Gischt und Uniform

English: El Malecon, Havana Deutsch: Malecon, ...

Malecon, Havanna (Photo credit: Wikipedia)

Im gleißenden Sonnenlicht liegt die Necrópolis Cristóbal Colón vor uns. Eine Stadt aus weißem Marmor.
Zwei Millionen Menschen sind hier begraben. So viele, wie die Einwohnerzahl von La Habana. Die Pracht und Vielfalt der Mausoleen, Skulpturen und Büsten aus verschiedenen Epochen ist beeindruckend.
Neogotik, Neobarock, Art Deco, Eklektizismus.
Struppige Hunde mit roten Augen dösen auf den schweren Marmorplatten, die die Familiengruften abdecken.
Inselhunde, die ihre Gene immer im Kreis herum reichen. Sie ähneln sich zum Verwechseln.
An manchen Gräbern stehen, trotz des Verbotes, Schnittblumen in einer Vase. Malariagefahr.
Ein Mann nähert sich auf einem der Seitenwege, bleibt an dem Grabstein neben uns stehen und benutzt den Metallring, der in die Platte eingelassen ist, wie einen Türklopfer. In der Hocke sitzend spricht er zu seinen Verstorbenen.
Auf dem nächstgelegenen Hauptweg schaukelt ein blauer Straßenkreuzer aus den 50er Jahren im Schritttempo vorbei.
Abel erzählt uns von seiner Stadt, von den Familien, den Revolutionären und Helden, den Kolonialherren und dem Embargo.
Auf dem Rückweg Richtung Capitol schlängeln wir uns auf Seitenwegen durch die zerfallende Altstadt, die pastellfarbene Schönheit. An den größeren Straßenkreuzungen stehen Soldaten in olivgrüner Canvasuniform, mit Patronengürtel, Castro-Kappe und Schnellfeuerwaffe auf einem umzäunten Holzpodest. Mit laut knatterndem und rückkoppelndem Funk kündigen sie dem nächsten Kontrollposten unsere Ankunft an und mustern uns ernst, als wir vorbei gehen. Die Drohgebärde ist lächerlich, aber ihre Dienstkleidung steht ihnen gut.
Unweit unseres Hotels, kommen wir an einem der großen Plattenbauten vorbei, vor dem eine Gruppe schwarzgekleideter Männer wartet. Nahe bei haben zwei größere Einheiten Soldaten Stellung bezogen, dieses Mal mit rotem Barett und locker gebundenem Gürtel auf schmalen Hüften. Eine Militärkapelle hat sich vor und hinter einer offenen Kutsche aufgestellt, die mit einer kubanischen Fahne ausgeschlagen ist.
Abel geht zu einem der Männer, die in Anzug und mit Funkgerät  herum stehen und die Lage im Blick behalten. Als er zurück kommt, erzählt er uns, dass ein hochrangiger Militär gestorben sei, und man seinen Sarg nun zur Necrópolis geleiten werde. Kurz darauf öffnen zwei Männer die Eingangstür des Hauses. Sechs hoch gewachsene Soldaten schreiten, einen dunklen Holzsarg geschultert, im Stechschritt ins Freie. Mit ernster Miene tragen sie den Sarg die zwölf steilen Eingangstufen hinunter, und stellen ihn auf der Kutsche ab, wo er mit einer zusammen gefalteten Fahne geschmückt wird. Die Militärkapelle stimmt einen heiteren Marsch an, der Zug setzt sich in Bewegung und ein Soldat mit Querflöte schreitet allen voran. Ich denke an Vineyard von Thomas Pynchon. Schon andere sind diesem Charme erlegen. Anton weiß Bescheid, er stößt mich an, und zusammen folgen wir dem Zug mit angemessenem Abstand.
Abel begreift, legt seinem Arm um meine Schulter, massiert mein Ohrläppchen, rollt die Krempe des Ohres zwischen Daumen und Zeigefinger auf, und zieht sie sachte nach außen. So laufen wir eine Weile, ich wie betäubt von seinem Griff, bis er vorschlägt ins Hotel zu gehen.
Es ist später Nachmittag. Bis zum Abendessen ist noch genügend Zeit. Ich werfe einen letzten Blick auf den Trauerzug und reisse mich los, Zu Dritt kehren wir um und gehen Richtung Malecón, wo die Gischt weit über die Ufermauern bis auf die Straße spritzt. Durchnässt und fröstelnd, erreichen wir das Mélia Cohiba, betreten die Haupthalle und gehen zum Aufzug, als von allen Seiten Männer in Anzügen auf uns zukommen und Abel bitten das Hotel zu verlassen.

