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Ich habe von einem Krokodil geträumt, sagt die Zimmernachbarin und beinahe fällt mir die Tasse aus der Hand (diese Formulierung verbildlichte in Zeiten, in denen ich aufwuchs einen Zustand höchsten Erstaunens oder Erschreckens).
Von was?, frage ich und kann trotz des unerwarteten inneren Wellengangs kaum die Augen offen halten. Von einem Krokodil, wiederholt sie und schaut mich erwartungsvoll an. Ich nicke. Müde bewegt mein Gehirn, auf der Suche nach einem blassen Erinnerungsfetzen, ihre Worte hin und her. Hat nicht erst gestern die Theaterfrau genau den gleichen Satz gesprochen?
Hast du gestern von einem Krokodil geträumt? tippe ich in mein Handy.
Ja, antwortet kurz darauf das Display, von drei Krokodilen sogar. Sie haben mir in die Hand gebissen.
Das geht ja noch,
denke ich im Halbschlaf, immerhin habt ihr beide die Angriffe überlebt.
Ich muss mich noch auf meinen Vortrag vorbereiten
, sagt die Zimmernachbarin in meine Gedanken hinein, ich referiere über luzides Träumen.
Erstaunt blicke ich auf und sehe sie lächeln, als hätte sie n der Wurfbude einen Volltreffer gelandet.

Draußen ist es neblig, die Essigbäume tragen gelbes Gefieder und über den Krankenhausparkplatz schnürt ein kleiner Fuchs mit ausgebleichtem Fell. In der Ferne sehe ich das Schöneberger Gasometer. Dahinter liegt Kreuzberg, eine andere Welt.

Im vierten Stock steht ein Lavazza-Automat. Wenn man 1 Euro einwirft und auf die Cappucino-ungesüßt-Taste drückt, erhält man einen dunkelbraunen geriffelten Becher mit zuckersüßem Kakao. Falsch befüllt, denke ich und pilgere durch die endlosen Neongänge in die Aufnahmehalle, wo der zweite Lavazza-Automat steht und alsdann der zweite Euro für pappsüßes Gesöff flöten geht. Bestimmt hat irgendein gieriger Automatenbefüller seinen eigenen Billokram da reingetan um noch mehr Reibach zu machen, überlege ich und frage mich, ob ich unter der am Automaten angegebenen Nummer anrufen oder gleich bei Herrn Lavazza vorsprechen sollte. Hab ja sonst nichts zu tun.
Der dritte Automat, an dem ich mich versuche, rückt gegen Einzahlung eines Zwanzigeuroscheines eine Fernsehkarte von Siemens heraus. Im Nachbarautomaten gibt es dazu passende Kopfhörer für 3 Euro. Ich kaufe beides und lege es, zurück im Zimmer, in den Tresor, den  man gegen Einwurf einer Zwei-Euro-Münze benutzen kann.

Durch besondere Umstände bin ich auf der falschen Abteilung, der Gynäkologie, untergebracht, in die kein Arzt von meiner eigentlichen Station sich je verirrt. Da jede Menge Männer in Schlafanzügen über unseren Flur schlurfen, nehme ich an, dass es derzeit entweder erfreulich wenig Frauenleiden gibt, oder aber, dass diese Fachrichtung hier einen derart schlechten Ruf genießt, und dass, wer geheilt werden möchte, sich lieber auf den Weg nach Havelhöhe macht, wo in der dunklen Jahreszeit die Kerzen auf den regenbogenfarben getupften Fluren flackern, hundsgroße Hasen mit gespitzten Ohren im Park herumstehen, die in grobes Leinen gewandeten Eurytmielehrerinnen einen asymmetrischen Bob tragen und wo den Patienten zu Mittag, nach der Wickelstunde, eine Spritze kristallklaren Bergwassers injiziert wird.

Wir sind ein anthroposophisches Haus, antwortete man mir damals auf meine Frage nach einem Fernsehapparat. Auch dort war ich auf der falschen Station, der Onkologie, gelandet, wie ich überhaupt ständig irgendwie falsch bin und in Frankfurt/ Oder ankomme, wenn ich den Zug nach Wittenberge nehme, oder in Heidelberg, wenn ich nach Koblenz fahren möchte.

Um zur Krankenhauskapelle zu gelangen muss ich einen der drei Aufzüge nehmen, die das Bettenhaus II bedienen, und steige in den mittleren Lift mit der Nummer 10. Im Erdgeschoß allerdings trete ich aus Lift Nummero 11 wieder heraus und bin schlagartig von einer tiefen Zuversicht erfüllt: wenn sie es schaffen die Positionen der Kabinen während der Fahrt unbemerkt zu vertauschen, dann können sie alles und mir wird nichts geschehen in diesem großen, schweren Dampfer gleich neben dem Teltowkanal.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Charité Campus Benjamin Franklin, Nino, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

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Auch ein Tumor hat seine moods. Seit 4 Tagen ist er am Wüten und es gibt nichts, womit man ihn besänftigen könnte. Liegt vielleicht an der Hitze, da drehen auch die Kreuzberger Testosteronhengste durch und jagen mit quietschenden Autoreifen und aufheulendem Motor durch die Gegend, weil sie gar nicht mehr wissen wohin mit der Kraft ihrer Lenden.

