3 (auf einer Skala von 1-10)

2393129704_b93c848d41_z

Die Agrarwissenschaftlerin hat ein Gemüsebeet auf der Terrasse angelegt, das sie mit viel Hingabe beackert. Da kommt ein Mann in den Garten geschlendert und sticht sie vor meinen Augen nieder. Ihr Blut fließt auf die frischen Pflanzen, verklebt die ersten Keimblätter und ich stehe mit hängenden Armen und offenem Mund drinnen in meinem Aquarium, derweil der Mörder mit suchendem Blick weiter durch den Garten streicht. Es ist Nachmittag, kein Kind im Sandkasten, nur eine Katze stromert am Zaun entlang. Zum Glück bloß ein Traum.

Die Berichterstattung über den Fall gibt Rätsel auf. Wo waren die Eltern des Täters zum Tatzeitpunkt? Hat der 19Jährige tatsächlich ganz allein ein Haus bewohnt? Was hatte ein Beagle, der bei den Fahndungsaufrufen gezeigt wurde, mit all dem zu tun. Wieso und für wen könnte es von Relevanz oder von Interesse sein, dass die Eltern des Mörders (angeblich) Hartz-IV- Empfänger sind.
In irgendeinem Posting zum Thema bedankt sich einer von der Natürlich-hat-wieder- nix-mit-nix- zu-tun-Fraktion bei Frau Merkel. Er muss die Kanzlerin tatsächlich für allmächtig halten. Aus Mutti wurde Gott.

//

Das Internet ist in heller Aufregung über den BBC-Reporter in dessen home-office, während einer Live-Übertragung, die beiden Kinder hereingehopst und -gerollt kamen. Man ist noch nicht sicher, ob er ein Guter oder ein Nicht-ganz-so-Guter ist und ob man ihn verurteilen oder zumindest doof finden sollte, weil er das ältere Kind ohne hinzusehen weggeschoben und unterdessen versucht hat das Interview fortzusetzen. Alles in allem einigt man sich aber dann doch darauf, dass er ein lieber Papa ist, weil er a) Zuhause arbeitet und b) durch ein Schmunzeln verraten hat, dass er seine Kinder lieb hat.

//

Der Bekannte hat schlechte Laune, behauptet aber er hätte gute Laune oder mindestens normale, also mittelmäßige, Laune. Doch seine Gesichtszüge verraten ihn und das liegt nicht allein an der Schwerkraft a.k.a. Erdanziehung.
Auf einer Skala von 1 bis 10?, frage ich ihn. 3, ist die Antwort, man kann nicht allezeit ein Hoch erwarten. Doch, das kann man. Erwarten ist ja eine Art Hoffen, wenn es um´s Glück geht, und ohne Hoffnung ertrüge man das alles überhaupt nicht ist alles viel schwerer. Außerdem ist 3 nicht mittel sondern mickrig.

Zugegeben, es war blöd, dass ich den Bekannten mit falschem Namen angesprochen habe. Ich finde aber Papa wäre weitaus schlimmer gewesen. So hat der Unterfranke mich früher manchmal genannt, versehentlich. Also Mutti natürlich, nicht Papa. Das hat mir damals auch die Mundwinkel in den Keller gezogen und die Laune auf 3 gedrückt. Zumindest beim ersten Mal. Heute ist Mutti ja quasi Gott oder wenigstens allmächtig, da würde es mir vielleicht weniger ausmachen ihren Namen zu tragen.

