Zeppelin

Flickr_-_…trialsanderrors_-_Zeppelin_LZ-5_before_launch,_Manzell,_Lake_Constance,_Germany,_1909
Aus der Mitte des sandfarbenen Papierblattes dreht eine Spitze sich heraus,
ein Bleistift oder eine Schraube, langsam zu mir hin.
Ganz dicht, beinahe bis an die Iris kommt sie, und ich blinzle nicht. Der Tränenkanal.

Ein Zigarrenstumpen, träger Käfer, brummt im Tiefflug lautlos vorbei. Ganz nah. Überraschende Schwerelosigkeit. (Der Vater) . Sein Schatten auf dem Papier wie ein landender Zeppelin.

Endloser Raum, weißes Licht. Solides Schweben.

In einer anderen Nacht sind es Buchstaben, tiefe Lettern, ochsenblutfarben, die sich freihändig vor mir bewegen, wie der Abspann eines Filmes. Einzeln, nacheinander. Bis etwas sie zurückschnellen lässt, eine elastische Kraft sie an die Rückseite des falzlosen Raumes zieht, wo sie geräuschlos anhaften auf dichtem Weiß:

A und M und O.

Es ist still hier.

Bild: By …trialsanderrors [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)%5D, via Wikimedia Commons

Flohr-Otis

20140803_203137
Liebes-Lied

Wie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

 

Rainer Maria Rilke
Neue Gedichte (1907)