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Ich habe von einem Krokodil geträumt, sagt die Zimmernachbarin und beinahe fällt mir die Tasse aus der Hand (diese Formulierung verbildlichte in Zeiten, in denen ich aufwuchs einen Zustand höchsten Erstaunens oder Erschreckens).
Von was?, frage ich und kann trotz des unerwarteten inneren Wellengangs kaum die Augen offen halten. Von einem Krokodil, wiederholt sie und schaut mich erwartungsvoll an. Ich nicke. Müde bewegt mein Gehirn, auf der Suche nach einem blassen Erinnerungsfetzen, ihre Worte hin und her. Hat nicht erst gestern die Theaterfrau genau den gleichen Satz gesprochen?
Hast du gestern von einem Krokodil geträumt? tippe ich in mein Handy.
Ja, antwortet kurz darauf das Display, von drei Krokodilen sogar. Sie haben mir in die Hand gebissen.
Das geht ja noch,
denke ich im Halbschlaf, immerhin habt ihr beide die Angriffe überlebt.
Ich muss mich noch auf meinen Vortrag vorbereiten
, sagt die Zimmernachbarin in meine Gedanken hinein, ich referiere über luzides Träumen.
Erstaunt blicke ich auf und sehe sie lächeln, als hätte sie n der Wurfbude einen Volltreffer gelandet.

Draußen ist es neblig, die Essigbäume tragen gelbes Gefieder und über den Krankenhausparkplatz schnürt ein kleiner Fuchs mit ausgebleichtem Fell. In der Ferne sehe ich das Schöneberger Gasometer. Dahinter liegt Kreuzberg, eine andere Welt.

Im vierten Stock steht ein Lavazza-Automat. Wenn man 1 Euro einwirft und auf die Cappucino-ungesüßt-Taste drückt, erhält man einen dunkelbraunen geriffelten Becher mit zuckersüßem Kakao. Falsch befüllt, denke ich und pilgere durch die endlosen Neongänge in die Aufnahmehalle, wo der zweite Lavazza-Automat steht und alsdann der zweite Euro für pappsüßes Gesöff flöten geht. Bestimmt hat irgendein gieriger Automatenbefüller seinen eigenen Billokram da reingetan um noch mehr Reibach zu machen, überlege ich und frage mich, ob ich unter der am Automaten angegebenen Nummer anrufen oder gleich bei Herrn Lavazza vorsprechen sollte. Hab ja sonst nichts zu tun.
Der dritte Automat, an dem ich mich versuche, rückt gegen Einzahlung eines Zwanzigeuroscheines eine Fernsehkarte von Siemens heraus. Im Nachbarautomaten gibt es dazu passende Kopfhörer für 3 Euro. Ich kaufe beides und lege es, zurück im Zimmer, in den Tresor, den  man gegen Einwurf einer Zwei-Euro-Münze benutzen kann.

Durch besondere Umstände bin ich auf der falschen Abteilung, der Gynäkologie, untergebracht, in die kein Arzt von meiner eigentlichen Station sich je verirrt. Da jede Menge Männer in Schlafanzügen über unseren Flur schlurfen, nehme ich an, dass es derzeit entweder erfreulich wenig Frauenleiden gibt, oder aber, dass diese Fachrichtung hier einen derart schlechten Ruf genießt, und dass, wer geheilt werden möchte, sich lieber auf den Weg nach Havelhöhe macht, wo in der dunklen Jahreszeit die Kerzen auf den regenbogenfarben getupften Fluren flackern, hundsgroße Hasen mit gespitzten Ohren im Park herumstehen, die in grobes Leinen gewandeten Eurytmielehrerinnen einen asymmetrischen Bob tragen und wo den Patienten zu Mittag, nach der Wickelstunde, eine Spritze kristallklaren Bergwassers injiziert wird.

Wir sind ein anthroposophisches Haus, antwortete man mir damals auf meine Frage nach einem Fernsehapparat. Auch dort war ich auf der falschen Station, der Onkologie, gelandet, wie ich überhaupt ständig irgendwie falsch bin und in Frankfurt/ Oder ankomme, wenn ich den Zug nach Wittenberge nehme, oder in Heidelberg, wenn ich nach Koblenz fahren möchte.

