Ein klitzekleines Kind übergab man mir. Eingewickelt in eine wattierte Decke, hatte es nur knapp die Größe eines Zeigefingers. Das zerknautschte rote Gesichtchen und die geschlossenen Augen zeugten von der nur wenige Stunden zurück liegenden Geburt.

Ich solle es zu seiner Mutter bringen, sagte man und obwohl mir unwohl dabei war, tat ich wie mir geheißen.

An den Weg zu der mir unbekannten Frau erinnere ich mich kaum, nur daran, dass das Kind, ein Mädchen, in meiner heissen Hand und dick eingepackt wie es war, zu schmelzen drohte, und sein winziger Körper eine solche Hitze abstrahlte, dass ich es kaum mehr zu halten vermochte.

Am Ziel, einem fünfstöckigen Gründerzeitwohnhaus, angekommen, trug ich es eine endlos lange  Wendeltreppe empor. Die Stufen waren so hoch und so tief, dass ich sie trotz meiner langen Beine nur unter Zuhilfenahme der freien Hand erklimmen konnte. Unterdessen ging es dem Kind in meiner Linken  immer schlechter. Doch oben angekommen, befand sich neben der letzten Stufe, eingelassen in einen Holzpfosten, eine Steckdose in die ich sogleich, als lebensrettende Maßnahme, ein Ladekabel steckte. Während ich, in der einen Hand das glühende Kind, in der anderen den Stecker, dort kniete, versammelte sich eine Gruppe Frauen in cremefarbenen Leggings, mit kurzem Flatterröcckchen und engem Spaghettitop an der Balustrade und begann einen stummen Tanz. Es war das Stasiballett und sofort fiel mir auf, dass eine der Frauen sich nicht synchron  zu den anderen bewegte. Auch ihr Körper verriet, dass sie nie und nimmer eine Tänzerin war.
Nun wusste ich auch, wer die Mutter des Kindes war: es war Frau Dr. Angela Merkel.
Das kleine Mädchen in der Hand stieg ich vorsichtig die Treppe wieder herunter und verließ das Haus.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Traum nach einer Dokumentation über sexuellen Missbrauch in der Familie

 

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Die Katzen liegen auf dem Bett, jede in ihrer Ecke.

Ein Sonnenstrahl bricht durch die Wolken, ein Fallschirm sinkt in der Lichtsäule hinab.
Eine Qualle steigt auf. Alles sucht die Erdoberfläche. Nur der Fuchs verschwindet in seinem Bau. Der Jäger ist ihm auf den Fersen.

 

Die kleine Polin ist zu Besuch. Support your local punkscene, steht auf ihrem Shirt. Seit 10 Jahren kennen wir uns nun schon. Unvergessen unser erster Nachmittag in meiner Küche. Irgendwann im Herbst. Zigarettenrauch hing in der Luft und wir redeten und scherzten und ich fragte sie, wen sie wählen würde. Ihre Antwort und ihr Grinsen dazu gefielen mir und ich lachte und da fing das an mit der Freundschaft und hat seitdem nicht aufgehört.

 

Als ich die Stereoanlage abbaue, um sie in den Keller zu tragen, finde ich einen alten Rucksack. Darin ein Einkaufszettel. Kippen, sixpack, aromatics elixir, steht darauf. Lang muss das her sein. Wahrscheinlich kannte ich da die kleine Polin noch nicht einmal und wahrscheinlich war ich die Einzige in unserer Szene, die zu zerfetzten Klamotten Nobelparfums trug. Damals lebte auch die R. noch und die Bar 11 hieß Villon und der Barkeeper hatte ein Auge mehr und wir tranken uns im Madonna oder im Kloster bettreif.

Mosche komm isch ganz in Silbä

 

Auch der Kanzler verändert sich. Manchmal erkenne ich ihn nicht wieder. Gemeinsam mit dem Bruder geht er auf klandestine Veranstaltungen und ich frage mich wie der Kanzler sein Menschenbild, seine Menschenliebe, seine Offenheit und Großzügigkeit Allem und Jedem gegenüber mit seiner behaupteten Gesinnung zur Deckung bringt. Gegen den Euro zu sein ist die eine Sache, alles andere ist inakzeptabel. Ich versuche, es auf sein Alter zu schieben und doch tut es weh. Früher oder später verliert man seine Eltern und dazu müssen sie nicht einmal sterben.

