In jenem Sommer

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Ich stand im zweiten Stock am Fenster und blickte über den hellen Sand hinweg auf das Meer. Blut lief meine Beine herunter und tropfte auf den weiss lackierten Dielenboden. Nach dem Duschen nahm ich eine Handvoll Toilettenpapier, um mir für´s Erste zu behelfen.
Erst am Nachmittag fasste ich den Mut meiner Mutter, die sich auf der Terrasse sonnte, zu erzählen was geschehen war. Sie rief meinen Vater herbei.

Mit ein paar Vokabeln im Gepäck wurde ich in die Dorfapotheke geschickt. Der nächste Hypermarché war weit entfernt. Nach serviettes hygiéniques solle ich fragen. Mit gesenktem Blick spuckte ich dem Apotheker, der bekittelt vor einer dunklen Holzwand mit Dutzenden Schubladen stand, die einstudierten Wörter entgegen und schämte mich, wie niemals zuvor.

Es war derselbe Sommer in dem meine tiefausgeschnittene, brathähnchenbraune Mutter in türkis–pink geblümtem Satin und auf irrwitzigen Stilettos, die Motocrossfahrer Philippe und Pierre, die es auf meine Schwester und mich abgesehen hatten, und seit Tagen in den Dünen herum cruisten, um uns zu beeindrucken, in den Garten lockte und bei Sekt und kokettem Geklimper ihre Wirkung auf die Jugend erprobte, bis den beiden Jungs schwindelig wurde vor lauter Hormonen.

In jenem Sommer gewann ich auf dem kommunistischen Volksfest eine Ente, die ich auf den Namen Hans taufte. (In Wahrheit machte ich es wie Voltaire und kaufte sämtliche Lose eines Glücksraddurchlaufes, um an das flauschige Küken zu gelangen).

In jenem Sommer zog sich meine Schwester einen Mückenstich in der Kniekehle zu, der sich zu einem fürchterlichen Abszess auswuchs, dessen Inhalt sich an einem windigen Nachmittag in zahnpastadicken Streifen in das dunkelblaue Meer vor St. Malo ergoss.

Auf jenen Sommer datiert eines der Lieblingsfotos, die ich von meinem Vater besitze zurück: er, im schwarzen Hemd, mit lackschwarzem Haar und schwarzer Brille, lässig auf die Stadtmauer gestützt und mit entspannter Miene auf´s Meer hinausblickend.

In jenem Sommer lernte ich beim Flippern, ein Freispel nach dem anderen zu holen, und den Apparat mit körperlichem Einsatz so zu manipulieren, dass der Ball nicht verloren ging und das Gerät nicht tilte.

Außerdem fand ich heraus, dass ich die Wangen einziehen und den Kopf schräg halten musste, um erwachsener auszusehen. Die Ähnlichkeit mit Lauren Bacall hat ihren Anfang in dieser Zeit.

Zwei Jahre später hörte ich längst Sex Pistols, hatte ein Kind verloren und kickte meiner Mutter eine Ladung Sand ins Gesicht, als sie mich am Strand vor den Augen aller ohrfeigte. Danach trat ich die Flucht in den sturmblauen Atlantik an.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Jean-David & Anne-Laure, St, Malo 006 (Ausschnitt), flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

 

Hämoglobin

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Die Geschichte beginnt mit einem Blutstropfen auf einem blütenweißen Laken. Die kurvige Krankenschwester rügt den jungen Assistenzarzt für sein Missgeschick. Ihre Strenge lässt ihn angenehm erschauern und fortan sucht er bei der Arbeit ihre Nähe.
Eines Tages betreten beide gleichzeitig den Aufzug. Er möchte nach oben, sie ins Erdgeschoss fahren. Und während die Kabine nach unten sirrt, sagt sie spöttisch: Wann laden Sie mich denn nun endlich zum Essen ein, X.
Der Arzt leiht sich Geld und bringt eine Aktentasche voll kleiner Scheine zur Verabredung. Die beiden werden ein Paar.
Nach 10 Monaten wird das erste Kind, ein Mädchen, geboren, das Zweite folgt ein Jahr darauf und das Dritte, der Junge, vergisst im blendenden Licht der Welt für einen Augenblick zu atmen. Ein Zwischenfall, der später Ausgangspunkt einer alleserklärenden Lebensverweigerungstheorie des Jüngstgeborenen werden wird.

