medium rare

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Der Kanzler fährt mit den beiden Frauen und dem Jungen in den Süden. Sie will sich verabschieden. Vom Meer, vom Sand, vom Horizont. Dem Kind eine Erinnerung schaffen.

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Oben auf der Markise baut die Amsel ihr Nest. Die Katzen schauen zu, schmal ihre Pupillen, wie Todesschlitze.
Darwin-Award, sagt der Eine schulterzuckend, wer so dumm ist wird eben keine Nachkommen haben. Natürliche Auslese.

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Hinter dem Bethanien, neben einem Mülleimer, liegen die abgenagten Wirbelsäulen zweier großer Tiere inmitten der Habseligkeiten eines Sandlers, wie ihn die Doktorandin nennt. Wenige Schritte entfernt lebt eine Gruppe osteuropäischer Menschen, vorwiegend Männer, unter einem Treppenabsatz. Ihr Quartier haben sie mit Planen vor den Blicken und dem eiskalten Wind abgeschirmt. Ab und an hört man sie zetern, hinter Brettern und Plastikwänden. Nachts, wenn der Mariannenplatz leer ist, finden sie sich in dem kleinen Rondell zusammen und trinken auf ihre Freundschaft und auf die Zukunft, den fernen Planeten.

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Frühling. Der erste zarte Schimmer zeigt sich an den kahlen Ästen, die Farben kehren zurück.
Der Hund trägt bereits seine Sommerfrisur. Leichtfüßig tänzelt er durch den Park, die Nase im Wind, ein freundliches Schwanzwedeln hier und da. Auch Hunde pflegen nachbarschaftliche Beziehungen.

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In den Cafés halten die Flaneure blinzelnd ihre Winterblässe in die Sonne. Ein auffälliger Bartschwund hat stattgefunden in den Monaten der Häuslichkeit, ansonsten immer noch tiefsitzende Röhrenhosen und ausgemergelte Gesichter mit sparsamer Mimik.

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In letzter Zeit, ein aufmerksamer Kommentator bemerkte es bereits, frage ich mich immer häufiger, ob ich noch schreiben soll. Alles scheint gesagt. Leben und Tod und Teufel und Universum. Und Liebe natürlich. Variationen hier und da. Befindlichkeiten, Geplapper. Sinnlos und laut. Alle reden viel zuviel und sagen viel zuwenig, ohne Pause, ohne Verstand und ich mittenmang.
Fellpflege nennt das der Kanzler. Gegenseitiges verbales Lausen. Plaudern, über das Wetter reden, zusammen sitzen in der vertrauten Geborgenheit der Herde.

Verzweiflung, nenne ich es. Labern gegen das Vergehen und gegen die Hoffnungslosigkeit.
Gefühlsverkatert bin ich. Es gab derer zuviele in den letzten Monaten. Nicht das kleine Einmaleins, sondern das Große. Tausend mal tausend. Die riesigen Themen, das, was die Welt zusammenhält oder auseinanderfallen lässt, zumindest die meine.
Mit Hochdruck arbeite ich an meiner Gesottenheit. Inzwischen liegt sie bei medium rare.
Es tut weh, wenn sich das Fleisch von den Knochen löst.

(Wer schreibt der atmet)

 

 

 

 

 

Bild: Kenneth Parker, Family
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

In another land

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Menschenströme, die sich durch Straßen wälzen und über Plätze schieben. Material für den Lauf der Zeit, für die Geschichte, die sie hervorgebracht hat. Soldaten. Ohne Bedeutung der Einzelne. Erfüllungsgehilfen (im Schraubgriff von Versprechen und Drohung).

Irgend jemand muss diese Kriege führen, den Regenwald abholzen und das Grundwasser vergiften.

Wir haben nicht gemerkt, als es geschah, wir wussten nicht, dass sich unter unseren Füßen und mit jedem unsere Atemzüge etwas wandelte und vollzog. Beinahe wie im Traum gingen wir über eine unsichtbare Grenze, ohne es zu wollen und ohne es zu wissen.
Nur langsam verstehen wir, dass sich etwas geändert hat, etwas eingeläutet wurde. Die Glocken der Geschichte, des Weltenlaufs. Auf der Schwelle zu einer anderen Zeit.
Die neuen Menschen sind schon da.
Welches Tor wird sich vor ihnen auftun und welche Wege werden sich ihnen zeigen?

We heard the trumpets blow and the sky
Turned red when I accidently said
That I didn’t know how I came to be here

Kann ich aus der Mitte einer Menschenmenge heraus fühlen wie groß sie ist?
Ob es eine Millionen Menschen sind oder sogar zwei oder mehr?
Macht es einen Unterschied für das Jetzt, ob wir noch 20 oder 50 Lebensjahre vor uns haben? Ist das nicht ganz gleich, wo wir noch nicht einmal wissen können, ob wir schon am Abgrund stehen oder nicht? Und stehen wir nicht immer auf der Klippe, weil unser Leben uns in jedem Moment wegbrechen kann, ganz ohne Vorwarnung?

