pastel de nata

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Die Kindergärtnerin muss Dienst haben, denn nebenan singen sie Bruder Jakob. Ist ihr Mann dran sind´s die Drei Chinesen. Ein Lied, das die Koreanerin nicht mag, weil die anderen Kinder sie anstarrten, wenn es gesungen wurde.

Ich beobachte einen Jungen dabei, wie er dem Gruppenaußenseiter die Mütze vom Kopf reisst, ihm in die Augen schaut und die Mütze in den nassen Dreck wirft. Erschreckend sein harter, verächtlicher Blick. Die Erzieher bekommen nichts mit davon.
Paradoxe Interventionsfantasie: den Übeltäter bei den Armen packen, zwei-, drei Mal im Kreis herum wirbeln, dabei fröhlich Huuuiiii! rufen und nach dem Absetzen des Tunichtguts ungerührt ins Haus zurück spazieren.
Manchmal fällt es schwer die Füße still zu halten.

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Ein sturzbetrunkener Mittdreißiger fliegt aus einem Club, geht wutentbrannt zum nächstgelegenen Taxistand und trommelt mit den Fäusten auf einen der dort wartenden Wagen ein. Es gelingt dem Fahrer nicht, den Tobenden zu stoppen und so tippt er mit der Stoßstange leicht gegen dessen Beine. Der Randalierer fällt um, knallt auf den Kopf, steht wieder auf und hämmert weiter. Das Ganze wiederholt sich einige Male – trommeln, umfahren, aufstehen, weitermachen – bis der Fahrer endgültig die Beherrschung verliert und den Betrunkenen kurzerhand überrollt. Mit schweren Kopfverletzungen und gebrochener Hüfte kommt der Randalierer in die Klinik.

F: Wo geschehen?
A: In Kreuzberg süd-ost.

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Die neue Katze bevorzugt Futtersorten mit schlimmen Namen.
My star is a foodie, Schmusy und miamor. Zum Beispiel.
Ich kaufe das Futter inzwischen nur noch online – ohne Zeugen, ohne Schmach – und räume es klammheimlich und scheuklappenbewehrt in die entlegensten Schränke in den hintersten Winkeln der Wohnung. Den Müll trage ich des Nächtens nach draußen, nachdem ich die Umverpackungen bis zur Unkenntlichkeit zerstückelt habe.

Der Paketbote jammert jedes Mal, wenn er die schweren Futterkartons in meine Wohnung schleppt. Ich entschädige ihn mit 5 Euro, der Hälfte der Ersparnis des Online-Einkaufes. Win/win.

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Der Hund ist schlagartig wieder so krank, dass er vor die Tür getragen werden muss. Sie kann kaum stehen, ist verwirrt und zittert am ganzen Körper. In der Tierlinik tippt man auf eine zusätzliche neuromuskuläre Erkrankung. Myasthenia gravis vielleicht.
Ruhe, Ruhe, Ruhe.
Erst der Hirntumor, jetzt das. Ich mache mir große Sorgen.
Hoffentlich ist das nicht der Anfang vom Ende.

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Nach 5 Tagen Krankheit ist immerhin der Bekannte von seinem Lager aufergestanden. Nicht mal die Zigaretten schmeckten ihm noch und besorgniserregend grau war er im Gesicht. Der Dauerhusten hat uns beiden schlaflose Nächte, ihm Muskelkater und beinahe einen Sixpack-Bauch beschert.
Die intensive räumliche Nähe war sehr schön. Entgegen der gewohnten Askese gab´s täglich Kuchen. Der Bekannte ist Katholik und damit von Haus aus viel sinnesfreudiger als wir selbstgeißelnden, entsagungsversessenen Protestanten. Leider vergisst er das oft und ich muss ihn erst wieder daran erinnern. Heute werde ich seinem Gedächtnis mit pastel de nata, gekauft beim fabelhaften  Double Eye in Schöneberg, auf die Sprünge helfen.