Um zur Krankenhauskapelle zu gelangen muss ich einen der drei Aufzüge nehmen, die das Bettenhaus II bedienen, und steige in den mittleren Lift mit der Nummer 10. Im Erdgeschoß allerdings trete ich aus Lift Nummero 11 wieder heraus und bin schlagartig von einer tiefen Zuversicht erfüllt: wenn sie es schaffen die Positionen der Kabinen während der Fahrt unbemerkt zu vertauschen, dann können sie alles und mir wird nichts geschehen in diesem großen, schweren Dampfer gleich neben dem Teltowkanal.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Charité Campus Benjamin Franklin, Nino, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Reling

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Der befreundete Anästhesist schickt mir eine Empfehlung zur Medikation vor, während und nach der Narkose, weiterzureichen an den behandelnden Kollegen. Sein Rat: von allem so wenig wie möglich. Außerdem möge man „auf alle möglichen kardialen Überraschungen gefasst (…) sein, und sich von allen Seiten Glück und eine glückliche Hand wünschen (…) lassen“.
Da kann ja eigentlich nichts mehr schief gehen.

Vor den zu erwartenden Schmerzen habe ich gar keine Angst. Die lassen sich wegatmen. Ich beherrsche die Technik der Flucht nach innen, an einen sicheren Ort, von dem aus ich so ziemlich alles ertragen kann. Ruhig und hell ist es dort und ich bin stark und unverwundbar. Es ist mir möglich aus meinem Körper herauszustreten und mich vor Unbill zu schützen, solange ich mich mit meiner Seele an mir selbst, meiner inneren Reling, festhalten kann.

Angst habe ich allerdings davor, dass genau dieser Rückzugsort mir durch die passagere Psychose, die ich jedes Mal nach einer Narkose durchlebe, zeitweilig abhanden kommen könnte. Dass aus meiner Seele wieder ein hauchdünnes Flatterband ohne Substanz und ohne Hafen wird, dass ich mir selbst verloren gehe, irgendwo auf dieser Reise und ich erst mühselig und über Wochen und Monate die versprengten Teile einsammeln und zusammensetzen muss.

Ich fürchte mich davor, dass mir ein Gruselclown im Krankenhaus erscheint, dass ich von Paranoia gejagt aus dem Fenster springen möchte, dass ich ohne Kurzzeitgedächtnis ziellos in meinem Wahn herumschippere (für mein Umfeld übrigens nur während der ersten zwei Tage nach der Op bemerkbar) und, dass ich nicht mal Valium zur Beruhigung bekommen werde, weil ich auf Benzodiazepine paradox reagiere, nämlich mit manischen, exhibitionistischen Anwandlungen (note to myself: schöne Unterwäsche einpacken, für den Fall).

Gleichzeitig freue ich mich, dass ich dann wohl hoffentlich schon übernächste Woche beschwerdefrei bin, und, dass ich im Krankenhaus endlich werde schlafen können, ohne ständig auf das Atemgeräusch des Hundes, oder das Gluckern in ihrem Bauch lauschen zu müssen.
Töle wird, und das macht mich besonders glücklich, während meiner Abwesenheit von dem Einen versorgt werden, trotz allem, ebenso wie die Katz.
Das ist eine so schöne Wendung, dass mir alles andere auch nicht mehr soviel ausmacht, und wenn ich dann noch daran denke, wieviel Unterstützung ich von den lieben befreundeten Netzfrauen bekomme, dann möchte ich beinahe frohlocken und bin schon gleich wieder ganz zuversichtlich und vergnügt. Danke, danke, danke!

Den geborstenen Wassertanks in der Welt möchte ich zurufen: Seid Ihr noch ganz dicht?

Und überhaupt sende ich prophylaktisch schon mal ein paar Grüße rund um den Globus, den ich auf meinem Kurztrip zu bereisen gedenke.

Mit etwas Glück krieg ich sogar Propofol verabreicht und werde damit einen wunderbaren Rausch erleben! Falls ja, kriegt Alice bei Interesse einen kleinen Erfahrungsbericht dazu.

Montag Vormittag geht’s los. Ich wünsche meiner Leserschaft ein erholsames Wochenende, beware of the Gruselclowns und haltet Euch immer schön an der inneren Reling fest, dann kann Euch nichts passieren.