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Ich fahre mit der S-Bahn. Ein etwa vierzigjähriger Mann steigt ein. Er sieht verwahrlost aus, seine Kleidung ist schmutzig und die Körperhaltung schlaff.
Der Mann geht von Reisender zu Reisendem, streckt seine Hand aus und bittet um eine Spende. Das Leben habe es nicht gut mit ihm gemeint, sagt er. Arbeitslos, obdachlos, einsam und alkoholsüchtig sei er und Schuld daran habe allein seine Mutter.

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Zwei Mal in meinem Leben hat mein Vater mich geohrfeigt. Das eine Mal nachdem ich mich mit der Hollywoodschaukel überschlagen und mir den Kopf auf den Steinplatten blutig gestoßen hatte. Das andere Mal ergriff mich beim Skatspielen grund- und haltlos ein hysterischer Lachanfall, der kein Ende nahm, bis mein Vater mir ins Gesicht schlug und ich übergangslos vom Lachen ins Heulen wechselte. Ich war sieben und mein Vater 37 Jahre alt.
Ein Jahr später, an seinem 38. Geburtstag, fuhren er und ich mit dem Zug. Er paffte eine Zigarre, blies den Rauch aus dem Fenster und sagte, dass er nun alt, sein Leben versaut und inzwischen zu kurz sei um auch nur eine Langspielplatte auflegen zu können. Er weinte.
Auf unerklärliche Weise war ihm ganz unbemerkt und ohne sein Dazutun ein riesiges Stück Zeit abhanden gekommen und niemals würde er es wiederfinden. Um weiter mit uns Kindern zu den sonntäglichen Jazz-Matinées oder ins Kommunale Kino gehen zu können, wo wir uns als einzige Gäste die Marx Brothers Filme ansahen, hörte er auf zu forschen und die blutigen Präparate veschwanden aus unserem Kühlschrank.

 

 

 

 

 

Bild: flickr, Peter C.
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Zusammenwirken

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I woke up and saw the light of dawn through the cracks in the Venetian blinds. It came up from so deep in the night that I had a feeling like that of vomiting up myself, the terror of coming into a new day with its same presentation, its mechanical indifference of every time: consciousness, a sensation of light, opening my eyes, blinds, dawn.
In that second, with the omniscience of half-sleep, I measured the horror of what astounds and enchants religions so much: the eternal perfection of the cosmos, the unending rotation of the globe on its axis. Nausea, the unbearable feeling of coaction. I am obliged to bear the daily rising of the sun. It´s monstrous. It´is inhumane. Before going back to sleep I imagined (I saw) a plastic universe  *

 

 

Wäre es mir gegeben an Gott zu glauben, ich täte es und legte mein ganzes Herz darein. Wie viel einfacher erscheint es mir, hätte alles Hadern ein Gegenüber, jede Regel Jemanden, der darüber wachte, jedes Sehnen ein Ziel und jeder Schmerz seinen Trost. Überall fände sich Halt in einer beseelten Welt, in der jeder Halm und jeder Lichstrahl von einem höheren Willen, Wesen und einer allumfassenden Liebe zeugte.

Stattdessen

April. Der kleine Junge fährt mit seinem Dreirädchen unter einem weiten Himmel umher. Über ihm ziehen die großen Wolkenschiffe vorbei, dunkel ihr Bauch und schnell ihr Flug, Wind kräuselt die Pfützen, eine Öllache schillert im Sonnenlicht.
Ein alter Mann ist der Junge geworden,. Mein Vater. Seine Erinnerung ein Staffelholz.

Meine Mutter ist tot. Bald ein Jahr schon. Manchmal fällt es mir ein und ich weine. Meist fühle ich nichts dazu. Nicht einmal Erstaunen. Es ist, als säße ich auf einer Bank in einem Einkaufszentrum und schaute der Poliermaschine bei der Arbeit zu. Der Boden glänzt und bleibt doch blind.
In der Lübecker Bucht liegt ihre Urne.

