Die Wahrheit

4820413225_83b8caa650_z

Immer mehr Fallstricke und mögliche Gruben (nicht Gräben) tun sich auf, die mit berücksichtigt werden wollen. Und immer häufiger stellt sich die Frage, ob und wie aus der Geschichte wieder heraus zu kommen sei.
Plötzlich eine ganz andere Version erzählen oder die eigene Biographie neu erfinden? Einfach von vorne anfangen in einer fremden Stadt? Und dort von Beginn an auftreten als der Mensch, der man ist?
Und ist man überhaupt derjenige, der eine Biographie hat, oder jener, der sie erfindet, ein Geschichtenerzähler? Jemand, der die Skulptur durch Schweigen und Weglassungen, durch Unterschlagungen und das Fördern falscher Annahmen aus dem Klumpen Leben herausformt, sichtbar für andere und fühlbar für sich selbst.

Familienaufstellungen, bei denen fremde Menschen sich weinend umhalsen, weil einer so sehr in der Geschichte des anderen aufgeht.
Stellen wir auf, inszenieren wir nur? Sind wir alle Burgschauspieler, die ihre authentischsten Augenblicke auf der Bühne erleben und in der heimischen Einsamkeit zusammensacken wie Heißluftballons am Boden? Oder ist es umgekehrt und nur wenn wir alleine sind, fällt alles Beiwerk und jede Zierde von uns ab und wir sind ganz wir, frei und ohne Rollenerwartungen?
Wieviel Geheimnis und Privatleben darf sein, und wem gegenüber?

Die Wahrheit erzählen, die äußere. Auf die Menschen zugehen und ihnen zeigen, wer man ist. Ein Setzkasten voller Erinnerungen und Erfahrungen. Wem schulden wir die Wahrheit? Jenen, denen wir nahe sind? Und wieder: welche Wahrheit wäre das? Die erfundene, inszenierte, die selbstgeschöpfte, erdichtete, oder jene Wahrheit der Formalitäten und Fakten, der objektiven Umstände? Eckdaten.

Was bedeutet Nähe überhaupt, wenn wir uns nicht zeigen?

Wenn es so etwas wie ein empfundenes Geschlecht gibt, das von dem phänotypischen, dem aktenkundigen Geschlecht abweicht, ein Mensch sich z.B. als Frau fühlt, aber im falschen Körper geboren wurde, gibt es dann nicht auch falsche Umstände, die dem Selbstbild, den Empfindungen, der Idee von sich widersprechen, und mit denen man einfach nicht leben möchte?

Sind wir nicht alle schon Prinzessinnen oder Helden gewesen und nicht bloß schnöde Durchschnittsmenschen mit einer Durchschnitts-Vita? Müssen wir vor uns selbst eingestehen, dass wir klein und unbedeutend sind, und es dann wahrheitsgemäß den anderen mitteilen, um sie nicht zu täuschen und um bei ihnen zu sein. Nackt und nah und schutzlos?
Oder dürfen wir erzählen, behaupten, lügen und manipulieren, wenn es um unseren Lebenslauf geht? Wem schaden wir damit?

Bis zu welchem Grad spricht man noch von Ehrlichkeit und wann ist die schonungslose Aufrichtigkeit bereits exhibitionistisch und somit eine Zumutung? Möchten wir, dass der andere uns seine Tagebücher vorliest und über die geheimsten Empfindungen detailgenau informiert? Uns explizit auf dem Laufenden hält über seine ever changing moods, seine Entwicklung, sein Werden?
Wieviel Selbstbeherrschung, Selbstinszenierung und Dichtung erwartet man von uns, und wann erreicht das Theater ein Ausmaß, das als Lüge zu werten ist?
Was dürfen wir unterschlagen und was schulden wir einander, an Diskretion, wie auch an Offenheit?

Ich erfinde mich und versuche heraus zu finden, mich zu erinnern, wer ich bin oder sein könnte. Ich weiss es nicht.
Jeden Morgen, wenn ich erwache, bin ich eine andere, als die, die sich am Abend ins Bett gelegt hat, und ich staune, wie ich über die Jahre hinweg Beziehungen zu Menschen aufrecht erhalten kann, die mich immer wieder erkennen und lieben, trotz aller Wandlungen, die ich erfahren habe.
Ich scheine die Rolle gut zu beherrschen.
Ich kann gar keine andere.
Ich zeige mich niemandem, nicht einmal mir selbst.

Nur meine Zellen teilen sich ungefragt weiter. So lange ich lebe.

 

 

 

 

Mein Beitrag zu txt, das sechzehnte Wort (Distanz)

 

 

 

https://www.flickr.com/photos/37925259@N00/4820413225/in/photostream/
https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Zwillinge

DSWA_Zwillinge_73A_&_B

Zwillingstreffen in der Hauptstadt.
Gealterte Lottchen. Ihr schmerzlicher Doppelblick: hast du uns gesehen?
Karussellpferdchen.
Die Welt lächelt.

