3 (auf einer Skala von 1-10)

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Die Agrarwissenschaftlerin hat ein Gemüsebeet auf der Terrasse angelegt, das sie mit viel Hingabe beackert. Da kommt ein Mann in den Garten geschlendert und sticht sie vor meinen Augen nieder. Ihr Blut fließt auf die frischen Pflanzen, verklebt die ersten Keimblätter und ich stehe mit hängenden Armen und offenem Mund drinnen in meinem Aquarium, derweil der Mörder mit suchendem Blick weiter durch den Garten streicht. Es ist Nachmittag, kein Kind im Sandkasten, nur eine Katze stromert am Zaun entlang. Zum Glück bloß ein Traum.

Die Berichterstattung über den Fall gibt Rätsel auf. Wo waren die Eltern des Täters zum Tatzeitpunkt? Hat der 19Jährige tatsächlich ganz allein ein Haus bewohnt? Was hatte ein Beagle, der bei den Fahndungsaufrufen gezeigt wurde, mit all dem zu tun. Wieso und für wen könnte es von Relevanz oder von Interesse sein, dass die Eltern des Mörders (angeblich) Hartz-IV- Empfänger sind.
In irgendeinem Posting zum Thema bedankt sich einer von der Natürlich-hat-wieder- nix-mit-nix- zu-tun-Fraktion bei Frau Merkel. Er muss die Kanzlerin tatsächlich für allmächtig halten. Aus Mutti wurde Gott.

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Das Internet ist in heller Aufregung über den BBC-Reporter in dessen home-office, während einer Live-Übertragung, die beiden Kinder hereingehopst und -gerollt kamen. Man ist noch nicht sicher, ob er ein Guter oder ein Nicht-ganz-so-Guter ist und ob man ihn verurteilen oder zumindest doof finden sollte, weil er das ältere Kind ohne hinzusehen weggeschoben und unterdessen versucht hat das Interview fortzusetzen. Alles in allem einigt man sich aber dann doch darauf, dass er ein lieber Papa ist, weil er a) Zuhause arbeitet und b) durch ein Schmunzeln verraten hat, dass er seine Kinder lieb hat.

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Der Bekannte hat schlechte Laune, behauptet aber er hätte gute Laune oder mindestens normale, also mittelmäßige, Laune. Doch seine Gesichtszüge verraten ihn und das liegt nicht allein an der Schwerkraft a.k.a. Erdanziehung.
Auf einer Skala von 1 bis 10?, frage ich ihn. 3, ist die Antwort, man kann nicht allezeit ein Hoch erwarten. Doch, das kann man. Erwarten ist ja eine Art Hoffen, wenn es um´s Glück geht, und ohne Hoffnung ertrüge man das alles überhaupt nicht ist alles viel schwerer. Außerdem ist 3 nicht mittel sondern mickrig.

Zugegeben, es war blöd, dass ich den Bekannten mit falschem Namen angesprochen habe. Ich finde aber Papa wäre weitaus schlimmer gewesen. So hat der Unterfranke mich früher manchmal genannt, versehentlich. Also Mutti natürlich, nicht Papa. Das hat mir damals auch die Mundwinkel in den Keller gezogen und die Laune auf 3 gedrückt. Zumindest beim ersten Mal. Heute ist Mutti ja quasi Gott oder wenigstens allmächtig, da würde es mir vielleicht weniger ausmachen ihren Namen zu tragen.

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Was sonst? Der Bärlauch schiebt sich aus der Erde. Die Katze kotzt Blut. Der Tierarzt schimpft mit mir und sagt: Das liegt am Katzengras, das hätten Sie ihr nie geben dürfen. Und ich sage: Aber ich habe doch extra in Ihrer Praxis angerufen und die Kollegin gefragt, ob das Katzerl Gras haben kann und sie hat gesagt, gar kein Problem, natürlich darf sie das. Und da antwortet der Tierarzt: Ach so, da sind meine Kollegin und ich aber verschiedener Meinung, ich lehne Katzengras für Kurzhaarkatzen grundsätzlich ab, das kann zu schweren Magen- und Kehlkopfverletzungen führen. Seufzend zücke ich mein Portemonnaie. Wieviel macht´s denn?
Er wird es auf die Sammelrechnung setzen, wie immer. Ich bedanke mich.
Auch der Hund hat schon bessere Zeiten erlebt. Mit schwachen Hinterläufen und tiefschwarzen Augen torkelt sie durch die Wohnung. Mehr als 10 Meter am Stück ist grad nicht. Draußen muss sie weiterhin getragen werden. Aber soll ich Ihnen mal was verraten? Ich gewöhne mich langsam daran. So ist es eben. Schwerer fällt es mir derzeit, Tag für Tag die selben Dinge zu erklären, und mir die Eigenarten und Empfindlichkeiten jedes einzelnen Menschen in meinem Umfeld genauestens einzuprägen, diese stets abrufbereit zu haben, und mein Verhalten auf´s Allerperfekteste darauf abzustimmen, weil sonst die 3 oder Schlimmeres droht. Bin ja auch nur eine fehlbare tikerscherk mit reichlich Gepäck auf dem müden Rücken.

