Ballermann

Yuppie Cage

Yuppie Cage (Photo credit: bovinity)

Diese ganzen Leute, die in den letzten 5 Jahren nach Kreuzberg gezogen sind, weil es hier so toll ist, und die sich dann in seelenlosen Konzeptläden wie Long March Canteen*  oder bei Kimchi Princess** herum treiben, welche sich eigens für ihre Ansprüche hier breit gemacht haben, erinnern mich an die Deppen die nach Malle fliegen, und statt Papas arrugadas oder Paella mit einem Glas Tinto, ein Schnitzel Wiener Art mit Kartoffelsalat und Bier bei Gitti und Horst bestellen.
Keinen Zentimeter über den Tellerrand schauen, oder was der Bauer nicht kennt.
Warum sind die überhaupt her gekommen?
Am Wetter kann´s ja nicht liegen.
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*Servieren grundsätzlich keinen Reis zu ihren Minispeisen.
Und das bei dem Namen. Mao würde sich im Grabe…na, lassen wir das.
** z.B.: Korean Barbecue, Rind 23,50 € p.P.

Old School Dandelion

Wenn ich jahrelang in einem Kiez wohne, dann grüße ich die Leute, denen ich täglich auf der Straße begegne. Ebenso jene, die schon etwas betagter, hohläugig und mit eingefallenen
Wangen, aus dem Parterrefenster schauen und rauchen oder schmatzen.

Altes Ehepaar - old couple

Wieso auch nicht?
Ich muss nicht erst mit jemandem befreundet oder persönlich bekannt sein, um ihn oder sie mit einem freundlichen Nicken zu bedenken. Kostet mich keinerlei Anstrengung.
Und wenn mich jemand (arglos) nett anlächelt, dann lächle ich zurück, auch wenn ich die Person nicht kenne. Weil ich gar nicht anders kann, und weil ich es als vollkommen widernatürlich empfinde eine freundliche Geste zu ignorieren. Ebenso wenig lasse ich eine zum Gruß ausgestreckte Hand einfach ungedrückt in der Luft hängen.
Ist das altmodisch, oder ist das Alte Schule?
Bin ich einfach nur ein putziges Nostalgiehäschen, das verloren in einem Genmaisfeld herum hoppelt und nach Löwenzahn sucht?

regrat (dandelion; Die Kuhblume, der Löwenzahn)

regrat (dandelion; Die Kuhblume, der Löwenzahn) (Photo credit: Wikipedia)

Oder bin ich  ein gut dressiertes Töchterchen, das auch als Erwachsene noch buchstabengetreu die in der Kindheit eingebläuten Regeln befolgt?
Ist mir vollkommen schnuppe, woher diese Höflichkeit und der Respekt vor anderen Menschen kommen. Mir auch egal, ob das irgend etwas bringt. Ich fühle mich wohl dabei.
Wann immer ich in den USA war, hat mich auch dort der höfliche Umgang mit einander erfreut. Den Einwand, dass das doch alles nur oberflächlich sei und sich in Wahrheit hinter der freundlichen Maske menschliche Abgründe und vollkommenes Desinteresse verstecken, kann ich nicht
gelten lassen. Es ist mir, bei flüchtigen Begegnungen, vollkommen gleichgültig, ob die guten Umgangsformen von Herzen kommen oder nicht. Sie sind mir allemal lieber, als die ernst gemeinte schnodderig-unfreundliche Berliner Schnauze, die mich nach Reisen immer wieder wie ein Schlag mit einem kalten, nassen Lappen erwischt. Mitten in die Fresse. Sozusagen.
Rätselhaft, wie Leute es aushalten ständig hart zu sein. Wie es ihnen möglich ist ein Lächeln oder einen Blickkontakt, eine aufgehaltene Tür, eine nette Geste mit eingefrorener Mimik und kaltem Blick zu ignorieren. Und doch ist die ganze Stadt voll mit diesen Zombies. Auf der Straße, in der S-Bahn, im Supermarkt, im Park. In meinem Haus. Überall.  Selbst jetzt im Sommer!
Ein Idiotennachbar, dem ich jahrelang die Tür aufgehalten habe, damit er sein Bike reintragen kann, grüßt mich auch dann nicht, wenn ich ihm im Treppenhaus begegne und ihm mitten ins Gesicht salutiere.

common dandelion

common dandelion (Photo credit: Wikipedia)

