Weite suchen/ Jucken lassen

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Es ist an der Zeit, denke ich, während ich mich bemühe ein Zeugnis für eine ehemalige Mitarbeiterin zu schreiben, die in den Norden gezogen ist, es ist an der Zeit die Zelte abzubrechen und etwas Neues zu beginnen.
Ein persönliches Zeugnis hat sie sich gewünscht, anders als die üblichen floskelhaften Beurteilungen, die man guten Mitarbeitern gemeinhin mit auf den Weg gibt. Wörter wie wohlfühlen und angenehm sollten darin vorkommen, sagt sie, und sie möchte es nicht selbst formulieren, ich soll das bitte für sie schreiben, so, wie ich es für richtig halte. Und obwohl ich mich tatsächlich sehr wohl gefühlt habe mir ihr, weiss ich beim besten Willen nicht, wie ich das halbwegs professionell, dabei aber persönlich und gleichzeitig aussagekräftig und unmissverständlich ausdrücken könnte. Ich bedaure ihren Weggang sehr. Es wäre schön, sie käme zurück. Sie war eine überaus angenehme Mitarbeiterin. Herzlich, fröhlich, zuverlässig, engagiert und verantwortungsbewusst. Klingt das nicht eher nach einer netten Betriebsnudel, die nichts auf die Reihe gebracht und die man deshalb weggelobt hat?

Ein gefühlvolles Zeugnis zu schreiben ist eine echte Herausforderung. Den entspannten Spagat zwischen `let go´ und `schön war die Zeit´ beherrsche ich leider nicht. Weder im Beruf, noch im Privatleben.
Es wird Zeit etwas Neues zu beginnen, denke ich, am Liebsten anderswo und am Besten ganz anders. Dabei stecke ich längst mitten drin in dem Neuen, stehe aber gleichzeitig noch mit einem Bein im Alten, dem Trägen, dem Vergifteten. In einem feindlichen Wohnumfeld, in dem ich auf Dauer nicht friedlich werde leben können.

Es regnet, tropfnass und gelb sind die Blätter des Bambus. Die Vermieterin hat ihre Drohung wohl tatsächlich wahr gemacht, Sie hatte die „Entfernung“ des Bambus angekündigt und drei Tage später ging das Sterben bereits los. Die Katze, die ein Blatt des siechenden Grases gefressen hat, kotzt sich seit Tagen blutigerweise die Seele aus dem Leib während ich, vor lauter Hilflosigkeit, inneren Voodoozauber betreibe, im Geiste  Drahtseile quer durchs Treppenhaus spanne und mir vorstelle wie die boshafte Vermieterin, die mich seit zwei Jahren piesackt und deren gehässige Gesichtszüge mehr und mehr jenen einer bösen Hexe zu gleichen scheinen, die Treppe herunter geschlurft kommt, es plötzlich rumpelt, dann einen harten Schlag tut und endlich Stille ist. Dann sehe ich mich, wie ich aus meiner Wohnung heraustrete und ihr lächelnd ein Pflaster für ihr blutiges Kinn anbiete. Sie hat die Wahl zwischen einem schwarzen mit Totenköpfen  oder einem mit einer aufgemalten, haarigen Warze darauf.

Ich habe wahrlich keine Neigung zu Gewaltphantasien und es erschreckt mich, dass diese Frau derartige Gefühle in mir weckt. Sie möchte mich um jeden Preis aus dem Haus ekeln und bedauerlicherweise schafft sie es, nicht nur die Atmosphäre, den Boden und meine Katze zu vergiften. Es gelingt ihr obendrein, das Gift in meine Seele zu träufeln und üble Gedanken in mir zu erzeugen, mit denen ich mich noch schlechter fühle als so schon.