Trotzdem: Frühling!

Musik:

(youtube direktlink. Bilderbuch, Bungalow)

 

 

 

 

Bild: Alexander von Halem, Emilio, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

pastel de nata

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Die Kindergärtnerin muss Dienst haben, denn nebenan singen sie Bruder Jakob. Ist ihr Mann dran sind´s die Drei Chinesen. Ein Lied, das die Koreanerin nicht mag, weil die anderen Kinder sie anstarrten, wenn es gesungen wurde.

Ich beobachte einen Jungen dabei, wie er dem Gruppenaußenseiter die Mütze vom Kopf reisst, ihm in die Augen schaut und die Mütze in den nassen Dreck wirft. Erschreckend sein harter, verächtlicher Blick. Die Erzieher bekommen nichts mit davon.
Paradoxe Interventionsfantasie: den Übeltäter bei den Armen packen, zwei-, drei Mal im Kreis herum wirbeln, dabei fröhlich Huuuiiii! rufen und nach dem Absetzen des Tunichtguts ungerührt ins Haus zurück spazieren.
Manchmal fällt es schwer die Füße still zu halten.

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Ein sturzbetrunkener Mittdreißiger fliegt aus einem Club, geht wutentbrannt zum nächstgelegenen Taxistand und trommelt mit den Fäusten auf einen der dort wartenden Wagen ein. Es gelingt dem Fahrer nicht, den Tobenden zu stoppen und so tippt er mit der Stoßstange leicht gegen dessen Beine. Der Randalierer fällt um, knallt auf den Kopf, steht wieder auf und hämmert weiter. Das Ganze wiederholt sich einige Male – trommeln, umfahren, aufstehen, weitermachen – bis der Fahrer endgültig die Beherrschung verliert und den Betrunkenen kurzerhand überrollt. Mit schweren Kopfverletzungen und gebrochener Hüfte kommt der Randalierer in die Klinik.

F: Wo geschehen?
A: In Kreuzberg süd-ost.

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Die neue Katze bevorzugt Futtersorten mit schlimmen Namen.
My star is a foodie, Schmusy und miamor. Zum Beispiel.
Ich kaufe das Futter inzwischen nur noch online – ohne Zeugen, ohne Schmach – und räume es klammheimlich und scheuklappenbewehrt in die entlegensten Schränke in den hintersten Winkeln der Wohnung. Den Müll trage ich des Nächtens nach draußen, nachdem ich die Umverpackungen bis zur Unkenntlichkeit zerstückelt habe.

Der Paketbote jammert jedes Mal, wenn er die schweren Futterkartons in meine Wohnung schleppt. Ich entschädige ihn mit 5 Euro, der Hälfte der Ersparnis des Online-Einkaufes. Win/win.

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Der Hund ist schlagartig wieder so krank, dass er vor die Tür getragen werden muss. Sie kann kaum stehen, ist verwirrt und zittert am ganzen Körper. In der Tierlinik tippt man auf eine zusätzliche neuromuskuläre Erkrankung. Myasthenia gravis vielleicht.
Ruhe, Ruhe, Ruhe.
Erst der Hirntumor, jetzt das. Ich mache mir große Sorgen.
Hoffentlich ist das nicht der Anfang vom Ende.

