Carol

16150891253_85cb03d315_b.jpg

Manchmal, wenn ich an dich denke, erinnere ich mich auch an die stark geschminkte Mittfünfzigerin, die rauchend auf dem Balkon der Station N2 sitzt. Die abgehalfterte femme fatale, mit langen blondierten Haaren, dem aus der Form gelaufenen Körper, gehüllt in einen Satinkaftan mit Leopardenprint, schwarze Stoppeln an den trockenen Schienbeinen, die Füße in glitzernde Riemchensandalen gesteckt.
Den Blick in die Ferne gerichtet, hält sie eine Zigarette in der Hand, Rauch sickert nachlässig aus ihren Nasenlöchern. Neben ihr ein junger Mann mit unverhältnismäßig großem Adamsapfel, der ihm ein geierhaftes und irgendwie verklemmtes Aussehen verleiht und mich an John-Boy Walton, den Tugendhaften erinnert. Der Mann betrachtet das Profil der Frau und greift nach ihrer freien Hand, die sie ihm teilnahmslos überlässt. Etwas Unterwürfiges und zugleich Aufdringliches liegt in seinem Blick und in dieser Geste der verzweifelten Zugewandtheit.

Ich sitze auf der Bank neben den beiden, rauche und zähle zum wiederholten Male die Türme der Stadt. Das Krematorium in Steinwurfnähe zähle ich mit.
Ob sich die Jahre, die vor mir liegen, ebenso in mein Gesicht fressen und dort eine Spur der Angst, der Leidenschaft und des Nikotins hinterlassen werden. Und werden auch wir eines Tages gemeinsam auf diesem oder einem anderen Balkon sitzen, eine tödliche Diagnose auf unseren Schultern, du meine Hand haltend und in mir immer noch die Blüte sehend, die ich einmal war. Und werde ich dich dafür verachten oder lieben und brauchen, oder alles zusammen.
Seit 24 Wochen bin ich in dieser Klinik, die ich in den gleichen Kleidern verlassen werde, mit denen ich sie betreten habe. Du wirst mich abholen und nach Hause bringen in mein neues Leben, von dem du schon jetzt ein Teil geworden bist.

Heute ist dein Geburtstag. Ich denke an dich.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: b.s.wise, flickr jean cocteau
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

unconditional skies

2649552016_2007a74036_o

Kein Klang der aufgeregten Zeit
Drang noch in diese Einsamkeit.

(Theodor Storm, Abseits)

 

Pausen gibt es nicht. Irgendwas ist immer und aufhören tut das nie, solange es eben geht. Unterbrechungen allenfalls, die Raum schaffen für etwas anderes, vorübergehendes oder bleibendes, so lange wie es verweilen kann (s.o.). Wenns gut läuft was Gutes, if not not. So simpel und so wenig beliebig.
Eine intakte Besiedlung bloß nicht unnötig aufbrechen, sonst droht die emotionale Ambrosia, eine Trümmerblume. Wird man nie wieder los.

Wann werden wir versteh´n

Unbeschadet bleiben heisst unbepaust, wenn man mal vom Schlaf-Wachrhythmus absieht, der eigentlich gar keine Pause darstellt sondern auch ein Fluß ist, ein Fließen zwischen Alpha und Gamma.

/

Der Kanzler witzelt „Man steigt nicht zwei Mal in den gleichen Fluß!“ als Knigge-Gebot verstanden, ein Benimm-Imperativ und kein Lebensgleichnis. Manchmal ist er so perlend komisch und es juxt aus ihm heraus wie aus einem sprudelnden Sprudelspratz.
Und dann wieder.

/

Das Falscheste (falsch, falscher am falschesten) was man mit seinem Leben anfangen kann, ist es zu verwarten. Für Dinge die möglicherweise geschehen könnten oder eben nicht. Ausbleibende Ereignisse, die erst die Löcher ins Dasein (hier: die Seele) reissen, weil sie bildlich vorgestellt und mit allen Sinnen ersehnt wurden.
Und dann doch nicht.

You know, you come from nothing,
you’re going back to nothing.
What have you lost?
Nothing!

Nicht erwartende Hoffnung, ein leichter Schimmer des Vertrauens über allem.
Nicht anhaften, nichts wünschen. Einfach sein und hingeben.

Lass‘ blühen, lass‘ dem Ding den Lauf

 

 

 

 

 

wird fortgesetzt (sowieso)

 

 

 

 

 

 

Bild: passeriformes, untitled (flickr)
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Strippen ziehen

20141109_185200_LLS-1-1Im Lichterschein am Rande des Universums, Bethaniendamm, Ecke Köpenicker.
Unter Tausenden nur für uns.
Größenwahn und Großmäuligkeit. Dem Piefke sein Palast.
Quirlige, hupende, historische Aufgeregtheit. Ein Spektakel. Ich war dabei, ich war dabei.
Du lächelst, und trittst von einem Fuß auf den anderen. Rauchen gegen die Kälte.
Wir lachen als die unbeleuchteten Ballons in den nebligen Himmel aufsteigen.
Enttäuschtes Jubeln, Raunen, ein Kind weint.
Die Pilger pilgern.

Doch wir küssen, als ob nichts geschieht

Später dann im Dunklen Raum. Ein Flimmern in den Augenwinkeln, wie beim Erwachen.
Ich höre deinen Atem, du greifst zu mir herüber. Unsere Handflächen gleiten gegeneinander. Trockene, warme Schlangen. Puls an Puls.
Damals. Du warst in Berlin, ich in Hamburg.
Der richtige Zeitpunkt im Leben.
Die kleine Pforte. Nur an diesem Tag und zu dieser Stunde existent und nur für uns sichtbar.
Eine Welt.
Fügung, Geschick.

`´`´`´`´`´`´`

Hingabe.
Worte. Liebe. Liebhaben.
Unzulänglichkeit von Sprache.

`´`´`´`´`´`´`

Ich möchte ein Wort erfinden, das nur uns und diesem Gefühl gehört, es sogar und selbst ist.“
Wozu ein Wort, wenn wir und nur wir wissend fühlen, wie es ist. Wir haben uns lieb, nur dies und dieses so ganz.“
Das Wort brauchen wir nicht. Es würde nichts ändern. Wenn aber doch, dann klänge es wie Busen, Woge, Seele und andere wunderbare Wörter zusammen. Weich, bewegt, klar und wohlig. Eine Wortlibelle.“
Oder ein Vogelschwarm von Worten, Gesten, bloßen Lauten. Vielstimmig, vielflügelig, chaotisch und anmutig gleichermaßen. Dabei doch immerfort gelenkt von einer unsichtbaren und unwiderstehlichen Kraft, die allem Einzelnen äußerlich ist und deren Wesen sich dennoch in nichts als dem Willen und Tun jeder und jedes Einzelnen in jedem kurzen Augenblick offenbart.“

`´`´`´`´`´`´´´

Wir sind verbunden.