 

Von der Cousine kommt eine Mail. Sie schreibt über meine Mutter und wie sie sie als Kind erlebt hat und ich begreife, dass die gesamte Familie wusste, was bei uns los war und was man mit mir machte und doch schritt niemand ein.
Merkwürdig das zu lesen. Irgendwie traurig für das Mädchen, das ich war und dem man an Fasching ein silbernes Krönchen auf den gewaltsam geschorenen Kopf setzte, um es bei nächster Gelegenheit wegen einer Lappalie in den Kohlenkeller zu sperren.

 

Wenn ich je wiedergeboren werden sollte, möchte ich ein Tier sein, das ganz allein auf einem warmen Felsen lebt und an Gott denkt. Oder ein Vogel auf dem höchsten Kran der Stadt. Oder eine Qualle.

 

 

 

 

 

Bild: diadá, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Gedenken an eine Diva

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Die Weihnachtstage werde ich alleine verbringen. Alle Freunde verlassen die Stadt. Auch der Bekannte wird im Norden weilen. Doch vielleicht schneit am Heiligen Abend wenigstens die Goldschmiedin bei mir herein. Das wäre schön.
Ihr könnte ich dann auch gleich die Handvoll Steine zeigen, die von meiner Mutter übrig geblieben sind und die der Kanzler kürzlich zur Ansicht mitgebracht hat. Sämtliche anderen Besitztümer landeten auf Geheiß meiner Mutter posthum im Müll, sie selbst, wunschgemäß, in der Ostsee. Vermutlich haben auch ihre Geschwister ein paar Dinge beiseite geschafft (wo ist bloß die Eigentumswohnung hingekommen). Es ist mir ganz gleich.
Meine Mutter besaß viele Ringe, doch nur einer ist mir deutlich in Erinnerung geblieben. Diesen einen Ring, ein großer in Gelbgold gefasster Amethyst, hätte ich, nach ihrem Tode im vergangenen Jahr, gerne noch einmal gesehen und sei es nur auf einem Foto.
Doch als die Demenz begann an dem Hirn meiner Mutter zu nagen und als eine ungeheure Wut und Enttäuschung über ihr ausklingendes Dasein, das längst jeden Glanz und Glamour eingebüßt und sie zu einer einsamen Seele gemacht hatte, sie erfassten und groß und immer größer wurden, als die Blicke in den Badezimmerspiegel erst ungläubig, dann verzweifelt und schließlich bitter wurden, weil alles, alles, was ihre Schönheit einst ausgemacht hatte in einem schmallippigen Streifen, dem niemand mehr zum Reden, Beschimpfen oder Bespucken geblieben war, ausgelaufen war, als also ihr mondänes Leben einer Diva zu Ende ging und sie nichts, aber auch gar nichts dagegen tun konnte, verfügte meine Mutter, dass wenn schon nicht sie, auch niemand anderes mehr mit ihrem Geschmeide brillieren solle und dass, um diesen Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen, nach ihrem Tode sämtliche Steine aus ihren Schmuckstücken ausgefasst, das Edelmetall verkauft und ihren ungeliebten Kindern allenfalls die Klunker zum Fraß vorgworfen werden sollten, die bloßen amputierten nackten Steine, in denen nichts mehr von ihr sich fände, die aber doch als Stachel, als Pfeil aus dem Jenseits, als ewiger Vorwurf, als Rache für ihren Tod, den wir nicht hatten verhindern können oder wollen, dienen sollten.

Kein Ort der Trauer, keine Erinnerungsstücke für uns, das war ihr ausdrücklicher Wunsch.

Das alles ist und bleibt unverständlich. Manchmal bin ich noch traurig darüber, manchmal empört, doch meist empfinde ich gar nichts mehr dazu. Diese Stelle der Seele ist abgenutzt, oder zugesperrt, ich weiß es nicht, vielleicht ist auch der Schmerz verbraucht oder die Resignation zu groß. Mal so, mal so und dann wieder ganz anders.