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Nach 5 Tagen Krankheit ist immerhin der Bekannte von seinem Lager aufergestanden. Nicht mal die Zigaretten schmeckten ihm noch und besorgniserregend grau war er im Gesicht. Der Dauerhusten hat uns beiden schlaflose Nächte, ihm Muskelkater und beinahe einen Sixpack-Bauch beschert.
Die intensive räumliche Nähe war sehr schön. Entgegen der gewohnten Askese gab´s täglich Kuchen. Der Bekannte ist Katholik und damit von Haus aus viel sinnesfreudiger als wir selbstgeißelnden, entsagungsversessenen Protestanten. Leider vergisst er das oft und ich muss ihn erst wieder daran erinnern. Heute werde ich seinem Gedächtnis mit pastel de nata, gekauft beim fabelhaften  Double Eye in Schöneberg, auf die Sprünge helfen.

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Die totgesagte Sonne scheint in den Garten. Zeternd sitzen die Spatzen im Bambus und lassen sich vom Wind hin und her schaukeln. Die Kohlmeise wetzt den Schnabel am Ginkgo, pickt rasch ein Körnchen und fliegt davon.
Tölchen liegt unter meinen Stuhl und fiept kaum hörbar.
Wir leben.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: di.fe88, flickr, Spiegelung
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Auf Null

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Wann tritt das in Kraft?“
“ Das tritt nach meiner Kenntnis…ist das sofort,unverzüglich.“

 

Die Haare sind geschnitten. Der Sommer bald vorbei. Der Hund nach Wochen des Aufatmens doch wieder krank, Erbrechen und Durchfall. Die Bauchspeicheldrüse, mitten in der Nacht. Es kann nicht ruhig bleiben in meinem Leben. Was ist das bloß?
Ich hänge in einem Vakuum aus Ermattung, Erstaunen und Aufbruch.

Ein Knall, unvermittelt und langerwartet. Der Turm stürzt um.

Zirpende Zikaden

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Ich stehe mit Töle auf dem Feld. Eine Frau kommt den ausgetretenen Weg entlang. Neben ihr ein alter Schäferhund mit lahmen Hinterläufen. Zwischen den Zähnen trägt er eine blassgelbe Frisbeescheibe.
Genau hier wolle sie jetzt leider mit ihrem Hund spielen, sagt die Frau mit selbstbewussten Lächeln und leicht brüchiger Stimme. Sie ist inwischen nahe heran gekommen und steckt mit einer umfassenden Armbewegung das beanspruchte Gebiet ab. Jeden Tag käme sie hierher, ihr Hund sei das so gewohnt, begründet sie in merkwürdig amüsiertem Ton ihre Forderung.
Durch den Starkregen der vergangenen Nacht hat sich auf der torfigen Brache eine große Pfütze gebildet, aus der Töle mit staksigem Schritt Stöcke und Halme fischt. Es ist sengend heiß und ich bin froh um diese Abkühlung für sie.
Ich schaue die Frau an und mein Mund öffnet sich. Das heisst, ich soll abhauen, höre ich mich sagen. Mein Ton ist kalt. Sie nickt, lächelt schulterzuckend dazu und erinnert mich dabei an jemanden, doch ich komme nicht darauf (an wen).
Auf dem Absatz drehe ich mich um und gehe. Ein ungeheurer Ärger steigt in mir auf, ein Gefühl stark und lodernd wie Hass. Ich sollte zurück gehen, denke ich, und ihr einfach eine runterhauen. Mitten in ihr arrogantes, dummes Gesicht. Wieso habe ich den Platz überhaupt geräumt. Ich hätte bleiben sollen. Töle folgt mir ein wenig ratlos und mit aufmerksam erhobenem Kopf.
Dan-keee!, ruft die Frau uns hinterher und ihr Ton klingt jetzt betont unkompliziert und frisch, als wolle sie nun mich durch ihre nachsichtige Freundlichkeit ins Unrecht setzen. Wütend gehe ich weiter. Was ist bloß los mit mir? Wieso ärgere ich mich derart über eine irre Alte.
Bei dem nächsten Schuppen setze ich mich ins Gras und blicke auf den See, der silbern zwischen den Bergen liegt. Noch immer bin ich so in Rage, dass es mir schwer fällt ruhig zu atmen und einen anderen Gedanken zu fassen. Unterdessen springt Töle über die Wiese und wälzt sich hier und da. Plötzlich macht sie einen Satz und fängt an wie wild zu buddeln. Ich pfeife sie zurück. Keine Mäuse.
In der Ferne höre ich die Frau, wie sie ihrem Hund etwas zuruft. Wahrscheinlich hat er  die Scheibe nicht apportiert und sie muss sie jetzt selbst aus dem Matsch klauben. Ich versuche nicht hinzuhören und konzentriere mich stattdessen auf das Zirpen der Zikaden.

