Chance

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Im Plänterwald suchen die Rothaarige und ich nach den kleinen Pappwichteln, die wir im Frühling vor zwei Jahren in der ein oder anderen Baumachsel versteckt hatten. Wir finden sie nicht. Was wohl aus ihnen geworden ist? Ob Vögel sie für ihren Nestbau verwendet haben, wie letzten Sommer das Meisenpärchen die Katzenhaare, die ich in den Garten geworfen hatte? Die Idee gefällt mir.
Aus unerklärlichen Gründen schweifen meine Gedanken zu meinem Philosophie-Dozent, der uns vor vielen Jahren Kant näher bringen wollte. An einem Tag, wir saßen in unserem Seminarraum und die Sonne schien mir warm in den Nacken, erzählte er uns von seinem Sohn und von dessen Sterben. Der Junge war als Kind an einem besonders aggressiven Krebs erkrankt und seine Eltern und die Ärzte hatten alles für seine Rettung getan. Doch er, als Vater, habe sich immer wieder auch die Frage gestellt, ob es richtig sei die Genesung seines geliebten Kindes um jeden Preis erzwingen zu wollen und auf diese Weise zu versuchen den unterstellten Naturwillen auszutricksen und damit einen Menschen mit einer genetischen Disposition überleben zu lassen, die dieser an die nächste Generation weiter geben und so das furchtbare Leid perpetuieren würde. Die Antwort auf diese Frage habe sich schließlich durch den Tod des Kindes erübrigt.
Ich weiss bis heute nicht, ob unser Dozent uns testen wollte oder ob er das, was er sagte, ernst meinte. Falls er sich eine angeregte Diskussion zu dem Thema erhofft hatte, dann war sein Plan nicht aufgegangen, denn wir schwiegen betreten.

Vergessen immerhin, habe ich seine Gedankengänge bis heute nicht. Und während das Tölchen sich vor mir durch den blühenden Bärlauchteppich im Plänterwald schnuppert, denke ich an dieses Kind, das so früh gehen musste, und das durch die Gedankengänge seines Vaters doch bis heute, selbst in der Welt einer Fremden, noch lebendig ist. Das stimmt mich zuversichtlich und traurig zugleich.

Wäre der Junge nicht gestorben, so stelle ich mir vor, säße ich jetzt vielleicht mit ihm in einem schönen Restaurant, wir schauten uns über die Kerze hinweg an und unterhielten uns. Nachdem ich seiner Geschichte gefolgt wäre und wir eine Weile darüber geschwiegen hätten, hätte ich von mir erzählt. Von meiner Erkrankung und von meinem Überleben. Im Laufe des Gespräches hätten wir noch weitere Gemeinsamkeiten unserer beider Leben gefunden.  Eine davon wäre unsere Kinderlosigkeit.

Immer sind es Zufälle. Etwas anderes gibt es nicht.

 

 

 

Bild: Tom Waterhouse, under the millennium bridge, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Sex und Moral

Bundesarchiv Bild 183-J0421-2271, Gera, Turngr...

„Um ihr Studium zu finanzieren, bot sie ihre Reize feil, wie man früher gesagt hätte: Jed fand, dass dieser veraltete Ausdruck besser zu ihr passte, als der angelsächsische Begriff „Escort Girl“.
Sie nahm zweihundertfünfzig Euro die Stunde und einen Aufpreis von hundert Euro für Analverkehr. Er hatte gegen diese Tätigkeit nichts einzuwenden und schlug ihr sogar vor, erotische Fotos von ihr zu machen, um die Präsentation ihrer Webseite zu verbessern. Obwohl Männer oft eifersüchtig auf die Exmänner ihrer Geliebten sind, obwohl sie nicht umhin können, sich jahrelang und manchmal bis zu ihrem Tod beklommen zu fragen, ob es für ihre Geliebte nicht besser war mit dem anderen, ob der andere nicht besser im Bett war, akzeptieren sie im Allgemeinen sehr leicht, ohne die geringste Anstrengung, all die Dinge, die ihre Frau früher im Rahmen der Prostitution getan hat. Sobald eine sexuelle Betätigung an eine finanzielle Transaktion gebunden ist, wird sie entschuldigt, als harmlos angesehen, und durch den uralten Fluch, der auf der Arbeit lastet, gewissermaßen geheiligt.“