Doch heute sitze ich hier und auf dem Balkon gegenüber blinkt der Weihnachtsschmuck in den frühen Dezemberabend hinauf und ich denke an meine Mutter und ich sehe sie vor mir, ganz in Schwarz, tief ausgeschnitten und dramatisch geschminkt. Ich sehe sie, wie sie, den Kopf zur Seite geneigt, vor einem runden Mahagonitisch sitzt, mit ihrer kleinen, knochigen Hand über die glänzende Oberfläche fährt und ich höre das leise Kratzen von Metall auf Holz. Und ich schaue auf den großen, dunklen Amethyst an ihrer Hand, in dessen poliertem, rundem Bauch sich das ganze Zimmer und sogar der Himmel vor dem Fenster spiegeln und ich brauche ihn gar nicht zu besitzen, diesen Ring, ich werde ihn nie vergessen, sowenig wie meine Mutter,

Auf meinem Küchentisch liegt ein winziges Plexiglasdöschen, ein oder zwei Dutzend kleiner Edelsteine darin. Einen einzigen davon, ein klitzekleines Splitterchen, könnte ich gut gebrauchen, um einen alten Schulterring zu reparieren und ihn dann wieder tragen zu können. Doch möchte ich das?

Ich versuche, mir vorzustellen, wie sie, die sie gerne und coram publico von ihrer missglückten Selbstvernichtung sprach und dabei mitten aus einem Lachen heraus das ernste oder entrückte Gesicht eines Stummfilmstars zaubern konnte, geeignet jeden Menschen der ein fühlenden Herz hat, zum Weinen zu bringen, ausgenommen die Wenigen – uns –  die sie gut kannten und die während der Vorstellung ungerührt oder allenfalls angewidert und mit versteinertem Gesicht sitzen blieben, statt sich zum Komparsen zu machen und sie zu umarmen, oder ihr ein Taschentuch zu reichen als dann endlich auch die Rotweintränen flossen, weil wir diese histrionischen und manipulativen Darbietungen längst kannten und zweifelsfrei von echten Gefühlen unterscheiden konnten, wie meine Mutter es wohl finden würde, wenn sie erführe, dass ich, die ungeliebte Tochter, mich über ihren Willen hinweggesetzt hätte, indem ich ihr in einem alten Ring das Denkmal gesetzt hätte, das sie immer haben wollte, und mir selbst damit einen Ort der Trauer geschaffen hätte.

 

An Weihnachten werde ich mit der Goldschmiedin die Steine anschauen und an die vielen Weihnachtsfeste mit meiner Mutter zurückdenken.

 

 

 

 

 

 

Bild: screenshot twitter

In jenem Sommer

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Ich stand im zweiten Stock am Fenster und blickte über den hellen Sand hinweg auf das Meer. Blut lief meine Beine herunter und tropfte auf den weiss lackierten Dielenboden. Nach dem Duschen nahm ich eine Handvoll Toilettenpapier, um mir für´s Erste zu behelfen.
Erst am Nachmittag fasste ich den Mut meiner Mutter, die sich auf der Terrasse sonnte, zu erzählen was geschehen war. Sie rief meinen Vater herbei.

Mit ein paar Vokabeln im Gepäck wurde ich in die Dorfapotheke geschickt. Der nächste Hypermarché war weit entfernt. Nach serviettes hygiéniques solle ich fragen. Mit gesenktem Blick spuckte ich dem Apotheker, der bekittelt vor einer dunklen Holzwand mit Dutzenden Schubladen stand, die einstudierten Wörter entgegen und schämte mich, wie niemals zuvor.

Es war derselbe Sommer in dem meine tiefausgeschnittene, brathähnchenbraune Mutter in türkis–pink geblümtem Satin und auf irrwitzigen Stilettos, die Motocrossfahrer Philippe und Pierre, die es auf meine Schwester und mich abgesehen hatten, und seit Tagen in den Dünen herum cruisten, um uns zu beeindrucken, in den Garten lockte und bei Sekt und kokettem Geklimper ihre Wirkung auf die Jugend erprobte, bis den beiden Jungs schwindelig wurde vor lauter Hormonen.

In jenem Sommer gewann ich auf dem kommunistischen Volksfest eine Ente, die ich auf den Namen Hans taufte. (In Wahrheit machte ich es wie Voltaire und kaufte sämtliche Lose eines Glücksraddurchlaufes, um an das flauschige Küken zu gelangen).

