Carol

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Manchmal, wenn ich an dich denke, erinnere ich mich auch an die stark geschminkte Mittfünfzigerin, die rauchend auf dem Balkon der Station N2 sitzt. Die abgehalfterte femme fatale, mit langen blondierten Haaren, dem aus der Form gelaufenen Körper, gehüllt in einen Satinkaftan mit Leopardenprint, schwarze Stoppeln an den trockenen Schienbeinen, die Füße in glitzernde Riemchensandalen gesteckt.
Den Blick in die Ferne gerichtet, hält sie eine Zigarette in der Hand, Rauch sickert nachlässig aus ihren Nasenlöchern. Neben ihr ein junger Mann mit unverhältnismäßig großem Adamsapfel, der ihm ein geierhaftes und irgendwie verklemmtes Aussehen verleiht und mich an John-Boy Walton, den Tugendhaften erinnert. Der Mann betrachtet das Profil der Frau und greift nach ihrer freien Hand, die sie ihm teilnahmslos überlässt. Etwas Unterwürfiges und zugleich Aufdringliches liegt in seinem Blick und in dieser Geste der verzweifelten Zugewandtheit.

Ich sitze auf der Bank neben den beiden, rauche und zähle zum wiederholten Male die Türme der Stadt. Das Krematorium in Steinwurfnähe zähle ich mit.
Ob sich die Jahre, die vor mir liegen, ebenso in mein Gesicht fressen und dort eine Spur der Angst, der Leidenschaft und des Nikotins hinterlassen werden. Und werden auch wir eines Tages gemeinsam auf diesem oder einem anderen Balkon sitzen, eine tödliche Diagnose auf unseren Schultern, du meine Hand haltend und in mir immer noch die Blüte sehend, die ich einmal war. Und werde ich dich dafür verachten oder lieben und brauchen, oder alles zusammen.
Seit 24 Wochen bin ich in dieser Klinik, die ich in den gleichen Kleidern verlassen werde, mit denen ich sie betreten habe. Du wirst mich abholen und nach Hause bringen in mein neues Leben, von dem du schon jetzt ein Teil geworden bist.

Heute ist dein Geburtstag. Ich denke an dich.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: b.s.wise, flickr jean cocteau
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

abverheit

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When too perfect lieber Gott böse

Nam June Paik

Ist das bei Ihnen eigentlich ein Dauerzustand, fragt der Dozent während einer Schreibübung.
Alle heben den Blick von ihren Texten, ich auch. Er schaut mich an. Er schaut tatsächlich mich an.
A. sitzt neben mir und ich spüre, wie ihr der Atem stockt. Ganz ruhig sitzt sie da. Ohne sich zu rühren.
Das Rascheln und Kritzeln und Räuspern hat aufgehört. Es ist still im Raum. Draußen parkt ein Auto ein, man hört das leichte Aufjaulen des Getriebes im Rückwärtsgang, dann ist es wieder still. Nur die Heizung gluckert leise.
Der Dozent schaut mich an und wiederholt seine Frage in dem charmanten Schweizerdeutsch, an dem ich mich in den letzten beiden Tagen so erfreut habe.

Ischt das bei Ihnän ein Daurzustand? will er wissen

Unwillkürlich richte ich mich auf und ziehe die Schultern zurück.
Zu meiner eigenen Verwunderung wird mir nicht heiß oder kalt, ich spüre weder Wut noch Ärger noch Scham. Im Gegenteil, ich bin derart verblüfft, dass ich so etwas wie eine belustigte Heiterkeit empfinde.
Wie er es wagen kann. Wie er so ohne mit der Wimper zu zucken seine Befugnisse überschreitet am hellichten Tag im Beisein von zwei Dutzend Menschen.
Auch ohne mich umzudrehen, weiss ich, dass alle Blicke im Raum auf mich gerichtet sind. Jeder ist gespannt, was jetzt passieren wird. Werden sie endlich hinter mein Geheimnis kommen? Werde ich etwas über mich preis geben?
Und ich enttäusche sie nicht.

Ja, sage ich, sieht so aus.

Dr. B schaut mich einen Moment aus seinen lustigen Augen an. Dann legt er den Kopf ein wenig zur Seite , senkt den Blick bedeutungsvoll und schwyzerdütscht

Da sind Sie ja ein ganz armes Schwein. Da werden Sie ja niemals jemanden finden, der so ist wie Sie. Da werden Sie ja immer allein bleiben.