Gleich zwei Pärchen sind am Potsdamer Platz unterwegs.
Jenseits der Sechzig mit rübenroter Kurzhaarfrisur das eine,
über Fünfzig, hager, mit großporiger Haut, tiefen Nasolabialfalten und schwarzgefärbten Locken das andere.

Die Gleichgültigkeit, mit der die Zeit über alles hinweg geht, in zweifacher Ausführung.
Alte Kinder.
Noch einmal im Licht stehen.

Wenn eine von beiden sich operativ verjüngen und dabei ihren Zwilling zurück ließe. Ein paar Jahre der Teilhabe gewinnen. Das Antlitz der Vergangenheit annehmen um die Gegenwart zu überwinden. Zurückkehren.
Das Gesicht ihrer Schwester eine Erinnerung. An das was war und das was sein wird,
das Unentrinnbare.

 

Bild: By Krauss works picture (Collection F. Rauh) [Public domain], via Wikimedia Commons

Europa

English: Map of Europe as a queen, printed by ...

English: Map of Europe as a queen, printed by Sebastian Munster in Basel in 1570. (Photo credit: Wikipedia)

Als ich das erste Mal in den USA war, wurde mir auch zum ersten
Mal wirklich bewusst, dass ich Europäerin bin.
Damals konnte man noch überall auf unserem Kontinent uneingeschränkt
rauchen.
In Kalifornien hingegen durfte man das schon lange nicht
mehr.
Ich besuchte einen Freund, der in Palo Alto, unweit von San
Francisco, an der Uni arbeitete.
Zusammen gingen wir in eine Art Biergarten und tranken am helllichten Tag, in der Nachmittagshitze Margaritas. Wir waren ja schließlich an der Westküste.
Bald lechzten meine, von Alkohol und Sonnenglut geweiteten Gefäße
danach, durch Nikotin wieder in Form gebracht zu werden.
Rauchen!
Ich zündete mir eine Zigarette an und fragte nach einem Ascher.
Unser sportlicher Kellner starrte mich entgeistert an. Ganz so, als hätte
ich ihm etwas sehr Unflätiges, ja geradezu Widerwärtiges mitten ins
Gesicht gerülpst.
Vorbei war es mit dem trinkgeldheischenden Lächeln aus kiefernorthopädischer Werkstatt.
WE ARE NOT IN EUROPE, MA´M!
sagte er mit kühlem Nachdruck, und wies mit seinem gebräunten, blond beflaumten Surferarm Richtung Ausgang.
Konkret bedeutete dies, dass ich mich zum Rauchen auf eine Bank zu
begeben hatte, die 30 Fuß vor dem Eingang des Gartens aufgestellt
war. Daneben stand ein randvoller Aschkübel. Stinkend und
abstoßend.
Verachtete man uns unkultivierte Europäer so sehr?
Und wenn schon.
Ich musste an den Song Safe European Home von The Clash denken
und bekam Heimweh nach Europa.

Afterwork Punkrock

afterwork punkrock

afterwork punkrock (Photo credit: mkorsakov)

Manchmal bin ich überrascht, wie erwachsen ich reden und schreiben kann.

Dass ich zu vielen Dingen eine eigene und häufig sogar fundierte Meinung habe.

Dass ich 3sat und arte schaue, Lyrik liebe, Zeitschriften abonniert habe, Wein trinke, Tischsitten beherrsche, kochen kann. Verschiedene Sprachen erlernt habe. Einen eigenen Hund habe, der zudem noch ziemlich gut erzogen ist.

Die Katzen nicht so.

Dass ich mich um alle Belange meines Lebens selbst kümmern kann, und mich wie ein gut programmierter Robot durch diesen Gemischtwarenladen bewege.

Dass ich Rechnungen bezahle und eine Steuernummer habe.

Dass ich große Lieben und Verluste hatte.

Dass der erste Liebeskummer  lange zurückliegt, und der letzte auch.

Dass ich schon 6 Haus- und Wohnungsbrände, einen Autobrand, einen Hotelbrand, 1 Kinobrand, 1 Geisterfahrer, 1 Flugzeugabsturz, 1 bewaffneten Raubüberfall, Autounfälle, Krankheiten und diverse andere Katastrophen erlebt habe und so oft unversehrt davon gekommen bin.

Dass ich Patenkinder habe, denen ich Dinge schenke, über die ich mich als Kind gefreut hätte.

Dass ich das kleine Mädchen mit den kurzen Zöpfchen links und rechts war, dass auf der Weide steht und Angst vor einem Schaf hat.

Dass ich die 14Jährige war, die sich die Haare absäbelt, Punkrock hört und mit Substanzen regelmäßig das Gehirn ausschaltet.

Dass ich tatsächlich ein Studium abgeschlossen habe.

Dass ich ins Casino gehe und dort Roulette spiele.

Dass ich große Entscheidungen ganz alleine treffen und dann auch durchziehen kann.

Dass ich die war, die immer bei mir war, und die ganz unbemerkt erwachsen wurde.

———————————————-

Lyrik: Gottfried Benn,  Nur zwei Dinge

Musik: Cat Stevens, Child For A Day