//

Was sonst? Der Bärlauch schiebt sich aus der Erde. Die Katze kotzt Blut. Der Tierarzt schimpft mit mir und sagt: Das liegt am Katzengras, das hätten Sie ihr nie geben dürfen. Und ich sage: Aber ich habe doch extra in Ihrer Praxis angerufen und die Kollegin gefragt, ob das Katzerl Gras haben kann und sie hat gesagt, gar kein Problem, natürlich darf sie das. Und da antwortet der Tierarzt: Ach so, da sind meine Kollegin und ich aber verschiedener Meinung, ich lehne Katzengras für Kurzhaarkatzen grundsätzlich ab, das kann zu schweren Magen- und Kehlkopfverletzungen führen. Seufzend zücke ich mein Portemonnaie. Wieviel macht´s denn?
Er wird es auf die Sammelrechnung setzen, wie immer. Ich bedanke mich.
Auch der Hund hat schon bessere Zeiten erlebt. Mit schwachen Hinterläufen und tiefschwarzen Augen torkelt sie durch die Wohnung. Mehr als 10 Meter am Stück ist grad nicht. Draußen muss sie weiterhin getragen werden. Aber soll ich Ihnen mal was verraten? Ich gewöhne mich langsam daran. So ist es eben. Schwerer fällt es mir derzeit, Tag für Tag die selben Dinge zu erklären, und mir die Eigenarten und Empfindlichkeiten jedes einzelnen Menschen in meinem Umfeld genauestens einzuprägen, diese stets abrufbereit zu haben, und mein Verhalten auf´s Allerperfekteste darauf abzustimmen, weil sonst die 3 oder Schlimmeres droht. Bin ja auch nur eine fehlbare tikerscherk mit reichlich Gepäck auf dem müden Rücken.

Trotzdem: Frühling!

Musik:

(youtube direktlink. Bilderbuch, Bungalow)

 

 

 

 

Bild: Alexander von Halem, Emilio, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

unconditional skies

2649552016_2007a74036_o

Kein Klang der aufgeregten Zeit
Drang noch in diese Einsamkeit.

(Theodor Storm, Abseits)

 

Pausen gibt es nicht. Irgendwas ist immer und aufhören tut das nie, solange es eben geht. Unterbrechungen allenfalls, die Raum schaffen für etwas anderes, vorübergehendes oder bleibendes, so lange wie es verweilen kann (s.o.). Wenns gut läuft was Gutes, if not not. So simpel und so wenig beliebig.
Eine intakte Besiedlung bloß nicht unnötig aufbrechen, sonst droht die emotionale Ambrosia, eine Trümmerblume. Wird man nie wieder los.

Wann werden wir versteh´n

Unbeschadet bleiben heisst unbepaust, wenn man mal vom Schlaf-Wachrhythmus absieht, der eigentlich gar keine Pause darstellt sondern auch ein Fluß ist, ein Fließen zwischen Alpha und Gamma.

/

Der Kanzler witzelt „Man steigt nicht zwei Mal in den gleichen Fluß!“ als Knigge-Gebot verstanden, ein Benimm-Imperativ und kein Lebensgleichnis. Manchmal ist er so perlend komisch und es juxt aus ihm heraus wie aus einem sprudelnden Sprudelspratz.
Und dann wieder.

/

Das Falscheste (falsch, falscher am falschesten) was man mit seinem Leben anfangen kann, ist es zu verwarten. Für Dinge die möglicherweise geschehen könnten oder eben nicht. Ausbleibende Ereignisse, die erst die Löcher ins Dasein (hier: die Seele) reissen, weil sie bildlich vorgestellt und mit allen Sinnen ersehnt wurden.
Und dann doch nicht.

You know, you come from nothing,
you’re going back to nothing.
What have you lost?
Nothing!

Nicht erwartende Hoffnung, ein leichter Schimmer des Vertrauens über allem.
Nicht anhaften, nichts wünschen. Einfach sein und hingeben.

Lass‘ blühen, lass‘ dem Ding den Lauf

 

 

 

 

 

wird fortgesetzt (sowieso)

 

 

 

 

 

 

Bild: passeriformes, untitled (flickr)
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Morgenröte

640px-Noctilucent_clouds_bargerveen

Fluchtmotiv und Fluchtrichtung der Gefangenen sind unbekannt, sagt der Polizeisprecher.
Darüber muss ich wirklich lachen.