Die Scheinwerfer sind auf mich gerichtet.
In meinen Ohren fangen die Glocken an zu läuten, meine Kiefermuskeln verspannen sich und mir wird heiß.
Ohne nachzudenken, sage ich:

Da geht es mir nicht anders als allen anderen Menschen auf der Welt . Niemand findet jemanden, der so ist wie er. Und ich suche auch nicht nach jemandem, der so ist, wie ich.

Immer noch sieht er mich an, wiegt den Kopf hin und her, so sehr bezweifelt er, was ich eben gesagt habe, seufzt und richtet den Blick wieder auf sein Manuskript. Ganz so, als ob nichts gewesen wäre.

Ich habe etwas sehr wichtiges gelernt.

 

 

 

 

 

Die liebe Friederike hat eine Blogparade zum Thema „Ich war fremd“ initiiert. Dies ist mein (verspäteter) Beitrag.

Bild: Wikimedia Commons, keine Einschränkung

 

 

 

 

 

Wie es begann

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Als ich von der Physiotherapie zurück komme sind quer durch das Zimmer dünne Seile gespannt. Längs gespaltene Möhren sitzen darauf, wie steife Reiter; der Strunk ihr Kopf.
Ein Brief ist mit einer Wäscheklammer an einer der Schnüre befestigt. Ich erkenne die Handschrift. Das Telefon klingelt, ich ducke mich unter den Schnüren hindurch und hebe ab.

Es ist Freitag der 17. Mai. Ich höre die Stimme meiner Schwester. Sie sagt meinen Namen und sie sagt „Papa hatte einen Herzinfarkt, er liegt auf Intensivstation, wir wissen nicht ob er es überleben wird.“

Ich verlasse die Klinik und setze mich mit M. ins Auto. Ich habe keine andere Wahl. Er bringt mich nach Frankfurt. In der Nacht legt er sich nackt auf mich. Ich weine.
Meine Mutter weint auch. Ohne euren Vater bin ich verloren.

Ich trinke sehr viel Bier und rauche und trinke noch mehr Bier. Meine Haut brennt, ich warte und hoffe und finde keinen Halt.
Ich darf nicht zu ihm; keiner von uns.
Zwei traurige Tage später fahre ich mit M. zurück. Ich ekele mich vor ihm.

Es ist Sonntag, früher Abend, als M. mich auf der Station N2 abliefert. Die Schnüre in meinem Zimmer sind verschwunden, der Brief liegt ungeöffnet auf dem Tisch.
Ich setze mich aufs Bett und weine die letzten Tränen. Eine Taube hat durch die offene Balkontür den Weg zu mir gefunden und läuft kopfruckend über das Linoleum. Die Abendsonne malt ein helles Viereck auf den Boden. Aus roten Augen schauen wir uns an. Sie nickt.

Auf dem Balkon, vor meinem Fenster steht ein junger Typ in der Bewegung erstarrt. Er sieht mich an und lächelt vorsichtig. Ich senke den Blick und er geht weiter.

Nebenan sitzt ein fröhliches Besuchergrüppchen und lacht, während mein Vater mit dem Tod ringt und die Tumore in den Köpfen der Mitpatienten sprießen, wie Brokkoli.

Teil II Junge Hunde
Teil III Nine years later and change

Foto: By User:Mattes (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Schweigen

Krematorium Berlin

Krematorium Berlin (Photo credit: Chris.Jeriko)

Oben auf der Station gibt es keine Gespräche.
Weder in den Gängen, noch im Speisesaal oder im Aufenthaltsraum.
Im Schweigen zeigt sich die Übereinstimmung, das stumme Verständnis füreinander.
Nur in den Räumen der physikalischen Abteilung sprechen wir.
Wer hier unten behandelt wird ist noch nicht ganz verloren.
Unter den Händen der Physiotherapeuten erzählen wir uns von unserem Leben.
Ruth von ihrem Unfall und der rätselhaften Erkrankung.
Ich vom Fernsehmoderator und von meiner Krankheit.
Manchmal lachen wir laut.
Wir wissen nicht, dass nur eine von uns beiden die Klinik lebend verlassen wird.

*

Dunkle Gänge führen zum Patientenkiosk im Keller der Neurologie.
Unter der Decke unzählige aluminium-ummantelte Rohre neben- und übereinander.
Links und rechts verschlossene Türen.

