Jeck & Jecken, oder Wahnsinn & Frohsinn

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Manchmal scheint mir ich bin (sei und wäre) Rheinländerin. Denn mein Humor, Quell lustigsten Lachens und Born rührigsten Rühmens, mag zwar mitunter ein klein wenig gelitten haben unter den alltäglichen Challenges (como se dice en neudeutsch) denen er tagtäglich ausgesetzt ist; regelrecht ramponiert schaut er dann drein, wie ein angefahrenes Schaf, und entsprechend desolat guckt er auch aus der Wäsche, mal bildlich gesprochen und zum besseren Verständnis, doch vergehen tut er, typisch rheinländisch halt, nie. Früh und gründlich angelegt (als Schülerin der Neuen Frankfurter Schule ) ist er Teil meines limbischen Systems und fest verankert mit dem Frontallappen, dem Kortex, dem Hyperbrachialamus und so weiter. Da hülfe (starkes Verb) nicht einmal eine Lobotomie ihn mir auszutreiben.

Wer´s noch nicht wusste und aproposito Lobotomie: vorlauten Teenagern stocherte man nämlich früher (bis in die 1950er Jahre hinein) mit einem Meißel im Gehirn herum, damit sie endlich mal aufhörten dämlich zu kichern und vor Freude wie toll zu wiehern.
Auch eine der Kennedy-Schwestern mußte daran glauben, als die Lebenslust sie abends um die Häuser ziehen ließ, während ihr ehrgeiziger Vater an seiner Karriere feilte und keinesfalls Großvater werden wollte. Das Lachen ist ihr gründlich vergangen, der Rosemary. Postoperativ schwerstbehindert endete sie (von ihrer Familie totgeschwiegen) in einem Heim, und bekam erst Jahrzehnte nach dem Gehirnmassaker, veranstaltet von einem Freund der Familie und dem Lobotomiechirurgen überhaupt, Dr. Freeman, den ersten Besuch ihrer Mutter. Da zuckte die alte Rosemary noch einmal hoch, stürzte sich auf die schändliche Verräterin und scheuerte ihr eine, dass es weithin schallerte.
Rosemarys Schicksal führte übrigens später zur Gründung der Special Olympics.

Doch dieser kleine Ausflug nur nebenbei. Passt gar nicht zu mir, so trübes unappetitliches Zeug zu erzählen. Ich hoffe, dass niemand sich davon die gute Laune verderben hat lassen, wo doch gerade an einem solchen Tag, wenn der Regen gemütlich herunter prasselt und uns eintrommelt auf die dunkle Jahreszeit, die ersten Lebkuchen und Marzipankartoffeln besonders lecker munden (aus Jux Sprachebene gewechselt) und man einfach mal seine Ruhe haben möchte.

Abgeschweift.

Wo andere Helau und Alaaf riefen, krähten wir Kinder meckmeck in Anlehnung an den Namen des ortsansässigen Karnevalsvereins, der zugleich auch Turnverein war und Die Meckerer hieß. Wenn dort zur Fassenacht die Büttenreden gehalten wurden und jeder Kalauer im Anschluss mit einem Tusch kenntlich gemacht wurde, rief zuerst der Vorbeter Kölle Alaaf oder Mainz Helau und wir Kinder schrien im Anschluss im Chor und wie von Sinnen, Seckbach meck meck!, bis wir heiser waren am Abend und unsere Eltern zufrieden.

Es gibt viele Wege ein Kind zum Schweigen zu bringen. Klamauk ist eine davon.

 

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Im Bergmannkiez wurden übrigens inzwischen auch alle Irren mundlos gemacht.
Null Stimmen für die AfD bei der Wahl vor zwei Wochen.

 

 

 

 

Bild: Wladislaw Podkowinski, „La Folie“ (1894)/ Quelle: Wikimedia

Hölle, Hölle, Hölle

 

Die Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel über Berlin, und es ist schneidend kalt.
Als ich über die Schillingbrücke Richtung Kreuzberg stapfe, pfeift mir der Nordwind in den Nacken. 
Ich friere bis auf die Knochen.
In der Ferne erhebt sich die Engelskirche, in deren Schatten sich das Baumhaus an der Mauer des Efendi Kalin duckt. Wenige Meter vor mir fliegen fünf Schwäne, mit riesigen Schwingen, knapp über die Brücke und die sich stauenden Autos hinweg. Unter ihnen auch ein graugefiedertes Jungtier.
 Vor der Silhouette des Roten Rathauses, landen sie auf der Spree und ziehen mit anmutig gebogenen Hälsen weiter Richtung Westen.
 Ein paar Enten und Möwen sitzen auf den Eisschollen und lassen sich flussabwärts treiben. Dazwischen bahnt sich ein klagendes Blässhuhn mit rostiger Stimme den Weg durch das kalte Nass. 
Wie eine Taube nickt es, von einem inneren Takt angetrieben, unentwegt mit dem Kopf, taucht für einige Sekunden unter, und kommt an unerwarteter Stelle wieder an die Oberfläche.
Erstaunlich, dass Schwäne trotz ihrer Leibesfülle so gut fliegen können, denke ich.
 So, wie die Spieler der Berliner Eisbären, die sich dickgepolstert, mit schrankbreiten Schultern und wattierten Schienbeinen überraschend behende übers Eis bewegen. Töle starrt durch die Metallstreben des Brückengeländers auf die Spree. 
Ihr Winterfell ist zottlig-grau.
Die Jukebox in meinem Kopf springt an. Ein Oldie reiht sich an den anderen:

„Ich möchte ein Eisbär sein, im kalten Polar…“
„You´re as cold as ice…“
„Ice, ice, baby“

und sogar
„Ein Lied kann eine Brücke sein“.