Ansonsten sind das eher zähe Tage und Wochen, die meiner Frohnatur (ja, Frohnatur!) ziemlich viel abverlangen und den Menschen um mich herum inzwischen auch, weil meine Mimik einfriert und der Ton scharf wird, der Geduldsfaden reisst und der Regler sich Stück für Stück in Richtung totale Eskalation schiebt, während die Tür der Kapsel sich schließt.

Über den Hund mag ich gerade nicht schreiben, weil sich sowieso alles jeden Tag wieder ändert und ich erst, und auch nur unter der Bedingung, dass sie dann ohne weitere intravenöse Infusionen und Antibiotikum auskommt, am kommenden Montag mit ihrer Entlassung rechnen kann.
Neue Pankreaswerte erwarte ich für morgen, die Eosinophilie bleibt rätselhaft, aber ein Satz hat mich heute wirklich zuversichtlich gestimmt. Auf meine Frage nämlich, ob sie sich große Sorgen machen würde, wenn Töle ihr Hund wäre, sagte die zuständige Internistin:
Nein, so wie es jetzt gerade aussieht nicht.
Ihr entspannter Gesichtsausdruck und das leichte Lächeln um ihre Mundwinkel haben mir sehr, sehr gut getan und es fiel mich plötzlich leicht ihr zu glauben.

Vielleicht ist das noch kein Grund zu feiern, aber es fühlt sich doch ein wenig  an, wie die beginnende Morgenröte.

 

 

Bild: „Noctilucent clouds bargerveen“ von Hrald – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Noctilucent_clouds_bargerveen.jpg#/media/File:Noctilucent_clouds_bargerveen.jpg

 

 

 

 

 

Hafenwelle

Epiphanien-Kirche_(Berlin)_Orgel
Es ist ja mal so
, beginne ich gerne die Sätze, deren Aussage ich mit einem freundlich lächelnden Unterton Nachdruck verleihen möchte oder wie man gemeinplatzig sagen könnte: in denen ich augenzwinkernd größere und kleinere Anliegen aufs Tapet zu bringen mich anschicke.

Es ist ja mal so, dass das vergangene Jahr, das ich klugerweise, bzw. aus schierer Erschöpfung und dem unbedingten Willen zum Neuanfang (so to say: Uhren auf Null stellen) bereits am 4. November, dem 521. Jahrestag der Entdeckung Guadeloupes durch Christóbal Colón, für beendet erklärte und mit dem Lieblingsmenschen ganz still und beinahe stumm ausklingen ließ, dass also dieses Jahr 2014 in Wahrheit (bemerkenswerte Floskel) erst jetzt seine letzten Wellen ans abflachende Ufer schlägt und stetig ins Nowhereland zwischen den Jahren, diese nicht-existente aber fühlbare Zeit, hinein drängt und im unbestellten Boden weich versickert.

Caminante, son tus huellas el camino

Eine Zeit, so leer wie die mongolische Steppe und vom gleißenden Licht eines Zwischenhochs überblendet, ein korrespondierender Temperatursturz, mit klammen Fingern an der Eiger Nordwand.

Die Künstlerin, die die nicht genutzten und unbeachteten Räume durch Abguss sichtbar macht. Den Platz unter der Treppe als deren negativer Abdruck. Leerraum in Volumen verwandeln.
Der nach innen gestülpte Erker.
Alles einmal anders herum denken und sehen. Überraschend und erhellend zugleich.

Und während draußen die Spatzen am gut gefüllten Futterhaus zetern, zum Zeitvertreib oder um in das tiefe Grollen der Feuerwerkskörper weiter südlich einzustimmen, schaue ich aus dem Fenster, dem vergehenden Tag hinterher, der ganz unerwartet zum Symbol für das vergangene Jahr geworden ist. Einer wie viele und doch so schwer und bedeutungsvoll und traurig.
Am blauen Himmel eine große Wolke, golden hinterleuchtet wie feinstes Porzellan.

