polizisten schauen ratlos.
Ich freue mich, auch wenn ich weiß, dass sie ihn früher oder später wieder vor die Türe setzen werden. Und wenn sie dafür den Tiernotruf herbei funken müssen, der ihnen den Hund vom Leibe hält.
Inzwischen hat sich, die Gunst der Stunde nutzend, der erste Streithahn durch den Seiteneingang in den Bahnhof geschlichen und wühlt in den Müllbehältern herum.
Statt Pfandflaschen 5 Euro für ihn.
Wie erschrocken er mich anschaut, als ich das Geld aus der Hose hole. Dachte er ich zöge ein Messer? Ich wünsche ihm einen schönen Abend und gehe runter zu Lidl und Rossmann. Dort sitzen sie auch oft.
Heute sehe ich nur einen Mittfünfziger mit gepflegtem Schnauzbart und hellen Wildledermokassins, der mit spitzen Fingern Plastikflaschen aus dem Container klaubt und sie in den mitgebrachten Rollkoffer steckt. Als ich ihn anschaue blickt er weg und geht mit aufrechtem Gang zum Aufzug.
Nein, ihm werde ich nichts anbieten. Es würde ihn kränken.
Das Bellen in der Halle oben hat aufgehört. Der Rollstuhlfahrer ist verschwunden.
Wie immer, wenn ein Obdachloser abgeführt wird, habe ich die Vision, dass er irgendwo in den Katakomben der Bundespolizei verprügelt wird und sie ihn dann an den Stadtrand fahren und auskippen wie Müll. Aus den USA hört man solche Dinge, warum sollte es hierzulande anders sein?
An seiner Stelle steht nun ein gedrungener älterer Mann mit Vollbart. Er trägt ein Ringelshirt und ausgebeulte Hosen mit Hochwasser und Hosenträgern. Darunter Sandalen. Vor ihm ein voll bepackter und mit Tüten behangener Rollator. Ich bin schon im Begriff einen Schein zu ziehen, als ich sehe, dass die Tüten und Kisten voll sind mit Lebensmitteln.
Fehlalarm.
Ich beschließe mit der S-Bahn zu fahren, eine Runde mit dem Hund durch den dunklen Tiergarten zu drehen, und auf dem Rückweg über den Potsdamer Platz vielleicht noch ein paar Obdachlose abzufangen.
Es ist noch Geld übrig.
Neben Balzac sitzt einer, das Gesicht so zugerichtet, dass ich erschrecke.
Ein junger Kerl, keine 25. Platzwunden überall, die Nase dick und blau, die Augen blutunterlaufen und fast vollständig zugeschwollen, hockt er dort beim Ausgang der U-Bahn.
-Kaffee?, rufe ich ihm zu, ehe ich den Laden betrete, und er nickt.
Ich bestelle eine Brezel und einen Cappuccino für mich, einen großen Kaffee und ein belegtes Ciabatta für ihn. In einen kleinen Becher schütte ich etwas Milch und bringe ihm alles drei nach draußen. Er greift nach der Milch und trinkt sie in einem Zug aus. Er hat Hunger.
Dann begreift er, dass ich ihm auch etwas zu essen gebracht habe, und schenkt mir ein schiefes Lächeln. Erst jetzt sehe ich das kleine Pappschild zu seinen Füßen.
I AM HOMELESS
und dieser Satz trifft mich ganz unerwartet tief und heftig. So sehr, dass mir das Kinn zittert, und die Augen brennen.
Wie lasch dagegen das Wort obdachlos klingt.
Der Heimatlose mit polnischem Akzent bedankt sich sehr herzlich bei mir.
You are a good person!
Aufs Äußerste beschämt verlasse ich den Potsdamer Platz und gehe niedergeschlagen nach Hause.
Dort wartet kein Baum, kein Braten, keine Geschenke, kein Kind auf mich.
Dafür aber eine warme Altbauwohnung in begehrter Investorenlage.
Später dann kommt der Unterfranke, und gemeinsam mit einer Freundin kochen und essen wir.
Es gibt kein Recht auf Heimat. Das hat das Bundesverfassungsgericht gerade in einem Urteil zum Braunkohleabbau festgestellt.

Für niemanden.

Musik zum Text: massive Attack, Unfinished Sympathy
http://www.myvideo.de/watch/7030466/Massive_Attack_Unfinished_Sympathy

Armut, Jesus und ein Sexshop

Bald ist Weihnachten. Ein Tag wie jeder andere also. Jedenfalls für Obdachlose.
Vielleicht nicht ganz wie jeder andere: deprimierender.

Bundesarchiv Bild 102-10836, Berlin, Obdachlos...