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Die totgesagte Sonne scheint in den Garten. Zeternd sitzen die Spatzen im Bambus und lassen sich vom Wind hin und her schaukeln. Die Kohlmeise wetzt den Schnabel am Ginkgo, pickt rasch ein Körnchen und fliegt davon.
Tölchen liegt unter meinen Stuhl und fiept kaum hörbar.
Wir leben.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: di.fe88, flickr, Spiegelung
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Mutter

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Wenn ich etwas Gutes über meine Mutter sagen sollte, dann wäre es dies:

sobald ich krank war, was selten vorkam, war sie zur Stelle und für mich da.
Lag ich fiebernd in meinem Bett unter der Dachschräge, bedeckte sie mich mit einem warmen Daunenduvet, das sie über und über mit ihrem edlen Lieblingsparfum besprüht hatte. Neben mir stapelte sie turmhoch Bücher und Comics, dazu Packungen flaumweicher Kleenextücher, wie sie sie sonst nur zum Abschminken benutzte, und die ich bis heute mit dem Abdruck ihres kleinen rosarot oder pink angemalten Mundes und den Flecken ihrer schwarzen Wimperntusche in Verbindung bringe.
Damit ich mich bemerkbar machen konnte, wenn ich zwischen zwei Schlafphasen wach wurde, stellte sie die kleine Messingglocke neben mein Bett, mit der sie uns, als wir noch klein waren, an Weihnachten zur Bescherung gerufen hatte. Sie reichte mir warme Waschlappen mit duftender Seife, mit denen ich mich reinigen konnte, schüttelte mein Bett auf, sorgte für Frischluft, brachte mir Tee und Apfelstückchen oder eine geschälte Orange, machte Wadenwickel, achtete darauf, dass ich meine Medikamente nahm und einmal, als das Fieber, trotz aller Maßnahmen, weiter und immer weiter stieg und mit ihm mein Blutdruck und ich schließlich starkes Nasenbluten bekam, welches sich nur durch eine Tamponade stillen ließ, legte meine Mutter eine Matratze in mein Zimmer und wachte die Nacht über neben meinem Bett. Das war einer der wenigen Momente in meinem Leben in denen ich mich rundum geborgen fühlte. So sehr, dass es mir gar nichts mehr ausmachte krank zu sein.
Doch trotz aller Anstrengungen und ihres Wissens als examinierte Krankenschwester, verschlechterte sich mein Zustand und mein Onkel, der Pfarrer, wurde gerufen. Der große Mann setzte sich auf meine Bettkante, legte seine schwere Hand auf meine heisse Stirn und sprach zu mir, die ich bereits phantasierte und eingehüllt war in purpurrote Nebelfelder, über das Leben, über Jesus und über den Tod. Hinter ihm nahm ich verschwommen meine Mutter wahr. Mit vor der Brust verschränkten Armen stand sie da, hielt sich an sich selbst fest und ich glaubte, sie weinen zu sehen. Da wusste ich, dass sie mich doch gerne hatte und schloss die Augen.
Bald darauf holte mich der Krankenwagen ab.

Nur ein einziges Mal noch in meinem Leben, habe ich mich ihr wieder so verbunden gefühlt, wie an diesem Tag. Das war kurz nach ihrem Tod.

Dieser Text entstand unter dem Eindruck dieses Textes von Andreas Glumm: Mutter

Bild: Luca Rossato, until the end, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Vierhändig

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Ich weiß nicht, wie ich auf das `Lied´ gekommen bin. Warum ich genau dieses und kein anderes sang. Ich habe mir nichts dabei gedacht, da bin ich sicher. Wahrscheinlich hätte ich, wenn ich nur kurz inne gehalten hätte, das, was dann geschah, verhindern oder zumindest aufschieben und in seinen Konsequenzen abmildern können. Ich hatte keine Ahnung, wie sehr ich sie damit provozierte und wie aufgeladen die Stimmung bereits war. Vielleicht hatte sie gespürt, wie ich sie betrachtet hatte, als sie dalag am Pool, mit der dicken Hornhaut an den Fußsohlen und den großen Brüsten, die formlos in ihren Achseln klemmten, und ihrem Bauch, mit den silbernen Streifen. Vielleicht hatten meine Blicke, mit denen ich ihren Körper wog und seine Unzulänglichkeiten entblößte, sie gekränkt. Doch wahrscheinlich brauchte es das gar nicht und es reichte meine Anwesenheit und die Tatsache, dass sie und ich gemeinsam an diesen verlassenen Ort geschickt worden waren, mein Vater ihr diese Pflicht auferlegt hatte zu beweisen wie falsch er lag. Wir hatten das beide nicht gewollt, da bin ich sicher, doch wir konnten den Erwartungen, dem Anspruch an uns selbst und an die Tragfähigkeit unserer Beziehung, die fürsorgliche Mutter, die kranke Tochter, nichts entgegen halten. Wir mussten auch diesen Weg miteinander gehen um das was uns trennte ins Unauflösbare zu zementieren. Verbunden durch eine Fessel, die umso tiefer ins Fleisch schnitt, je mehr wir uns voneinander zu entfernen versuchten.

