Mobbing

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Der Unterfranke wird gemobbt. Von seiner nächsten Vorgesetzten.
Nachdem ihre Avancen ins Leere gingen und aus dem angebotenen Du kein Wir wurde, zog der Ton zunächst an, pendelte sich dann aber in einem halbwegs tragbaren Bereich ein. Kleine Sticheleien hier und da, ein scharfer Witz, eine abfällige Bemerkung.
Seit einiger Zeit nun aber wird er von ihr vor seinen Kollegen angezählt und in seiner Abwesenheit rühmt sie sich, wie sie ihn zusammen gefaltet und ihn zu Tätigkeiten gezwungen habe, für die eigentlich der Hausmeister zuständig ist, der sich auch erbot diese zu übernehmen, doch, nein, das soll mal schön der Unterfranke machen, als Erziehungsmaßnahme, und zwar vor seiner eigentlichen Arbeitszeit.

Sie verbreitet falsche Behauptungen über ihn, unterstellt ihm (auf kleinen Zettelchen, die sie auf seinen Platz legt) Aufgaben, die er quittiert hat in Wahrheit nicht erfüllt zu haben. Und immer wieder erklärt sie ihm, dass die nächsthöhere Chefin ihn mit Argusaugen beobachte und er aufpassen müsse, wenn er seinen Job nicht verlieren wolle.

Unlängst wurde ein Kollege (und Freund) des Unterfranken ins dessen Abwesenheit in der Teamsitzung als Krebsgeschwür bezeichnet, das es aus der Gruppe heraus zu reissen gelte. Akzeptable Gründe für diese Formulierung gab es nicht. Der Kollege würde ab und an Privatgespräche auf seinem Handy führen, hieß es, eine Behauptung, der der Unterfranke und weitere Kollegen deutlich widersprachen. Unmittelbar nach der Sitzung wurde dem Mann gekündigt und er wurde abgefunden.
Der Unterfranke aber wurde von seiner mobbenden Vorgesetzten wegen seines unloyalen Verhaltens gerügt. Seine Parteinahme für den Freund bei der Teamsitzung nehme man ihm im Hause sehr übel. Er solle fortan aufpassen.

Derzeit werden mehrere neue Kollegen eingearbeitet, die höher qualifiziert sind als der Unterfranke und das (ehemalige) Krebsgeschwür, und deren Tätigkeiten deshalb mit den zuständigen Kostenträgern zu einem lukrativeren Satz abrechenbar sind. Honni soit qui mal y pense.

Der Unterfranke hat einen unbefristeten Arbeitsvertrag.

Es gibt keinen Betriebsrat in dem Unternehmen.

Irgend jemand eine Idee, was man da tun kann?

 

 

 

 

 

Bild: Dave Cube, black-white 07, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Parforcejagd

Witney_Carson

Dieses Abschätzige alten oder alternden Menschen gegenüber.
Eine Verachtung, die beinahe schon an Feindselgkeit grenzt.
Die Zumutung, die ihre zerfallenden Körper uns aufbürden, als Spiegel der eigenen Vergänglichkeit.

Das Hässliche, Boshafte das mir aus den abwertenden Worten entgegenspringt, die ich hier und da lese oder höre.

Vor einer Weile erzählte mir Freund K. von der Zurückweisung, die er durch eine viel jüngere Frau, für die er sich interessierte, erfahren hatte. Sie begnügte sich nicht einfach damit ihm zu sagen, dass sie ihm nicht zugeneigt war, sie musste ihn auch unbedingt wissen lassen weshalb. Und offensichtlich musste sie ihn dazu abwerten, ihn herabsetzen und entwürdigen, ihn zwischen zusammengepressten Zähnen anzischen, ihm sagen, dass sie sich für einen alten, fetten Sack wie ihn niemals interessieren würde, was er sich einbilde überhaupt nach dem Thron ihrer göttlichen Jugend zu greifen.

Alternde Frauen mit hängenden Brüsten und Genitalien an denen die Schwerkraft ganze Arbeit geleistet hat. Männer, deren Hoden auf dem Oberschenkel zum Liegen kommen. Faltiges Skrotum mit fusseligem Schamhaar.

Na und?
Wen regt das auf? Wen geht das an?

Dürfen alte Menschen nicht mehr in die Therme oder an den FKK-Strand gehen?
Darf eine alte Frau ihre aus der Form geratenen Oberarme nicht mehr zeigen? Muss sie ihren Schoß schamhaft verbergen, während die Jugend sich räkelnd spreizt?
Weshalb sollte ein übergewichtiges Mädchen sich in eine Tunika hüllen anstatt bauchfrei zu tragen, wie alle anderen auch?
Um sich in tiefster Selbstverachtung selbst zu blamen (schaut, ich bin so hässlich, dass ich ein Zelt trage) oder um uns zu schonen, die Wahren, Schönen und Guten?
Um Rücksicht auf Menschen zu nehmen, die nicht gewillt sind ihrerseits achtsam zu sein,
Rücksicht auf diejenigen, die den alten oder dicken Menschen verachten und keine Sekunde zögern ihn dies spüren lassen, die aber ebenso auf jene herabblicken, welche dem unerbittlichen Druck durch Schönheits-, Jugend- und Fitness-Diktat nicht mehr stand halten können und sich deswegen kosmetischen Eingriffen unterziehen?

Lass Dich verlachen, wehr dich nicht und unternimm auch nichts dagegen.
Wer nicht von Natur aus so schön ist wie wir gehört nicht dazu, und wer sich mit so jemandem einlässt, mit dem stimmt etwas nicht.

(Reste ficken nennt man das.
Mangelware/ Remittenden/ weg damit!)

Nur durch Disziplin und Demut wirst du einer von uns.
Vielleicht. One day. Wenn uns danach ist.
Bewundere uns, erkenne unsere Überlegenheit an, sei ein Claqueur, füttere mein Ego mit deiner jämmerlichen Unterlegenheit. Verachte dich, ich tue es ja auch.

Alltagseugenik

Wer sich innerhalb dieser Logik (von Ästhetik mag ich in diesem Zusammenhang nicht sprechen) bewegt, für den bedeutet alt werden zugleich auch hässlich werden.
Und Schande über den, der die Worte der Geringschätzung, die Gesten des Widerwillens aufnimmt und sie nicht stumm erträgt. Wie würdelos, wenn ein alter Mensch wieder jung oder ein Dicker endlich dünn sein möchte, der eine sich dafür liften und der andere sich deswegen das Fett absaugen lässt. Erst fressen, dann zum Arzt.

Nur Disziplin würden wir gelten lassen. Wer zuviel gegessen hat soll das auch bitteschön durch monatelanges Hungern wieder los werden. Allein durch Qualen kannst Du einer von uns werden.

Wer mit dem Altern nicht klar kommt, den trifft der ganze Ekel, den auch der dicke Mensch erfährt, oder jener, der dem täglichen Pikkolo im Büro nichts entgegen zu setzen hat und deswegen zum Vollblutalkohoiker wird.
Wer schwach ist, der gehört nicht zu uns.
Ageism, Lookism und Fat-blaming gehören zu den gesellschaftlichen Lieblingsspielen.
Parforce-Jagden bei denen die geifernde Meute gerne mit macht.

Manchmal ekele ich mich so sehr vor den Menschen.

(Ja, der Herbst. Und das verfluchte Blutergebnis ist immer noch nicht da.)

 

 

Bild: „Witney Carson“ von Danceluvswag – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC-BY-SA 4.0 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Witney_Carson.jpg#/media/File:Witney_Carson.jpg