Pathologie, Tierversuchslabore, Heizung

Vor dem Kiosk wirbt ein Aufsteller für Würzburger Stein im Bocksbeutel.
Am Eingang des fensterlosen Raumes sind Tische aufgestellt.
Im fahlen Neonlicht trinken die Patienten Kaffee. Aus den fahrbaren Infusionsständern tropft Gift in ihre Adern.
Da sitzt Ruth. Ihr Schädel ist kahl, der Hinterkopf rund, das Gesicht und die Schläfen für die Bestrahlung mit bunten Strichen, Kreisen und Kreuzen markiert.
Aus grünen Augen schaut sie zu mir herüber und nickt.
Ihre Lippen lächeln leicht. Die Beine sind mit Klettbändern am Rollstuhl fixiert. Ein Schlauch aus der Bauchdecke mündet in den halb gefüllten Urinbeutel.
Sie ist sehr zart und schön.
Vom Verkaufstresen im hinteren Teil des Raumes, tanzt ein Fünfzigjähriger einen arm- und beinschleudernden irren Tanz, begleitet von heftigem Grimassieren.

Chorea Huntington

Mit jedem Schritt schwappt Kaffee aus seinem Becher.
Am Tisch angekommen, versucht er das Verschüttete aus der Untertasse zu schlürfen, schlägt sich dabei die Keramik gegen die Zähne, und die dünne braune Flüssigkeit läuft über Kinn und Hals in den Kragen seines hell-gestreiften Morgenmantels. Sein Gesicht findet keine Ruhe.
Ohne etwas zu kaufen, verlasse ich das Kiosk.

*

Auf dem schmalen Patientenbalkon sitzen der Galan und ich rauchend nebeneinander.
Vor uns der schiefe Schornstein des Krematoriums. Dahinter die Stadt im Sonnenlicht. Ein milder Tag Anfang Juni.
Links von mir steht der große, massige Mann aus dem Speisesaal. Er sieht aus wie ein Totschläger, einer der Welpen beim Streicheln das Genick bricht.
Auch er raucht in schnellen Zügen. Seine wimpernlosen Augen sind dunkel umrandet, die Glatze schimmert violett.
Plötzlich stürzt er um. Einfach so. Wie ein gefällter Baum.
Sein Kopf schlägt gegen die Betonbrüstung, die Beine treten ins Nichts, die Augen sind weiß nach oben verdreht.
Er krampft. Er röchelt. Das Gesicht wird rot.
Auf dem Boden bildet sich in Sekundenschnelle eine Blutlache.
Sein Infusionsständer liegt sperrig über ihm. Der Beutel hängt noch.
Der Galan springt auf, will helfen und weiss nicht wie.
Die anderen Patienten schauen ihm zu. Ich auch.
Zuckend liegt der Totschläger vor der Balkontüre und blockiert den Zugang zur Station.
Seine Beine schlagen gegen das Glas. Er hat Schaum vor dem Mund.
Das Röcheln wird zum Grunzen, schließlich zum Schnappen.
Er bekommt keine Luft.
Er stirbt.
Auf einmal ein wortloser Schrei.
Ein hoher langgezogener Ton aus tiefer Kehle.
Eine lebende Sirene.
Die Patienten auf dem Balkon schauen mich an.
Auch der Galan wendet seinen Blick von dem Krampfenden zu mir hin.

Kamikaze oder Schlingernde Fische

English: Ny Carlsberg Glyptothek, Copenhagen. ...

Ajax begeht Selbstmord. (Photo credit: Wikipedia

(Teil I  > Save Our Souls. oder schluchzende Fische)

Am nächsten Morgen komme ich nur schwer aus dem Bett, trinke zwei große Instantkaffee -schwarz- hobele mir unter der Dusche mit dem Rasierer ins Schienbein, und blute anschließend wie ein Schwein. Erst mittags komme ich los. Trotz reichlich Platz im Auto, reise ich mit minimalem Gepäck.

(Entsagung, Askese, Aufopferung/
Stabat mater dolorosa/ Gewissensbisse bei allem, was nicht Mangel ist/ Woanders verhungern die Menschen)

