Vergegnung

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Was ich ihm damals wirklich übel genommen habe, was mich über die Maßen gekränkt hat, im ganz wörtlichen Sinne, war die Haltung seiner Eltern. Zu uns, zu mir und zu den nicht geborenen Enkeln.
Ich dachte, sie müssen doch nach dem Glück ihres Sohnes fragen. Ob er den richtigen Menschen an seiner Seite hat, und nicht sich selbst bedauern wegen eines zukünftigen Mangels.
Natürlich war es nicht seine Schuld. Vielleicht hätte er es mir auch einfach nicht erzählen sollen. Ich muss nicht immer alles wissen und seine Wahrhaftigkeit ging allein auf meine Kosten. Überhaupt: sein Hang zu großen Worten und Gesten. Schampus und Brillanten.
Ich will nicht, dass sie zu unserer Hochzeit kommen, habe ich ihm gesagt, denn ich wusste, dass das das Schwerste überhaupt für ihn war.
Seine Eltern standen ihm so nah und sie waren das, was man sich unter guten Leuten vorstellt. Aufrecht, gebildet und immer loyal zu ihren Kindern. Das waren sie und sind es sicher immer noch. Aber sie mochten mich eben nicht. Ich habe ihrem Sohn nur Unglück gebracht.
Als er ihnen am Telefon erzählte, dass er mit Jemandem zusammen ist, freuten sie sich. Wie schön, wer ist sie? Als sie erfuhren, dass ich es bin (ich schon wieder) musste dieses Enkelargument herhalten.
So stelle ich es mir vor. Es war nur vorgeschoben, gar nicht so gemeint.
So denke ich es mir und das entlastet mich. Wenn nur ich es bin, und nicht meine Kinder.

Ich erinnere mich an ihn, wie er mit breiten Schultern in einem weißen Hemd am Klavier sitzt und darauf herumklimpert. Imagine. Irgendeine Abschlussfeier seiner alten Schule, eine Aula, Holzboden und rote Wangen.
Damals war er knapp Zwanzig. Zwischen Mann und Welpe. Dick die Pfoten, groß der Kopf, ein wenig unbeholfen und kräftig und manchmal überraschend elegant. Sein ganzer Körper nur Muskeln und Sehnen. Nicht zuviel und nicht zuwenig davon.
Ich war sieben Jahre älter als er und er hielt mich für die schönste Frau der Welt. Wahrscheinlich war ich das auch.

Ich kann nicht sagen, dass ich mit ihm gespielt hätte.
Ich konnte es nur einfach nicht besser, so wie die Dinge standen und so, wie ich war.

 

Bild: By Robert Wiene († 1938) [Public domain], via Wikimedia Commons

Wir Kinderlose

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gewohnt kinderlos verschiebt sich über die Jahre das Gefühl zu diesem Nicht.
Fruchtlose Liebe, der ungenutzte Körper, schmalhüftig, auch im Geiste.
Auf eine Weise luftig wie die flatternde Fahne damals in der Kieler Bucht.
Das hohe, klingelnde Geräusch der Drahtseile die gegen den Aluminiummast schlagen. Die Füße im Sand.

Kinder deren Namen seit langem bereit liegen.
Zusammengefaltete Flaggen. Sie gleichen Toten.
Ohne Gewicht der Atemzug, der sie von einem Leben trennt.
Ihr Verblassen. Wie einer den man davongehen sieht und nicht mehr erreicht.

Die Möglichkeiten, die in unseren Genen lagen. Im Zwischeneinander.
Diese Liebe, allein und nur für sie bestimmt. Ein Schacht. Werkzeug ohne Zweck.
In keiner anderen Wendung von Belang.
Das Eine. Das Verlorene. Verstorben vor dem ersten Schrei. Sein Tod und die Untröstlichkeit.
Grauer Linoleumboden. Verschatteter Grund. Nie wieder.
Georg für einen Jungen, Ida für ein Mädchen.
Das Licht der Welt.

(Der abgesägte Ast)

Pädagogik

Gestern entdeckte ich im Spamordner meines Email-Accounts folgende Mail:

Hallo, ich habe etwas, das Ihnen gehört.Wenn Sie es wiederhaben möchten kontaktieren Sie mich unter dieser Email-Adresse.

Unterschrieben von einer Frau mit skandinavischem Namen.

Tatsächlich hatte ich Vorgestern mein Portemonnaie mit Karten, Ausweis und natürlich auch mit Geld verloren.
Das wäre noch zu verschmerzen gewesen, wenn das kleine hübsche Lederding nicht ein ausgefallenes Teil aus einer Manufaktur in Buenos Aires gewesen wäre.
Die Aussicht wenigstens dieses Schmuckstück und eventuell meine Karten wieder zu bekommen, stimmte mich zuversichtlich.
Ich antwortete unter Angabe meiner Nummer und wartete auf Kontaktaufnahme.
Die nordische Frau meldete sich am Abend. Wir glichen den Inhalt des Portemonnaies ab. Alles, wirklich alles war noch drin.
Meine Freude über ihre Ehrlichkeit wehrte sie ab.Sie habe ihren beiden Kindern bloß zeigen wollen, wie man sich richtig verhält.
Um mich vollends zu beschämen, brachte mir kurz darauf ihr Mann, begleitet von den beiden Kindern, das geliebte Stück vorbei.
Ich bedankte mich herzlich, und um den Lerneffekt bei Mutter, Vater und Kindern zu verstärken, überreichte ich ihm eine kleine Zusammenstellung von Suchtmitteln für die ganze Familie: Wein, Mozartkugeln, Bonbons und 2 nagelneue Stoffpüppchen.
Drei Stunden später, es war fast Mitternacht, erhielt ich eine überschwängliche Dankesmail, auf die ich wiederum mit einer noch viel dankbareren antwortete.
Dann kam nichts mehr.