In jenem Sommer zog sich meine Schwester einen Mückenstich in der Kniekehle zu, der sich zu einem fürchterlichen Abszess auswuchs, dessen Inhalt sich an einem windigen Nachmittag in zahnpastadicken Streifen in das dunkelblaue Meer vor St. Malo ergoss.

Auf jenen Sommer datiert eines der Lieblingsfotos, die ich von meinem Vater besitze zurück: er, im schwarzen Hemd, mit lackschwarzem Haar und schwarzer Brille, lässig auf die Stadtmauer gestützt und mit entspannter Miene auf´s Meer hinausblickend.

In jenem Sommer lernte ich beim Flippern, ein Freispel nach dem anderen zu holen, und den Apparat mit körperlichem Einsatz so zu manipulieren, dass der Ball nicht verloren ging und das Gerät nicht tilte.

Außerdem fand ich heraus, dass ich die Wangen einziehen und den Kopf schräg halten musste, um erwachsener auszusehen. Die Ähnlichkeit mit Lauren Bacall hat ihren Anfang in dieser Zeit.

Zwei Jahre später hörte ich längst Sex Pistols, hatte ein Kind verloren und kickte meiner Mutter eine Ladung Sand ins Gesicht, als sie mich am Strand vor den Augen aller ohrfeigte. Danach trat ich die Flucht in den sturmblauen Atlantik an.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Jean-David & Anne-Laure, St, Malo 006 (Ausschnitt), flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

 

Hämoglobin

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Die Geschichte beginnt mit einem Blutstropfen auf einem blütenweißen Laken. Die kurvige Krankenschwester rügt den jungen Assistenzarzt für sein Missgeschick. Ihre Strenge lässt ihn angenehm erschauern und fortan sucht er bei der Arbeit ihre Nähe.
Eines Tages betreten beide gleichzeitig den Aufzug. Er möchte nach oben, sie ins Erdgeschoss fahren. Und während die Kabine nach unten sirrt, sagt sie spöttisch: Wann laden Sie mich denn nun endlich zum Essen ein, X.
Der Arzt leiht sich Geld und bringt eine Aktentasche voll kleiner Scheine zur Verabredung. Die beiden werden ein Paar.
Nach 10 Monaten wird das erste Kind, ein Mädchen, geboren, das Zweite folgt ein Jahr darauf und das Dritte, der Junge, vergisst im blendenden Licht der Welt für einen Augenblick zu atmen. Ein Zwischenfall, der später Ausgangspunkt einer alleserklärenden Lebensverweigerungstheorie des Jüngstgeborenen werden wird.

//

Ich fahre mit der S-Bahn. Ein etwa vierzigjähriger Mann steigt ein. Er sieht verwahrlost aus, seine Kleidung ist schmutzig und die Körperhaltung schlaff.
Der Mann geht von Reisender zu Reisendem, streckt seine Hand aus und bittet um eine Spende. Das Leben habe es nicht gut mit ihm gemeint, sagt er. Arbeitslos, obdachlos, einsam und alkoholsüchtig sei er und Schuld daran habe allein seine Mutter.

//

Zwei Mal in meinem Leben hat mein Vater mich geohrfeigt. Das eine Mal nachdem ich mich mit der Hollywoodschaukel überschlagen und mir den Kopf auf den Steinplatten blutig gestoßen hatte. Das andere Mal ergriff mich beim Skatspielen grund- und haltlos ein hysterischer Lachanfall, der kein Ende nahm, bis mein Vater mir ins Gesicht schlug und ich übergangslos vom Lachen ins Heulen wechselte. Ich war sieben und mein Vater 37 Jahre alt.
Ein Jahr später, an seinem 38. Geburtstag, fuhren er und ich mit dem Zug. Er paffte eine Zigarre, blies den Rauch aus dem Fenster und sagte, dass er nun alt, sein Leben versaut und inzwischen zu kurz sei um auch nur eine Langspielplatte auflegen zu können. Er weinte.
Auf unerklärliche Weise war ihm ganz unbemerkt und ohne sein Dazutun ein riesiges Stück Zeit abhanden gekommen und niemals würde er es wiederfinden. Um weiter mit uns Kindern zu den sonntäglichen Jazz-Matinées oder ins Kommunale Kino gehen zu können, wo wir uns als einzige Gäste die Marx Brothers Filme ansahen, hörte er auf zu forschen und die blutigen Präparate veschwanden aus unserem Kühlschrank.