Ist der Herbst denn nicht schön trotz und gerade wegen seiner Nachbarschaft zum Winter?

Die Ereignisse, die folgen werden, legen bereits ihre Schatten auf das Heute.
Ein ahnungsvolles, dunkles Raunen, das uns schaudern lässt, in ehrfürchtiger Erwartung.

Durchscheinend und zart ist die pergamentene Haut betagter Menschen. Ein Bald, (oder ein Noch?), das über allem schwebt und es so unendlich kostbar schimmern lässt. Ein Opal, so schön.
Der Vater, den ich so oft wie möglich sehen möchte. Auf Vorrat für den Rest des Lebens ohne ihn, für das Irgendwann (und mich streite mit ihm, weil ich es nicht ertrage, dass er nicht bleiben kann).

Kann denn nur der Sommer uns in Sicherheit wiegen und ist es am Ende Sicherheit und gar nicht Schönheit wonach wir suchen? Und sind Schönheit und Sicherheit nicht ganz und gar unvereinbar miteinander?
Sind im Gegenteil Unsicherheit und Vergänglichkeit nicht sogar die Grundvoraussetzung für Schönheit, und wird Schönheit durch die Wunden, die sie reisst, nicht zu etwas ganz und gar Schrecklichem und Furchteinflößendem, vor dem wir fliehen sollten?
Aber verlieren wir dann nicht unsere Freude und unser Leben?

(is there any any, is there none such, nowhere known some)

Werde ich mein Kind noch aufwachsen sehen, fragt G. die Oberärztin und diese fängt an zu weinen.

Es ist eine traurige Welt, in der wir leben. Eine Welt des Abschieds, des morgenroten Untergangs.
Eine Welt von unantastbarer, grausamer, gleichgültiger Schönheit.

 

 

Bild: Sascha Kohlmann, cc-Lizenz. appropriate attribution, https://www.flickr.com/photos/skohlmann/8843395517/in/photostream/

 

 

 

 

 

 

Lila Heimat

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Street Art Petersburg  (Photo credit: liborius)

Nach zwei schönen, spätsommerlichen Tagen in Lübeck, sitzen wir am Samstag Morgen beim Lila (Heimat)Bäcker (ich muss aufhören, immer einen Sinn in allem, selbst den dümmsten Firmennamen, zu suchen), der seinen Verkaufsstand in der, unweit des Hotel gelegenen, Netto– Filiale hat. Es ist sieben Uhr. Eine freundlich verhangene Sonne bescheint die Stadt.
Vor mir, auf dem weißen Kunststofftisch, steht mein Kaffee, daneben liegt der Einkauf für die Rückfahrt.
Die Goldschmiedin trinkt Espresso. Wir beraten, welche Route wir nach Berlin nehmen werden um nicht wieder bei Schwerin im Stau zu stehen. Vom Stehtisch hinter uns spricht uns ein Mann an.
Darf ich mich zu Ihnen setzen, fragt er, und fügt erklärend, ich kann nicht mehr so lange stehen, hinzu.
Er ist etwa fünfzig, gedrungen und fast haarlos. Seine Oberlider hängen schwer über den rot-geäderten Augen. Der Teint ist fahl. Die nach außen gebogenen Beine stecken in kurzen Hosen, die Waden sind knotig von tiefliegenden Krampfadern. Er trägt Sandalen mit Strümpfen.
Ja, sicher, sage ich, und schaue kurz zur Goldschmiedin. Unsere Blicke treffen sich.
Der Mann stellt seine Kaffeetasse und den Teller mit dem Mettbrötchen auf den Tisch und nimmt neben uns Platz. Kaum sitzt er, fängt er, wie nicht anders erwartet, an zu quatschen: Ihm tun die Beine weh, er will auf gar keinen Fall stören, aber stehen kann er auch nicht mehr. Leider. Nur sein Mettbrötchen will er schnell essen und eben seinen Kaffee trinken. Wir nicken stumm und versuchen ein Lächeln. Dann ruft er plötzlich mit der rauhen Stimme des Alkoholikers in die Nettofiliale hinein.
-Helga! Komm doch hierher mein Schatz!, zu uns gewandt: Kann meine Frau sich zu mir setzen?
-Ja, klar.

