wie gern ich mit dir schliefe

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wir mieteten ein zimmer,
verschanzten uns für immer,
teilten koks und klopapier,
du hättest es ganz gut bei mir.

ich würde ausgesprochen
sanft sein und gut kochen,
würde dich nicht nur verehren,
auch auf höchstniveau ernähren.

würde mit obszönen
versen dich verwöhnen,
würde laute dir entlecken

die die halbe stadt aufwecken.
gottverfluchte konjunktive.
wie gern ich mit dir schliefe.

(Helmut Kraussner in Liederlich!
Die lüsterne Lyrik der Deutschen,
Eichborn Berlin)

 

 

 

 

Bild: bswise, untitled
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Mutmaßliche Lektüre. Ein Blogstecken.

Es ist schon eine Weile her, seit der geschätzte Waswegmuss (aka HKF) mir einen Blogstab zugeworfen hat.
Fünf Bücher sollte ich benennen, die ich im Laufe dieses Jahres zu lesen beabsichtige und zusätzlich fünf BloggerInnen nominieren, die das Hölzchen weiter tragen sollen.

In den letzten Jahren lese ich nur noch sehr selten Bücher zuende. Zu rastlos und zu unruhig bin ich, um einen einzelnen Faden aufzunehmen und ihm zu folgen, während hunderte anderer Geschichten bei mir anbranden und meine Aufmerksamkeit fordern.
Schade, aber gut.

Nun habe ich keinen Schimmer was morgen sein wird, geschweige denn, was ich dann lesen werde. Aber auf meinem wunderschönen Büchertisch stapelt sich einiges, was möglicherweise demnächst von mir (an)gelesen werden könnte.
Da ich die Bücher noch nicht kenne, fällt es mir schwer etwas über sie zu schreiben. Deswegen zitiere ich zum Teil aus ihnen oder verweise auf Rezensionen.

Und weil ich die Zahl 7 gut finde, stelle ich statt der angefragten fünf gleich sieben Bücher vor.

Alsom-

Eins:

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Vielleicht Esther von Katja Petrowskaja  (Suhrkamp)

Im Feuilleton der NZZ erschien eine Rezension, die mein Interesse auf dieses Buch gelenkt hat.
Als ich dann die erste Seite gelesen hatte, wollte ich nicht mehr aufhören.
Ich weiß nicht, wie sie es macht, aber Katja Petrowskaja schreibt genau so, wie jemand schreiben muss, um meine Aufmerksamkeit zu wecken und zu halten.

Petrowskaja hat sich aufgemacht, nach ihren Toten und Verschwundenen zu «graben». Es ist, weil es um ihr eigenes Leben geht, ein «süchtiges» Suchen quer durch Archive, Städte und «Stätten»: Berlin, Wien, Warschau, Kiew, Moskau bis hinüber ins amerikanische Oak Ridge. Der Karte, der sie vor allem zu folgen hat, ist die «Sternkarte» der Lager, über denen das Gelb des Davidsterns und das Rot des Sowjetsterns leuchten: KZ, Stalag, Gulag.

(NZZ)

Zwei:

Das Ende von Eddy von Edouard Louis  (S. Fischer)u1_978-3-10-002277-6.38011915

Die (autobiografische) Geschichte einer Kindheit in der französischen Provinz.
Entsetzliche Gewalt, Alkohol, unerträgliche Homophobie. Beim ersten Blick in das Buch hat mich die klare, schnörkelose Sprache und die ungeheure psychische und physische Gewalt, der der Protagonist ausgesetzt ist schaudernd in den Bann gezogen.

Ich dachte sofort, dass ich das auf keinen Fall lesen werde, weil mich derartige Grausamkeiten erschüttern und bis in den Schlaf verfolgen können.
Gekauft habe ich es trotzdem und frage mich nun, ob ich es jemals werde lesen können.

Drei:

arnogruenDer Wahnsinn der Normalität. Realismus als Krankheit: eine Theorie der menschlichen Destruktivität von Arno Gruen (dtv)

Wieso konnten die KZ-Aufseher Menschen totschlagen und dabei ganz „normal“ sein?
Der Selbstverrat des Kindes durch die Anpassung an die elterlichen Machtbedürfnisse stellt den Anfang einer Entwicklung dar, in der dem Menschen der Zusammenhang zwischen Handlungen und Motivationen verloren geht. Es gilt fortan das Image, mit dem man anderen Menschen gefallen will um jeden Preis aufrecht zu erhalten, ganz gleich, was die eigenen Gefühle, Wahrnehmungen und Mitgefühle hätten sein können.
„Die Unfähigkeit, in sich selbst zu wurzeln, ruft zerstörerisches und böses Verhalten hervor.“
Davon handelt das Buch. Reingelesen, gekauft, auf den Stapel gelegt.

Vier:

Wir sind nicht wir  von Matthew Thomas  (Berlin Verlag)