 

 

 

 

 

Bild: flickr, Peter C.
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Zusammenwirken

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I woke up and saw the light of dawn through the cracks in the Venetian blinds. It came up from so deep in the night that I had a feeling like that of vomiting up myself, the terror of coming into a new day with its same presentation, its mechanical indifference of every time: consciousness, a sensation of light, opening my eyes, blinds, dawn.
In that second, with the omniscience of half-sleep, I measured the horror of what astounds and enchants religions so much: the eternal perfection of the cosmos, the unending rotation of the globe on its axis. Nausea, the unbearable feeling of coaction. I am obliged to bear the daily rising of the sun. It´s monstrous. It´is inhumane. Before going back to sleep I imagined (I saw) a plastic universe  *

 

 

Wäre es mir gegeben an Gott zu glauben, ich täte es und legte mein ganzes Herz darein. Wie viel einfacher erscheint es mir, hätte alles Hadern ein Gegenüber, jede Regel Jemanden, der darüber wachte, jedes Sehnen ein Ziel und jeder Schmerz seinen Trost. Überall fände sich Halt in einer beseelten Welt, in der jeder Halm und jeder Lichstrahl von einem höheren Willen, Wesen und einer allumfassenden Liebe zeugte.

Stattdessen

April. Der kleine Junge fährt mit seinem Dreirädchen unter einem weiten Himmel umher. Über ihm ziehen die großen Wolkenschiffe vorbei, dunkel ihr Bauch und schnell ihr Flug, Wind kräuselt die Pfützen, eine Öllache schillert im Sonnenlicht.
Ein alter Mann ist der Junge geworden,. Mein Vater. Seine Erinnerung ein Staffelholz.

Meine Mutter ist tot. Bald ein Jahr schon. Manchmal fällt es mir ein und ich weine. Meist fühle ich nichts dazu. Nicht einmal Erstaunen. Es ist, als säße ich auf einer Bank in einem Einkaufszentrum und schaute der Poliermaschine bei der Arbeit zu. Der Boden glänzt und bleibt doch blind.
In der Lübecker Bucht liegt ihre Urne.

In Norwegen fangen sie wieder Wale, vorwiegend Weibchen. Fast alle sind trächtig. Und so töten sie immer gleich zwei, wenn sie einen abschlachten: Mutter und Kind.

Ich finde keine Worte, wie traurig mich das macht.

 

 

 

 

 

Mutter

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Wenn ich etwas Gutes über meine Mutter sagen sollte, dann wäre es dies:

sobald ich krank war, was selten vorkam, war sie zur Stelle und für mich da.
Lag ich fiebernd in meinem Bett unter der Dachschräge, bedeckte sie mich mit einem warmen Daunenduvet, das sie über und über mit ihrem edlen Lieblingsparfum besprüht hatte. Neben mir stapelte sie turmhoch Bücher und Comics, dazu Packungen flaumweicher Kleenextücher, wie sie sie sonst nur zum Abschminken benutzte, und die ich bis heute mit dem Abdruck ihres kleinen rosarot oder pink angemalten Mundes und den Flecken ihrer schwarzen Wimperntusche in Verbindung bringe.
Damit ich mich bemerkbar machen konnte, wenn ich zwischen zwei Schlafphasen wach wurde, stellte sie die kleine Messingglocke neben mein Bett, mit der sie uns, als wir noch klein waren, an Weihnachten zur Bescherung gerufen hatte. Sie reichte mir warme Waschlappen mit duftender Seife, mit denen ich mich reinigen konnte, schüttelte mein Bett auf, sorgte für Frischluft, brachte mir Tee und Apfelstückchen oder eine geschälte Orange, machte Wadenwickel, achtete darauf, dass ich meine Medikamente nahm und einmal, als das Fieber, trotz aller Maßnahmen, weiter und immer weiter stieg und mit ihm mein Blutdruck und ich schließlich starkes Nasenbluten bekam, welches sich nur durch eine Tamponade stillen ließ, legte meine Mutter eine Matratze in mein Zimmer und wachte die Nacht über neben meinem Bett. Das war einer der wenigen Momente in meinem Leben in denen ich mich rundum geborgen fühlte. So sehr, dass es mir gar nichts mehr ausmachte krank zu sein.
Doch trotz aller Anstrengungen und ihres Wissens als examinierte Krankenschwester, verschlechterte sich mein Zustand und mein Onkel, der Pfarrer, wurde gerufen. Der große Mann setzte sich auf meine Bettkante, legte seine schwere Hand auf meine heisse Stirn und sprach zu mir, die ich bereits phantasierte und eingehüllt war in purpurrote Nebelfelder, über das Leben, über Jesus und über den Tod. Hinter ihm nahm ich verschwommen meine Mutter wahr. Mit vor der Brust verschränkten Armen stand sie da, hielt sich an sich selbst fest und ich glaubte, sie weinen zu sehen. Da wusste ich, dass sie mich doch gerne hatte und schloss die Augen.
Bald darauf holte mich der Krankenwagen ab.

