Heimat

Früher gab man uns Kindern einen Stapel Postkarten mit Blumenmotiven in die Hand und schickte uns in fremde Haushalte, Geld zu sammeln für kranke Mütter. Mütter, die dringend von ihren Kindern genesen mussten. Trümmerfrauenmütter in geblümten Kittelschürzen mit geschwollenen Füßen in braunen Nylons. Einsame Mütter. Müttter, die Kataloge durchblätterten. Treppenhäuser mit Bohnerwachskrümeln. Stumpfgegriffene Klingelknöpfe.

Während ich Klinken putzte und fremde Menschen ihre Arme um meine Kindertaille legten, baumelte meine Mutter Zuhause auf dem Sofa mit den Beinen, rauchte und nippte am Rotwein, betrachtete ihre pink lackierten Uhrglasnägel und leckte sich von Zeit zu Zeit über die pinken Lippen, um im Training zu bleiben.

Draußen pfiffen die Bauarbeiter Frauen hinterher. Von der Straße stieg heißer Teerdampf auf und die alte Frau Petersen kam auf ihren dünnen Beinen und dem langen Gesicht den Gehweg herunter gestakst, links und rechts flankiert von ihren pelzigen Hunden mit den blauen Zungen.