Rauschen

8098247183_b2ee39a4c3_z

In der Arztpraxis konnte man jede Menge IGEL-Leistungen kaufen. An erster Stelle Sauerstoff. Das hilft gegen alles. Kamma also immer gebrauchen, so wie essen, trinken und Liebe.

Love is like oxygen, sangen schon the Sweet, die später, als sie alt und fett geworden waren, auf einer Betriebsfeier von AVM auftraten während die Mitarbeiter, gewandet in Kleider des 18. Jahrhunderts, den Klängen aus ferner Zeit lauschten und zu fortgeschrittener Stunde, nachdem die einstudierte Quadrille getanzt und die Depression dem Suff gewichen war, volltrunken zu der Musik der Langhaarigen abhotteten.

Sauerstoff war dringend nötig in dieser dreckigen Ecke der Stadt, an der zwei sechsspurige Straßen aufeinander treffen. Der Lärm an der Kreuzung ist so unerträglich, dass nur sich totstellen hilft, oder bei rot über die Ampel zu rennen um niemals stehen bleiben zu müssen und endgültig wahnsinnig zu werden. Ich nutze beide Strategien, je nach Verfassung und Möglichkeit.

Sauerstoff wollte mir die Ärztin gerne verkaufen doch ich frug nach Schmerzmittel. Tramadol, wenn´s geht. Es ging.
Draußen nahmen wir einen beherzten Schluck aus der Pulle, die sie uns angebrochen mitgegeben hatte. Ob sie die wohl abrechnen würde als ganze Flasche? Mir sollte es recht sein.

Mit den Tropfen, dem Rausch und der Überweisung schweben wir rüber zum radiologischen Zentrum. Nebenan gibt es ein Architekturbüro mit dem Namen Pilz van der Grinten.
Der hätte Hautarzt werden sollen, sagt der Argentinier und wir gehen vor Lachen in die Knie.
Drinnen werden wir bereits erwartet. Ein dringender Fall. Ich habe schlimme Lungengeräusche und -schmerzen. Fieber sowieso.
Der halboffene Tomograph scannt meinen Brustkorb. Ich bin angenehm entspannt, nichts tut mehr weh und der Argentinier wartet draußen und spielt Krankheiten-Raten. Es hustet und keucht ringsum.
Auf dem Heimweg landen wir irgendwann im Kloster, meine Erinnerung setzt nach dem dritten Bier aus. Der Rest des Abends und die ganze Nacht sind mir vollends abhanden gekommen.

Am Morgen weckt mich ein Anruf. Gerade will ich sagen: Ich kaufe nichts, da spricht die Ärztin aus dem Hörer: Sie haben einen Schatten auf der Lunge. Ein Knoten. Möglicherweise ein Tumor.
Ich will deinen Sauerstoff nicht
, denke ich und fange im nächsten Moment an zu heulen.
Hätte ich bloß früher aufgehört zu rauchen.
Am Montag soll ich noch mal zur Kontrolluntersuchung in die Radiologie kommen, sagt sie. Wie ich das Wochenende überstehen soll, verrät sie mir nicht. Guter Rat ist eine IGEL-Leistung, nehme ich an.
Gegen den aufkommenden Seelenschmerz und den Kater brauche ich einen Schluck Tramadol. Dann rufe ich den Argentinier an.
Krebs habe ich, sage ich.
Mach dir keine Sorgen, Mausi,  antwortet er, ich kümmere mich dran.
Es geht es mir gleich viel besser.

Am Montag ist es doch nur ein Spiegelungsffekt der Mamille, sagt der Röntgenarzt, und ich hätte getrost das Wochenende über weiter rauchen können.

 

 

 

 

 

Bild: Nothing better, Thomas Hawk
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Neue Beiträge sind nicht nur gut für die Statistik, sie verdrängen auch den letzten Beitrag von seiner Pole-Position und sorgen mitunter für bessere Stimmung

12071085003_210b5587e5_z

Der Eindruck verdichtet sich zur Gewissheit: die Bauarbeiter kommen nur deshalb jeden Morgen zur Arbeit, um einmal mit dem Kabinenlift aufs Dach zu fahren, von dort ein paar Ziegel und Latten unter lautem Gepolter herunter zu schmeissen, auf diese Weise treffsicher alle noch schlafenden Bewohner der umliegenden Häuser zu wecken und alsdann beschwingt und laut redend das Gerüst hinabzusteigen und zum zweiten Frühstück nach Spandau oder Grünheide zu fahren, von wo sie erst am nächsten Morgen um 6.30 h oder 7 h voller Tatendrang wieder zurückkehren- pünktlich zum Wecken.

Besonders lästig ist dieser ungebetene Service, wenn man eigentlich erst um 8 h aufstehen müsste und gleich um eine ganze Stunde betrogen wird, die man irrtümlicherweise in den sorgsam errechneten Mindestnachtschlaf einkalkuliert hatte, weil man jeden Abend zu müde oder zu stulle ist, sich an das morgendliche Lärmdesaster zu erinnern und ihm Rechnung zu tragen.