Das Auto ist vollgetankt und springt problemlos an. Zwei Mal in den letzten Monaten, hat der Marder im Motorraum gewütet und dabei Zündkabel und Kühlwasserschlauch zerbissen. Es gibt viele hier draußen,  und sie werden gejagt.
Mitten im Foyer der neurologischen Klinik haben sie sogar einen gefangen, und anschließend in die Tierversuchslabore im Keller gebracht.
Er war auf unerklärliche Weise in den rundum verglasten Patio mit der einsamen Pinie geraten, und schließlich von zwei Männern, in weißer Schutzkleidung, mit einem Käscher gefangen worden.
Ich kam zufällig dazu, als sie gerade versuchten das verschreckte Tier vom Baum zu holen. Auf der eleganten Sitzgruppe unmittelbar vor dem Glashof, unterhielt sich eine Frau, mit langen, wulstig-roten Narben auf dem kahlen Schädel, völlig unbeteiligt von dem was gerade geschah, mit ihrem Besucher.
Schon vor ein paar Tagen war sie mir wegen ihres merkwürdig verformten Kopfes aufgefallen.
Der Krankengymnast erklärte mir, dass ihr Gehirn nach einem operativen Eingriff geschwollen war, und ein Teil des Knochens, der normalerweise die Stirn bis zu den Schläfen bedeckte, in einer Knochenbank gelagert würde, bis er wieder eingesetzt werden könne.
Bei der Vorstellung, mit einem ungeschützten, nur von Haut ummantelten Hirn unterwegs sein zu müssen, zog sich mir der Magen zusammen. Sofort hatte ich die Vision offenstehender Küchenschranktüren und den grauenhaften Folgen einer kurzen Unachtsamkeit.

Jede Verletzung, bei der ein Fremdkörper in Gewebe eindringt und es durchstößt, erschreckt und ekelt mich. Messerstiche, Munition, Splitter.
Dann schon lieber stranguliert oder mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen werden, ertrinken, ersticken. Sauber und unversehrt von außen.
Außen hui, innen pfui, wie meine Mutter sagen würde. Meine Mutter.

Inzwischen bin ich durch die halbe Stadt gefahren, und nehme in Heidingsfeld die Ausfahrt zur Autobahn.
120 km bis Frankfurt.
Die Strecke geht durch den Spessart und führt mich vorbei an Orten wie Rohrbrunn, Weibersbrunn und Mespelbrunn. Letzteres berühmt für sein Wasserschloss.
A.s Verehrer könnte erklären, wie diese Ortsnamen entstanden sind.
Keine Ahnung, wo sie diesen verknöcherten Typ, mit der Kopfhaltung eines fliehenden Huhnes, aufgegabelt hat.
Kürzlich erzählte er ihr und mir vom etymologischen Ursprung alter Flur- und Siedlungsnamen. Das Suffix -ach, zum Beispiel, verweise immer auf einen Fluss. So wie in Eisenach, oder Schwarzach. Culm, kulm oder col bezeichne einen Berg, eine Anhöhe, während die Endung -hart einen Wald benenne. Spessart, der Spechtswald.
Das wusste ich schon von meinem Vater, der regelmäßig, auch gerne mitten in einer Unterhaltung, das Standardwerk der deutschen Etymologie, den Wasserzieher, hervorholte und uns belehrte.
Manchmal kotzten mich seine Ausführungen an. Besonders dann, wenn ich gerade im Erzählfluss war, er mir mit der unnötigen Unterbrechung die Pointe versaute und zudem sein totales Desinteresse an dem, was ich zu sagen hatte, zeigte. Form vor Inhalt.

Als das hagere Huhn uns in die Etymologie der Siedlungsnamen einführt, stößt es bei A. auf stirnrunzelnde Langeweile. Aus Mitgefühl eile ich ihm mit ein paar Fragen zu Hilfe, die er aber eher unwillig beantwortet. Schließlich bin ich nicht das Korn, das er picken möchte. Vor den Kopf stoßen will er mich auch nicht. Weiß man ja: Freundinnen als Türsteherinnen zum Paradies.

-Vielleicht sollte man manchmal einfach gleich mit offenen Karten spielen, denke ich, ehe einer sich verrennt und unglücklich wird.

Das Huhn hat keine Chance. Heute nicht, morgen nicht und überhaupt niemals. A.wird ihn aber nicht aufklären. Ist doch peinlich, wenn man jemandem erst einmal unterstellen muss, dass er scharf auf einen wäre. Wahrscheinlich streitet er es ab, und schon steht man da und weiß nicht was man sagen soll.
Ich denke an den Galan. Der würde mir fehlen, wenn er weg wäre, obwohl mir seine übertriebene Verzückung lästig ist, wenn er, wie neulich erst, mit großen Worten und Gesten vor mir auf die Knie fällt. Im Supermarkt. Auch peinlich.
Die Trennung von C. liegt erst wenige Monate zurück. Auch meine Mutter ist noch nicht lange weg. Kurz nach dem Infarkt meines Vaters hat sie heimlich gepackt und ist verschwunden. Einfach so, ohne Nachricht.
Überall lose Enden, denke ich, während der Nissan durch den schattigen, kühlen Spessart gleitet. Auf dem Sitz neben mir kauert das kleine Getüm in seinem Körbchen und maunzt. Ich drehe das Radio auf und wechsle wegen des schlechten Empfangs zu Cassette. Der Sound bleibt miserabel, die Boxen in den Seitentüren scheppern, die Katze klagt noch lauter.
Gitarrengeschrammel, der unverkennbare Sound von Hüsker Dü.