Sein Vater blickte auf die Angelschnur im Wasser. Der Junge fing einen Frosch und schob ihm einen Haken in den Bauch, weil er wissen wollte, wie es aussah, wenn er ihn durchbohrte. Glitschige Eingeweide blieben daran kleben, ihm wurde übel vor Schuld. So harmlos er konnte, fragte er seinen Vater, ob man mit Fröschen fischen könne. Der musterte ihn kurz mit geweiteten Nasenflügeln und schüttelte drohend die Kaffeebüchse mit den durcheinanderwimmelnden Würmern, von denen einige über den Rand schwappten und wegkrochen. Er sagte ihm, er habe etwas Böses getan und seine Jugend sei keine Entschuldigung für seine Grausamkeit. Zwang ihn, den Haken herauszuziehen und das zuckende Geschöpf so lange in den Händen zu halten, bis es starb. Dann hielt er ihm das Ködermesser hin und befahl ihm, ein kleines Grab auszuheben. Sein Ton war erschreckend fremd, als seien sie bloß zwei beliebige Menschen auf dieser Erde, als sei ein unsichtbares Band zwischen ihnen durchschnitten worden.
Nachdem er den Frosch beerdigt hatte, klopfte sich der Junge umständlich den Dreck ab, um nicht aufsehen zu müssen. Sein Vater sagte ihm, er solle eine Weile über seine Tat nachdenken, und ließ ihn stehen. Der Junge lauschte den verklingenden Schritten, und als ihm die Tränen in die Augen stiegen und ihm der lehmige Geruch faulender Blätter in die Nase drang, ging er in die Hocke. Er richtete sich wieder auf und sah auf den Fluss hinaus. Die Abenddämmerung schlich rasch ins Tal. Nach einer Weile begriff er, dass er länger geblieben war, als sein Vater es im Sinn gehabt hatte, doch er brachte es nicht über sich, zum Auto zurückzugehen, weil er Angst hatte, sein Vater habe ihn verstoßen. Etwas Schlimmeres konnte er sich nicht vorstellen, und so schleuderte er Steine in den Fluss und wartete darauf, dass sein Vater ihn holen kam. Als ein Kiesel ohne das gewohnte Aufspringen im Wasser versank und hinter ihm ein lautes Krächzen einsetzte, rannte er entsetzt los. Sein Vater lehnte an der Motorhaube, einen Fuß auf der Stoßstange, und machte den Eindruck, als hätte er auch die ganze Nacht dort auf ihn gewartet. Jetzt rückte er seine Kappe zurecht und öffnete die Autotür, um sie beide nach Hause zu bringen. Noch hatte er ihn nicht verloren.

Einen Roman der so beginnt, muss ich weiter lesen.

Fünf:

cortazar

Die Autonauten auf der Kosmobahn  von Julio Cortázar/ Carol Dunlop (Suhrkamp)

Eines Frühsommertages fahren Julio Cortázar und seine Ehefrau Carol Dunlop mit ihrem VW-Bus auf die Autobahn Paris – Marseille. Ausgestattet mit Proviant, Musik, einer Kamera und zwei Reiseschreibmaschinen, verfolgen sie, beide bereits sterbenskrank, ein letztes gemeinsames Vorhaben: unterwegs alle 63 Rastplätze anzusteuern, auf jedem zweiten zu übernachten. Mit dem drängenden Eifer von Forschungsreisenden dokumentieren sie ihre Expeditionserlebnisse in einem Logbuch. Es gehen da die bukolischen Horizonte, Begegnungen mit Müllmännern, Beschreibungen erster Skorbut-Symptome, überdies Fotos von allerhand Fauna und Seltsamkeiten und detailgetreue Geländeskizzen ein – bald auch, unter tätiger Mithilfe ihrer Fantasie, dunkle Bedrohungen durch mörderische Hexenjäger und Geheimagenten. Und bei alledem leben diese Reisenden in der Enge ihres Gefährts wie Liebende auf einer einsamen Insel.

(Suhrkamp)

Vor einem Jahr hat Bersarin in seinem Blog Aisthesis dieses Buch besprochen. Die Anregung wirkte fort und nun habe ich es endlich erworben und auf den Stapel gelegt.

Sechs:

kreuzbergKreuzberg 1968- 2013: Abbruch, Aufbruch, Umbruch von Dieter Kramer (Nicolai Berlin)

Dieter Kramer legt  hier ein beeindruckendes Zeugnis über den Wandel von Kreuzberg Süd-Ost vor.

Viele Stunden habe ich schon über dem Buch gesessen und die Bilder von damals mit denen von heute verglichen. Sogar ein schönes Foto von meiner Straße ist dabei, aus der Zeit, als Kreuzberg noch ein Arbeiterviertel war und an jeder Ecke Schulle getrunken wurde.

Sieben:

Diese vorüberrauschende blaue einzige Welt kast
Gedichte zu Lebensfreude und Endlichkeit
von Verena Kast (Pendo)

Durch eine Empfehlung von Frau Wildgans stieß ich auf dieses wunderschöne Buch, das leider nicht mehr verlegt wird aber antiquarisch noch zu haben ist.
Abschiedlich leben, so nennt die Autorin die Lebenseinstellung die hinter den Gedichten steht, die sie in diesem Band versammelt hat. Eine Haltung, die sich sehr schön bereits im ersten Satz von Kästners  Gedicht  Die zwei Gebote widerspiegelt:
Liebe das Leben, und denk an den Tod!
Das Buch ist in mehrere Abschnitte  untergliedert, die von der rauschenden Lebensbejahung hin zur Trauer über die Vergänglichkeit und schließlich zur Annahme des Todes führen.
Dringende Leseempfehlung für jeden der Lyrik liebt und den Tod in sein Leben aufzunehmen bereit ist.

In den letzten Wochen habe ich viel zu wenig in Blogs gelesen um zu wissen, wer dieses Stöckchen inzwischen schon gefangen und beantwortet hat. Wer noch nicht dran war und Lust hat die Frage zu beantworten, schnappe es sich bitte!

Bürzel

Leda
Manche Bloggerin und mancher Blogger übt sich in der Dichtkunst.
Ich versuche es erst gar nicht. Kein Talent.
Der Unterfranke aber, der hat´s drauf:

Dem frühen Tag die Nacht gewichen,

Dämm´rung sich an den Tag geschlichen,

Wohlweißlich nicht der Schwan sich fragt,

wer ihn da an den Bürzel packt.

Unterfranke, Sommer 2005

Beinahe Rilke, oder doch eher Eichendorff?