Vor vielen Jahren machten der Fernsehmoderator und ich in Südfrankreich bei einem Landhotel Halt. Wir schienen die einzigen Gäste an diesem abgelegenen Ort zu sein, denn der Parkplatz vor dem Haus war leer und beim Abendessen saßen wir allein auf der großen Terrasse mit Blick auf eine verdorrte Ebene. Schnell leerten wir die Karaffe mit dem Hauswein und orderten eine zweite, doch die Gegend wurde nicht schöner dadurch.
Wir stellten uns vor, es erginge uns wie dem Paar in dem Film, den wir kürzlich gesehen hatten, und die, genau wie wir, in einem einsam gelegenen Hotel abgestiegen waren. In der Nacht, wenn wir schliefen, käme ebenso eine Ambulanz, die uns beide, vollkommen benommen und wehrlos vom, mit Schlafmittel versetzten, Rotwein, einlud, uns zu einer Privatklinik brächte, wo man uns, jung und gesund wie wir waren, ausweiden würde, um das Leben schwerkranker reicher Kunden mit unseren frischen Organen zu verlängern.
Uns gruselte derart bei der Vorstellung, die uns mit jedem Schluck, den wir nahmen, immer realistischer erschien, bis sie sich gegen Ende des Essens zu grausiger Gewissheit verdichtet hatte. Wir beschlossen, dem harmlosen Getue des Personals keinen Glauben zu schenken, und  die Nacht über wach zu bleiben.
So lagen wir später nebeneinander im Bett, starrten an die Decke und lauschten dem betäubenden Konzert der Zikaden, deren Gesang mit jeder Minute bedrohlicher wurde und dessen Eintönigkeit uns zugleich schläfrig machte.
Ob wir uns noch ein letztes Mal lieben wollten, schlägt der Moderator nach einer langen Weile vor und ich willige ein.
Er beginnt mich zu küssen und seine Hände fahren langsam meinen Körper entlang. Auch ich schiebe meine Hand zu ihm herüber und spüre seinen warmen Körper. Wir küssen und berühren uns immer leidenschaftlicher, der Moderator beginnt schneller zu atmen und sein Griff wird fordernder. Da blitzt für einen kurzen Moment das Bild einer Nierenschale vor meinem Auge auf, darin ein paar Fleischbrocken in dunkelrotem Blut.
Was ist los? fragt der Moderator. Nichts, antworte ich.
Draußen ist es längst dunkel geworden und das Zirpen der Zikaden hat sich zu  ohrenbetäubender Lautstärke gesteigert. Oder ist es die Wirkung des Weines und die Erwartung eines Unglücks, die unsere Sinne überempfindlich macht und jedes Geräusch bedrohlich erscheinen lässt?
Jedenfalls fürchte ich mich.
Der Moderator rollt sich auf den Rücken und seufzt.

Wir sind fertig. Sie können jetzt wieder zurück kommen!
Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass die Frau sich mir auf etwa fünfzig Meter genähert hat. Ich blicke weiter geradeaus und tue, als hätte ich sie nicht bemerkt. Doch sie scheint auf eine Antwort zu warten und macht keine Anstalten zu gehen.
Auf gar keinen Fall werde ich sie anschauen, denke ich und konzentriere mich wieder auf den Gesang der Zikaden.
Irgendwann ist sie verschwunden und ich kann den Rückweg antreten.

 

 

 

 

 

Hund, Katze, Pferd

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Dem Hund geht’s wieder ganz gut, seinen Darmparasiten folglich eher schlecht, auch die Katze ist auf dem Weg der Besserung, doch jetzt macht das Pferd (Ferd, wie der Berliner sagt) der Freundin, mit der ich morgen verreisen möchte Sperenzchen. Irgendetwas stimmt mit seinen Muskeln nicht. Es muss zwingend täglich auf Trab gebracht werden, sonst kann das böse enden. Doch wie soll sie das während ihrer Abwesenheit anstellen. Nun sucht sie fieberhaft nach einer qualifizerten Pferdebewegerin.