In Norwegen fangen sie wieder Wale, vorwiegend Weibchen. Fast alle sind trächtig. Und so töten sie immer gleich zwei, wenn sie einen abschlachten: Mutter und Kind.

Ich finde keine Worte, wie traurig mich das macht.

 

 

 

 

 

Mutter

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Wenn ich etwas Gutes über meine Mutter sagen sollte, dann wäre es dies:

sobald ich krank war, was selten vorkam, war sie zur Stelle und für mich da.
Lag ich fiebernd in meinem Bett unter der Dachschräge, bedeckte sie mich mit einem warmen Daunenduvet, das sie über und über mit ihrem edlen Lieblingsparfum besprüht hatte. Neben mir stapelte sie turmhoch Bücher und Comics, dazu Packungen flaumweicher Kleenextücher, wie sie sie sonst nur zum Abschminken benutzte, und die ich bis heute mit dem Abdruck ihres kleinen rosarot oder pink angemalten Mundes und den Flecken ihrer schwarzen Wimperntusche in Verbindung bringe.
Damit ich mich bemerkbar machen konnte, wenn ich zwischen zwei Schlafphasen wach wurde, stellte sie die kleine Messingglocke neben mein Bett, mit der sie uns, als wir noch klein waren, an Weihnachten zur Bescherung gerufen hatte. Sie reichte mir warme Waschlappen mit duftender Seife, mit denen ich mich reinigen konnte, schüttelte mein Bett auf, sorgte für Frischluft, brachte mir Tee und Apfelstückchen oder eine geschälte Orange, machte Wadenwickel, achtete darauf, dass ich meine Medikamente nahm und einmal, als das Fieber, trotz aller Maßnahmen, weiter und immer weiter stieg und mit ihm mein Blutdruck und ich schließlich starkes Nasenbluten bekam, welches sich nur durch eine Tamponade stillen ließ, legte meine Mutter eine Matratze in mein Zimmer und wachte die Nacht über neben meinem Bett. Das war einer der wenigen Momente in meinem Leben in denen ich mich rundum geborgen fühlte. So sehr, dass es mir gar nichts mehr ausmachte krank zu sein.
Doch trotz aller Anstrengungen und ihres Wissens als examinierte Krankenschwester, verschlechterte sich mein Zustand und mein Onkel, der Pfarrer, wurde gerufen. Der große Mann setzte sich auf meine Bettkante, legte seine schwere Hand auf meine heisse Stirn und sprach zu mir, die ich bereits phantasierte und eingehüllt war in purpurrote Nebelfelder, über das Leben, über Jesus und über den Tod. Hinter ihm nahm ich verschwommen meine Mutter wahr. Mit vor der Brust verschränkten Armen stand sie da, hielt sich an sich selbst fest und ich glaubte, sie weinen zu sehen. Da wusste ich, dass sie mich doch gerne hatte und schloss die Augen.
Bald darauf holte mich der Krankenwagen ab.

Nur ein einziges Mal noch in meinem Leben, habe ich mich ihr wieder so verbunden gefühlt, wie an diesem Tag. Das war kurz nach ihrem Tod.

Dieser Text entstand unter dem Eindruck dieses Textes von Andreas Glumm: Mutter

Bild: Luca Rossato, until the end, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Predictably unpredictable

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Meine Mutter bewegte sich auf Schienen, sprachlich gesehen. Kannte man sie länger, wusste man oft schon, was sie als nächstes sagen würde, bzw. wie sie es sagen würde. Ihre Kurven waren nicht besonders anspruchsvoll oder raffiniert, zumindest was die rhetorische Gewandtheit anbelangte.
Vollbremsungen allerdings beherrschte sie aus dem Effeff, von hundert auf null, von hier auf jetzt gegen die Wand. Wenn sie genug hatte (enough is enough), war das Gespräch beendet. Stante pede und ohne Widerspruch, denn sonst wurde sie fuchsteufelswild.
Ich bin nie dahinter gestiegen, ob sich zwischen den Unmengen an Redewendungen, in die sie ihre Meinungen kleidete, eigene Gedanken versteckten, die über diese vernutzten (olàlà!) Sprach-Module hinaus gingen. Ich glaube, ich habe sie nie wirklich kennen gelernt, weil sie das entweder nicht wollte, oder sich selbst so fremd war, dass alles, was sie äußerte äußerlich bleiben musste. Was sie im Innersten bewegte, blieb hinter all den Floskeln und der perfekt geschminkten Maske einer Schönheitskönigin verborgen. Doch wenn ich sie auch nicht kannte, konnte ich sie doch vorhersagen. Ihre Reaktionen, ihr Aufbrausen, ihre Ausbrüche. Im Guten, wie im Schlechten.