Gab es etwas in mir, das sie herausfordern wollte, das Freude an der Provokation hatte oder zumindest Genugtuung darin fand, im ganz eigentlichen Sinne, oder war ich wirklich so arglos und dumm, als ich aus der menschenleeren dunklen Lobby heraustrat, noch ganz verzückt von meinem eigenen Spiegelbild, von der Freundlichkeit, die es mir entgegen gebracht hatte, von meiner Schönheit, von der ich wusste, wie außergewöhnlich sie war, es wusste, aber nicht fühlte, und von der ich immer wieder überrascht war, wenn ich mich erblickte, anders als erwartet, nicht plump und grob, sondern zart und ebenmäßig. Eine Schönheit, die mir mehr schadete als nützte, weil sie sie nicht ertrug, nicht duldete, und jede Würdigung, ob in Worten oder Blicken ahndete, ausnahmslos. Mein Aussehen war etwas worüber wir schwiegen. Ich kannte die Regeln und ich hielt mich daran.

Doch an diesem Tag machte ich einen Fehler.

Manchmal denke ich, dass in der kurzen Zeit meiner Abwesenheit etwas passiert sein muss. Etwas, das den Boden vorbereitete, ihn ebnete indem es die Spannung unter der sie stand ins Unerträgliche steigerte. Was, wenn der ältere Herr, der neben ihrer Liege stand, als ich zurück kam, etwas zu ihr gesagt hatte, einen Satz, ein misslungenes Kompliment, das den Umweg über die Tochter nahm, um der Mutter zu schmeicheln.
Es muss so gewesen sein, denn als ich herunter kam und  aus der Lobby ins gleißende Sonnenlicht trat, das mich blendete und die Menschen am Pool mit ihren Liegen zu dunklen Klumpen auf kurzen Beinen verschmelzen ließ, schlafenden Krokodilen ähnlich, stand dieser Mann da, lächelnd die knochigen Fäuste auf die Hüften gestemmt, und flirtete mit ihr, während meine Mutter, halb aufgerichtet, das lose Bikinioberteil mir beiden Händen gegen ihre Brüste drückte und ins Gegenlicht blinzelte. Ich erinnere mich deutlich an diese doppelte Beidhändigkeit, an zwei Hüften, zwei Brüste und vier Hände. Das Bild ist mir unvegesslich geblieben. Es war das letzte, was ich von meiner Mutter für die kommenden zwölf Tage zu sehen bekam.

 

 

 

(Liebe Leserschaft, ich schreib hier mal am Stück ein paar Episoden hintereinander weg. Mir geht es sehr gut, nichts tut weh, weder beim Schreiben und auch sonst nicht. Wer das  hier nicht lesen möchte, möge einfach aussetzen, bis ich wieder zu anderen Themen übergehe, demnächst. Danke für die geschätzte Aufmerksamkeit!)

Bild: Joan Arkham
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Im Spiegel

 

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Im Herbst fliegen meine Mutter und ich für zwei Wochen nach Spanien. Die Wärme soll mir helfen. Es muss schlecht um mich stehen.

Wir erreichen das winzige Studio im zehnten Stock mit einem der Aufzüge. Während meine Mutter sich einrichtet, sitze ich auf dem Sofa und schaue durch die geschlossene Balkontür nach draußen. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sie ihre Tiegel, Tuben und Parfums vor dem Spiegel im Bad platziert. Das Licht bricht sich in den geschliffenen Flakons und wirft unzählige goldene Punkte an die Wand. Ich stehe auf und räume meine Sachen in die Kommode. In der obersten Schublade finde ich eine Bibel, auf spanisch. Beim Blätter-Bingo bleibt mein Finger auf dem Wort amor liegen. Ich werte das als gutes Zeichen und lege die Bibel, zusammen mit einem Kugelschreiber und einem Oktavheft zurück in die Schublade.