Hey little girl, do you need a ride?
Well, I’ve got room in my wagon why don’t you hop inside
We could cruise down Robert Street all night long
But I think I’ll just rape you, and kill you instead

Als ich aus dem Wald heraus fahre, öffnet sich vor mir das schönste Tal des Spessarts, und gleich darauf führt meine Lieblingsbrücke mit einer leichten Linkskurve über eine tiefe Schlucht.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück
Für einen Moment schließe ich die Augen und atme tief ein. Eine große Traurigkeit und die Sehnsucht nach einem intakten Leben überkommt mich, Schmerz drückt sich aus dunklen Tiefen wie eine dicke, zähe Teerpaste nach oben, und wickelt sich wie eine Anaconda um meinen Brustkorb. Die Nase geht zu; mit geöffnetem Mund versuche ich meine Tränen weg zu atmen. Die Augen schwimmen.
Ich trete das Gaspedal durch.180 km/h, Seitenwind. Der Nissan fängt an zu schlingern, die Katze schreit. Wütend schlage ich gegen ihren Korb. Sie soll ihr verfluchtes Maul halten, das Scheißvieh!
Sofort tut es mir leid. Was mache ich da?
Jetzt schüttelt es mich so sehr, dass die Straße verschwommen vor mir liegt.
Ich könnte das Lenkrad loslassen. Bei der nächsten Kurve wäre alles vorbei. Ich würde in die Leitplanke brettern und abstürzen, oder von einem nachfolgenden, schwer beladenen LKW zermalmt werden. Sekundentod.
Das würde meinem Vater den Rest geben.
Ich löse den Gurt.

You’re the cutest girl I’ve ever seen in my life
It’s all over now, and with my knife

Eine Weile noch heule ich weiter, bis ich vollkommen leer und erschöpft bin. Kurz vor Aschaffenburg fallen mir beinahe die Augen zu. In das hiesige Museum für alte Sportwagen wollte der Fernsehmann auch unbedingt mit mir gehen.
Wie vieles andere, haben wir es immer wieder vertagt.
Bis zum Offenbacher Kreuz ist es nicht mehr weit. Danach fährt es sich wie von selbst. Heimweg.
Als ich ankomme, schaue ich auf die Uhr im Auto, die ganzjährig Sommerzeit anzeigt.
Eine Stunde von Haustür zu Haustür. Rekord.
Mein Vater kommt raus, wundert sich, das ich so schnell da bin, und nimmt mir den Weidenkorb mit der Katze ab.
Die nächsten drei Tage verbringe ich nur mit ihm. Koche für ihn, rede mit ihm, tröste ihn. Treffe niemanden sonst. Auch nicht C., den Fernsehmann.
Ich habe ein neues Leben angefangen, dort in der kleinen Verwaltungsstadt, in der ich solange in der Klinik lag. Mit meinem alten Leben will ich nichts mehr zu tun haben.

Nachts schlafe ich im Arbeitszimmer, unter dem gerahmten Plakat der New Yorker Bauarbeiter, die in schwindelnder Höhe auf hängenden Stahlträgern sitzen und frühstücken.
Immer wieder kommt mein Vater in den Raum, weckt mich und setzt sich an meine Bettkante.
-Kannst du mir was Gutes sagen?
-Es ist gut, dass sie weg ist, ihr habt euch sowieso nur zerrieben! Sie ist es nicht wert, dass du ihr nachweinst. Wenn es Liebe gewesen wäre, würde man nicht einfach so gehen und alle Konten abräumen. Du brauchst sie nicht. Erinnere dich, wie entspannt du warst, als sie im Krankenhaus lag. Du hättest sie doch auch am liebsten verlassen. Deine Trauer ist irrational. Jetzt fängt das schöne Leben an!
Mein Vater schreibt alles auf, was ich ihm sage. Damit er es nachlesen kann, wenn ihn die Einsamkeit und die Trauer anfallen, und er in seinem Gedankenkarussell kreist, bis ihm schwindelt.
Keine Stunde später steht er wieder neben meinem Bett und ist tief verzweifelt. Er hat das Notizbuch in der Hand und bittet mich ihm zu erklären, wie ich was gemeint habe, und warum es gut ist, dass sie gegangen ist.
So geht das 3 Tage lang. Tagsüber fühlt er sich besser, aber Nachts, wenn der ausgehöhlte Geist um Schlaf ringt, und die Lider einfach nicht geschlossen bleiben wollen, wenn es ruhig wird auf den Straßen, wenn der gewohnte Atemzug neben ihm fehlt, wenn ihn diese ganze Sinnlosigkeit des Lebens, des In-die-Welt-Geworfenseins, diese unabänderliche Einsamkeit umzingelt und sich wie ein schwerer Stein auf seine Brust legt, dann hält es ihn nicht auf dem Laken. Dann muss er reden. Wenn schon mal jemand da ist, in dem großen Haus, in dem wir früher zusammen gelebt haben und das er jetzt alleine bewohnt.
Ich bin froh, dass er nach seinem schweren Herzinfarkt und der Reha in Bad Orb überhaupt wieder arbeiten kann. Beschäftigt sein, abgelenkt sein, sich durch Sachlichkeit und Routine sedieren. Über Wasser halten.