Michel Houellebecq, Karte und Gebiet

 

Vernetzt euch: Nighttalk mit dem Sittenwächter

Der folgende Text ist Teil einer zirkulären Vernetzungsaktion von 9 Blogs:
heute um 10 h hat jeder von uns einen Beitrag ins Netz gestellt, in dem es einen Link gibt, der zum nächsten teilnehmenden Blog führt, so dass sich am Ende der Kreis schließt, und die geneigte Leserschaft wieder bei dem Blog ankommt, bei dem sie angefangen hat zu lesen.
Ich bitte alle Leserinnen und Leser bei unserer Aktion mitzumachen und dem Link im Text zu folgen, im nächsten Text dann ebenso, bis ihr am Ende ankommt.
Viel Spaß!
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Es gibt Phasen in meinem Leben, da muss ich es mir so richtig geben.
Aus mir unbekannten Gründen tue ich dann vorsätzlich Dinge, die mir zuwider sind.
Das war schon immer so.
Beispielsweise verabscheute ich als Jugendliche Oliven.
An besonders selbstquälerischen Tagen, bestellte ich mir beim Italiener einen Salat mit extra viel Oliven, in dem ich dann blind herumstocherte.
Hatte ich eine auf der Gabel, musste ich sie, meiner selbst aufgestellten Regel folgend, gründlich zerkauen und runterschlucken, was mich große Überwindung kostete. Unterdessen freute ich mich schon auf den nächsten Bissen, von dem ich mir mehr Glück erhoffte.
So ähnlich geht es mir, wenn ich mich in schlaflosen Nächten durch das Fernsehprogramm zappe, und die Fernbedienung erst beiseite legen kann, wenn die schlimmste aller aktuell laufenden Sendungen über den Bildschirm flimmert.
Meine Favoriten sind dabei schlecht synchronisierte Dauerwerbesendungen,
ntv-Reportagen über Riesentrucks, Flugzeugträger oder Staudämme,
RTL-Formate, bei denen Nachbarn sich gegenseitig verklagen oder Zöllner Koffer durchsuchen, und schließlich noch US-amerikanische oder deutsche Komödien.
Bei den beiden letztgenannten halte ich selten länger als zwanzig Minuten durch.
Aus masochistischen Impulsen heraus, habe ich mir schon das eine oder andere Musikantenstadl angeschaut und mich dabei vor Unbehagen gewunden.
Der Gipfel der Selbstgeißelung allerdings ist die Sendung Nighttalk mit Domian, die wochentags um 1 Uhr nachts auf WDR läuft.
Der dauergrinsende Radiomoderator Jürgen Domian sitzt, meist im kumpelhaft karierten Hemd und mit Kopfhörern auf den Ohren, vor einer pink beleuchteten Wand mit weißem Porzellanelch im Hintergrund, und fordert seine Zuschauer auf ihm via Telefon Geschichten aus ihrem Leben zu erzählen.
Manchmal sind die Themen vorgegebenen, so wie: Glück im Unglück, Diese Nacht werde ich nie vergessen, oder Ich schäme mich für meinen Partner, anderntags ist freie Themenwahl.
Das, was dort Nacht für Nacht passiert ist haarsträubend glech in mehrerer Hinsicht.
Denn, nicht genug damit, dass die redseligen Anrufer überhaupt ihr Privatleben vor Domian und seinem Publikum ausbreiten, holen sie sich dafür auch noch Belehrungen, Rügen, Ermunterungen und moralische Vorhaltungen vom guten Onkel ab.
Und bei der Moral, da kennt Domian sich aus.
Ganz klare Vorstellungen hat er da.
Ohne Wenn und Aber.
Seitensprünge gehen zum Beispiel gar nicht.
Einen Mann, der regelmäßig Pornos konsumiert, obwohl er in einer festen Beziehung steckt, schickt er zur Therapie, sieht den Sexualgestörten aber auf einem guten Weg, weil er Reue zeigt.
Jemand der sich in zwei Menschen verliebt hat, muss augenblicklich mit offenen Karten spielen, und sich entscheiden. Eine Frau mit mehreren Sexaffären möge bitte Ordnung in ihr Kuddelmuddel bringen.
Genau richtig hingegen hat eine Tochter gehandelt, die, entgegen ärztlichem Rat, der Mutter nach einem Schlaganfall die Magensonde entfernen ließ, um sie
12 Tage lang verhungern zu lassen.
Das war ja schließlich kein Leben mehr.
Domian kennt sich aus, in allen Bereichen, hat jede Menge Meinung und hält damit nicht hinterm Berg.
Mit tugendhafter Gesinnung und der lächelnden Selbstverliebtheit des Gerechten, wertet, urteilt und richtet er auf Zuruf, und die Ratsuchenden lauschen seinen, mit erhobenem Zeigefinger vorgebrachten, Verkündungen und bedanken sich unterwürfig für die moralische Maßregelung des über alles erhabenen Sittenwächters.