Das Appartementhaus steht auf einer kleinen Anhöhe. Dahinter erheben sich kahl die Berge. Ab und an knattert ein Auto über die baumlose Uferstraße, dann ist es wieder still. Die Saison ist vorbei.
Die meisten Wohnungen im Haus werden ganzjährig von ihren Eigentümern, englischen oder niederländischen Rentnern, bewohnt, die tagsüber regungslos am Pool liegen und sich am Abend auf ihre Balkone zurückziehen, wo sie essen und in die untergehende Sonne blicken. Ruhig liegt das Meer, seine Zungen lecken dunkle Zacken in den Sand.

Mittags sitze ich neben dem Pool und schaue auf die tiefblaue Linie am Horizont. Ich weiß nichts mit mir anzufangen, das Wasser ist zu kalt zum Schwimmen, das mitgebrachte Buch längst gelesen und der nächste Ort eine Dreiviertelstunde zu Fuß entfernt.
Neben mir liegt meine Mutter. Ihre Augen sind geschlossen, die Kippe in ihrer Hand brennt langsam herunter. Ich betrachte die dunklen Haarstoppeln oberhalb des Randes ihrer Bikinihose. Die Dehnungsstreifen auf ihrem Bauch schimmern im Sonnenlicht wie silbrige Laufmaschen. Oder wie Schneckenspuren, denke ich.

Sie hat das kommen sehen, hat sie gesagt. Doch weder Tabletten noch heiße Bäder und nicht mal der Treppensturz hatten genutzt. Jemanden zu finden, der einem dabei half war schwer, denn es war illegal, damals noch, außerdem war es gefährlich. Sie wünschte es hätte geklappt, wir alle drei, denn bis heute leidet sie unter den Spuren der Schwangerschaften. Wir haben ihre Figur ruiniert. Das verstehe ich und es tut mir Leid, dass ich daran nichts mehr ändern kann.

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Jahre später, ich sitze in einer Psychoanalyse-Vorlesung, berichtet der Professor von einer depressiven Patientin. Er beschreibt deren ausgeprägte Nasolabialfalten und ihre hagere Erscheinung. Im Laufe der Analyse stellte sich heraus, dass sie unter starken Schuldgefühlen litt, die im Zusammenhang mit dem Tod der Mutter standen, die jung an Kinderlähmung gestorben war. Das damals noch kleine Kind, glaubte durch seinen Ungehorsam, die Lähmung verursacht zu haben und dadurch die alleinige Schuld am Tod der Mutter zu tragen.

Ich verlasse den Hörsaal. In der Toilette betrachte ich mein Gesicht. Bald darauf breche ich das Studium ab.

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Meine Mutter schlägt die Augen auf. Ich schaue erst weg und dann wieder hin. Auf ihrer Oberlippe haben sich kleine Schweißtröpfchen gesammelt. Ob ich den Schlüssel haben kann, frage ich sie, ich muss auf Toilette. Sie reicht ihn mir wortlos. Oben angekommen stelle ich mich auf den Balkon und rauche. Erst dann gehe ich ins Bad. Das Gesicht, das mich aus dem Spiegel anschaut ist schön. Kleine goldene Punkte sprenkeln die Haut wie Sommersprossen. Ich lächele und es lächelt zurück. Singend kehre ich zurück an den Pool.

 

 

 

 

 

 

Bild: Von No machine-readable author provided. Guanxito2006 assumed (based on copyright claims). – No machine-readable source provided. Own work assumed (based on copyright claims)., CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1225800

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Als die Ergebnisse kamen war ich erleichtert. Die Blutwerte und die Gewebeproben zeigten Abweichungen. Was das bedeutete wusste ich nicht. Niemand weiß das, sagte mein Vater, es wird noch geforscht. Auf einem Benefizrennen mit motorisierten Betten war einiges an Geld dafür zusammen gekommen. Ich fand keinen Trost in dieser Vorstellung.

Den Untersuchungen vorausgegangen war eine Reihe von Ereignissen. Kleine Auffälligkeiten, eine Beobachtung des Hausarztes. Schließlich kam es zu dem entscheidenden Zwischenfall. Lähmende Erschöpfung hatte meinen Körper ergriffen. Einen nachvollziehbaren Grund dafür gab es nicht. Außer jenem, der auf der Hand zu liegen schien: ich simulierte. Meine Mutter war aufgebracht, als sie das sagte. Sie glaubte mir nicht. Eine Untersuchung sollte Aufschluß bringen.

Und Gnade dir Gott, wenn du nichts hast, sagte sie.