Was mit der Polizei los ist und warum sie mitten in der Nacht stundenlang über meinem Kiez herumpropellert, weiss ich auch nicht. War was, oder sind das nur  Übungen, um im worst case, den alle mit angehaltenem Atem erwarten, einsatzbereit zu sein?

Dem Hund jedenfalls geht´s nicht gut.
In der Nacht werde ich wach, weil sie hechelt, und am Morgen liegt sie benommen in ihrem Korb und begrüßt mich nicht einmal.
An Spaziergänge ist im Augenblick gar nicht zu denken.
Gestern Nacht und heute über Tag war ich in der Tierklinik mit ihr. Die Ärztin tippt nun doch auf einen Makrotumor. Damit gehörte sie zu den 10 %, die diese schlimme Variante des Morbus Cushing haben. Die ersten Vorboten der zu erwartenden Epilepsie sind schon da und ich versuche mich innerlich zu wappnen für das Schreckliche: umfallen wird sie, zucken, speicheln, das Bewusstsein verlieren, krampfen und in Lebensgefahr sein.
Jederzeit kann das passieren (wie soll ich das aushalten?)

Irgendwann wird der Tumor so groß sein, dass ich sie werde einschläfern lassen müssen.
Ich hoffe, ich werde wissen, wann es soweit ist.

Ich fühle ich mich gerade ziemlich alleine und vom Leben im Stich gelassen.

 

 

 

 

 

Bild: via Frau meertau (danke!), Lizenz: Copyright vermutl Familie Peanut

 

 

Knochen

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Ich könnte es lang und breit und ausschmückend erzählen, aber wer hat schon Lust auf ständig neuen Tiercontent, wenn nicht einmal ein Hundekampf drin vorkommt, wie er in Kreuzberger Kellern noch immer Usus sein soll.

Also:

Der Zustand des Hundes hat sich am Sonntag erheblich verschlechtert: Erbrechen, Krampfen und Hechelatmung. Ich also Tierklinik (wer braucht noch Verben?)
Die diensthabende Ärztin äußert Zweifel an der bisherigen Diagnostik, will noch einmal röntgen und schallen und entdeckt dabei tatsächlich einen großen Fremdkörper in Töles Magen, der beim letzten Röntgen und Schall nicht zu sehen war. Ein Knochenstück. Rätselhaft, da sie seit ihrer Erkrankung für die kurzen Spaziergänge nur noch mit Maulkorb das Haus verlassen darf und Zuhause keine Knochen verfüttert werden.
Die Bauchspeicheldrüsendiagnose scheint fraglich, weil die Werte dafür zu unspezifisch sind und das Tier fast durchgehend Appetit zeigte.
Jetzt muss sie in der Klinik bleiben, der Fremdkörper wird beobachtet und gegebenenfalls endoskopisch oder sonstwie entfernt und in der Zwischenzeit bekommt sie weiter Infusionen und Schmerzmittel. Man vermutet irgendeine Allergie oder eine Autoimmungeschichte. Die extrem erhöhten Eosinophilen sprechen dafür.
Mein kleiner Hund ist arg abgemagert und ich bin auch nicht mehr geworden in den 13 Tagen, die das nun schon geht.

Überflüssig zu erwähnen, dass der Kaffeeautomat in der Klinik kaputt war (oh boy), ich auf dem Rückweg mitten in den zähen Fliegerbombenstau geriet, meine Wohnungstür durch den Tischler geöffnet werden musste, weil das Schloss defekt ist und Zuhause eine Katze auf meinen Laptop gebrochen hatte.

 

 

 

 

 

 

The Bad Doctors

JAMES-ENSOR-THE-BAD-DOCTORS(James Ensor, The Bad Doctors. Photo via Biblioklept)

Ein Alptraum liegt hinter mir, ein weiterer vor mir, und hätte nicht irgendein kluger Mensch Schmerzmittel erfunden, wäre das Ganze noch unerfreulicher.
Kann wahrscheinlich passieren. Ist halt Pech. Gehöre ich eben zu den 5 Prozent, bei denen das schief läuft.
Ist ja nicht so, dass mir Katastrophen in der persönlichen Vita unbekannt wären.
Was da weh tut ist nur der Schmerz.