Als ich ihn im Frühsommer in der Reha besuchte, war ich selbst noch Patientin in der Uniklinik in Würzburg, und fuhr heimlich mit dem Galan und dessen beige-braunem 1er Golf nach Bad Orb.
Bad Orb, der Ort, in den jedes Frankfurter Schulkind einmal auf Klassenfahrt geschickt wurde, und wo ich im Wald, der ans Schullandheim angrenzte, eine ganze Kiste voller verstörender, pornografischer Fotos gefunden hatte. Die Lehrerin war sehr ernst, als ich sie ihr zeigte, und kurz darauf kam die Polizei und durchkämmte das Waldstück. Ich schämte mich sehr. Damals war ich 8 Jahre alt.

Ich erlebe meinen Vater verändert, als ich ihn an diesem Nachmittag, bei schönstem Wetter, in dem kleinen Kurort besuche. Resigniert. Er redet über den Betrug, mit dem die Romantik Vorstellungen vom richtigen Leben nähre, denen keine Wirklichkeit je gerecht werden könne. Die Verheißung, hinter deren prächtigen Toren das Nichts lauerte. Die Jagd nach dem Glück, das man in einem Menschen zu finden hofft, dieser Mann für diese Frau, die Ernüchterung.
Jeder Schlager, jedes Gedicht künde von dem Großartigen, das einen erwarte, wenn man nur auf den richtigen Menschen treffe. Die Blaue Blume am Wegesrand. Gib´s auf, gib´s auf!
Er erzählt mir auch, wie sehr es ihn erschüttere, dass er sich nicht mehr auf seinen Körper, auf seine Gesundheit verlassen könne. Er war doch immer der Robuste der drei Brüder.
Der Infarkt ereignete sich nur wenige Tage nach einem Belastungs-EKG, das ihm uneingeschränkte Herzfunktionen bescheinigte. Das Vertrauen in seine eigene Unverwundbarkeit sei jetzt weg.
Geht mir nicht anders, denke ich, schweige aber und höre ihm zu. Es gelingt mir, so zu tun, als könne ich das Tonnengewicht seiner Trauer problemlos auf meine Schultern packen. Ich muntere ihn sogar auf, und fahre am Abend wieder zurück nach Würzburg, in mein Zimmer auf der Station 2 Nord, wo mir Schwester Silvia noch eine Kanne Fencheltee kocht.

Zwei Tage vor seinem Infarkt hatte er mich im Krankenhaus besucht. Allein, wie immer. An diesem Tag sagte ich ihm, wie dankbar ich ihm bin, dass er mich in all meinen Entwicklungen immer unterstützt und mir vertraut hat, dass ich meinen Weg gehen würde, auch wenn dieser nicht gerade ist und mehrere Anläufe erforderte. Es war ein besonders herzliches Treffen, in dessen Verlauf ich ihm sogar sagte, wie gerne ich ihn habe.

Als ich Frankfurt am späten Sonntagnachmittag verlasse bin ich erschöpft von soviel Trauer und den ständigen Schlafunterbrechungen. Es fällt mir schwer zurück fahren, aber Montag habe ich wieder Vorlesungen, und ich bin mit meiner Kraft am Ende.
Die Rückfahrt durch den Spessart tut mir gut, die Katze schläft in ihrem Korb, und als ich in Würzburg ankomme, rufe ich Ida an, um mit ihr nach Grombühl zu fahren und etwas zum Kiffen zu besorgen. Sie hebt sofort ab.