Bis heute betrachte ich in diesem Satz als den Beginn des Unheils. Er hat es nicht verursacht oder ausgelöst, das weiß ich. Es war schon da und wartete nur. Auch meine Mutter trägt keine Schuld daran, und doch ist es, als hätten ihre Worte alles zum Einsturz gebracht. Der dünne Boden, auf dem ich mich bewegte, gab nach.

Am Abend nach dem Zwischenfall lag ich im Bett. Es ging mir wieder besser, aber ich war voller Sorge. Um meinen Körper, um meinen geistigen Zustand, aber mehr noch um das, was geschehen würde, wenn man nichts fand. Niemand würde mir mehr Glauben schenken, nicht einmal mein Vater.

Vielleicht war ich wirklich krank im Kopf. Jemand, der Schmerzen hatte, wo eigentlich keine waren. Ob es so etwas gab?

Hoffentlich finden sie was, dachte ich beim Einschlafen.

Meine Bitte wurde erhört.

 

 

 

 

 

Bild: https://www.flickr.com/photos/cushmok/5381339842/in/photolist-c8nWxj-c8o2pS-c8nZSL-c8o1AN-diNsZa-73dHpB-5YGQmm-6HZEcD-sb5x2A-9cwLRq-rA1pSa-7zdkcq-mmQfuu-de1fcj-AF6DuH-aBKiTa-aBKiW2-aBKiYX-o7A7tT-aKo27Z-392gSg-7mLn9k-8sogxP-cFc7dL-mSWxUB-c8o6fY-ngBdNb-ngzi1e-85EB7h-rHEN2x-i6yVV8-czScVy-7LZC5V-c8o363-8CaZ3g-aBKj3g-aBKiQ8-BkciW1-ajkjKe-95WdER-97uX7e-iVhw4L-ft6AXp-9m4j14-73Zs7P-B48m33-dMZxD3-6Kn31x-pR4AUF-zSaNBu
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Zwischen zwei Leben

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Ich möchte nicht mehr, dass Du zu Deinem Vater ins Auto steigst
, sagt meine Mutter, als ich sie auf halber Treppe treffe. Sie hält einen voll beladenen Wäschekorb in den Händen, der Duft von Waschmittel steigt mir in die Nase, ich schaue sie an. Ihr Blick ist ernst, nichts verächtliches oder heimtückisches liegt darin, auch ihrer Stimme fehlt der übliche abschätzige oder drohende Anklang.  Sie meint es so, wie sie es sagt und sie meint es gut. Das ist das Beunruhigendste.

Wann genau das war, weiß ich nicht mehr. Es muss nach meinem Aufenthalt in der Uniklinik gewesen sein, ob Wochen oder Monate oder vielleicht sogar Jahre später – ich kann es nicht sagen. Die Erinnerung an diese Zeit liegt sorgsam verschlossen. Nur selten habe ich das Bedürfnis und den Mut an diesen Ort der Angst zurück zu kehren.

Das einzig konkrete Bild aus den Tagen in der Klinik, ist das eines verdorbenen Apfels, den ich in der Nacht gegessen habe und dessen zerfressenes Gehäuse ich am nächsten Morgen auf dem metallenen Nachttisch finde, braun und voller Wurmkot. Mich ekelt vor mir.
Auch an das fahlweisse Licht, das durch die Thermoglasfenster in das überheizte Krankenzimmer fällt, erinnere ich mich und an einen Brief des Pfarrers, der mich konfirmiert hat, an seine guten Wünsche für mich, an die Schmerzen in dem Gewebe unter der Operationsnarbe, die wie ein borstiger Tausenfüßler auf meiner Haut sitzt.
Das Gesicht meiner Bettnachbarin ist mir abhanden gekommen. Sie litt an Myasthenia gravis, das weiß ich noch, und ihr Name ist mir im Gedächtnis geblieben – Frau J. Ihre grauen Haare waren kurz, die Augenlider halbgeschlossen, oft hatte sie Mühe zu schlucken und manchmal fiel ihr auch das Sprechen schwer – das machte die Krankheit- dann stützte sie ihren Unterkiefer mit der Hand und ich konnte kaum verstehen was sie sagte. Alles andere habe ich vergessen.