Dass ein gewisser Prozentsatz  immer cool tun muss- akzeptiert. Warum aber blicke ich fast nur (noch) in solche verrammelten Visagen. Was ist los mit denen?
Seele verschütt gegangen, oder von Natur aus erst gar keine angelegt?
Vor Jahren hatte ich einen Stalker, der mich eine Zeitlang belästigte, mir auflauerte, und mich sowohl verbal, als auch einmal mit einem Messer bedrohte. Er war der Meinung, dass ich für den Tod meines Vormieters, seinem Saufkumpan, der von einem Auto überfahren worden war, verantwortlich sei. Ich habe ihn nur deswegen ermordet, so argumentierte er, um an dessen Wohnung heran zu kommen. Jahre später begegne ich ihm auf der Straße.
Den kenn´ich doch von irgendwo, denke ich, und nicke ihm sicherheitshalber freundlich zu.
Im gleichen Moment weiß ich wieder, wer er ist und will mich eben über meine Dummheit ärgern, als er mich erstaunt anlächelt und mir vorsichtig einen schönen Tag wünscht.
Auch im Netz finde ich es  angenehm und selbstverständlich,  sich freundlich zu begegnen, und beispielsweise auf Fragen oder hilfreiche Kommentare in meinem Blog angemessen zu reagieren.
Ich strebe nicht an mit allen befreundet zu sein, und mich mit jedem gleichermaßen zu verstehen, aber ich schätze es, wenn die Grundregeln menschlichen Zusammenlebens auch hier Anwendung finden.
Dieses Bedürfnis teilen in Blogs deutlich mehr Menschen, als angesichts der Meute da draußen zu erwarten war, aber offensichtlich lange nicht alle. Es gibt (einige) Blog-VeteranInnen, die mit ihrer langjährigen Blogger-Gemeinde so eng verwachsen sind, dass sie einen Fremdkommentar zwar freischalten, aber ansonsten ignorieren. Auch auf Fragen antworten sie nicht. Das geht bei einem virtuellen Kaffeekränzchen gerade noch an, wird aber dann befremdlich, wenn es „politische“ Blogs sind, die eine Botschaft in die Welt tragen wollen (oder vorgeben dies zu tun). Ich stelle eine Frage zum Thema, oder gebe eine Information, die im Verlauf der vorangegangenen Kommentierung noch keine Erwähnung gefunden hat. Keine Antwort. Keine Reaktion. Nichts. Die Diskussion läuft so weiter, als hätte es meine Frage nicht gegeben.
Naja, denke ich, ist wohl irgendwie untergegangen.
Unverdrossen stelle ich bei einem späteren Artikel wieder eine Frage oder bitte um Auskunft seitens der Experten. Die gleiche Null-Reaktion.
Allerdings sehe ich anschließend in meiner Blog-Statistik, dass einige Leser der Veteranen auf mein Blog gekommen sind, um hinter der Gardine mal zu schauen, welche Neigschmeckte sich da immer wieder einmischt. Am Ende entsteht bei mir der Eindruck in eine Kleingartenkolonie mit langjährigen Anrainern geraten zu sein, die alle Regeln kennen, sich exakt daran halten, aber nicht bereit sind Neuankömmlingen diese zu erklären. Und sei es, dass die Regel hieße: Zutritt nur für Mitglieder. Kleiner Tip: Blog privat führen und Freunde und Spezis dazu einladen. Aber wer will schon zugeben, dass er nicht offen für Neues ist? Eher wird mit zusammen gekniffenen Lippen geschwiegen.
Wie in jener Bamberger Gaststätte, in die es mich vor Jahren mit meinem Bruder verschlug.
Als wir den Raum betreten, verstummen augenblicklich alle Gespräche. Das gesamte
Essen über bleibt es unangenehm still. Nur hier und da verhaltenes Murmeln und verstohlene Blicke. Erst als wir das Lokal verlassen, wird es lauter.
Von draußen hören wir das wieder einsetzende Poltern der Bayerischen Provinz.

Cornfield, canton of Bern, Switzerland

Cornfield (Photo credit: Wikipedia)

Irgendwann kapiert dann sogar das Häschen, dass es in einer Monokultur, in der sich Habitus, Meinungen, Sprache und spezielle Ausdrucksweisen aneinander angepasst haben, keinen Löwenzahn zu holen gibt.

Für Fragen stehe ich gerne zur Verfügung. Kommentare sind ausdrücklich erwünscht.