Meine eigene Gesundheit muss bis nach dem Urlaub warten. Die nervt sowieso und raubt mir tagtäglich viel zuviel Kraft. Natürlich erhoffe ich mir positive Effekte auf Seele und Körper, die den Krankenhausaufenthalt, der mir für meine Rückkehr ans Herz gelegt wurde, überflüssig machen. Wird scho wern.

Ich freu mich auf Ruhe und Langeweile und Ödnis und zwischendurch die eine oder andere Kirche, einen kühlen See und lauschige Biergärten. (Dank an die Dame von Welt und an Diander für die tollen Tipps!)

Wenn´s morgen nicht losgeht, dann eben übermorgen. Ich bleibe zuversichtlich und meld mi aus Murnau.

 

Einen schönen Restsommer Euch allen!

 

 

 

 

 

Bild: Evelin Ellenrieder Murnau, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/

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Auch ein Tumor hat seine moods. Seit 4 Tagen ist er am Wüten und es gibt nichts, womit man ihn besänftigen könnte. Liegt vielleicht an der Hitze, da drehen auch die Kreuzberger Testosteronhengste durch und jagen mit quietschenden Autoreifen und aufheulendem Motor durch die Gegend, weil sie gar nicht mehr wissen wohin mit der Kraft ihrer Lenden.

Was mit der Polizei los ist und warum sie mitten in der Nacht stundenlang über meinem Kiez herumpropellert, weiss ich auch nicht. War was, oder sind das nur  Übungen, um im worst case, den alle mit angehaltenem Atem erwarten, einsatzbereit zu sein?

Dem Hund jedenfalls geht´s nicht gut.
In der Nacht werde ich wach, weil sie hechelt, und am Morgen liegt sie benommen in ihrem Korb und begrüßt mich nicht einmal.
An Spaziergänge ist im Augenblick gar nicht zu denken.
Gestern Nacht und heute über Tag war ich in der Tierklinik mit ihr. Die Ärztin tippt nun doch auf einen Makrotumor. Damit gehörte sie zu den 10 %, die diese schlimme Variante des Morbus Cushing haben. Die ersten Vorboten der zu erwartenden Epilepsie sind schon da und ich versuche mich innerlich zu wappnen für das Schreckliche: umfallen wird sie, zucken, speicheln, das Bewusstsein verlieren, krampfen und in Lebensgefahr sein.
Jederzeit kann das passieren (wie soll ich das aushalten?)

Irgendwann wird der Tumor so groß sein, dass ich sie werde einschläfern lassen müssen.
Ich hoffe, ich werde wissen, wann es soweit ist.

Ich fühle ich mich gerade ziemlich alleine und vom Leben im Stich gelassen.

 

 

 

 

 

Bild: via Frau meertau (danke!), Lizenz: Copyright vermutl Familie Peanut

 

 

Vergnügungssüchtig

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Wenn meine Familie das liest, werde ich enterbt: ich habe mich tatsächlich an eine Heilerin gewandt, die meinen Hund retten möge. Schaden kann es nicht und ich glaube sowenig an solche Dinge, wie ich nicht an sie glaube. Beides gleichermaßen, nämlich ganz und gar nicht. Und wie gesagt: es schad ja nix. Ob es wohl bitte helfen könnte?

Heute Morgen begrüßt mich der kleine frisch gewaschene Hund seit langem mal wieder ausgiebig. Das gesamte Ritual, inklusive der Jagd nach der Plüschkrabbe, die ich der Einfachheit halber Ball nenne.

So sollte man es im eigenen Leben auch halten: alles was Spaß macht heisst Ball, ganz gleich, wie sich die Vorlieben im Laufe der Zeit wandeln mögen: den Ball in der Luft halten, werfen und fangen. In stetem Wechsel. Manchmal leider auch Prellball.

Potsch!

Die Sonne scheint und wenn alles gut läuft schaffe ich es heute doch noch an den See, meinen See, ehe die neue Woche mit ihren Herausforderungen heranschwappt. Übers Wasser gehen.

Die Chemo des Hundes beginnt in zwei Tagen, morgen noch ein langer und letzter Zahnarzttermin, den Rest der Woche widme ich den Nebenwirkungen bzw der Heilung von Tölchen. Alles ist in die Wege geleitet, das wäre doch gelacht.

Laut lachen musste ich gestern Abend – oder war es schon Nacht? – als ich von meinem beginnenden Asthma als Reaktion auf meine Katzen, bzw. auf das Zuviel von Allem, berichte und zur Antwort gefragt werde ob ich vergnügungssüchtig sei.