Predictably unpredictable

Wir Kinder, genaugenommen mein Bruder und ich, als die beiden Kleinen, waren aus ihrer Sicht unfähig. Zu allem. Uns Verantwortung zu übertragen bedeutete den Bock zum Gärtner zu machen. Narrenhände! Falls wir doch mal etwas geregelt bekamen, dann nur mit hängen und würgen, aber klar, als Kinder unseres Vaters, war nichts anderes von uns zu erwarten. Wie der Herr so´s Gescherr und der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

Wir waren diese Reden gewohnt, fühlten uns davon nicht weiter auf den Schlips getreten, sahen aber angesichts der ever changing moods unserer Mutter oft den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr, was dazu führte, dass wir die Ohren auf Durchzug stellten, wenn sie am Meckern war.

In Gesellschaft gab sie sich gerne naiv, um ihre liebreizende Wirkung auf Männer zu steigern. Sie sagte dann Sachen wie: Heiliges Kanonenrohr! oder Mein lieber Scholli und guckte süß aus der Wäsche. Der Erfolg war ihr so sicher, als hätte sie einen übergroßen Pyjama angezogen, hätte sich Sommersprossen aufgemalt und wäre wie ein Tanzbär einmal im Kreise herum getapst. Schnute und Wimpernklimpern zogen noch bei den meisten. Die anderen lächelten höflich oder verlegen dazu.

Mir waren diese offenkundig beifallheischenden Auftritte schon als Kind peinlich, ohne, dass ich hätte benennen können, was genau mich daran störte. Je älter ich wurde, umso mehr strengte mich auch das phrasenhafte Gerede, die sinnentleerten Worthülsen, das inhaltslose Geplapper an, das vor allem eins bewirken sollte: ihre Umwelt mit lautem Getöse auf zu Abstand halten, um sich hinter dem Wasserfall aus Silben zu verstecken.

Ich bin in meinem Leben keinem  Menschen begegnet, der mir einsamer schien als meine Mutter.

Vor sechs Monaten ist sie gestorben und es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an sie denke.

(Eigentlich sollte das ein Text über Redewendungen werden. Doch dann kam der Herbst)

 

 

 

 

 

Bild: Ingolf, U-Bahnhof Seckbacher Landstraße, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Zweite Reihe

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Du und ich sind bei der Beerdigung meiner Mutter (oder war es Dein Vater).

Ich bin beinahe sicher, dass es meine Mutter gewesen sein muss, denn die Frauen, die in der ersten Reihe des düsteren Raumes mit rotschwarzem Hochflorteppich stehen und klagen, sind Russinnen, zumindest singen sie auf russisch und sie sehen auch so aus.

Eine große Vase steht auf dem Boden, darin befinden sich pinkfarbene, voll aufgeblühte Lilien. Ihr Aussehen ist auf eine merkwürdige Weise obszön, ihr Duft betäubend wie Aas.
Sie sind sehr lang und stehen so dicht vor mir, dass ich nicht an ihnen vorbeischauen kann um einen Blick auf den eichefarbenen Sarg meiner Mutter zu werfen.

Ich bitte die Frau, die links vor mir steht, und die ich wegen ihres Auftretens für die Anführerin der Gruppe halte, die Blumen beiseite zu stellen, doch sie hört mich nicht und lamentiert, den Blick geradeaus, singsangend weiter. Da greife ich selbst nach der Vase und schiebe sie ein Stück nach links. Augenblicklich rückt die Klagende sie zurück und blickt dabei unbeirrt nach vorne.