Was nach der Klinik geschah, lässt sich nicht der Reihe nach erzählen.
Die Diagnose griff in unser aller Leben ein und änderte es von Grund auf. In meiner Erinnerung gibt es ein Vorher und ein Nachher. Zwei Leben, scharf voneinander getrennt. Es gab keinen Bereich, der verschont blieb und diese unbegreifliche Veränderung erfüllte mich mit großer Furcht. Eine Würgeschlange hatte sich um meinen Brustkorb gelegt.

Das ohnehin schon brüchige Gefüge meiner Familie war dem Druck nicht gewachsen. Wir verloren uns ganz und damit unser Zuhause und ich war Schuld daran.
Bis heute haben wir uns nicht erholt davon und manchmal denke ich, dass sie mir niemals werden verzeihen können, dass ich uns alle in den Abgrund gerissen habe.

Niemand sprach mit mir, keiner sagte mir was los war und was mit mir geschehen würde. Die größte Bedrohung lag in dem Schweigen, dem ich mehr Glauben schenkte als jedem Symptom und jedem aufmunternden Lächeln meines Vaters.

Auch meine Geschwister, die eine älter, der andere jünger als ich, hatten schwer zu tragen an diesem Geheimnis, dessen Auswirkungen sie nicht ermessen und schon gar nicht verstehen konnten. Sein Raunen klang schrecklich wie der Tod. Ein unausgesprochenes Abkommen, eine Vereinbarung hielt uns drei davon ab miteinander zu reden. Bloß nicht daran rühren, um es nicht noch schlimmer zu machen, es nicht aufzubrechen, wie eine Pestbeule. Man könnte daran zugrunde gehen. Wir hofften das Unglück zu bannen, indem wir ihm keinen Namen gaben. Unterdessen breitete es sich in meinem Inneren aus wie Teer.

Auf der Suche nach Kleingeld für Zigaretten stoße ich eines Tages im Arbeitszimmer meines Vaters auf ein medizinisches Fachbuch. Aufgeschlagen liegt es auf seinem Schreibtisch, zwei, drei Absätze sind rot angestrichen. Kathe steht daneben und jeweils ein großes Ausrufezeichen, gekritzelt mit nervöser Hand. Was ich lese übertrifft alle Befürchtungen. Die Zeit bleibt stehen.
Regungslos stehe ich da, das Blut rauscht in meinem Kopf und ich schaue aus dem Fenster auf das gegenüberliegende Haus. Aus irgendeinem Grund muss ich an Michelle denken, die schon vor langer Zeit von hier weg gezogen und mit ihrer Familie zurück nach Frankreich gegangen ist. Bald darauf wurde die kleine Villa, in der sie lebten, abgerissen und an ihrer Stelle ein Neubau mit Tiefgarage errichtet. Auch der alte Birnbaum, von dem mein Vater jeden Spätsommer die Früchte pflückte, ist verschwunden.
Michelle wird nie von meiner Krankheit erfahren. Auch nicht von meinem Tod. Ich drehe mich um und gehe hinauf in mein Zimmer. Dort setze mich unter den Tisch und weine. Die nächsten zehn Jahre höre ich nicht mehr auf damit.

 

 

 

 

Bild:  Michele M.F. Bronze runners from the Villa of the Papyri (Herculaneum)
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

kleiner Hund

Seit vier Nächten und drei Tagen ist der Hund krank.
Wir schlafen kaum. Fast jede Stunde muss sie raus.
Akute Pankreatitis. Die Bauchspeicheldrüse verdaut sich selbst.
Warum weiß man nicht und was dagegen zu tun ist auch nicht so genau.
Die einen sagen so, die anderen so.
Bis auf weiteres bekommt sie eine aggressive Infusionstherapie und jede Menge Schmerzmittel.
Über die Prognose lässt sich nichts sagen. Kann tödlich enden oder mit viel Glück ausheilen.
Sie ist schwach und klapprig und verwirrt und ich bin sehr erschöpft.

Das muss aufhören.

 

 

 

 

 

 

abverheit

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When too perfect lieber Gott böse

Nam June Paik

Ist das bei Ihnen eigentlich ein Dauerzustand, fragt der Dozent während einer Schreibübung.
Alle heben den Blick von ihren Texten, ich auch. Er schaut mich an. Er schaut tatsächlich mich an.
A. sitzt neben mir und ich spüre, wie ihr der Atem stockt. Ganz ruhig sitzt sie da. Ohne sich zu rühren.
Das Rascheln und Kritzeln und Räuspern hat aufgehört. Es ist still im Raum. Draußen parkt ein Auto ein, man hört das leichte Aufjaulen des Getriebes im Rückwärtsgang, dann ist es wieder still. Nur die Heizung gluckert leise.
Der Dozent schaut mich an und wiederholt seine Frage in dem charmanten Schweizerdeutsch, an dem ich mich in den letzten beiden Tagen so erfreut habe.