-Hallo?
-Ja, ich bin´s. Was machst du gerade?
Mit dem, was dann kommt, habe ich nicht gerechnet.
-Wo warst du? herrscht sie mich an.
-Äh, ich war bei meinem Vater.
-Wieso hast du mir nicht Bescheid gesagt?
-Ich sage doch nie Bescheid, wenn ich mal 3 Tage weg fahre. Außerdem hattest du Frühdienst.
-Und die Katze hast du allein gelassen?
-Nein, die habe ich mit genommen, wie immer.
-Hast du niemandem gesagt, dass du wegfährst?
-Doch, der A.
-Du bist so ein Arschloch!
-Hä, was´n los?
-Du bist so rücksichtslos und egoistisch, ich hab keinen Bock mehr auf dich!
Fieberaft überlege ich, ob ich irgend etwas getan habe, was sie so in Rage bringen konnte. Mir fällt absolut nichts ein.
-Jetzt hör aber mal auf! Was hab´ ich denn gemacht?
Plötzlich zittert Idas Stimme. Die harte, coole Ida, die aussieht wie Frida Kahlo mit dem ironisch-bohrenden Augen Salman Rushdies, weint.
Ich bin platt.

-Was ist denn passiert? Ist irgendwas mit Edo? Idas Freund ist Gelegenheits-Junkie, der mit Taxifahren seinen Stoff finanziert und immer häufiger auch in ihre Tasche greift.
-Nein, was soll mit dem sein! Ich habe mir Sorgen um dich gemacht. Wir haben dich überall gesucht.
-Wieso denn? Wer denn?
Sie erzählt mir, dass der Galan völlig außer sich, bei ihr auf Station erschienen sei. Von einem Klassenkameraden, der im gleichen Haus wie ich wohnte, hatte er erfahren, dass die Feuerwehr mit der Rettungsleiter in meine Wohnung eingestiegen sei, und mich schließlich auf einer Bahre, oder in einem Sarg, da war er sich nicht sicher, rausgetragen habe. Das hatten andere Nachbarn bestätigt. Jeder erzählte, was er über mich wusste. Dass ich so zurück gezogen lebte und viel alleine war, dass ich keine Kontakte aufnahm, und dass man mich immer wieder durch die Rohre im Badezimmer schluchzen hörte.
Ida und der Galan hatten dutzende Male versucht mich telefonisch zu erreichen, waren dann zu meiner Wohnung gefahren, und fanden dort zwei dicke Blutstropfen vor meiner Türe.
Sie hatten gegen die Tür gehämmert, die Katze gerufen, waren anschließend sämtliche Krankenhäuser abgefahren und hatten bei Polizei und Feuerwehr angerufen. Ohne Ergebnis.
A.s Nummer hatten sie genau so wenig, wie die Privatnummer meines Vaters.
Der Galan hatte sich schwere Vorwürfe gemacht meinen schlimmen Zustand nicht erkannt zu haben, als wir uns zwei Tage zuvor noch kurz gesehen hatten. Das schwule Pärchen erzählte ihm von meinen Tränen und dem endlos läutenden Telefon. Alles passte zusammen.
Nach dem Gespräch mit Ida rufe ich beim Galan an. Er ist nicht Zuhause, und ich hinterlasse eine Nachricht.
Zwei Stunden später klopft er an meine Tür. Als ich öffne bleibt er kurz stehen und schaut mich mit rot geäderten Augen an. Dann drückt er mich so vorsichtig, als würde ich sonst kaputt gehen.
-Sowas darfst du nie wieder machen, sagt er leise,  ich bin so froh, dass du noch lebst!
-Ich auch.
Zusammen rauchen wir eine Tüte und hören Musik.
Spät in der Nacht geht er nach Hause.

Musik zum Text: Hüsker Dü, Diane

Les jeux sont faits

Vor vielen Jahren verbrachte ich 6 Monate stationär in der Uniklinik Würzburg.

Rose

Photo credit: DBduo Photography)