Während der Trauerfeier erfahre ich, dass ich im Lotto gewonnen habe. 17 Millionen. Ich kann es kaum fassen und schaue immer und immer wieder auf meinen Kontoauszug. Es stimmt. 17 Millionen steht dort. Zur Sicherheit gehe ich sofort zum Bankomaten und ziehe 200.000 in Hunderternoten. Ich blättere die Scheine durch, wie ein Daumenkino. Dann lege ich mir die Bündel in den schwarzen Schoß.

So erleichtert bin ich, dass ich darüber ganz vergesse wo ich bin. Ich habe im Lotto gewonnen! Ich bin reich!
Das vertreibt zwar nicht alle meine Sorgen, aber doch einen großen Teil davon. Die Katzen können bei mir bleiben, ich kann mir die Behandlung des Hundes problemlos leisten. Doch allem voran werde ich mich nicht weiter der Missgunst meines Bruders aussetzen müssen. Ganz im Gegenteil. Ich werde dem neidgemarterten Menschen Scheine zu essen geben, bis er Muh macht und ich ihn an einem Nasenring durch die Arena führen kann, die rote.

Den weiteren Verlauf der Trauerfeier habe ich vergessen. Ich erinnere mich nur, dass Du irgendwann, nach dem soundsovielten Hin- und Herrücken, die Vase umgetreten und die Blumen auf den Boden geworfen hast. Mir zuliebe.

Was dann geschah weiss ich nicht mehr.
Ist auch nicht so wichtig, denn ich habe  im Lotto gewonnen. Da kann ich mir künftig soviele Beerdigungen leisten, wie ich will.

Ach, und Käse kam noch drin vor, in meinem Traum.
Schließt den Magen und macht dick, wenn man jeden Abend 18 reichlich damit belegte Brote isst. Zwanzig Kilo würdest Du auf Dauer zunehmen, wenn Du das nicht berücksichtigtest. Und ich hätte Dich nicht weniger gern. Weisst du ja.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Lilien, Ting Chen, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Mittwoch-Scheune

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Als Kind war für mich Punsch und Putsch in etwa dasselbe: eine Erwachsenensache.
Für uns Kleinen gab es Matsch und Quatsch, oder Bratwurst mit Pommes. (Schranke war in unserem Teil Deutschlands unbekannt oder überhaupt noch nicht erfunden).
Manchmal gab man uns auch Uhu und Pattex, oder war´s Pritt, was so köstlich duftete, wie Sprit aus der Zapfsäule?
Neben der Chevron-Tankstelle arbeiteten Männer mit blauen Einteilern in einer Mittwoch-Scheune oder einer Dienstage-Montage-Halle? Rätselhaft.

Auch Touristen und Terroristen konnte ich nicht so recht auseinanderhalten, schließlich kannte ich keine, obwohl es viele zu geben schien, vor allem in Frankfurt, wo wir lebten. In jedem Postamt hingen Plakate, auf denen sie abgebildet waren. Schwarz-weiß-Porträts, rot eingekastelt, schön nebeneinander. Und wenn die Polizei einen Touristen gefangen hatte, wurde er durchgestrichen, wie beim Schiffe-versenken.

Als ich schon etwas älter war und mich in einer Mansardenwohnung vergnügte, tat es  plötzlich einen Knall und bald darauf hörte man das Martinshorn, bzw. eine sich nähernde Martinshornsinfonie. Der Ziegenhirte und ich warfen uns etwas über, liefen zum Fenster und schauten hinaus. Ein Tourist hatte im Haus gegenüber seine Knarre gereinigt und dabei versehentlich in die Zimmerdecke geschossen. Möglicherweise war´s auch ein Terrorist, der sich da so ungeschickt angestellt hatte (wie es die Berlin-Touristen auf der Rolltreppe tun). Oder wollte er etwa Selbstmord begehen, bei einer Partie Russisch Roulette, und war selbst dazu zu unbeholfen?

Unbeliebt schienen jedenfalls beide Menschengattungen zu sein, Terroristen, wie auch Touristen, soviel war klar. Die einen mehr, die anderen weniger.