Nur ein einziges Mal noch in meinem Leben, habe ich mich ihr wieder so verbunden gefühlt, wie an diesem Tag. Das war kurz nach ihrem Tod.

Dieser Text entstand unter dem Eindruck dieses Textes von Andreas Glumm: Mutter

Bild: Luca Rossato, until the end, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Predictably unpredictable

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Meine Mutter bewegte sich auf Schienen, sprachlich gesehen. Kannte man sie länger, wusste man oft schon, was sie als nächstes sagen würde, bzw. wie sie es sagen würde. Ihre Kurven waren nicht besonders anspruchsvoll oder raffiniert, zumindest was die rhetorische Gewandtheit anbelangte.
Vollbremsungen allerdings beherrschte sie aus dem Effeff, von hundert auf null, von hier auf jetzt gegen die Wand. Wenn sie genug hatte (enough is enough), war das Gespräch beendet. Stante pede und ohne Widerspruch, denn sonst wurde sie fuchsteufelswild.
Ich bin nie dahinter gestiegen, ob sich zwischen den Unmengen an Redewendungen, in die sie ihre Meinungen kleidete, eigene Gedanken versteckten, die über diese vernutzten (olàlà!) Sprach-Module hinaus gingen. Ich glaube, ich habe sie nie wirklich kennen gelernt, weil sie das entweder nicht wollte, oder sich selbst so fremd war, dass alles, was sie äußerte äußerlich bleiben musste. Was sie im Innersten bewegte, blieb hinter all den Floskeln und der perfekt geschminkten Maske einer Schönheitskönigin verborgen. Doch wenn ich sie auch nicht kannte, konnte ich sie doch vorhersagen. Ihre Reaktionen, ihr Aufbrausen, ihre Ausbrüche. Im Guten, wie im Schlechten.

Predictably unpredictable

Wir Kinder, genaugenommen mein Bruder und ich, als die beiden Kleinen, waren aus ihrer Sicht unfähig. Zu allem. Uns Verantwortung zu übertragen bedeutete den Bock zum Gärtner zu machen. Narrenhände! Falls wir doch mal etwas geregelt bekamen, dann nur mit hängen und würgen, aber klar, als Kinder unseres Vaters, war nichts anderes von uns zu erwarten. Wie der Herr so´s Gescherr und der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

Wir waren diese Reden gewohnt, fühlten uns davon nicht weiter auf den Schlips getreten, sahen aber angesichts der ever changing moods unserer Mutter oft den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr, was dazu führte, dass wir die Ohren auf Durchzug stellten, wenn sie am Meckern war.

In Gesellschaft gab sie sich gerne naiv, um ihre liebreizende Wirkung auf Männer zu steigern. Sie sagte dann Sachen wie: Heiliges Kanonenrohr! oder Mein lieber Scholli und guckte süß aus der Wäsche. Der Erfolg war ihr so sicher, als hätte sie einen übergroßen Pyjama angezogen, hätte sich Sommersprossen aufgemalt und wäre wie ein Tanzbär einmal im Kreise herum getapst. Schnute und Wimpernklimpern zogen noch bei den meisten. Die anderen lächelten höflich oder verlegen dazu.

