So alive

English: Jellyfish in the New England Aquarium...

Milchig steht der Nebel in den Straßen. Es ist tiefe Nacht.
Eine unbestimmte Ahnung. Ich kann nichts erkennen, bremse ab, blinke und überhole langsam.
Durch das Beifahrerfenster sehe ich einen bärtigen, schwarz gekleideten Mann im Rollstuhl.
Beide Beine hochgelagert, auf dem Schoß ein großer, dampfender Suppentopf.
Ich lasse die Scheibe herunter und spreche ihn an.
Er hat es nicht mehr weit
Ich begleite ihn bis zu seinem Ziel.

Er weiß, dass er lebt.

Zuhause, oder Nächte mit Nietzsche

SAMSUNGNachts bei heimeligem Schummerlicht im Musikzimmer. Blick auf das schwarze Klavier.
Das Bett steht im kleinen Erker, neben dem immer blühenden, wild wuchernden Christusdorn. Kuschelige Biberbettwäsche. Du frierst doch immer so.
Alles ist vertraut. Jedes Bild, jedes kleine Dekozipfelchen. Die Handschrift der Freundin, geschwungen und verschnörkelt wie Briefe an einen König.
Damals im Häuschen am Waldfriedhof die Reste des moussierenden Holunderweines vom Dachboden ausgetrunken. Ihr glucksendes Lachen und das Zitronengesicht, wenn sie sich freut. Esoterische Anwandlungen. Mondschein und eine Menstruationshütte.
Beerenwein während der Medizin-Vorlesungen.
Herr Doktor, Herr Doktor, ich hab einen Knoten in der Brust! Wer macht denn sowas?
Wieder ihr helles Lachen, das mich mitreisst, noch beim albernsten Witz.
Vor Jahren in Würzburg bei strömenden Regen vor dem Immerhin herum geirrt, auf der Flucht vor meinem hartnäckigen Verehrer. Ausgerechnet sie schickt ihn mit klaren Worten davon.
Ringelblumentee und Lavendelblüten. Ein Nest bauen. Ohne Ecken.
Ihre langen blonden Haare, die langen Beine und die großen Brüste. Ihr Kopfschütteln: Männer sind so einfach gestrickt.
Wo immer sie ist, ist Zuhause.

Auf der Hinfahrt Sonnenuntergang bei Amorbach. Am Ende des kurzen Tunnels liegt der riesige, gleißend orangene Feuerball glühend auf dem Asphalt und verschließt die Ausfahrt vollständig. Ein flammender Deckel aus Licht. Geblendet und mit halbgeschlossenen Lidern fahren wir auf ihn zu.
So wird das sein, an jenem Tag.
Die Fähre bei Mondfeld ist außer Betrieb.
Der Main schimmert seidig, die Luft ist weich und mild.

Sils-Maria statt Amorbach wäre seine Wahl.
Nachts die geliebte Stimme am Telefon. Jeden Tag, an jedem Ort.
Kühl und warm, beides zugleich.
Na? So fangen wir an und lachen dann leise.
Wir reden und reden. Manchmal plaudern wir auch.
Das Schlagen der Kirchturmuhr. Alle fünfzehn Minuten und zur vollen Stunde.
Du bist so weit weg. Du bist mir so nah.
Mein Herz.
Nach genau zwei Stunden trennt uns wieder die elektronische Telefongouvernante.
Sofortiger Rückruf. Nur ganz kurz.
Zum Glück ist die Verbindung besser als im Allgäu.
Am Ende kann ich kaum noch sprechen. Ich möchte mit deiner Stimme im Ohr einschlafen.
Liest Du mir etwas vor?
Nietzsche. Das einzige was ich höre ist Leiber, Leiber, Leiber.
Wie gerne ich jetzt meine Hand an deinen Kehlkopf legte um die Töne zu fühlen, die dein Brustkorb hervor bringt und der Mund schließlich in die Muschel hinein formt. Mit den Lippen Wörter schälen
Ich flüstere, Du flüsterst. Wir wispern.
Ein Seufzen.
Ich hab Dich so gern.

Mattress Mistress

Nach der letzten Hunderunde, es ist  fast zwei Uhr nachts, kehren wir nach Hause zurück.
Vor der Haustüre steht eine jener spanischen Dreadlock-Hippiepunk-Mädchen, die mit Bussen, Wohnwagen und Hunden angereist sind, und vor dem Rauchhaus auf dem Bethaniendamm in größeren Gruppen herumlungern. Sie trägt ein kurzes Röckchen, abgetragene Springerstiefel, jede Menge Armreifen, Nieten hier und da, und traumfängerartige Deko in ihren knotigen Dreads. Die Schläfen sind stoppelig ausrasiert, ihre Stimme, wie erwartet heiser und rauchig. Ob wir vor etwa 2 Wochen eine Matratze auf den Gehweg deponiert hätten, versehen mit einem Zettel. „Mattress for one night“, fragt sie auf englisch.

matratze no. 13

matratze no. 13 (Photo credit: dev null)