Renitent war ich, wenn ich zu lange nachfragte oder frug, wenn ich es unbedingt wissen wollte, und zwar genau, mich für Feinheiten und Details interessierte oder Synonyme sammelte (nicht zu verwechseln mit Anonymen). Manchmal insistierte ich sogar (ohne zu wissen, was das bedeutete), wenn ich nämlich darauf bestand, dass es genauso gut Zebrastriche heissen könne. Zebrastreifen!, schimpfte meine Mutter dann, und ich weiss nicht beim wievielten Durchgang dieses Tauziehens sie die Nerven verlor. Zu Strichen kann man auch Streifen sagen, behauptete ich unbeirrt  weiter und plötzlich  gong! wackelte mein Kopf wie ein trudelnder Kegel und ich blickte in ihre zornigen Augen.
Der Preis der Renitenz a.k.a Eigenwilligkeit.

Weil sie es so schwer mit mir hatte, erwog meine Mutter beinahe täglich, mich ins Kinderheim zu stecken (Stecken? Hä, wie soll das denn gehen?), während mein Bruder für die Nervenheilanstalt vorgemerkt war.
Doch was ist eine Drohung wert, der keine Taten folgen? Nüschte!

Das hätten auch die Putschisten wissen können, die erst eine Ausgangsperre verhängen, das Kriegsrecht ausrufen und dann tatenlos zugucken, wie die Bevölkerung ihnen auf der Nase den Panzern herumtanzt.

Übrigens sind auch Putschisten Terroristen, solange sie keinen Erfolg haben. Mit der Übernahme der Macht ändert sich das. Doch so, wie es für sie ausgegangen ist, können sie jetzt nicht darauf hoffen, anderswo Asyl zu bekommen. Ihre Revolte ist gescheitert. Sie werden den gestohlenen Hubschrauber zurückgeben müssen. Persönlich.

Über den Amokläufer, der Touristen und Einheimische totfährt und nach Bekanntwerden seiner Glaubenszugehörigkeit augenblicklich  zum Terroristen erklärt wird, schreib ich nichts.

(Ich versuche hier nicht etwas zu verharmlosen und ich mache mich keinesfalls lustig über die grauenvollen Geschehnisse und die vielen Toten in diesen Tagen. Ich bin eher ungeschickt und unbeholfen im Umgang damit).

Meine Renitenz hat sich übrigens über die Jahre verwachsen, bzw. eine altersadäquate Entwicklung genommen und irgendwann war ich dann zu alt für´s Kinderheim (würden die Augen machen, säße ich heute noch auf ihren kleinen Stühlchen und äße von ihren winzigen Tellerchen, wie einst Schneewittchen, favourite Identifikationsfigur of my childhood).

Bei meinem Bruder kam es, nach Anstieg des Testosteronspiegels, zu einer Erstverschlimmerung seines Zustandes, die bis heute anhält.

Glauben Sie nicht alles, was sie hier lesen.
Ich weiss es besser.

 

 

 

 

 

 

Bild: Sludge G, flickr, Playground apparatus,Toadstool slide, Lloyd Park E17
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Jetzt

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Bis zum Urlaub sind es noch zwei Monate und ich freu mich schon jetzt auf die Berge.

Eigentlich wollte ich vorher noch einmal in die Lübecker Bucht fahren, nach Travemünde. Nachdem aber die Urne meiner Mutter vor zwei Wochen dort ins Wasser geworfen wurde, hat sich das Thema für die nächste Zeit erledigt. Ich werde nicht mehr unbeschwert auf die Ostsee blicken können.

Der Duisburger erzählt von seinem Freund, der nach fast zwei Jahren, gemeinsam mit Mutter und Schwester, die Asche des Vaters auf der Zugspitze verstreuen wollte, der sich aber plötzlich durch einen unerwarteten Windstoß über und über mit den sterblichen Überresten seines Vaters bestäubt sah.

Der war voll mit´m Vadder, wie beim Dude, sagt der Duisburger und lacht lauthals.