Bundesarchiv Bild 102-10836, Berlin, Obdachlose vor dem städtischen Asyl (Photo credit: Wikipedia)

Wer nicht das Glück hat, wie hier in Berlin, am Weihnachtsschmaus von Frank Zander teilnehmen zu können, oder in einer Wärmestube unterzukommen, um eventuell ein Stück Stollen zwischen die Kiemen zu kriegen, für den ist der Tag noch etwas beschissener und trostloser als der Rest des Jahres.
Beim Fest der Liebe auf der Straße zu sitzen und zu frieren, niemanden zu haben, der einen beschenkt, und für einen da ist, muss sich besonders schlimm anfühlen.
Nicht, dass mich jemand beschenken würde, aber das nur deshalb nicht, weil ich es nicht möchte.
Weil mir Weihnachten nichts bedeutet. Genauer: weil mir das ganze Gedöns, Geblinke und Geheuchel zuwider ist, und weil es den Leuten um mich herum genau so geht.
Weihnachten, das war doch immer der Tag, an dem alle enttäuscht waren, und an dem die Mutter derartig überfordert war vom Einpacken, Putzen, Backen, Schmücken und Kochen, dass spätestens am Heiligen Abend die Fetzen flogen. Aber wie.

 

Trotzdem würde ich diesen Tag nicht auf der kalten Straße verbringen wollen, wenn die meisten Kneipen geschlossen haben, und von unten in die hellerleuchteten Räume schauen, wo im Schein der Lichterketten Elektrogeräte und Kaschmirschals von Tchibo hin- und hergereicht werden, und die Weihnachtsgans verdrückt wird, während mir selbst der Magen knurrt, und die Bundespolizei mich  aus der heimeligen Wärme des Ostbahnhofes jagt.

Obdachlose gehören inzwischen so sehr zu unserem Alltag, dass man sie wenigstens an Jesus Geburtstag in die gute Stube holen sollte.
Das kann jetzt jeder, denn die Firma Preiser hat ihrem Modellbausortiment nun auch die Minifiguren Obdachloser, Obdachlose und Bettler hinzugefügt.

Der Obdachlose sitzt in schäbigem Mantel auf einer Bank, seine Habseligkeiten in drei Beuteln neben ihm.
Für 3,25 € ist dieses Idyll zu haben, über das eine Kundin und Mutter begeistert schreibt:

Mich beeindruckt der starke innere Ausdruck, der in diese kleinen Körperlein gelegt ist!-„pädagogisch wertvoll: Ja!Empathie im Spiel“
Aber, ich finde die Darstellung dann doch „schöner“, weil das Original wirklich soo klitzeklein und filigran ist!“Haltbarkeit:erfordert Geschick“
Mein 11jähriger bekommt einen Adventkalender (jeden Tag eine Figur) und ich freu mich schon so beim Vorbereiten, (obwohl ich meine Märklin-Begeisterung sonst gut zügeln kann!)“Spaßfaktor“-JA!in dem Fall der der Mutter.

Hach, so macht Empathie Spaß, und riechen tut man auch nichts!

Die Obdachlose ist mit 6,38 € etwas teurer, aber sie ist schließlich eine Frau, und da kostet allein der Haarschnitt das Doppelte. Zudem ist der Einkaufswagen mit ihren Besitztümern, den sie vor sich herschiebt, besonders liebevoll gestaltet, und sie trägt, als lebensnahes Detail, zwei unterschiedliche Paar Schuhe.
Auch zu dieser Darstellung von Armut äußert sich die Kundschaft zufrieden.

Die Obdachlose ist ein nettes Detail für die Modelleisenbahn–Ein Muß in den heutigen Zeiten.
Hartz IV jetzt auch in H0.

Herrlich!

Der Dritte im Bunde ist ein Bettler, vor dessen Füßen ein Hut liegt.
Damit wird das wichtige, christliche Thema Almosen angesprochen und wunderbar in Szene gesetzt. Welcher Christ würde nicht gerne diesen Bettler, neben Maria und Josef, den berühmtesten Obdachlosen aller Zeiten, in die heimische Krippe stellen, und auf diese Art den lieben Kleinen (pädagogisch wertvoll) zeigen, dass Bettler Menschen aus unserer Mitte sind, denen wir helfen müssen.

Kunden, die dieses Trio kauften, kauften übrigens auch die Gruppe fröhliche Zecher, die Frau mit Staubsauger, den Mann auf Krücken und den Busch (!) 1004 Sex-Shop.
Mir letzteren im regen Verkehr einer Modellbaueisenbahn vorzustellen, erwärmt mein Herz.
Sex und Uniform.

Das ist fast noch geiler als Bettler, Obdachlose und Mann auf Krücken zusammen.