Unter dem Gerüst sammelt sich einstweilen Müll, in meinem Herzen Groll gegen die Arbeiterklasse.

Freundin A. hingegen gerät schon ins Ekstase, wenn sie nur hört, dass irgendwo Bauarbeiter oder Handwerker zugange sind. Wird die Nachbarswohnung für neue, solvente Mieter saniert, so schmiegt sie sich mit dem ganzen Körper und voller Inbrunst an die Wände ihrer Wohnung um möglichst nahe und auf Tuchfühlung mit der malochenden Männlichkeit zu sein. Gentrifizierung ist für sie pure Erotik.

Nicht auszudenken, sie wohnte in meiner Straße und jeden Morgen weckten sie die Geräusche der Arbeiter. Ich bin fast sicher, sie würde sich nackt und bei geöffnetem Fenster ins Bett legen und einen vorbei kletternden Dachdecker bitten sie zuzudecken.

 

 

 

Bild: https://www.flickr.com/photos/abuaiman/12071085003/in/photostream/
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/

Still, still, still

English: Breast feeding mother Deutsch: Stille...

English: Breast feeding mother Deutsch: Stillende Mutter (Photo credit: Wikipedia)

In Friedrichshain sitzen 3 Mütter in
luftigen Elfenkleidchen und mit freigelegter Brust auf Holzklappstühlen.
Mitten auf dem Gehweg der Wühlischstraße.
In der Ost-West-Achse der vielen Flanierer, die zur Simon-Dach-Straße spazieren, stillen sie ihre Babies.
Autos rollen vorbei, die Straßenbahn zuckelt durch den
Kiez. Es ist heiss und schattenlos.
Hinter jeder Mutter steht ein Mann.
Wahrscheinlich der jeweilige Kindsvater. Alle 3 tragen Bart.
Mit herausfordernd, trotzigen Blicken mustern die 6 sämtliche Passanten auf mögliche Reaktionen.
Ich beisse mir auf die Lippe und versuche ernst auszusehen.
Dem angekotzten Blick einer Mutter entnehme ich, dass mir dies misslungen ist.

Das nächste Mal lache ich gleich.

Uschi´s Kneipe

Auf den täglichen Spaziergängen mit Töle, versuche ich die großen Verkehrsadern zu umgehen, weil mich deren Hektik, Lärm und der ungeheure Aggressionspegel auf Dauer auslaugen, oder selbst aggressiv machen.
Alle sind in Eile. Jeder drängelt. Flucht, hupt, rempelt.

Gleisdreieck

(Photo credit: mr172)

Es stresst mich, wenn die Ampelphase für Fußgänger so kurz ist, dass ich auf dem Mittelstreifen stehen bleiben muss, und der Krach mich dann von allen Seiten anfällt. Unter dem Viadukt der Hochbahn fängt sich das Donnern der Motoren, von oben dröhnt die U-Bahn, neben mir keifen sich die Polen-Punks an, die hier im Schatten kampieren und trinken. In den metallenen Verstrebungen der alten Stahlkonstruktion kauern die Tauben. Der Boden ist weiß von ihrem Kot.
Bloß weg hier, sonst kacken sie mir auf den Kopf!
Wenn gerade kein Kind anwesend ist, flüchte ich bei Rot auf die andere Seite, um so schnell wie möglich in die Stille der Nebenstraßen einzutauchen.
Wenige Meter abseits des tosenden Stroms plätschert dort das Leben vor sich hin.
Es ist ruhig. Niemand ist in Eile. Die Zeit steht still.

Edeka

Besonders entspannt geht es dort zu, wo Altneubauten aus den 60er und 70er Jahren als Riegel in, oft großzügig bemessene, Grünanlagen gebaut wurden, und Rentner ihre Geranien gießen, derweil sie mit gebräuntem, ölig glänzendem Prälatsbauch das Treiben der Nachbarschaft im Auge behalten.
Hier, fernab der gehypten Gründerzeitviertel, existiert es noch, das alte Berlin, zu dem der Eckensteher, die ältere Dame, die ihren dicken Spitz oder Pudel spazieren führt, ebenso gehören, wie der kleine Edeka, der Lottoladen, eine Fußpflegepraxis und die klassische Bier- und Mollekneipe, in der alle zusammen alt geworden sind und Tag für Tag ihre schmale Rente, die Stütze, oder das Ersparte gegen flüssig Gold, oder einen kleinen Futschi eintauschen.

futschi

futschi (Photo credit: DonDahlmann)

Hinter dem Tresen steht Uschi, die Namensgeberin der Stampe. Mit rauchiger Whiskystimme und ausladender Oberweite unterhält sie die Gäste, die sich am Tresen um sie geschart haben, und eine Molle nach der anderen zischen.

