Nein, nein, du bist es nicht!

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Singend trete ich aus dem Haus ins gleißende Licht und schließe kurz die Augen. Die Sonne wärmt meine Haut. Grabesstill ist es am Pool, die alten Leute dösen in der Sonne. Weiter hinten sitzt meine Mutter und unterhält sich mit einem von ihnen. Ich sehe ihren Rücken mit dem tiefen Loch, einem dunklen Trichter unterhalb des linken Schulterblatts, das bis zur Lunge geht und Folge einer schweren Erkrankung in ihrer Kindheit ist. Schläuche hatte man dort hinein gesteckt, damit sie nicht an Wundsekret und Eiter erstickte. Früher glaubte ich, dass auch mir eines Tages ein solches Loch wachsen und es mir erlauben würde stundenlang zu tauchen ohne Luft zu holen. Ein menschlicher Wal. Ich musste nur warten, bis ich erwachsen war.

Der Wind reisst die Töne von meinen Lippen und trägt sie davon. Niemand nimmt Notiz von mir und ich wandele an den Schlafenden vorbei, die nur Kulisse sind. Auf Zehenspitzen gehe ich und schraube meine Stimme nach oben.

Ha, welch Glück mich zu seh´n so schön! Bist du es, Margarete? Gib Antwort, schnell, oh gib Antwort!

Eine Opernsängerin bin ich, jubilierend und mit händeringender Hingabe eine Arie darbietend, an deren Ende ich mich mit ausgebreiteten Armen verneigen werde. Ich hole tief Luft, als meine Mutter sich plötzlich umdreht und mich anschaut. Die Augenbrauen zusammen gezogen, eine Zigarette im Mundwinkel, sieht sie mich an und ich spüre ihren Ärger. Ich kann ihn in jeder Muskelfaser, in ihrer Körperspannung, der Art, wie sie den Nacken hält, wie sie den Unterkiefer leicht nach vorne schiebt, wie ihre Nasenflügel sich weiten erkennen. Ich frage mich, wie sie es geschafft hat die Kippe in den Mund zu stecken ohne wenigstens ganz kurz eine Hand von ihrer Brust zu nehmen. Ob der Mann sie für sie angezündet und ihr dann zwischen die Lippen gesteckt hat?

Bist du es, Margarete? Gib Antwort, schnell, oh gib Antwort!

trällere ich, und jetzt schaut auch der alte Mann. Er lächelt und ich zucke zusammen. Meine Mutter starrt mich an und zischt aus dem Mundwinkel etwas zu mir herüber. Ich kann sie nicht verstehen, doch ich weiß auch so, dass ich aufhören soll zu singen. Eine Zeile noch, nur noch eine! Ich senke die Stimme und wechsle die Tonlage. Einem inneren Zwang gehorchend spule ich ganz leise und so schnell ich kann noch diesen einen Satz herunter

Nein, nein, du bist es nicht!

Mit dem letzten Ton lasse ich mich auf meine Liege gleiten und senke den Blick.

Ich weiß, dass ich einen Fehler gemacht habe, doch ich kenne seine Konsequenzen nicht. Wird sie mir einen Klaps auf den Hinterkopf geben, eine Kopfnuss, hart genug um weh zu tun und mich zu erschrecken – das tun sie jedes Mal, selbst dann, wenn ich sie erwarte – aber leicht genug um sie nicht bloßzustellen vor ihrem Verehrer. Oder wird ihr der Schlag ein wenig fester geraten, dass es mir den Kopf nach vorne drückt und die Tränen in die Augen treibt. Vielleicht wird sie eine Bemerkung machen, etwas sagen, was mich herabsetzt, mich schlecht dastehen lassen soll vor diesem Mann. Etwas peinliches, für das ich mich schämen werde. Eines der Dinge, die sie Interna nennt und über die ich niemals reden würde, auch wenn sie nur mich beträfen. Ich kenne die Regeln

Ich kenne die Regeln und ich habe mich nicht daran gehalten. Der alte Mann ebenso wenig, doch er weiß es nicht. Das unterscheidet uns.

Es kommt ganz anders. Keinen Ton sagt meine Mutter. Ohne mich anzuschauen bindet sie das Bikinioberteil im Rücken zusammen, steht auf, sammelt Handtuch, Zigaretten und Sonnenmilch ein und steckt alles in ihre große Korbtasche, die sie sich umhängt. Dann schlüpft in ihre Pumps und geht nach einem kurzen Gruß in Richtung des alten Mannes mit schnellen Schritten davon. Ich höre ihre Absätze auf den Steinplatten, auch dann noch, als sie schon lange im Haus verschwunden ist.