Und ich denke an Blaubarts achte Frau. Den kleinen Schlüssel, der ihr zum Verhängnis wurde und an das, was sie zu gewinnen suchte, ehe sie alles verlor.
Und natürlich ist es Zufall, dass sich heute die Tsunami-Katastrophe zum zehnten Mal jährt und ich mich zurück erinnere an diesen Tag, an dem die Tränen mich beinahe erstickten.
Meine Gedanken sind bei Castorp, wie sie neben mir liegt, ihr Atem so schwer, und wie ich weine über diese unvorstellbare Anzahl an Toten und den Schmerz, der mit ihrem Verlust in die Welt gekommen ist, wo doch alles so friedlich schien und das Wasser sich zunächst zurückzog, um kurz darauf mit unvorstellbarer Kraft als Walze der Zerstörung zurückzukehren.

Ist doch nur Wasser, wenn ein Fremder weint

Und wie ich so sitze, das kleine Getüm neben mir und weine und weine, weil der Tod auch bei uns im Raum steht und auf den Tag einen Monat später durch diesen hindurch schreiten und sie mit sich nehmen wird, nachdem die letzten tiefen kehligen Schreie ihren Körper verlassen haben und sie daliegt ganz still und klein, bitte ich inständig, dass ich das werde tragen und ertragen können und ich weiss, dass ich gar keine Wahl habe: das ist das Muster des Lebens, in das ich eingewoben bin, ganz gleich welche Fluchtversuche ich auch zu unternehmen trachte. Wertvolle Zeit, die dabei verloren geht und so ist es das Schwerste und zugleich Einfachste, das Unveränderbare hin- und anzunehmen, den Negativabdruck, den unsichtbaren Raum, der das Leben umgibt.

Daran denke ich heute und es dunkelt schon bald, doch die Tage werden länger und so besteht Hoffnung.

 

 

 

(Bildquelle: Wikipedia, Epiphanien-Kirche Berlin, Orgel)

To whom it may concern

20140712_0910301. Korinther 13

1 Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die
Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.

2 Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüßte alle Geheimnisse
und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben,
so daß ich Berge versetzen könnte,
und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.

3 Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib
verbrennen, und hätte die Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.

4 Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht,
die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf,

5 sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre,
sie läßt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu,

6 sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit,
sie freut sich aber an der Wahrheit;

7 sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.

8 Die Liebe hört niemals auf,
wo doch das prophetische Reden aufhören wird
und das Zungenreden aufhören wird
und die Erkenntnis aufhören wird.

9 Denn unser Wissen ist Stückwerk,
und unser prophetisches Reden ist Stückwerk.

10 Wenn aber kommen wird das Vollkommene,
so wird das Stückwerk aufhören.

11 Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind
und dachte wie ein Kind
und war klug wie ein Kind;
als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war.

12 Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild;
dann aber von Angesicht zu Angesicht.
Jetzt erkenne ich stückweise;
dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.

13 Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei;
aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Schwarze Löcher

Deutsch: Hochspannungsfreileitung vor Sternenh...

Mit achtzehn Jahren erkannte ich plötzlich, dass ich irgendwann sterben würde.
Nicht, dass man im Allgemeinen stirbt, was schon schlimm genug war, sondern, dass ich im Besonderen eines Tages weg sein würde.
Für immer.
Nicht nur für eine Weile, so wie man vielleicht eine Party verlässt um schlafen zu gehen, und weiss, dass man noch jede Menge Zeit hat, um weitere Parties zu feiern.
Nein, dieses Mal verlässt man das Fest und geht für immer.
Nie wieder Musik, nie wieder flirten, keine engumschlungenen Tänze im Halbdunkel, keine Sit-Ins in der Gastgeberküche, keine zarten Küsse und keine Diskussionen mehr.

