Die leere Mitte

20140722_09410920140724_094356#120140725_085140Das tägliche Frühstück gerät zum Kampf.
Die, in einem Sieb, im sprudelnden Wasserbad, selbst zu kochenden Eier sind stets entwendet, wenn die Eieruhr am Tisch klingelt und ich zurück gehe ans Buffet, um sie ins Kältebad zu werfen. Seit ich einen Kugelschreiber bei mir habe, ist das Problem gelöst.
Ein anderes, nämlich das, des nicht anständig stocken wollenden Eiweisses, trotz einer Garzeit von 9 Minuten, werde ich nicht selbst beheben können. Die Gartemperatur scheint zu niedrig.
Gut wäre auch, ab und an Eiswürfel ins Abklingbecken zu geben, das durch die Vielzahl an Eiern, die im Laufe des Morgens dort hinein gegeben werden, keinen signifikanten Temperaturunterschied zum Kochbecken mehr aufzuweisen scheint. Das anschließende Schälen gestaltet sich entsprechend schwierig.

Langeweile tötet langsam.

Emil

Im Kurpark von Oberstdorf langweile ich mich. Das erste Mal seit Jahren. Die Zeit steht still zwischen den gemulchten Blumenrabatten, dem Freiluftschachbrett und der Holzmuschel, die die Musiker bei den Sommerkonzerten vor Sonne und Regen schützen soll. Bei den Großeltern in Kassel, bei der Großtante in Bad Arolsen sah es nicht anders aus. Aber das ist lange her.
Heute kommt der Milchkaffee aus einem Automaten, und die Kellnerin trägt Bienenkorbfriseur, Nietengürtel und Tattoo. Sie ist der einzige Mensch in diesem Nest, der versucht cool zu sein.
Für wen?
Der Park ist kleiner als ein Wohnblock. Die Insassen auf den Bänken tragen alle die gleiche Haarfarbe: weiß. Schuhe von Lowa und Funktionskleidung. Früher sahen alte Leute anders aus.
In Zukunft werden sie gepierct und tätowiert sein. Das Silikon wird ihre Knochen überdauern.
Auf der Ostseite des Parks steht ein schmales Segment der Berliner Mauer. Berliner Mauer steht darauf. Die runde Abschlusskappe ist mit dickem dunklen Moos bewachsen.
Ein paar Meter weiter wurde 1871 eine Friedenslinde gepflanzt. Auch sie ist beschildert.
When the minutes drag
Die Zeit vergeht einfach nicht. Weder beim Auf- und Abspazieren, noch beim Eiskaffeetrinken oder bei der überteuerten Brotzeit mit Allgäuer Bergkäse. Es ist sehr heiss.
Bei Edeka kaufe ich Fleisch für die Hunde. Die Pute kann mir die Frau hinter der Theke nicht klein schneiden. Das Rind hingegen schon.
In Berlin würde ich, je nach Stimmung, eine Erklärung fordern, oder das Gesicht verziehen.
Die Langeweile hat mich so im Schraubgriff, dass ich resigniert die Tüte entgegen nehme, mich freundlich bedanke und zur Kasse gehe. Dann schneide ich es halt mit dem Leatherman klein (eigentlich Viktorinox). Auch egal.
Das Kino mit Außenterrasse gegenüber hat geschlossen. Ich schaue durch die Scheiben. Der Kühlschrank steht offen. Hier wird nichts mehr gespielt.
Dafür gibt es Freiluftkino zwischen den Oberstdorfer Sprungschanzen. Tragikomödien.
Ich werde nichts tun, was städtisch anmutet. Gar nichts.
Wir laufen die Einkaufstraße hoch und runter. Spazierstöcke, Wanderbedarf, Käse, Schnaps, Tinnef, Eiscafés.
Am Ende kaufe ich ein paar Trachtenhampelmännchen aus Holz. Gefertigt vom Bildhauermeister Alois.
Irgend ein Kind wird sich schon finden, dem ich sie schenken kann.
Für 2 Euro gibt es Holzschnarren, mit denen man, durch schnelle Drehung aus dem Handgelenk, eine sehr harte und unangenehm laute Knallkaskade erzeugen kann.
Ohrenbetäubend trifft es.
Das Patenkind ist zu groß dafür, aber immerhin Fußballfan. Wir haben ja noch ein paar Tage. Kaufe ich vielleicht später.
Auch mal Tourist sein.
Am Bahnhof sehe ich den gleichen hageren Mann mit zerrupftem Vollbart, der dort gestern schon herumschlich. Er bewegt sich sehr vorsichtig, so als würden ihm alle Knochen wehtun. Ich nicke ihm zu. Er erkennt uns an den Hunden wieder. Seine hellen Augen lächeln müde zurück.
Obdachlos zwischen Ferienwohnungen, Pensionen, Bergen, Holzhäusern, Petunien und Geranien.
Nichtsesshaft im Allgäu.
Bei Drogeriemarkt Müller kaufe ich Soventol-Gel gegen die Allergie durch das hautberuhigende Après-Sun-Produkt, das wir am Vortag hier erworben haben.
Die Haut an den Armen juckt und brennt. Überhaupt fühle ich mich nicht besonders gut.
Die Klimaanlage im Mietwagen, hat mehr geschadet als genützt. Seit Tagen schon quäle ich mich mit Nebenhöhlen und Halsschmerzen herum. Jetzt zusätzlich noch steifer Nacken, Gliederschmerzen, fiebrige Augen. Schwach.
Im Wald, auf dem Rückweg geht es besser. Die Luft ist feucht und kühl. Neben uns fließt die Stillach. Zwei Kilometer weiter vereint sie sich mit Trettach und Breitach zur Iller. Viel später mündet die Iller dann in die wunderbare Donau, die schließlich im Schwarzen Meer aufgeht.
Ihr Wasser ist eiskalt. Erfrischend. Das weisse Kiesbett leuchtet freundlich in der Sonne. Vom Rand kann man flache Steine hineinwerfen und mit etwas Geschick springen lassen.
Auf der Südseite des Gebirgsflusses führt ein Radweg entlang.
Die Rücksichtslosigkeit der Radler steht derjenigen der Berliner Rowdies in nichts nach. Mit mahlendem Unterkiefer immer voll auf die Hunde drauf halten.
(Mann, sehen die scheiße aus mit ihren glänzenden engen Hosen, dem gelgepolsterten Arsch und den rasierten Waden. Kasper. Arme Schweine. Kacknazis. Nicht ärgern.)
Kurz vor unserer Unterkunft kommen wir wieder bei dem kleinen Esel vorbei, der in einem Vorgarten unter einem Sonnenschirm steht. Mit rostiger Stimme und aufgeworfenen weichen Lippen kräht er uns herbei und kommt langsam an den Zaun getrabt. Ich kraule seinen großen Kopf und schaue ihm dabei in die schönen schwarzfeuchten Augen mit den dunklen Wimpern. Er drückt sein Maul in meine Hand, seine Lippen befühlen meine Finger. Den hellen Zähnen nach zu urteilen ist er noch jung.
Dich box ich hier auch noch raus, denke ich. Morgen komm ich wieder und ehe du in Naturdarm verpackt über den Tresen gehst, kaufe ich dich frei und bringe dich nach Brandenburg in einen Offenstall.
Das versteht er.
Ich mag Esel.
Mein erstes Plüschtier, nach dem Teddy, den der diensthabende Arzt der Frauenklinik mir zur Geburt geschenkt hatte, war auch ein Esel. Er liegt im Schrank und riecht nach Staub.
Einen Namen habe ich ihm nie gegeben.
Diesen hier nenne ich Emil.