 

 

 

 

Bild: Alexandr Shepchenko, Француз is a Clown, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Schaum vor dem Mund

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Als ich gerade in mein Auto gestiegen bin, steht plötzlich die knapp dreißigjährige Assistenzärztin neben mir. Sie war mir auf den Parkplatz gefolgt, um mich dort mit hochrotem Kopf und erhobener Stimme zur Rede zu stellen.
Aus einer überaus misslichen Lage heraus, war ich, nach einem sehr unangenehmen und schmerzhaften Wochenende, zur ambulanten Untersuchung in die Klinik gefahren, wo eben diese Ärztin mich begutachtet und anschließend verabschiedet hatte. Am nächsten Tag solle ich einen Termin mit dem Chirurgen ausmachen.

Als sie bereits in der Tür des Behandlungszimmers stand, fragte ich noch kurz, ob mit meinen Blutwerten alles in Ordnung sei. Achja, die könne sie mir noch nachreichen, ich solle doch bitte noch warten, sie sei in der Notaufnahme beschäftigt.
Eineinhalb Stunden später, die Anmeldung (und folglich auch die Abmeldung) hat schon geschlossen, sitze ich immer noch da und denke: sie ist wirklich sehr beschäftigt, wahrscheinlich hat sie mich vergessen, da will ich nicht stören und gehe jetzt mal. Der Hund wartet Zuhause, die Fahrt ist lang, es ist gleich 17 h, die Blutwerte sind mir eigentlich wumpe und morgen rufe ich ja sowieso an wegen eines Termines.

Ein riesiger Fehler!

Wie ich es überhaupt wagen konnte die Klinik zu verlassen, wieso ich überhaupt abhaue, ich sei schließlich in ein Krankenhaus gekommen und könne da nicht so einfach unabgemeldet verschwinden, keift sie auf dem Parkplatz herum, und würde mir am liebsten eine scheuern, so geladen ist sie. Meinen Einwand, dass ich dachte wir seien nach Ihrer Verabschiedung und dem Ende der Untersuchung fertig gewesen, das Nachreichen des (übrigens unauffälligen) Labors eine reine Formalie, nicht wichtig jedenfalls, es täte mir wirklich leid, ich habe sie nicht vor den Kopf stoßen wollen, ich hatte ja keine Ahnung und das wollte ich nun wirklich nicht, mea culpa, mea maxima culpa, lässt sie vollends durchdrehen. Ein Orkan der Wut entlädt sich über mir, wie man ihn eigentlich und uneigentlich nur von hochgradig psychopathischen Menschen erwarten würde (die einen im Anschluss vor die einfahrende U-Bahn schubsen) bis sie sich schließlich umdreht und mit wehendem Kittel zurück in die Klinik stampft und ich Blödi ihr hinterher haste, wie ein zurechtgewiesenes Kind.

Und wieder warte ich vor der Notaufnahme, in der sie verschwunden ist, bis sie nach einer ganzen Weile erneut heraustritt, sofort auf mich zusteuert und mich vor der versammelten wartenden Patientenschaft gleich nochmal zur Sau macht, aber so richtig. Auch die zweite Entschuldigung will nichts fruchten, und in einer finalen Attacke bäumt sie sich mit ihrer ganzen kranken Wut und ihrem puterrotem Kopf auf und spuckt mir ihre offenkundige Aversion ins Gesicht: da dürfen Sie sich wirklich nicht wundern, wenn das Arzt-Patienten-Verhältnis Schaden nimmt.

Nein, da wundere ich mich nicht, denke ich, bei solchen Umgangsformen nimmt das ganz sicher Schaden, und zwar erheblichen.

Dieses Zehlendorfer Krankenhaus jedenfalls, scheint mir, trotz seines ausgezeichneten Rufes, nicht der richtige Ort zu sein mich in den Tiefschlaf legen und behandeln, geschweige denn operieren zu lassen. Ich will gar nicht wissen, wie der Chirurg durchdrehen würde, falls ich mich während des Eingriffes nicht kooperativ genug verhielte.

Was macht diese Stadt bloß mit den Seelen der Menschen?