Aus welchem verstaubten Winkel meines Gehirns diese Töne wohl an die Oberfläche gefunden haben?
 Die Patina der Jahre hat sie ein wenig vergoldet, aber schon nach ein paar Takten bröckelt sie und mir reicht´s.

„Wo man singt, da lass dich nieder, denn böse Menschen haben keine Lieder“

Schwachsinn.

Es waren die übelsten Petzen und Streber, die sich im Musik-Unterricht besonders hervortaten indem sie auf exhibitionistische Weise, ihre glockenhelle Stimme zur Schau stellten.
 Mit betulich aufgerissenen Mündern und eifrigem Gesichtsausdruck, sangen sie auch im Kirchenchor, der mir schon deswegen wie eine Idioten-Liga vorkam. Die sakrale Musik bewegte sie so sehr, dass sie mit festgenagelten Füßen auf einer unsichtbaren Vertikalachse hin- und herpendelten, wie ein Metronom.
Ich erinnere mich an den Besuch bei der Passauer Maidult vor vielen Jahren. Erwachsene Menschen sitzen untergehakt auf Bänken, Bierhymnen johlend, bei denen sich Mädel auf Knödel, Durst auf Wurst und Stock auf Bock oder Rock reimt.
Lederhosen, Dirndl, Gamsbart, Musi, Maß und Brez´n.
Da wird gewippt, geschunkelt, gepoltert, geschuhplattelt, vor Freude gewiehert und gejuchzt.
Wie beim Karneval: verkleidete Narren, die betrunken auf langen Holzbänken sitzen, nach jedem Tusch hysterisch auflachen, und losgrölen, sobald der erste Takt von „Viva Colonia“ gespielt wird.
Rhythmisches Klatschen.

Gell du hast misch gelle gern, gelle isch dich aach, 
gelle wann isch lache tu, gell dann lachst du aach

In Würzburg hatte ich einen Mitstudenten, der als Burschenschafter mietfrei in einer schönen alten Villa lebte, die der Verbindung gehörte. Finanziert von den Alten Herren, ehemaligen „Burschen“.
 Meinem Kommilitonen verhalf sein Corps zu einem unbeschwerten Studium, mit reichlich Zeit für´s Saufen und Burschenlieder schmettern.

Verkleiden, trinken, lärmen.

Jetzt bin ich im Fußballstadion. Das rhythmische Springen des ganzen Blocks bringt die Tribüne gefährlich ins Schwanken, bengalisches Feuer lodert und qualmt. La-Ola-Welle.

Du hast die Haare schön
So sehen Sieger aus!

Die Bilder verschwimmen. Vor meinem inneren Auge sehe ich ein Wolfgang-Petry-Fantreffen. Alle sind, wie ihr Idol, in den achtziger Jahren hängengeblieben: mit dicker Lockenmatte auf dem Kopf, kariertem Hemd, Schnauzer im Gesicht, Bluejeans und unzähligen ausgefransten Freundschaftsbändchen an den Handgelenken.
Du bist der Wahnsinn. Ich geh mit dir durch die Hölle
singen sie im Chor. Bier kühlt die durstigen Männerkehlen und der Trupp zieht tanzend durch die Straßen. Aus den Häusern kommen immer mehr Petry-Klone, die sich dem Zug anschließen, der sich schnell zu einem Strom verdichtet. Manche von ihnen haben eine Akustik-Gitarre dabei, auf der sie das Heer der Klone musikalisch begleiten. Seit Jahren haben sie auf diesen Tag gefiebert und jeder Akkord sitzt.
Wir überqueren die Köpenicker Straße.
Hier ist Kreuzberg, hier bin ich sicher vor dem Mob, der am mit zum Himmel gestreckten Armen „Hölle, Hölle, Hölle!“ skandiert und weiter Richtung Westen marschiert.
Als ich am Kreuzdorf abbiege, kommt uns Leggit, ein betagter Doggen-Mischlingsrüde entgegen.
 Seit Jahren patrouilliert er rund um die Wagenburg. Die Hunde begrüßen sich freundlich. Am nächsten Baum hebt Leggit das Bein. Töle trabt ihm hinterher und schnuppert an der feuchten Rinde.
Aus einem 6-Tonner-Mercedes-Wohnmobil vor dem Georg-von-Rauch-Haus dringt lautes Geschrammel. Death before dishonour von The Exploited.
 Neben dem verrosteten Wagen stehen drei Punks mit ihren Hunden.
 Sie tragen schwarze Lederjacken, enge Hosen und 10-Loch Doc Martens. Mit einem Sternburger in der Hand, bewegen sie die Köpfe ruckartig zum schnellen Takt der Musik.
 Der eisige Wind trägt den Klang eines Martinshorn zu uns herüber. Von der Adalbertstraße biegt ein Krankenwagen mit Blaulicht auf den Bethaniendamm.
 Auf unserer Höhe schaltet er erneut die Sirene an.
Die Hunde der Punks heben ihre Köpfe und fangen an zu heulen.