 

Es müsste etwas Neues beginnen, etwas, das den Abschied leichter machen würde, denke ich. Irgendwo in einer Gegend mit einem breiten Fluss. Oder mit Bergen. Oder dem Meer. Idealerweise ohne Nachbarn. Vielleicht mit einem Schäfer und seiner Herde. Als Nabelschnur behielte ich ein Zimmer in Berlin, zumindest eine Zeitlang. Und für die Katzen fände sich bestimmt auch ein schönes neues Zuhause. Unbeschwert von allem, was mich hier hält und quält, nähme ich meinen kranken Hund unter den Arm und suchte das Weite.

 

 

Beinahe unerträglich jucken noch immer die Mückenstiche vom Pfingstmontag. Ich kratze und kratze und kratze und kann nicht aufhören damit. Blutig verschorft sind inzwischen schon meine Beine, doch es juckt lustig weiter. Nicht einmal, als ich vor Jahren einen steilen Hang herunterradelte, die Bremsen meines Rades versagten,  ein Maschendrahtzaun meine Fahrt stoppte und ich kopfüber auf eine mit Brennesseln zugewucherte Brache stürzte, hat es mich so gejuckt. Und das will was heissen.

Es hört erst auf zu jucken, behauptet die Theaterfrau, wenn du nicht mehr daran herumkratzt.
Ich wünschte das stimmte, gälte für alle Malaisen und ich wäre überdies die Großmeisterin der Selbstbeherrschung und des entspannten Juckenlassens.

 

 

 

 

 

Bild: Mont Saint-Michel, Jérome Vervier, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Immer Heute


Staubige Hitze und verbrannter Rasen. Schlingpflanzen ranken entlang der Schrebergartenzäune. Dahinter dösende Datschen mit halbgeschlossenen Lidern. Sirrende Wespen kreisen über fauligem Obst.

In der kurzen Stille des Atemholens zwischen Abend- und Nachtstunde liegt schweigend die Stadt.

Kopfruckelnd laufen die Tauben im Kreis umher. Es riecht nach Kleister, Kippen, Bier und Hundekot.

Die Fahrkarte hundertmal in den Spalt schieben und es ein ums andere Mal zuschnappen hören, das Stempelgebiss. Violette Abdrücke wie beim Zahnarzt, der den Überstand mit Färbepapier prüft. Schicht für Schicht die Zeit übereinanderlegen, synchron zu ihrem Vergehen. Zeitmesser auch die an den Rändern aufwellende Plakatlasagne an den eisernen Streben der Hochbahn. Lage für Lage vergangene Erwartungen. Obenauf die Heutige. Bald schon erfüllt oder enttäuscht und überdeckt von neuen Wegweisern zu einem nahenden Morgen.

Das Haus ist fertig, beendet der Nestbau. Der Augenblick entscheidet über das Überleben, alles andere ist eine Frage des Komforts.

April is the cruelest month. Noch ein Mal die Koffer packen und abreisen in ein neues Leben, in eine unbekannte Stadt. Weg von hier und von allem. Nur das Tölchen, das nähme ich mit.
Abends, wenn sie zusammengerollt und mit untergeschlagenen Beinen wie ein wartendes Kitz auf dem Teppich unseres sepiafarbenen Hotelzimmers läge, zündete ich mir eine Zigarette an, die erste in 8 Jahren, und bliese, auf dem Bett liegend, den blauen Rauch in die Luft. Schwindlig vom Nikotin überließe ich mich dem  Sehnen meines klopfenden Herzens und später, viel später in der Nacht atmete ich mich in einen traumlosen Schlaf.

Immer ist nur Heute und gestern bloß eine Illusion.

 

 

 

 

 

 

Bild: Mografik, Plakate, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/

Die Prophetin

Fotothek_df_roe-neg_0000490_002_In_einer_Pfütze_gespiegelte_Gebäudefassade
April is the cruelest month, breeding
lilacs out of the dead land, mixing
memory and desire, stirring
dull roots with spring rain.

T.S.Eliot, The Waste Land
 

 

Mein Kopf ist merkwürdig leer. Ein angenehmer Zustand.
Ich habe der Welt nichts zu sagen und die Welt mir nicht.
Wir sind einfach so da.
Die Sonne scheint vom rein gewaschenen Aprilhimmel, draußen ist es windig und frisch.
Der Hund schnaubt und niest vor Wohlgefühl, die Ohren fliegen nach hinten, die dunkle Nase glänzt feucht.

