Schaum vor dem Mund

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Als ich gerade in mein Auto gestiegen bin, steht plötzlich die knapp dreißigjährige Assistenzärztin neben mir. Sie war mir auf den Parkplatz gefolgt, um mich dort mit hochrotem Kopf und erhobener Stimme zur Rede zu stellen.
Aus einer überaus misslichen Lage heraus, war ich, nach einem sehr unangenehmen und schmerzhaften Wochenende, zur ambulanten Untersuchung in die Klinik gefahren, wo eben diese Ärztin mich begutachtet und anschließend verabschiedet hatte. Am nächsten Tag solle ich einen Termin mit dem Chirurgen ausmachen.

Als sie bereits in der Tür des Behandlungszimmers stand, fragte ich noch kurz, ob mit meinen Blutwerten alles in Ordnung sei. Achja, die könne sie mir noch nachreichen, ich solle doch bitte noch warten, sie sei in der Notaufnahme beschäftigt.
Eineinhalb Stunden später, die Anmeldung (und folglich auch die Abmeldung) hat schon geschlossen, sitze ich immer noch da und denke: sie ist wirklich sehr beschäftigt, wahrscheinlich hat sie mich vergessen, da will ich nicht stören und gehe jetzt mal. Der Hund wartet Zuhause, die Fahrt ist lang, es ist gleich 17 h, die Blutwerte sind mir eigentlich wumpe und morgen rufe ich ja sowieso an wegen eines Termines.

Ein riesiger Fehler!

Wie ich es überhaupt wagen konnte die Klinik zu verlassen, wieso ich überhaupt abhaue, ich sei schließlich in ein Krankenhaus gekommen und könne da nicht so einfach unabgemeldet verschwinden, keift sie auf dem Parkplatz herum, und würde mir am liebsten eine scheuern, so geladen ist sie. Meinen Einwand, dass ich dachte wir seien nach Ihrer Verabschiedung und dem Ende der Untersuchung fertig gewesen, das Nachreichen des (übrigens unauffälligen) Labors eine reine Formalie, nicht wichtig jedenfalls, es täte mir wirklich leid, ich habe sie nicht vor den Kopf stoßen wollen, ich hatte ja keine Ahnung und das wollte ich nun wirklich nicht, mea culpa, mea maxima culpa, lässt sie vollends durchdrehen. Ein Orkan der Wut entlädt sich über mir, wie man ihn eigentlich und uneigentlich nur von hochgradig psychopathischen Menschen erwarten würde (die einen im Anschluss vor die einfahrende U-Bahn schubsen) bis sie sich schließlich umdreht und mit wehendem Kittel zurück in die Klinik stampft und ich Blödi ihr hinterher haste, wie ein zurechtgewiesenes Kind.

Und wieder warte ich vor der Notaufnahme, in der sie verschwunden ist, bis sie nach einer ganzen Weile erneut heraustritt, sofort auf mich zusteuert und mich vor der versammelten wartenden Patientenschaft gleich nochmal zur Sau macht, aber so richtig. Auch die zweite Entschuldigung will nichts fruchten, und in einer finalen Attacke bäumt sie sich mit ihrer ganzen kranken Wut und ihrem puterrotem Kopf auf und spuckt mir ihre offenkundige Aversion ins Gesicht: da dürfen Sie sich wirklich nicht wundern, wenn das Arzt-Patienten-Verhältnis Schaden nimmt.

Nein, da wundere ich mich nicht, denke ich, bei solchen Umgangsformen nimmt das ganz sicher Schaden, und zwar erheblichen.

Dieses Zehlendorfer Krankenhaus jedenfalls, scheint mir, trotz seines ausgezeichneten Rufes, nicht der richtige Ort zu sein mich in den Tiefschlaf legen und behandeln, geschweige denn operieren zu lassen. Ich will gar nicht wissen, wie der Chirurg durchdrehen würde, falls ich mich während des Eingriffes nicht kooperativ genug verhielte.

Was macht diese Stadt bloß mit den Seelen der Menschen?

 

 

 

 

 

 

Bild: txmx2, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Keine Tränen

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Nachdem der Krankenwagen abgefahren ist stehe ich noch eine Weile am Fenster und halte mich mit beiden Händen an dem schmalen Vorhangschal fest, den sie genäht hat. Im Garten gegenüber zerstreut sich die Partygesellschaft. Eben noch hingen sie alle am Zaun und schauten zu, wie sie aus dem Haus getragen wurde, bleich und ohne Leben. Es gibt nichts mehr zu sehen.
Meine Mutter hatte ihren großen Auftritt.

Als ich sieben Jahre alt bin, gehen meine Eltern mit uns spazieren. Meine Mutter zeigt auf ein Haus mit Garten und einem Türmchen. Hier werden wir bald wohnen. Ich freue mich auf ein eigenes Zimmer.

Die kleine, schiefergedeckte Villa wurde 1904 fertiggestellt. Sie hat ein Türmchen, mehrere Giebel und Fachwerk in der oberen Etage. Die Fenster sind mit rosafarbenem Sandstein eingefasst, die zweistöckige Holzveranda ist mit buntem Glas versehen, im Garten steht eine Trauerbirke.
Die große Zypresse vor dem Eingang erinnert an Gutshäuser in der Toskana.
Hier leben wir.

Ich erinnere mich nicht mehr wer von uns den Brief gefunden hat.
War ich es, oder mein Bruder?
Ich weiss noch sehr genau was sie (in ihrer großen Handschrift) geschrieben hat.
Ich habe Schuld an ihrem Tod. Auf ihrem Grab sollen wir tanzen, mein Bruder und ich, und Parties feiern. Der Weg ist frei für unser Glück.
Meine Ohren dröhnen, mein Mund ist trocken.

Die Rettungssanitäter haben die leeren Tablettenblister eingesammelt und mit genommen.
Ihre kleinen schwarz-weißen Pumps stehen noch immer ordentlich neben der Badewanne.

Das Krankenhaus hat angerufen. Sie ist über den Berg. Beim Auspumpen des Magens wurden ihre Zähne lädiert. Das Elektrogerät war gut isoliert und hat keine Schäden hinterlassen.
Es war ihr ernst.

Ich kann nicht einmal weinen.

Bild: By AleXXw / Alexander Wagner (Own work) [CC BY-SA 3.0 at (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/at/deed.en)%5D, via Wikimedia Commons