Das kann ich klar verneinen.
Sie insistiert. Irgend jemand müsse die Matratze aber vor die Tür gelegt haben. Sie wolle diese Person finden. und mit ihr sprechen. Ob ich eine Idee habe?
Nein, hab ich nicht. Ich meine mich zu erinnern, dass zwei Häuser weiter eine Matratze, zusammen mit anderem Gerümpel  lag, aber sicher weiss ich es nicht. Inzwischen schmeissen alle ihren Müll vor die Tür, dem sie großspurig einen Zettel „zu verschenken“ beilegen, weil sie keine Lust haben ihn zum BSR-Hof zu schleppen. Erstaunlicherweise findet oft selbst siffiges  Zeug  in kürzester Zeit neue Besitzer.
Sehr merkwürdig finde ich allerdings, dass sie um diese Uhrzeit so dringend das Gespräch darüber sucht.
Sie wohne in einer Gruppe mit 10 Menschen, erklärt sie schließlich, und jeder habe in der letzten Zeit einmal eine Nacht auf der Matratze geschlafen.
Prima. Schön habt ihr´s, denke ich, und weiter?  Ich bin müde und möchte in mein Bett.
„Everybody of the group has flees now“, erklärt sie mit rollendem r und vrowurfsvollem Gesichtsausdruck.

Oh.

(Ich tippe auf Wanzen. Die sollen wieder groß im Kommen sein)

Bruchlandung

Er hatte ein Faible für Autoscheinwerfer. So wie ich ein Faible für Seitenspiegel alter Sportwagen habe.

Allerdings war er ein solcher Experte, auf dem Gebiet, dass er, selbst wenn wir im volltrunkenen Zustand mit dem Auto über die nächtlichen Landstraßen unserer Jugend fuhren, entgegenkommende Fahrzeuge marken- und modellgenau an den Umrissen ihrer Lichtkegel erkennen konnte.

Wenn wir fast auf eine Höhe mit ihnen waren, blendete er auf und freute sich über die Momentaufnahme der erschrockenen oder wütenden Gesichter.

Seine Mutter schenkte ihm zum Geburtstag einen „Pfeil der lange in der Luft bleibt“.  Das war kurz nach dem Abitur.

Später wurde er Redakteur einer großen deutschen Tageszeitung, die heute insolvent ist.

 

Bläuliche Flammen

 FlammenfärbungAsVier Uhr nachts. Mit offenen Augen liege ich im Bett. Erwartungsvoll. Der Kopf so leer.

In dieser Nacht sah ich ein Kind,
Das lachte mich an.

Das Hirn gebettet in knöcherner Schale, sachte umspült vom Liquor. Wasser des Lebens. Alles ist weiß und ruhig. Ein lautloses Schneetreiben im Hochgebirge.
Ich schalte den Fernseher an. Ohne Ton. Den Blick an die Zimmerdecke geheftet.
Starren. Der Fernseher flickert.
Über die Heide wogten große bläuliche Flammen. Die haben den Himmel ganz hell gemacht.
Es wird Zeit zu schlafen. Ich bin hellwach.
Zu müde, um schlafen zu geh’n
Vielleicht sollte ich aufstehen. Mir ein Glas Rotwein einschenken, lesen, die Zehen in Töles Pelz stecken und ihren Bauch durchwalken. Ich höre sie tief atmen, und ohne zu schauen, weiss ich dass sie jetzt auf dem Rücken liegt, die Beine noch oben gestreckt und von dem gleichen Sirren umfangen ist, wie ich.
Dazu hat das Kind noch viel mehr gelacht.
Ich bleibe liegen.
Dieses Mal suche ich mir gleich 2 Wortendungen aus.
-sam und-los. Von A-Z.
aufmerksam-angstlos
betriebsam- belanglos
duldsam——– Mist—– muss ich später ergänzen
ehrsam- ehrlos
folgsam-folgenlos
gehorsam-gottlos
heilsam-heillos
—————-ideenlos
-sam ist die Tugend, -los der Mangel.
Ein Arbeitsloser ist auch ein Arbeitssuchender, ein Archäologe unsere Zeit.
arbeitsam-arbeitslos-arbeitssuchend
Und:
heilsam-heillos-heilsuchend-heilversprechend-heilbringend  -yeah!
Vielversprechend. Spaßsuchend, spaßbringend.
Wir lachten beide zusammen
über die bläulichen Flammen.
Ehrsuchend, gottsuchend, heilsuchend.
Klingt nach Katharina Blum. Verloren. Böllstoff.
Gottlos erscheint mir weniger einsam und ausgeliefert zu sein als gottsuchend.
Nicht so haltlos; merkwürdigerweise. Das Spiel läuft aus dem Ruder, meine Beine werden unruhig. Die Füße zucken. Die Glotze macht mich nervös. Ich schalte sie aus.
Schlaflos-schlafsuchend.
Das Mondschaf liegt am Morgen tot
Sinnsuchend, sinnstiftend, sinnlos.
Gib´s auf, gib´s auf!
Der Wecker zeigt 5.30 h.
a cinq heures cinquante-cinq
ante meridiem
too late to end it now
too early to start again
In einer halben Stunde kommt das erste BSR Terrorkommando. Es lohnt nicht mehr nach Schlaf zu suchen. Ich stehe auf. Gerädert. Steif.
Grab my shaft, blow my horn, when it´s hard in the early morn´

In der Küche wartet koffeinfreier Espresso auf mich.

(Photo credit: Wikipedia )