April, der Monat, in dem die schnell ziehenden, auseinander triftenden Wolkengebirge sich in den großen Pfützen spiegeln bis Hagelkörner sie zerschlagen und dicke Regentropfen sie blasig davon schwemmen.
Noch ist es trocken, nur der Wind kräuselt kühl die Oberfläche.

Mir ist so leicht ums Herz, so ungebunden und frei.

Ein Tag, an dem man in einen Zug steigen möchte, den erstbesten, einen mit kyrillischen Buchstaben auf den Flanken, vielleicht. Ohne Gepäck.

Fahren, bis es dunkel ist, die Beine übereinander geschlagen, einen Tee im Speisewagen nehmen, und irgendwann in einer weit entfernten Stadt wieder aussteigen. Eine unbekannte Sprache hören. Reiseklänge. Gelbes Licht.
Mit dem Fuß auf dem Bahnsteig beginnt das neue Leben in diesem fremden Land.

Eine Hafenstadt, zwischen Abchasien und Adscharien, irgendwo auf dem Balkon Europas.
Ein eigenes Alphabet für die neuen Worte, mit denen ich eine Muschel forme.
Glatt innen, außen gerieft.

Einen anderen Namen werde ich tragen. Martha oder Sibylle.

 

 

 

Bild:  Deutsche Fotothek‎ [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)%5D, via Wikimedia Commons

ghost of a cat

Wie schnell das herunter gefallene Laub sich zersetzt hat.
Zuerst zeigten die Blätter nur kleine Risse.  Immer mehr davon, und immer deutlicher trat die Blattstruktur hervor.
Der Mittelsteg wie eine Wirbelsäule, ein Mast. Davon abgehend ein Netz zahlloser Verästelungen, die zu den Rändern hin fein und feiner werden.
Das Skelett.
Nach und nach brechen die filigransten Adern, und das Blatt zerfällt.
Von außen nach innen. Von der Peripherie bis zum Zentrum.
Am längsten bleiben die dicken Blattrippen stehen. Wie Überreste eines Bootwracks, oder Gebeine eines Wales.
Dazwischen weicht alles auf, trocknet wieder an und bricht, in geometrisch geformten Stücken, heraus. Jedes anders, alle ähnlich. Mandelbrot´sche Fraktale.
Der nächste Regen lässt die Bruchstücke verklumpen, wie Thrombozyten.
Eine braune, schleimige Masse, die sich über den Winter immer weiter zersetzen und im nächsten Frühjahr bereits zu Erde geworden sein wird.
Erde für die Krokusse, für das Gras, die Sträucher, für die alten Platanen.
Erde, auf der mein Hund sich erleichtern wird.
Erde, die nach dem ersten Frühlingsregen so köstlich duftet. Ein wenig nach Muskat, nach frischen Champignons, nach Moosflechten und Wald, nach Zuhause.
So erdig.
Und nichts mehr erinnert an das Blätterdach des Vorjahres in dessen Schatten man geruht, und dessen grüne Kühle das immerwährende leise Rauschen des Blutes erfrischt hat.

Durch so viele Formen geschritten

Aber erst muss der Winter kommen, und mit ihm die Weissröckchen.
Die poloniumleuchtende Stille, das Erstarren im eisigen Ostwind.
Später dann grauer Rollsplittmatsch, der beim Auftreten ein schmatzendes Knirschgeräusch macht, dabei gegen die Hosenbeine spritzt und weiße Ränder auf den Schuhen hinterlässt.
Erst muss dieses ganze Sterben, der Verlust jeglicher Schönheit und Würde sich vollziehen.
Nichts darf übrigbleiben, außer ein paar Beeren des vergangenen Sommers, die wie verpuppte Blüten an den dürren Zweigen der Büsche hängen.