 

 

 

 

 

 

Bild: txmx2, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Wie es begann

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Als ich von der Physiotherapie zurück komme sind quer durch das Zimmer dünne Seile gespannt. Längs gespaltene Möhren sitzen darauf, wie steife Reiter; der Strunk ihr Kopf.
Ein Brief ist mit einer Wäscheklammer an einer der Schnüre befestigt. Ich erkenne die Handschrift. Das Telefon klingelt, ich ducke mich unter den Schnüren hindurch und hebe ab.

Es ist Freitag der 17. Mai. Ich höre die Stimme meiner Schwester. Sie sagt meinen Namen und sie sagt „Papa hatte einen Herzinfarkt, er liegt auf Intensivstation, wir wissen nicht ob er es überleben wird.“

Ich verlasse die Klinik und setze mich mit M. ins Auto. Ich habe keine andere Wahl. Er bringt mich nach Frankfurt. In der Nacht legt er sich nackt auf mich. Ich weine.
Meine Mutter weint auch. Ohne euren Vater bin ich verloren.

Ich trinke sehr viel Bier und rauche und trinke noch mehr Bier. Meine Haut brennt, ich warte und hoffe und finde keinen Halt.
Ich darf nicht zu ihm; keiner von uns.
Zwei traurige Tage später fahre ich mit M. zurück. Ich ekele mich vor ihm.

Es ist Sonntag, früher Abend, als M. mich auf der Station N2 abliefert. Die Schnüre in meinem Zimmer sind verschwunden, der Brief liegt ungeöffnet auf dem Tisch.
Ich setze mich aufs Bett und weine die letzten Tränen. Eine Taube hat durch die offene Balkontür den Weg zu mir gefunden und läuft kopfruckend über das Linoleum. Die Abendsonne malt ein helles Viereck auf den Boden. Aus roten Augen schauen wir uns an. Sie nickt.

Auf dem Balkon, vor meinem Fenster steht ein junger Typ in der Bewegung erstarrt. Er sieht mich an und lächelt vorsichtig. Ich senke den Blick und er geht weiter.

Nebenan sitzt ein fröhliches Besuchergrüppchen und lacht, während mein Vater mit dem Tod ringt und die Tumore in den Köpfen der Mitpatienten sprießen, wie Brokkoli.

Teil II Junge Hunde
Teil III Nine years later and change

Foto: By User:Mattes (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Himmel und Hölle

20140916_154256Die Siegessäule ragt in den tiefblauen Berliner Himmel, die Flügel der Viktoria sind sonnenbeschienen, ihr Blick in die Ferne gerichtet.
Auf der Raucherterrasse abstrakte Bronzeplastiken, die mit ihrer dunklen, rauen Oberfläche und den schlanken Vertikalen an Giacomettis Schreitende Männer erinnern.
Mit amputierten Zehen und dunkelviolett verfärbten Beinen sitzen die Patienten an den Bistrotischchen und rauchen, während der Infusor das venenreizende Mittel in ihre Adern träufelt um die verbliebenen Gefäße offen zu halten und die letzten Zentimeter ihrer Stümpfe zu retten.
Eingefallen und rauchend warten sie auf den Tod.
Unten auf Station diese frischen, schwungvollen Menschen. Jung, mit leuchtenden Augen und rosigem Teint. Bemüht darum, die grauen Echsen am Leben zu halten. Noch für das kleinste zuckende Flämmchen, das letzte Glimmen eines erlöschenden Lichtleins wird alles getan.

Ehrfurcht vor dem Leben

Am frühen Abend gehe ich auf die Besucherempore der Kapelle, und finde mich Aug in Aug mit dem Erlöser wieder. Neben mir ein Weihwasserbecken, unter mir der Altar. An langen Seilen hängen zylinderförmige Lampen und erleuchten mit mattem Schein die schlichten Holzbänke, auf denen die Bräute Jesu während der Heiligen Messe Platz nehmen.
Durch die Bleiglasfenster gegenüber sickert milchiges Tageslicht. Draußen ist die Welt.
Aus der Sakristei klingen gedämpft die Stimmen der Ordensschwestern herauf.
Ich sehe meinen Großvater im Talar vor mir.
Ungezählte Male hat die Erde sich seit seinem Tod gedreht, und sie tut es verlässlich weiter, die dicke blaue Spindel.