Ischt das bei Ihnän ein Daurzustand? will er wissen

Unwillkürlich richte ich mich auf und ziehe die Schultern zurück.
Zu meiner eigenen Verwunderung wird mir nicht heiß oder kalt, ich spüre weder Wut noch Ärger noch Scham. Im Gegenteil, ich bin derart verblüfft, dass ich so etwas wie eine belustigte Heiterkeit empfinde.
Wie er es wagen kann. Wie er so ohne mit der Wimper zu zucken seine Befugnisse überschreitet am hellichten Tag im Beisein von zwei Dutzend Menschen.
Auch ohne mich umzudrehen, weiss ich, dass alle Blicke im Raum auf mich gerichtet sind. Jeder ist gespannt, was jetzt passieren wird. Werden sie endlich hinter mein Geheimnis kommen? Werde ich etwas über mich preis geben?
Und ich enttäusche sie nicht.

Ja, sage ich, sieht so aus.

Dr. B schaut mich einen Moment aus seinen lustigen Augen an. Dann legt er den Kopf ein wenig zur Seite , senkt den Blick bedeutungsvoll und schwyzerdütscht

Da sind Sie ja ein ganz armes Schwein. Da werden Sie ja niemals jemanden finden, der so ist wie Sie. Da werden Sie ja immer allein bleiben.

Die Scheinwerfer sind auf mich gerichtet.
In meinen Ohren fangen die Glocken an zu läuten, meine Kiefermuskeln verspannen sich und mir wird heiß.
Ohne nachzudenken, sage ich:

Da geht es mir nicht anders als allen anderen Menschen auf der Welt . Niemand findet jemanden, der so ist wie er. Und ich suche auch nicht nach jemandem, der so ist, wie ich.

Immer noch sieht er mich an, wiegt den Kopf hin und her, so sehr bezweifelt er, was ich eben gesagt habe, seufzt und richtet den Blick wieder auf sein Manuskript. Ganz so, als ob nichts gewesen wäre.

Ich habe etwas sehr wichtiges gelernt.

 

 

 

 

 

Die liebe Friederike hat eine Blogparade zum Thema „Ich war fremd“ initiiert. Dies ist mein (verspäteter) Beitrag.

Bild: Wikimedia Commons, keine Einschränkung

 

 

 

 

 

Behaupten

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Später komme ich unter die Kobaltbombe, sagt sie und ihre Stimme klingt stolz.
Du wirst nicht bestrahlt, sagt mein Vater.
Doch.
S
ie besteht auf Unterleibskrebs.
Senkung, flüstert er.
Ist das schlimm, Papa?
Verstohlenes Kopfschütteln.

Wissenslücken kennt sie nicht.
Eine veritable Behaupterin.
Was ist das für ein seltsamer Baum, Mama?
Eine Birkenfeige.
Draußen in der Welt lerne ich die anderen Namen (: Korkenzieherhasel).

Nach der OP liegt sie noch eine Weile auf der Gynäkologie.
Die Rolle steht ihr. Krank und tapfer. Heiter, verspielt.
An Ostern versteckt sie Eier in Zimmer und Krankenhausflur.
Ich bin 14 und schäme mich beim Suchen in Grund und Boden.
Wunderbare Mutter. Rührende Familie.

Rauchend sammle ich mich vor dem Krankenhauseingang.

Als ehemalige Kollegin packt sie schon bald im Arbeitsalltag der Schwestern mit an. Macht das Bett, reinigt und desinfiziert, erneuert ihren Verband.
Hier ein Plausch, dort ein Scherz, Sektlaune. Kleine Freundschaften entstehen.
Eine Stimmung wie im Mädchenpensionat.

Zur Entlassung kommt das Stationsteam zusammen.
Große Herzlichkeit. Besuchen Sie uns mal wieder!

Vor der Klinik gefriert ihr Lächeln. Sie zündet sich eine Zigarette an. Mit schnellen Schritten läuft sie über den Parkplatz zum Auto.

Klack klack klack

Bild: Uniklinik Frankfurt, Wikipedia, Ausschnitt