Helga kommt mit breitem Dämmergrinsen und halbgeschlossenen Augen an den Tisch. Sie ist klein und schlank und ohne Körperspannung. Der Hals ist, wie bei einem Huhn, nach vorne gestreckt, auf ihm sitzt ein kleiner Kopf, dessen fettiges, zu einem Zopf gebundenes Haar die Kopfhaut kaum bedeckt.
Zu einer Jogginghose trägt sie Sandalen und eine helle Fleecejacke. Ihre Brillengläser sind verschmiert. Augenblicklich habe ich den Geruch von altem Schweiß und Talg in der Nase. Hoffentlich öffnet sie nicht ihre Jacke.
-Ich lad dich zum Frühstück ein,
sagt der Mann in gereiztem Ton und die Frau grinst unbeteiligt in die Gegend.
Unser Gespräch ist verstummt, die Goldschmiedin dreht sich eine Zigarette und geht raus. Als ich mit den beiden alleine bin, legt er richtig los.

-Du sagst ja gar nix, spricht er mich an.
-Ich bin noch zu müde.
-Sie redet auch nicht, er zeigt auf seine Frau, die mit großen Kaubewegungen ihr Mettbrötchen zerkleinert.
-Sie isst doch, da kann sie schlecht reden, antworte ich.
-Ich bin schon seit zwei auf den Beinen, und du? duzt er mich weiter.

Ich blicke auf die Straße. Wie lange dauert eine Zigarette? Mein Kaffee ist noch halbvoll, und draußen ist es sehr frisch. Ich möchte mich nicht vertreiben lassen und stattdessen an der Bushaltestelle im Qualm stehen.
-Seit sechs. Was haben Sie denn schon gemacht, heute?
-Na, alles mögliche. Katzenfutter gekauft und so.
-Wo kann man denn so früh Futter kaufen?
-Das habe ich eben hier gekauft.
-Ach so.
-Ich bin Frührentner.
-Aha.
Jetzt mischt sich seine Frau ein. Sie hat braune Zähne, zwischen denen Mettstückchen hängen.
-Krebs, er hat Krebs, sagt sie, noch immer grinsend, und schaut dabei zu mir, ohne mich anzublicken. Ich zucke zusammen.
-Das muss nicht jeder wissen, unterbricht er sie. Sie schaut teilnahmslos weg und mahlt weiter auf ihrem Frühstück herum.
Wollen wir was spielen? fragt er mich jetzt.
-Ähm, nein. Tut mir leid. Ich bin zu müde, ich möchte jetzt lieber nicht spielen. Vor Überraschung stottere ich. Von draußen trifft mich ein mitleidiger Blick. Wie lange so eine Selbstgedrehte brennt.
-Wann bist du wieder hier? möchte er wissen.
-Wir reisen heute ab, antworte ich, und freue mich insgeheim darüber.
-Schade, sonst hätten wir Doke spielen können.
-Das wird leider nix. Wir sind gleich weg.
-Schade, sonst hätten wir Doke spielen können, wiederholt er.
-Doke? Nie gehört.
Jetzt meldet sich seine Frau zu Wort.
-Er will D-o-o-f-e spielen, erklärt sie, und ich bin erstaunt, dass sie überhaupt etwas mitbekommen hat.
-So
. Sie zeigt es mir, indem sie ihre Arme hochreisst, und dabei aussieht, wie die jubelnde Angela Merkel, wenn sie sich für die deutsche Fußballmannschaft freut.
Mit randvollem Mund ruft sie: Hurra, wir leben noch! So geht das Spiel! Offensichtlich hat sie Spaß.
Verlegen starre ich sie an. Mir ist schlecht von dem Anblick des Mettmatsches in ihrem Mund. Mir ist übel von dem fühllosen Er-hat-Krebs. Mir ist elend von dem Elend, von ihrer Verwahrlosung, der Selbstaufgabe. Bestimmt stinkt die ganze Wohnung nach Katzenpisse und Spirituosen, die Fenster werden nie geöffnet, das Sofa ist voller Flecken, und die beiden rauchen und trinken und urinieren Tag und Nacht.
Ich weiß nicht warum ich in solchen Momenten immer an die Eltern der jeweiligen tragischen Figuren denken muss.
Wie empfinden sie zu dem, was aus ihren Kindern geworden ist. Leben sie noch, oder haben sie sich selbst ins Grab gesoffen? Wie kann aus einem taufrischen, zarten Säugling ein solches Wrack werden? Was ist da passiert und warum hat es nicht aufgehört?
Die Zigarette ist geraucht. Ein verständiger Blick. Endlich weg hier. Ich verabschiede mich, schnappe die Tüte mit dem Gebäck, und wir verlassen den Lila Heimatbäcker. Hinter uns schließt sich die Automatiktür. Schweigend gehen wir ein paar Meter.
Als wir um die Ecke biegen, sehe ich ein halbleeres Hefeglas, auf einer steinernen Beeteinfassung stehen. Der Anblick des trübe ausflockenden Getränkes erinnert mich an den Morgenurin Nierenkranker. Auch die Farbe kommt hin.
Das ist bestimmt von dem Idioten, denke ich, und wundere mich, dass ich so wütend bin.
Zusammen holen wir die Hunde und gehen noch eine Runde spazieren, ehe wir ins Auto steigen und nach Hause fahren.