Moral Compass

Moral Compass (Photo credit: psd)

Es hat schon etwas Voyeuristisches,
nachts im Bett zu liegen und sich den Seelenstriptease fremder
Menschen, sowie Domians neunmalkluges Geschwafel anzuhören.
Meine Gefühle schwanken zwischen Ekel und Faszination, wenn der vor Offenheit strotzende Moderator den nach Wahrheit, Trost oder Tadel dürstenden nächtlichen Desperados,
leicht lispelnd, seine Weltsicht überhilft und am Ende alle geläutert sind.
Wie ein Spanner, schaue ich durch das
Schlüsselloch und sehe Dinge, die mich nichts angehen.
Die niemanden etwas angehen als die Betroffenen und ihre Nächsten selbst.
Manchmal schlafe ich bei dem Geplapper ein, oft jedoch bleibe ich bis zum Schluss dabei und bin froh, wenn die Peinlichkeit endlich ein Ende hat.
Dann fühle ich mich so befreit, als dürfte ich endlich ein paar viel zu enge Schuhe ausziehen, die ich mir freiwillig angezogen habe.

Falsches Geständnis

A Netgear DG632 ADSL modem with an 8 pin JTAG ...

Eben geschehen: ich veröffentliche gerade einen Artikel, als ich plötzlich keine Verbindung zum Internet mehr habe.

Nachdem ich alle Anschlüsse, Airport, Router, Splitter, Kabel und Stromleisten überprüft habe, rufe ich bei Versatel an. Dort checkt man die Leitung. Diese sei völlig in Ordnung. Ich habe aber immer noch keine Verbindung und sehe, dass mein Laptop weiterhin versucht sich mit catnet zu verbinden.

Auf einmal, ohne mein Dazutun ist die Verbindung wieder da und ich kann neue Seiten laden. Das kann der Mann am anderen Ende der Leitung auch sehen. Aber nicht nur das.   Er sieht auch, dass ich zwei Abbrüche hatte.

-Was hatte ich?

-Zwei Abbrüche. Das kann ich hier sehen. Vielleicht ist die Leitung nicht stabil. Wenn sie wieder keine Verbindung mehr haben, dann rufen sie bei der Störung an und sagen, dass Sie zwei Abbrüche hatten.

-Das heisst so?

-Ja.

-Das soll ich dann wirklich genau so sagen: ich hatte zwei Abbrüche?

-Ja, dann wissen die gleich Bescheid um was es geht.

Ich weiss jetzt schon, dass ich das nicht sagen werde.