Vorbei, vorbei

Rückblickend glaube ich, dass diese Erkenntnis von dem plötzlichen Tod meines Großvaters rührte, der mir wirklich nahe stand.
Obschon ich schon vor seinem Tod mit der Vergänglichkeit konfrontiert worden war, galten diese anderen Verstorbenen, meine Großmutter ausgenommen, deren Tod aber nicht überraschend kam, irgendwie nicht.
Sie waren eher so etwas wie Komparsen einer Generalprobe. Man übte nur. Sie würden sicher wieder kommen.

Irgendwann würde das richtig losgehen mit dem Sterben.
Irgendwann in einer Zukunft, die so weit entfernt lag, wie die unendlichen Weiten in denen das Raumschiff Enterprise unterwegs war.
Genauso, wie es irgendwann auch so richtig losgehen würde mit dem Leben, auf das man immerzu vorbereitet wurde und für das man immerzu lernte, übte und probte.

Nicht für die Schule, für´s Leben lernt ihr, implizierte doch schon, dass man für die Zukunft und nicht für die Gegenwart lernte, und dass das Leben also erst in der Zukunft begann.

Heute jedoch nicht

Wenn ich es mir genau überlege, glaube ich, dass ich das überhaupt nicht verstanden habe damals: dass Menschen sterben können.
Dass etwas so lebendiges, wie ein guter Freund von seinem eigenen Vater ermordet werden kann. Dass Körper bei Unfällen zerstört werden, und mit ihnen auch die Seele gehen muss.
Dass es keine zweite Chance gibt. Kein zweites Leben.
Aber, wie kann man so etwas Unbegreifliches auch verstehen?

Die Sprache, die in den Medien benutzt wurde, wenn es beispielsweise um Flugzeugabstürze mit zahlreichen Toten ging, war so harmlos und ging so an dem unglaublichen Drama, das sie benennen wollte vorbei, dass sich auch hier keine echte Bestürzung bei mir einstellen konnte.
Jemand war ums Leben gekommen, oder hatte sein Leben verloren.
Das klang doch nach Glücksspiel, nach Casino, meinetwegen nach Betrug.
Man ist um etwas gebracht worden.
Dabei ist die Wahrheit doch die: man ist um ALLES gebracht worden.
Man wurde ausgelöscht.
Weg. Zack.
Aus die Maus.
Mit achtzehn Jahren also, schlug mir diese Erkenntnis meiner eigenen Sterblichkeit voll in die Fresse, und machte mich für eine Weile handlungsunfähig und stumm.

Studieren, wozu? Arbeiten, weshalb? Liebe? Vergeht. Treue? Lohnt nicht. Familie, wofür?

Auf ein Mal war er da der Tod, und alles was ich tat spielte sich vor dem monochromen Bühnenbild des Untergangs ab, und war deshalb sinnlos.
Schon mit dem Betreten der Bühne, war das Fallen des Vorhanges, der Guillotine, vorgegeben.

 And now, the end is near
And so I face the final curtain

 Ich hörte düstere Musik. Ich las ausweglose Literatur, und im Französisch-Leistungskurs, beschäftigten wir uns mit Heidegger, Kierkegaard und natürlich auch mit Sartre.
Die Wirkung dieser Werke auf meinen Zustand war verheerend.
Ich war tief verzweifelt, und entschied mich die Zeit, die mir blieb maximal zu nutzen.
Dazu gehörte es, jeden Exzess mitzunehmen der sich anbot.
Im Grunde blieb aber am Ende nur der Selbstmord. Nur er konnte dieses Schicksal beenden, und es damit zugleich erfüllen.
Sich das Gehirn wegblasen, um nicht dem Tod ausgeliefert zu sein.

you can not go against nature,
because when you do
go against nature is part of nature too

 Aber natürlich war die Flucht vor dem Tod in den Tod absurd.
Ich nahm mir vor, die Welt zu bestrafen, indem ich ihr keine Kinder schenkte. Ich würde niemanden in dieses Hamsterrad schicken.
Als würde die Welt sich überhaupt um mich scheren.
Leute wie ich sollten besser keine Kinder bekommen, damit sie den Samen ihres kranken destruktiven Geistes nicht weitergeben konnten. Das würde die Welt über mich denken, wenn sie denn überhaupt jemals einen Gedanken an die mickrige Fruchtfliege die ich war, verschwenden würde.
Ganz gleichgültig was ich tat, mit mir erfüllte sich das Naturgesetz.