Trotzdem hätte der operierende Chirurg mich vielleicht besser nicht mit Fieber und erhöhten Entzündungswerten nach Hause schicken sollen, und möglicherweise wäre es gut gewesen wenigstens einen kurzen Blick auf die Wunde zu werfen irgendwann in diesen Tagen in der Klinik, oder zumindest vor der Entlassung. Dann hätte man nämlich sehen können, dass…
Hätte, hätte.
Stattdessen Gebete aus dem Lautsprecher, heilloses Gefrömmel und der gnadenlose Druck der Fallpauschale.

Ja, bin schlecht drauf und außerdem sehr, sehr wütend.

Auf einem Bein

„Du mochtest im Sumpfe nicht schwimmen. Komm nun, komm,  und lass uns baden in offener See!“

Friedrich Hölderlin, Hyperion

Tunnel Vision

Tunnel Vision (Photo credit: Photochiel)

Zitternde Knie, seit der Schillingbrücke.
Kein Kind überfahren. Links Bremse.
Frankfurter Allee.
Eine Eisplatte rutscht von der LKW-Plane vor mir auf die Windschutzscheibe.
Der Verkehr fließt weiter.  Ich schwimme mit.
Scheibenwischer, Fenster runter. Frösteln. Nikotin.
Kurz vor dem Tunnel wird es wieder dunkel und eng. Ich hole Luft.
Kilometerlange Zielgerade.
Auf dem Klinikparkplatz ein Reh.
Der Gärtner lauert mir am Container für Gartenabfälle auf. Wie beinahe jeden Morgen.

Nicht lachen?“ fragt er.
Wonach sieht es denn aus?“
Nicht lachen.“
Eben.“

Worüber auch, du Nervensäge, denke ich.
Es ist November und schon klirrend kalt. Die Kastanien treiben eine zweite Blüte.
Notblüte, nennt M. das, wegen der Miniermotte.
Im Patientencafé essen sie blasse, weiche Brötchen mit einer Scheibe hellem Käse. Die Bedienung hat pinke Strähnen im schwarzen Haar.
In der Vitrine Krankenhaussouvenirs. Ein bandagierter Teddy.
Chefarzt, Oberarzt, Kollegen. Nicken, Lächeln. Geschäftigkeit.
Gang durch die verglaste Eingangshalle mit den deckenhohen, exotischen Bäumen. Draußen flammt der japanische Zierahorn.
Vor dem Aufzug liegt ein schwarzer Fahrradhandschuh.
Als ich einsteigen möchte, rennt er los. Auf mich zu. Eine Wolfsspinne. Ein Schrei. Ich flüchte Richtung Ambulanz. Die Automatiktür schlägt mir gegen die Schulter.
Ein Patient im Rollstuhl mit Fixatoren, die aus dem Unterschenkel ragen, lacht.

Spinnenphobie seit dem Hausbrand.
Im Schein der Taschenlampen sitzen sie auf Augenhöhe an den Wänden. Dutzende.
Vor dem Löschwasser geflohen
Meine Sorge um die neuen Strümpfe.

Herzrasen. Atemnot.
Der Argentinier. Der Hase und der Igel.
Jeden Tag, zu jeder Stunde an jedem Ort.
Ich finde dich überall

Während der Teamsitzung wieder dieses Lachen, das sich wie ein Hustenanfall nach oben schiebt.
M. nicht anschauen. Keiner weiss etwas.
Ich zeichne Katzennasen, dann Schnurrhaare und Dreiecke als Ohren.
Er schaut zu mir herüber. Wir lächeln kurz.

Ein Patient spricht mich an. Er hat uns zusammen gesehen. In der Abendschau. Kreuzberg. Ganz sicher.
Kann nicht sein.
Ick weeß doch wat ick sehe.

Access peace

Unten, in dem langen Gang zur Pathologie kommt mir der einbeinige Dauerpatient auf Krücken entgegen. Locken wie Wolfgang Petry.
Was macht der hier?
Es liegt etwas Gewalttätiges in seinen Gesichtszügen.
Auf Augenhöhe wird er mir die Gehhilfe über den Kopf ziehen und mir den Schädel und das Jochbein brechen.
Verbluten im Keller der Toten.
Eine ganze Weile bewegen wir uns aufeinander zu. Ich vermeide Blickkontakt.
High noon
Die Neonröhren sirren leise.
Ich pfeife verlegen.
Ein Männlein steht im Walde.
Nur wenige Takte. Zu spät.
(Sag, wer mag das Männlein sein?)
Als wir auf einer Höhe sind grüße ich. Er schaut mir in die Augen. Gekränkt.
Ich schäme mich.

Vor der gesicherten Tür zum Eingang der Pathologie die Büste einer Sterbenden.
Zerfließend. Geschenk eines Klinikgönners.
Zutritt nur mit Nedap-Karte.
Oder im Totenhemd, denke ich.