Der vollbärtige Professor läuft mit ausgestreckten Armen auf mich zu und streicht mit dem Handrücken zärtlich über meine Wange, als wäre ich sein liebes Nichtchen.
Wenn wir nichts finden, sind Sie bald wieder Zuhause.
* * *

Der Oberarzt, der nächste Woche die OP vornehmen wird, sitzt auf meiner Bettkante und erklärt und malt auf.
Gerade erst aus der weißen Milch aufgetaucht, staune ich über seine blauen Augen.
Später kommt einer mit dem Sonografiegerät und legt seine schlanken, eleganten Hände auf meinen Bauch. Kein Druckschmerz.
Er erklärt mir die Nierenfunktion, die Kelche, das Becken, die Darstellungsweise des Ultraschalls.
Eine Zyste, nichts Schlimmes.
Auch er hat blaue Augen, ein markantes Gesicht und ein selbstbewusstes Lächeln.
In Plauderlaune erzählt er mir interessante Geschichten aus dem Reich der Urologie.
Einmal ist ein Kranführer bei ihm vorstellig geworden. Jeden Morgen war der Arbeiter die sechzig Meter bis zu seiner Kabine nach oben gestiegen, und erst am Abend die Leiter im Turminneren wieder herab geklettert. Durch den ständigen Harnverhalt war seine Blase über die Jahre auf das unglaubliche Volumen von 4 Litern angewachsen, und in der Folge der Mann inkontinent, niereninsuffizient und dialysepflichtig geworden.
Vier Liter! Groß, wie ein Fußball!
Ich dachte immer, die haben eine Flasche zur Hand, oder erleichtern sich gleich auf die Baustelle herunter“ sage ich.
Dieser nicht. Hätte er mal.“
Wir lachen.
Zum Abschied reicht er mir die Hand und drückt fest zu.
Montag, wir sehen uns Montag wieder. Schönes Wochenende, und kommen Sie nüchtern, bitte.“
Sie auch,“ antworte ich und er freut sich über meinen schlechten Scherz.

Pontius, Pilatus usw.

Dass Arztbesuche häufig Arztbesuche nach sich ziehen, weiß ich schon.
Deswegen gehe ich so selten wie möglich dahin.
Andererseits bin ich nicht sicher, ob diese Gesetzmäßigkeit nicht auch in den langen Pausen zwischen den Konsultationen begründet liegen könnte.
Als ich mich letzte Woche nach Jahren aufraffe eine Gynäkologin aufzusuchen, werde ich im Wartezimmer so empfangen:
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Die Ärztin selbst war sehr angenehm, überwies mich aber, wie zu erwarten war, direkt zur Nächsten und legte mir eine stationäre Aufnahme nahe.
Das hab ich jetzt davon.

Weniger Ärger, mehr Wut

20140613_194008-1Ehe ich eine längere Reise antrete, räume ich oft tagelang auf, wasche, putze, bringe meinen Papierkram in Ordnung, lasse mir die Haare schneiden und hinterlasse meine Wohnung so, dass selbst meine Mutter, wenn sie denn überhaupt ein Interesse daran hätte, bzw. geistig noch dazu in der Lage wäre, sie betreten könnte, ohne schon am Eingang oder beim weiteren Vordringen in mein Privatestes einen Anfall zu bekommen.
So begleitet sie mich nach über zwanzigjähriger Abwesenheit noch als Wächterin der äußeren Ordnung meines Lebens. Immerhin.

(Mutter, Mutter, warum hast du mich verlassen?)

Ehe ich ins Krankenhaus gehe, mache ich es ähnlich.
Zusätzlich verfasse ich noch ein Testament, in dem ich regele, wer sich um Hund und Katz kümmern möge, was aus meiner großen Musiksammlung wird, und wer den Ginkgo, den mein Vater mir geschenkt hat, in Zukunft wässern soll.
Gerne würde ich ihn im Garten irgendwo in Franken, oder im Odenwald wissen.
Meine Tagebücher würden selbstverständlich alle ungelesen verbrannt, und das Blog als Nachlass könnte meinetwegen stehen bleiben. Nur kommentieren wäre dann halt nicht mehr.