Ich würde sagen ich war schwer depressiv in dieser Zeit, und die ausufernden Nachtaktivitäten brachten keine Linderung. Im Gegenteil.
Wenn ich abends irgendwo in Frankfurter Clubs unterwegs war, blitzte mitten im schönsten Suff, doch immer wieder diese furchtbare Wahrheit auf.
Nicht einmal Sex machte mehr Spaß, wenn man sich vor Augen hielt, dass er eine Erfindung der Evolution war, um uns zur Fortpflanzung und damit zur Perpetuierung des Hamsterradlebens zu bringen.

Das ging etwa ein Jahr so, als ich endlich Camus und den Essay Der Mythos von Sisyphos las und verstand.
Dieses Werk kam in mein Leben wie die lichtbringende Fackel ins Dunkel, und änderte alles.
Ich fühlte mich verstanden, und bekam zugleich die einzig mögliche und akzeptable Antwort auf meine Fragen.
Denn auch Camus hatte sich mit der Absurdität des Lebens und des Selbstmordes beschäftigt.
Er beschrieb das unauflösbare Spannungsverhältnis zwischen unserer Sehnsucht nach Sinn (und sinnvollem Handeln), und der Sinnlosigkeit der Welt an sich.
Die Situation ist hoffnungslos.
Auch Religion, oder andere Rettungsangebote können nicht wirklich helfen, weil wir damit einfach nur den Kampf gegen das Absurde vermeiden, uns der Wahrheit nicht stellen und gewissermaßen bunte Kulissen vor den Abgrund stellen, um ihn nicht mehr sehen zu müssen.
Vielleicht wäre ich sogar bereit gewesen, mich dieser Täuschung hinzugeben, aber ich konnte einfach nicht glauben. Nicht an Gott, nicht an Wiedergeburt, nicht mal an das Leben selbst, das mir wie der Alptraum eines grausamen Riesen erschien, in dem ich gefangen war.

Der einzig gangbare Weg, den Camus mir damals zeigte, war der, diese schreckliche Wahrheit hinzunehmen, zu akzeptieren, und trotzdem gegen sie  zu revoltieren.

 „ Abgesehen von dieser einzigen fatalen Unabwendbarkeit des Todes ist alles, sei es Freude oder Glück, nichts als Freiheit. Es bleibt eine Welt, in der der Mensch der einzige Herr ist.“

Wie Sisyphos, der tagein, tagaus versucht seinen Stein den Berg hinauf zu rollen, und der dabei niemals den Gipfel erreicht, sondern immer wieder zurück geworfen wird, wollte auch ich mich beharrlich der Sinnlosigkeit stellen, und mich dabei unverdrossen selbst verwirklichen und freuen.
Frei sein.

Tatsächlich half mir die Entdeckung meiner Freiheit und Autonomie dabei, wieder Gefallen an diesem Tanztheater zu finden.
Natürlich feierte ich auch weiter Parties, um bei diesem Beispiel zu bleiben.
Der Unterschied war aber, dass ich es jetzt wollte, im vollen Bewusstsein meiner Vergänglichkeit, und nicht mehr musste, um ebendiese auszublenden.
Es hatte sich nichts geändert. Außer meiner Sichtweise. Und damit änderte sich alles für mich.

Musik zum Text: Love And Rockets, No New Tale To Tell