Mir waren diese offenkundig beifallheischenden Auftritte schon als Kind peinlich, ohne, dass ich hätte benennen können, was genau mich daran störte. Je älter ich wurde, umso mehr strengte mich auch das phrasenhafte Gerede, die sinnentleerten Worthülsen, das inhaltslose Geplapper an, das vor allem eins bewirken sollte: ihre Umwelt mit lautem Getöse auf zu Abstand halten, um sich hinter dem Wasserfall aus Silben zu verstecken.

Ich bin in meinem Leben keinem  Menschen begegnet, der mir einsamer schien als meine Mutter.

Vor sechs Monaten ist sie gestorben und es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an sie denke.

(Eigentlich sollte das ein Text über Redewendungen werden. Doch dann kam der Herbst)

 

 

 

 

 

Bild: Ingolf, U-Bahnhof Seckbacher Landstraße, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Zweite Reihe

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Du und ich sind bei der Beerdigung meiner Mutter (oder war es Dein Vater).

Ich bin beinahe sicher, dass es meine Mutter gewesen sein muss, denn die Frauen, die in der ersten Reihe des düsteren Raumes mit rotschwarzem Hochflorteppich stehen und klagen, sind Russinnen, zumindest singen sie auf russisch und sie sehen auch so aus.

Eine große Vase steht auf dem Boden, darin befinden sich pinkfarbene, voll aufgeblühte Lilien. Ihr Aussehen ist auf eine merkwürdige Weise obszön, ihr Duft betäubend wie Aas.
Sie sind sehr lang und stehen so dicht vor mir, dass ich nicht an ihnen vorbeischauen kann um einen Blick auf den eichefarbenen Sarg meiner Mutter zu werfen.

Ich bitte die Frau, die links vor mir steht, und die ich wegen ihres Auftretens für die Anführerin der Gruppe halte, die Blumen beiseite zu stellen, doch sie hört mich nicht und lamentiert, den Blick geradeaus, singsangend weiter. Da greife ich selbst nach der Vase und schiebe sie ein Stück nach links. Augenblicklich rückt die Klagende sie zurück und blickt dabei unbeirrt nach vorne.

Während der Trauerfeier erfahre ich, dass ich im Lotto gewonnen habe. 17 Millionen. Ich kann es kaum fassen und schaue immer und immer wieder auf meinen Kontoauszug. Es stimmt. 17 Millionen steht dort. Zur Sicherheit gehe ich sofort zum Bankomaten und ziehe 200.000 in Hunderternoten. Ich blättere die Scheine durch, wie ein Daumenkino. Dann lege ich mir die Bündel in den schwarzen Schoß.

So erleichtert bin ich, dass ich darüber ganz vergesse wo ich bin. Ich habe im Lotto gewonnen! Ich bin reich!
Das vertreibt zwar nicht alle meine Sorgen, aber doch einen großen Teil davon. Die Katzen können bei mir bleiben, ich kann mir die Behandlung des Hundes problemlos leisten. Doch allem voran werde ich mich nicht weiter der Missgunst meines Bruders aussetzen müssen. Ganz im Gegenteil. Ich werde dem neidgemarterten Menschen Scheine zu essen geben, bis er Muh macht und ich ihn an einem Nasenring durch die Arena führen kann, die rote.

Den weiteren Verlauf der Trauerfeier habe ich vergessen. Ich erinnere mich nur, dass Du irgendwann, nach dem soundsovielten Hin- und Herrücken, die Vase umgetreten und die Blumen auf den Boden geworfen hast. Mir zuliebe.

Was dann geschah weiss ich nicht mehr.
Ist auch nicht so wichtig, denn ich habe  im Lotto gewonnen. Da kann ich mir künftig soviele Beerdigungen leisten, wie ich will.

Ach, und Käse kam noch drin vor, in meinem Traum.
Schließt den Magen und macht dick, wenn man jeden Abend 18 reichlich damit belegte Brote isst. Zwanzig Kilo würdest Du auf Dauer zunehmen, wenn Du das nicht berücksichtigtest. Und ich hätte Dich nicht weniger gern. Weisst du ja.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Lilien, Ting Chen, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/