No tikerscherk, no comments

Erinnert mich an einen meiner Lieblingsfilme.
The nine lives of Tomas Katz
Wieso mag ich jetzt nicht erklären. Zu anstrengend, und mit meiner Kraft ist es ja augenblicklich nicht besonders weit her. Wer den Film kennt, weiss es vielleicht. Wer nicht, sollte ihn sich unbedingt anschauen.
Die Antwort findet sich in den letzten Minuten.

No cameras, no legs, no Dave

Ansonsten scheine ich gerade staubige Erinnerungen nach oben zu holen, mir die Hosentaschen aus zu leeren und mein Leben in seine Sequenzen zu zerlegen, um es dann wieder zusammen zu setzen und festzustellen, dass es plötzlich klappert. Was mich wiederum an die weisen Worte des Unterfranken erinnert, der mir seit Jahr und Tag vorbetet, ein altes Motorrad werde in erster Linie zusammen gehalten durch Schmiere, Öl, Fett und Dreck.
Die Patina eines richtigen Maschinenlebens eben.
Ohne echten Anlass daran herum zu schrauben, einfach mal so anzufangen es zu warten oder zu reinigen sei dumm und fahrlässig und brächte nichts als Ärger und Verdruss, vulgo: nerviges Geklapper mit sich.

Never touch a working system

Zu spät, zu viel, zu schnell.
Es klappert und ich kann nur hoffen, dass sich bald wieder Schmiere, Staub und Vergessen in die Zwischenräume setzen und alles zu einem stabilen Ganzen verbacken werden.
Ich jedenfalls klappere inzwischen innerlich wie äußerlich. Sorge mich und grübele, gleichwohl die beste aller Schwestern vollkommen gelassen bleibt.
So ist sie eben. Die Gute.

Aber die Narkose, die habe ich doch schon beim letzten Mal nicht gut verkraftet.
Ob ich nicht doch besser nur Lokalanästhesie?
Ach was, wer nicht wagt.

Es gilt noch immer das Jahresmotto: aktives Zuwarten, das ich in der Hoffnung auf höhere Wirksamkeit gerne steigern möchte zu einem fulminanten aggressiven Zuwarten.
Denn wenn schon warten, dann wenigstens aggressiv, anstatt in einer nervigen und unangebrachten Zimpersusenpienzigkeit selbstmitleidig und dramatisch herum zu lamentieren und zu greinen.
Ojemine, ojemine
Wir kennen das.

Und wenn ich mich so in der Welt umschaue, und nach dem Friseurbesuch durch meinen Gentrifizierungskiez stiefele, dann wird das noch was mit der Wut.
Und zwar ruck zuck. Stante pede. Hoppi galoppi. Zack zack.
Arschgeigenetablissements spratzen weiter aus dem Boden wie Selbstschussanlagen.
Fusselnde Bärte, gähnende Tattoos, Vintagegedöns und triefende Dummheit allüberall.
Verdrängung, wo das Auge hinreicht.

Passend dazu das Graffito des klugen Sprayers am Erkelenzdamm:

Weniger Ärger, mehr Wut. Einfach mal was kaputtschlagen.

Inzwischen leider fast vollständig übersprüht.

So geht das.
Man wird sehen.
Es bleibt spannend.
Wir lesen uns.

Geteiltes Leid

Den heutigen Tag verbrachte ich in der Notaufnahme eines Krankenhauses.
Die gestrige Nacht verbrachte ich im Schmerzrausch.
Ich sollte wirklich mehr trinken.

Localisation of pain caused by kidney stones

Localisation of pain caused by kidney stones (Photo credit: Wikipedia)

Problematischer sind größere Nierensteine: Symptome wie starke, kolikartige Schmerzen, die sich innerhalb von 15 bis 30 Minuten fast bis zur Unerträglichkeit steigern und je nach Lage des Steins in andere Körperteile ausstrahlen können, begleiten den akuten Steinabgang. Mediziner sprechen von einer Nierenkolik (Harnleiterkolik). Sie zählt zu den am intensivsten empfundenen Schmerzarten des Menschen und beruht auf einer Reizung (Irritation) und Überdehnung des Harnleiters durch den abgehenden Nierenstein. (netdoctor.de)

Danke für´s Zuhören, geht gleich viel besser.