 

 

 

 

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Vierhändig

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Ich weiß nicht, wie ich auf das `Lied´ gekommen bin. Warum ich genau dieses und kein anderes sang. Ich habe mir nichts dabei gedacht, da bin ich sicher. Wahrscheinlich hätte ich, wenn ich nur kurz inne gehalten hätte, das, was dann geschah, verhindern oder zumindest aufschieben und in seinen Konsequenzen abmildern können. Ich hatte keine Ahnung, wie sehr ich sie damit provozierte und wie aufgeladen die Stimmung bereits war. Vielleicht hatte sie gespürt, wie ich sie betrachtet hatte, als sie dalag am Pool, mit der dicken Hornhaut an den Fußsohlen und den großen Brüsten, die formlos in ihren Achseln klemmten, und ihrem Bauch, mit den silbernen Streifen. Vielleicht hatten meine Blicke, mit denen ich ihren Körper wog und seine Unzulänglichkeiten entblößte, sie gekränkt. Doch wahrscheinlich brauchte es das gar nicht und es reichte meine Anwesenheit und die Tatsache, dass sie und ich gemeinsam an diesen verlassenen Ort geschickt worden waren, mein Vater ihr diese Pflicht auferlegt hatte zu beweisen wie falsch er lag. Wir hatten das beide nicht gewollt, da bin ich sicher, doch wir konnten den Erwartungen, dem Anspruch an uns selbst und an die Tragfähigkeit unserer Beziehung, die fürsorgliche Mutter, die kranke Tochter, nichts entgegen halten. Wir mussten auch diesen Weg miteinander gehen um das was uns trennte ins Unauflösbare zu zementieren. Verbunden durch eine Fessel, die umso tiefer ins Fleisch schnitt, je mehr wir uns voneinander zu entfernen versuchten.

Gab es etwas in mir, das sie herausfordern wollte, das Freude an der Provokation hatte oder zumindest Genugtuung darin fand, im ganz eigentlichen Sinne, oder war ich wirklich so arglos und dumm, als ich aus der menschenleeren dunklen Lobby heraustrat, noch ganz verzückt von meinem eigenen Spiegelbild, von der Freundlichkeit, die es mir entgegen gebracht hatte, von meiner Schönheit, von der ich wusste, wie außergewöhnlich sie war, es wusste, aber nicht fühlte, und von der ich immer wieder überrascht war, wenn ich mich erblickte, anders als erwartet, nicht plump und grob, sondern zart und ebenmäßig. Eine Schönheit, die mir mehr schadete als nützte, weil sie sie nicht ertrug, nicht duldete, und jede Würdigung, ob in Worten oder Blicken ahndete, ausnahmslos. Mein Aussehen war etwas worüber wir schwiegen. Ich kannte die Regeln und ich hielt mich daran.

Doch an diesem Tag machte ich einen Fehler.

Manchmal denke ich, dass in der kurzen Zeit meiner Abwesenheit etwas passiert sein muss. Etwas, das den Boden vorbereitete, ihn ebnete indem es die Spannung unter der sie stand ins Unerträgliche steigerte. Was, wenn der ältere Herr, der neben ihrer Liege stand, als ich zurück kam, etwas zu ihr gesagt hatte, einen Satz, ein misslungenes Kompliment, das den Umweg über die Tochter nahm, um der Mutter zu schmeicheln.
Es muss so gewesen sein, denn als ich herunter kam und  aus der Lobby ins gleißende Sonnenlicht trat, das mich blendete und die Menschen am Pool mit ihren Liegen zu dunklen Klumpen auf kurzen Beinen verschmelzen ließ, schlafenden Krokodilen ähnlich, stand dieser Mann da, lächelnd die knochigen Fäuste auf die Hüften gestemmt, und flirtete mit ihr, während meine Mutter, halb aufgerichtet, das lose Bikinioberteil mir beiden Händen gegen ihre Brüste drückte und ins Gegenlicht blinzelte. Ich erinnere mich deutlich an diese doppelte Beidhändigkeit, an zwei Hüften, zwei Brüste und vier Hände. Das Bild ist mir unvegesslich geblieben. Es war das letzte, was ich von meiner Mutter für die kommenden zwölf Tage zu sehen bekam.

 

 

 

(Liebe Leserschaft, ich schreib hier mal am Stück ein paar Episoden hintereinander weg. Mir geht es sehr gut, nichts tut weh, weder beim Schreiben und auch sonst nicht. Wer das  hier nicht lesen möchte, möge einfach aussetzen, bis ich wieder zu anderen Themen übergehe, demnächst. Danke für die geschätzte Aufmerksamkeit!)

Bild: Joan Arkham
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