So weit bin ich noch lange nicht, und werde ich wahrscheinlich auch nicht kommen, obwohl auch die Schwester und ich uns in Galgenhumor versuchen. Kürzlich schickte sie mir eine sms, in der sie über eine auf Norderney angespülte Urne scherzte. Ich musste lächeln und gleichzeitig brannten meine Augen vor Schmerz.

Was mich das Ableben meiner Mutter vor allem anderen gelehrt hat, ist, dass ich keine Zeit zu vergeuden habe. Ich möchte leben ohne Aufschub, ohne zu warten auf ein Morgen, das besser sein könnte, als das Heute. Es gibt kein Morgen. Es gibt nur jetzt.

Ich will glücklich sein, das genießen, was schön ist und den Blick weniger auf das lenken, was traurig ist und was fehlt.

Auch die Krankheit des Hundes erscheint mir angesichts meiner eigenen Endlichkeit auf einmal viel erträglicher. Dann wird sie eben sterben, das tun wir alle. Ich kann es nicht ändern, ich bin nicht Gott und selbst der kriegt das nicht besser hin.

Es ist etwas passiert mit mir in den letzten beiden Jahren, in denen der Tod so oft und von allen Seiten gegen mein kleines Schüttelgals klopfte. Eine Art Abhärtung, Gewöhnung und Akzeptanz des Unabänderlichen. Alles vergeht und mit dem Tod der Mutter bin ich zur Poleposition aufgerückt. Wir Kinder sind die nächste Sterbegeneration und die neuen Menschen sind schon da.

Immerhin ist die Ordnung wieder hergestellt: das Kind wird nach der Mutter gehen und nicht vor ihr, wie im Oktober 2014 beinahe geschehen.

Sir Stony hat mich neulich auf ein Audio-Dokument aufmerksam gemacht, das ich noch nicht kannte. Dort beschreibt mein Lebensretter sehr eindrücklich die Sekunden, in denen ich starb. (Er spricht tatsächlich von „sterben“). Wie die Seele den Körper verließ und wie ich dann wieder zurückkam von meinem Ausflug zum See.

Auch das ein immer wieder aufgeschobenes Vorhaben: zum See fahren, ans Schilf, Kontakt aufnehmen zu dieser anderen Welt in die ich schon einen Fuß gesetzt hatte und die so leicht und hell und warm war.

Nie ist der richtige Zeitpunkt dafür. Immer ist irgendwas.
Ich kann nicht mehr warten.

 

 

 

 

 

Bild: Lübecker Bucht, Wikimedia

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Frau meertau hat gefragt, was ich am Tag der Bestattung meiner Mutter machen werde.
Die Frage an sich klänge im Leben der meisten Menschen schon merkwürdig.

Da ich nicht an ihrer Bestattung teilnehmen darf und auch nicht mehr möchte, weil ich mir nur schwer vorstellen kann mit dem selbstgerechten Onkel und dem histrionischen Bruder an Deck eines Schiffes zu stehen, theatralisch nach vorne zu blicken und später dem Blumenstrauß hinterher zu weinen, wie er auf dem Wasser schwimmend davontreibt, während die Urne auf den Grund des Meeres sinkt, ist es für mich eher ein Trost zum Zeitpunkt der Bestattung meiner Mutter auf dem Zahnarztstuhl zu sitzen, mit weit aufgerissenem Mund, an die Decke zu starren und in dem weit aufgerissenen Mund über mir das Universum zu betrachten.

Ob ich dabei Trost oder Tränen finden werde oder beides ist noch nicht entschieden.

Mein Ritual findet ein paar Tage später auf einem verlassenen Friedhof statt. Gemeinsam mit Menschen, die mir nahe stehen, werde ich dort alles lassen, jeden Kummer und jede Wut, die ich meiner Mutter gegenüber empfinde und empfand. Auch die guten Gefühle, die es durchaus gab und manchmal noch gibt. Ich werde ihr sagen, was mir auf dem Herzen liegt, ihr erklären, dass sie nicht ausgelöscht ist, weil sie in uns weiter lebt und wir ein Teil von ihr sind, und dass ich irgendwann nachkomme und wir hoffentlich noch einen zweiten Versuch miteinander bekommen. Irgendwie, irgendwo.