Hotel Melia Cohiba

Hotel Melia Cohiba (Photo credit: Phil Guest)

Niemand sagt es, jeder weiss es: der Kontakt zwischen Einheimischen und Touristen ist nicht erwünscht. Es kommt zu einer Diskussion zwischen dem Hotelmanager und mir, der uns nach längerem Hin und Her gestattet zusammen hinauf zu fahren. Genau 30 Minuten gibt er uns.
Als wir im fünfzehnten Stock ankommen, stehen bereits zwei Soldaten vor meiner Tür. Jeder hält ein Gewehr mit beiden Händen quer  vor der Brust. Sie treten zur Seite und lassen uns ein.
Uns bleiben noch 27 Minuten.

Chan Chan. Kubanische Früchte.

English: Wolga GAZ 24 Taxi Deutsch: Wolga GAZ ...

Wolga GAZ 24 Taxi (Photo credit: Wikipedia)

Mit einem alten GAZ 24 holt der Fahrer uns vom Hotel ab. Den Wagen, ein inoffizielles Taxi, hat uns Abel vermittelt. Gemeinsam mit ihm wollen wir in die Provinz Cienfuegos auf der anderen, der karibischen, Seite der Insel reisen. Der Fahrer ist ein bärtiger Mann Ende Vierzig, mit dunklen Augen und einem strengen Blick. Er weist mir den Platz auf der Beifahrerseite zu, die anderen drei steigen hinten ein. Es gibt keine Sicherheitsgurte. Ich bitte Anton um seine Jeansjacke, die er von hinten um den Sitz schlingt und deren Ärmel ich vorne über meinem Becken zusammen knöpfe. Vor meinem inneren Auge sehe ich uns in einen Unfall auf staubiger Piste verwickelt. Der Wolga knallt gegen ein Hindernis, kurze Stille, dann steige ich unversehrt aus, die Jacke mit einer Hand lässig über die Schulter geworfen. Unbeeindruckt laufe ich Richtung Horizont.
Originals stand the test of time
Wir fahren den Malecón entlang, an der Tankstelle vorbei, wo wir Abends biertrinkend sitzen und der Musik der staatlich geprüften und zugelassenen Straßenmusiker lauschen.
Hasta siempre Comandante Che Guevara
Aus La Havana heraus. Am Straßenrand lacht der bewaffnete Revolutionär über den zähnefletschend auf dem Festland stehenden Uncle Sam, der hilflos mit den Armen droht.
Señores imperialistas ¡No les tenemos absolutamente ningún miedo!
Bald nehmen wir die Autopista Richtung Südwesten, die breit, schwarz und eben vor uns liegt, und einen merkwürdigen Kontrast bildet zu den maroden Straßen der Hauptstadt.
Der Wolga tuckert langsam über die Teerspur, der gleißenden Sonne entgegen.
Links und rechts immer wieder Zuckerrohr- und Obstplantagen.
Ab und zu brummt ein großer Pickup an uns vorbei. Dicht gedrängt stehen braun gebrannte Arbeiter in leuchtend weißen Trägerhemden auf der Ladefläche. Einmal müssen wir bremsen. Die Jacke hält. Von dem Lastwagen vor uns sind Früchte herunter gefallen. Einige zerplatzen auf dem Boden, ihr Fleisch ist leuchtend orange. „Papayas!“, rufe ich, und Abel lacht. „Fruta bomba,“ korrigiert er mich und der Fahrer wirft ihm einen merkwürdigen Blick durch den Rückspiegel zu.
In der Ferne sehe ich große Vögel am Himmel kreisen. Bald erreichen wir den Punkt, über dem sie fliegen und die letzten hüpfen zur Seite, als das Motorengeräusch zu nah kommt. Auf dem Mittelstreifen liegt ein fast vollständig skelettiertes Pferd mit gewaltigen Rippenbögen. Nur der Kopf ist noch intakt, und vom rotbraunen Fell glänzend bespannt

Birds came to feeding papaya fruit. (, , , , a...