Sicher doch!

Zum See werde ich einen kleinen Tischtennisball mitnehmen.
So lange er auf dem Wasser schwimmt mache ich mir keine Sorgen.

 

 

 

(ist das ein Körper? )

 

 

Bld: diàda, flickr
Lizenz: Attribution-NonCommercial-NoDerivs 2.0 Generic (CC BY-NC-ND 2.0)

Hund/ Kiez/ Spind

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Die kurzen Spaziergänge anstelle der ausufernden Märsche ändern meinen gesamten Tagesablauf.

Statt in den Tiergarten zu gehen, schlendern der Hund und ich jetzt vier Mal täglich die Straße herunter, jeweils nur 50 bis 100 Meter, sie schnüffelt und markiert viel, wirkt dabei jedoch abwesend und auf eine merkwürdige Weise wie aufgezogen. Gefangen, eingespannt in ein Gewohnheitsjoch, das selbst der Tumor nicht auszuschalten vermag. Ein Robot.
Auf dem Rückweg, wenn ihr Gang staksig wird, trage ich sie und Zuhause geht sie sogleich auf ihre Decke unter dem alten Vitrinentischchen, dreht sich ein paar Mal im Kreis herum und lässt sich dann seufzend nieder.

Der Eine ist abgereist und so ist nicht nur mein Hundeleben, sondern auch die Struktur unseres gemeinsamen Beziehungsalltags außer Kraft gesetzt. Eine ungewohnte Fülle an Zeit steht mir plötzlich zur Verfügung, und gestern Nachmittag habe ich seit Jahren das erste Mal wieder eine große Runde ohne Töle durch meinen Kiez gedreht, um schließlich in der Oppelner Straße bei dem kleinen neuseeländischen Café einen köstlichen Cappuccino zu trinken. Vor den umliegenden Lokalen schauten die Leute in angenehmer Lautstärke Fußball, im Hintergrund am Schlesischen Tor ratterte die Hochbahn vorbei und ich saß, mit der Kölnerin plauschend, unter einer blühenden Linde. Ohne müde zu werden pflückten wir die herabfallenden Milben von unseren Kleidern und aus dem Nacken und genossen das zurückgelehnte Geplänkel über dies und jenes und niemals über etwas.
Ein nachmittägliches Bad im leichten Leben.

Als ich gegen 19 h nach Hause kam stand der schwanzwedelnde Hund bereits an der Tür. Eine solche Freude auf beiden Seiten!
Ein bisschen füttern, ein bisschen kraulen und dann wieder ins Körbchen mit ihr. Am Dienstag startet die Chemotherapie. schlafen soll sie, schlafen.

Später am Abend rief mich der Kanzler an. In seinem Postkasten hatte er einen Brief für mich gefunden.
Da ich seit über 20 Jahren nicht mehr in Frankfurt lebe, passiert das nur noch höchst selten, und wenn, dann ist es meistens die Sparkasse, die mich an mein  Jeanskonto erinnert, welches ich zur Konfirmation mit einem Guthaben von 5 D-Mark geschenkt bekam, und das inzwischen Rekordzinsen abgeworfen haben soll. Warten wir auf die künftigen Negativzinsen und sehen das Vermögen dann peu à peu dahinschmelzen. Gewonnen/ zerronnen halt.
Jetzt also wieder ein Brief für mich, dieses Mal einer mit überraschendem Anliegen: da bekommt man als Teenager, genau genommen in den 80er Jahren, als Deutschland geteilt, Helmut Kohl  Kanzler war und Peter Illmann die Formel Eins moderierte, beim Besuch einer städtischen Einrichtung einen Spindschlüssel gegen Unterschrift ausgehändigt und wird  heute, 3 Jahrzehnte später, dazu aufgefordert diesen umgehend zurückzugeben.

Ist das putzig, oder ist das irre, oder was ist das eigentlich?
Mir jedenfalls so passiert.
Ich lache und wundere mich und warte darauf, dass demnächst ein weiteres Schreiben ins väterliche Haus flattert, in dem mein Abitur für ungültig erklärt wird, weil ich angeblich abgeschrieben, oder besser noch, nach heutigem Stand der Schiller-Forschung, das Thema verfehlt hätte.

 

 

 

 

 

Bild: cosmoflash, locker in the attic
Lizenz: Attribution-ShareAlike 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0)