Sie kennt die Geschichte jedes Einzelnen bis ins Detail.  Jeden Rubbellosgewinn, jeden Rückschlag, jedes Ach.
Im Hintergrund läuft 94. 3 RS2. Super Oldies und das Beste von Heute.
Ein alter Merkur- Spielautomat dudelt dazu und verlangt danach gefüttert zu werden.
Die Gespräche kreisen um das Tagesgeschehen.

-Nächste Woche kommt der Obama nach Balin. Was dit wieda kostet! Wo Balin keen Jeld hat.
-Arm aba sexy, wa? Hahaha!

Die Gulli-Deckel schweißense zu, und Taucher setzense ein.
-Nee?
Doch, wenn ick´s dir sage.
Ha´ick jelesen.
-Mönsch Kalle, du kannst doch jar nüsch lesen! Hohoho!
-Pass bloß uff, mein Lieba! Sonst zeig ick dir, wat ick allet kann!
-Dit will´ick sehn!

-Wetten, dat der janze Spaß mit den Obama so teuer wird, dat für unsereins wieda nur ne Nullrunde rausspringt!
-Det gloobste aba!
Uschi lacht.
À Popo Runde: noch `ne Runde, die Herren?
Die Herren lachen jetzt auch. Laut und polternd.
Der war jut! Jo, für mich ne Molle mit Kompott!
Und für mich´n Futschi!
Gemeinsam stößt man an.
Bonnie Tyler singt Total Eclipse Of The Heart.

Stößchen!

Irgendwann heute Abend, kehren sie alle in ihre verwaisten Wohnungen zurück, in denen schon lange keine Frau mehr lebt.
Im bläulichen Flimmern der Glotze schlafen sie auf dem Sofa ein.
Am nächsten Mittag geht es zum Lottoladen. Ne Runde rubbeln.
Danach zu Uschi.

Töle und ich nehmen nach einem langen Spaziergang durch den Tiergarten noch irgendwo ein kühles Getränk zu uns.
Sie trinkt Wasser, ich eine Schorle.
Spät kehren wir heim. Auf direktem Wege, denn inzwischen ist es ruhig geworden auf den Straßen.
Die gelbe U-Bahn schlängelt sich über den Viadukt, ihr Rattern steigt in den nachtblauen Himmel, und vermischt sich mit dem Duft der Linden.
Gleich sind wir Zuhause.

Call Me Spießig

0.33l and 0.5l bottle of Mate

Hab ich schon mal erwähnt, wie ich es finde, dass mit zunehmendem touristischen Andrang hier auch immer mehr zertrümmerte Flaschen (Bier/ Wodka/ Club Mate) auf den Wegen, und vorzugsweise den Radwegen, rumliegen, weil jeder dahergelaufene Röhrenhosenträger mit Fusselbärtchen glaubt, dass es irgendwie Berlin-Style wäre alles zu Boden zu fallen lassen, was man nicht mehr gebrauchen kann?
Isses aber nicht! Das ist einfach nur bad style und führt zu den kiez-weiten Aufklebern auf denen
Berlin doesn´t love you!
steht.
Interessiert keinen. Fühlen sich trotzdem alle sauwohl hier. Ich weiß.
Berghain, Party, Stumpfsinn.
Schön auch, dass die umsichtige Berliner Stadtreinigung (BSR) ihre Glascontainer vorzugsweise an Radwegen aufstellt. Zumindest hier in Kreuzberg. Macht ja nix, wenn die eine oder andere Flasche beim Einwerfen auf dem Boden landet und dort zerbirst.
Barfuß will man ja gar nicht durch die Stadt spazieren. Schon wegen der Hundescheiße nicht. Sind ja nicht auf dem Dorf. Aber ohne einen Platten nach Hause zu kommen, muss schon drin sein.
Kleinkinder sollte man besser immer an die Hand nehmen um zu verhindern, dass sie hinfallen und Scherben sich in die kleinen Hände und Kniee bohren.
Dass Töle sich nichts eintritt ist meine persönliche Hauptsorge.
Wenn ihr, werte Besucher der Stadt, vielleicht ein klitzekleines Bisschen auf euer Leergut acht geben würdet, und es eventuell netterweise irgendwo sicher abstellen könntet, wo die vielen Menschen, die mit Flaschenpfand ihr Hartz oder die kleine Rente aufstocken, es einsammeln können; wenn ihr darüber hinaus in eurer obligatorischen Feierstimmung noch ein wenig die Lautstärke runterpegeln würdet, damit die Einwohner, die noch Arbeit haben morgens aufstehen und den Tag bewältigen können, und wenn ihr zudem nicht ständig in großen Gruppen die Gehwege blockieren und saufenderweise die U-Bahn verstopfen würdet, dann würde Berlin euch wahrscheinlich mögen. Sofern Berlin in der Lage ist irgendwen zu mögen.
Eure Rollkoffer mit all den iGadgets möchte ich hier auch bitte nicht mehr rattern hören, wenn ich versuche in den Morgenstunden etwas Ruhe zu finden, ehe die BSR zu Sonderschichten ausfährt, um noch vor  6 h eure Scherben zu beseitigen.

Nichts für ungut, call me spießig.