(Photo credit: Wikipedia)

Überall ist Sterben

Als wir den kleinen Ort erreichen, müssen wir nicht lange suchen. Sofort kommen die Menschen aus ihren Holzhütten gelaufen und weisen uns den Weg.
Im Gepäck haben wir Fotos, Briefe und Geld, die uns Isidro für seine Familie mitgegeben hat, außerdem noch eine Flasche Rotwein aus dem Dollarshop. Für Pesos ist so etwas hier nicht zu haben.
Wir werden von der Familie mit der gleichen Ernsthaftigkeit und misstrauischen Zurückhaltung empfangen, wie ich sie schon mehrmals auf der Insel erlebt habe.
Zu Fünft wohnen sie in einem schlichten Raum, dessen Wände in blassem Türkis getüncht sind.
Gegenüber der Tür steht eine Heiligenfigur, davor ein paar Kerzen.
Niemand weiß, wie man eine Weinflasche öffnet, und die fünfzehnjährige Tochter läuft durch die kleine Siedlung um einen Korkenzieher zu besorgen. Am Ende behelfen wir uns mit anderem Werkzeug, und jeder bekommt einen Finger breit vom Barbera in sein Glas, das sie zuvor, hinter dem Vorhang, der den Raum von der Küche trennt, mit Petroleum ausgespült haben. Keinem schmeckt was er trinkt. Eine Flasche Rum wäre das bessere Geschenk gewesen. Das Gespräch will nicht richtig in Gang kommen. Der Fahrer steht draußen und raucht.
Ein großes Bananenblatt ragt durch das Fenster in den Wohnraum, der Baum trägt grüne Früchte.
Maribel, die Fünfzehnjährige steht in himmelblauen Frottée-Hotpants, mit bauchfreiem Top, prallem Bauch, kleinen Brüsten  und aufreizender Pose im Türrahmen und blickt zu Anton. Ein Bein angewinkelt, den Fuß an die Wand gestellt.
Sie ist eine Quinceañera, sagt ihre Mutter und schaut nun ebenfalls zu Anton herüber, der höflich lächelt. Der Großvater nickt. Sie ist ein gutes Mädchen. Anton nickt auch und bittet mich auf deutsch, so zu tun, als ob wir ein Paar wären. „Klar,“ sage ich, und streiche eine Haarsträhne aus seinem Gesicht. Er nimmt meine Hand und verschränkt seine Finger darin.
Maribel wirft ihrer Mutter einen Blick zu. Sie sieht ihre Möglichkeiten schwinden, wie ihr Bruder die Insel zu verlassen, und fragt Anton mit dem letzten Mut, ob sie ihm das Dorf zeigen dürfe. Ich lasse seine Hand los, er küsst mich flüchtig auf den Mund, und die beiden verschwinden zusammen. Ich fange an mir Sorgen zu machen und frage mich, ob sie später behaupten wird, er sei ihr zu nahe getreten. Hoffentlich gibt es keinen Ärger.
Nach kurzer Zeit kommen sie zurück. Beide irgendwie zerknirscht. Ich mahne zum Aufbruch. Mir ist schlecht, und wir wollten in der Stadt Cienfuegos noch etwas essen. Der Abschied gerät irgendwie traurig und unbeholfen. Für Isidro sollen wir Briefe und Rum mitnehmen. Über seinen Freund fällt kein Wort, aber die Scham über seine Lebensweise steht im Raum.
Der Fahrer bringt uns zu einem einfachen Lokal. Wir laden ihn und Abel zum Essen ein.
Schnell geht die Sonne unter, wir müssen zurück fahren.
Es ist sehr dunkel. In der Nacht benutzen auch Pferdekutschen die Autobahn, und ab und zu glimmt das Lichtlein einer Petroleum-Laterne auf, die als Leuchte hinten angehängt wurde.
Ich frage mich, ob das Pferd auf diese Weise zu Tode kam.
Abel schlingt unerwartet seine Arme von hinten um die Lehne und umfasst meine Taille. Seinen Kopf legt er auf die Rückenlehne und riecht an meinem Haar.
„Papaya“ flüstert er in mein Ohr, und zieht meinen Rock hoch.
Der Fahrer räuspert sich laut.
Schweigend fahren wir durch die Dunkelheit.

Musik zum Text (vor allem wegen des Videos mit schönen Aufnahmen aus La Habana):