Station 2 Nord. Neurologie.
Mit mir im Zimmer lag eine etwa 50 Jahre alte Frau, die an einem anaplastischen Astrozytom erkrankt war. Einer Vorstufe zum Glioblastom. Beides Hirntumore.
Sie bekam eine Chemotherapie und musste sich häufig erbrechen. Auch in der Nacht.
Regelmäßig wurde ich wach und hörte, wie sie sich im Bad quälte.
Wenn sie das Zimmer verließ, trug sie einen großen dunkelblauen Strohhut. Den setzte sie auf das Tuch, das sie sich zuvor um den Kopf geschlungen hatte, um die lange, rote Operationsnarbe und die kahlen Stellen zu verbergen. Die Kopfbedeckung verlieh ihr einen exzentrischen Ausdruck der durch eine korallenrote Lederhandtasche, die sie immer bei sich trug, und durch einen weiten, dunklen Kaftan, der ihren knochigen Körper verhüllte, noch verstärkt wurde. Ihr Gesicht war bleich und eingefallen, die Augen blickten aus grauvioletten Höhlen. Wimpern hatte sie keine mehr. Zwischendurch gab es Phasen, in denen es ihr etwas besser ging und sie regelrecht zutraulich und redselig wurde. Unvermittelt stand sie dann auf, postierte sich am Fußende meines Bettes und legte los. Mit allem. Mann, Ehe, Familie, Krankheit, Tod.
Eines Tages stand sie wieder da und quasselte ohne Pause, fast atemlos auf mich ein, obwohl ich Musik auf den Ohren hatte und meine Augen geschlossen waren. Plötzlich stoppte der Redeschwall und sie blickte durch mich hindurch in die Ferne.
Wenn die Chemo nicht wirkt, bin ich verloren“, sagte sie, so als wäre ihr die entsetzliche Wahrheit erst eben bewusst geworden. Ich wusste nicht was ich sagen sollte und lächelte sie unsicher an. Gerne hätte ich ihre Hand gedrückt, denn obwohl sie mir nicht wirklich sympathisch war berührte mich ihr Schicksal, das ich so hautnah miterleben musste, sehr. Sie wandte sich ab und ging ins Bad. Durch die Wand konnte ich sie schluchzen hören. Von diesem Tag an weinte sie viel und verzweifelt.
An einem Morgen legte ich mich nach dem Frühstück noch einmal ins Bett und döste vor mich hin, während der Krankenhausalltag lärmend seinen Lauf nahm. Es ist nicht zu glauben, wie oft die Tür in den ersten Stunden nach Dienstwechsel aufgeht und wie wenig Ruhe die Kranken finden. Einer bringt das Frühstück, eine die Tagesration an Tabletten. Die nächste misst Temperatur und fragt nach dem Stuhlgang. Dann kommen gleich zwei zum Bettenmachen und Stoßlüfen. Das Frühstückstablett wird wieder abgeholt. Der Masseur kommt vorbei und bringt die Fangopackung auf einem heißen Blech herein. Ruhen soll ich, sagt er. Schließlich kommt die Putzfrau, füllt den Sterilium-Spender neben dem Waschbecken auf, wischt alles ab und feudelt mit stark riechendem Reinigungsmittel um die Betten herum. Sie ist es auch, die ich plötzlich schreien höre und aus dem Raum in den Flur stürzen sehe. Kurz danach trampeln gleich mehrere Krankenschwestern in unser Zimmer, ein junger Arzt kommt dazu. Sie machen sich an der Nachbarin zu schaffen während die Putzfrau weinend in der Türe steht und mich entsetzt anstarrt.
Meine Zimmernachbarin ist neben mir gestorben.
Diese Erinnerungen und einige andere mehr kommen mir hoch, wenn ich im Blog von Wolfgang Herrndorf lese, der seit 3 ½ Jahren mit einem unheilbaren Glioblastom lebt und in tagebuchartigen Aufzeichnungen sein Sterben beschreibt. Seine Ängste, die OPs, die Chemo.
Seit  Juli wirkt das Avastin nicht mehr, das zuvor die beiden Tumore im Kopf zumindest in Schach hielt und ihn zu einem Langzeitüberlebenden dieses extrem bösartigen Tumors gemacht hat, der den Betroffenen meist nur wenige Monate lässt.
Herrndorf beschreibt wie ihn, den Schriftsteller, mehr und mehr die Sprache verlässt. Wie er nach Worten sucht, sich nicht mehr ausdrücken kann. Seine Scham darüber, die Todesangst, die Verzweiflung. Und ich lese mit und leide mit ihm, ohne ihm je begegnet zu sein. Bei jedem seiner, in unregelmäßigen Abständen veröffentlichen, Blogeinträge macht das Herz einen kurzen Sprung. Lange Schreibpausen beunruhigen mich. Nachts träume ich von Krankheiten, den Monaten in der Neuro, vom Sterben. Obwohl mich seine Blogeinträge mitnehmen, kann ich nicht aufhören sie zu lesen. Es ist, als würde ich einem Flugzeug beim Abstürzen zuschauen.
Erst wenn es aufschlägt, werde ich die Gewissheit haben, dass nichts mehr zu retten ist.
Vorher kann ich nicht wegschauen.