Immer Heute


Staubige Hitze und verbrannter Rasen. Schlingpflanzen ranken entlang der Schrebergartenzäune. Dahinter dösende Datschen mit halbgeschlossenen Lidern. Sirrende Wespen kreisen über fauligem Obst.

In der kurzen Stille des Atemholens zwischen Abend- und Nachtstunde liegt schweigend die Stadt.

Kopfruckelnd laufen die Tauben im Kreis umher. Es riecht nach Kleister, Kippen, Bier und Hundekot.

Die Fahrkarte hundertmal in den Spalt schieben und es ein ums andere Mal zuschnappen hören, das Stempelgebiss. Violette Abdrücke wie beim Zahnarzt, der den Überstand mit Färbepapier prüft. Schicht für Schicht die Zeit übereinanderlegen, synchron zu ihrem Vergehen. Zeitmesser auch die an den Rändern aufwellende Plakatlasagne an den eisernen Streben der Hochbahn. Lage für Lage vergangene Erwartungen. Obenauf die Heutige. Bald schon erfüllt oder enttäuscht und überdeckt von neuen Wegweisern zu einem nahenden Morgen.

Das Haus ist fertig, beendet der Nestbau. Der Augenblick entscheidet über das Überleben, alles andere ist eine Frage des Komforts.

April is the cruelest month. Noch ein Mal die Koffer packen und abreisen in ein neues Leben, in eine unbekannte Stadt. Weg von hier und von allem. Nur das Tölchen, das nähme ich mit.
Abends, wenn sie zusammengerollt und mit untergeschlagenen Beinen wie ein wartendes Kitz auf dem Teppich unseres sepiafarbenen Hotelzimmers läge, zündete ich mir eine Zigarette an, die erste in 8 Jahren, und bliese, auf dem Bett liegend, den blauen Rauch in die Luft. Schwindlig vom Nikotin überließe ich mich dem  Sehnen meines klopfenden Herzens und später, viel später in der Nacht atmete ich mich in einen traumlosen Schlaf.

Immer ist nur Heute und gestern bloß eine Illusion.

 

 

 

 

 

 

Bild: Mografik, Plakate, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/

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Überleben für diesen Moment.
Abschied von der Mutter, die Fahrt auf dem Fluß.
Niemand wartete, mir das Staffelholz aus der Hand zu nehmen.
Einer erwartete meinen Anruf.

Die Patientin ist ängstlich

Die körperlose Anwesenheit des Vaters. Seine Stimme im Licht.
Dieses merkwürdige Bild: der goldene Unterfranke, wie er sich im Unendlichen spiegelt, sein Schädel rasiert, die Mundwinkel an Haken nach oben gezogen. Höllenhafter Meister Proper.

Die alternde Nachtwache. Hängende Brüste, das Gesicht und die Ohren schwer vom Metall, ein Steckbild für Erwachsene.

Tränen.

Der See, die spielenden Füchse. Zurückkehren.

Heimat, Liebe, Berufung.

Glück.

 

 

Dieser Text ist Teil dieses Projektes. Das zehnte Wort: Glück

Ach, Berlin

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Abends auf dem staubigen Platz.
Im Schatten der Platanen sitzen wir auf unserer Bank. Der Hund liegt schlafend zu meinen Füßen. Es ist immer noch sehr warm, hier und da lagern kleine Grüppchen auf dem vertrockneten Rasen, irgendwo spielt jemand Gitarre, einzelne Fetzen Spanisch, Französich und Englisch branden an unser Ohr; wir essen Tomaten mit Büffelmozzarella und trinken Jever alkoholfrei. Zum Ausgleich für den ausbleibenden Suff trägt das Bier den Zusatz „fun“.
Wir sprechen über die Kanzlerbahn, das Schloß, den Flughafen und lachen.

(Jugend ist Rausch ohne Wein)

Es ist Sommer in der Stadt, mit der ich so glücklich bin, wie mit einer alten Liebe. Groß genug auch Jahre der Entfremdung zu überstehen, lodert dieses Gefühl immer wieder auf´s Neue auf und brennt sich mit jedem Mal noch tiefer ins sehnende Herz.

Wenn ich auch manchmal anders töne: ich liebe Berlin.

Heimweh

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Sehnsucht ist die Nabelschnur des höheren Lebens.

Søren Kierkegaard

Die Glasraupe krümmt und streckt sich im Wechsel.
Jede Dehnung bringt sie ein Stückchen vorwärts.
Durch ihren Körper hindurch sehe ich die Schrift, wie durch eine Lupe; in der Mitte groß, zu den Rändern hin kleiner werdend.
Ich kann nicht lesen was dort steht. Es gelingt mir nicht, mehr als nur einen Buchstaben zur gleichen Zeit zu erkennen. Es gelingt mir nicht, die Buchstaben zu Worten zusammen zu setzen.

Die Statik hat sich verändert. Ein wachsendes Haus.
Von der Kehldecke zur Kuppel. Eine Kirche.
Ich bin noch nicht mitgewachsen.

Ich lege den Kopf in den Nacken und blicke hinauf ins Gebälk.
Der alte Kindheitstraum: oben, von der Empore seilt sich eine große graue Spinne ab. Schnell zurrt der Faden aus ihrem Leib, beinahe im freien Fall stürzt sie auf mich zu, ihre Beine greifen ins Leere wie tastende Fühler, ich stehe gelähmt, will schreien, bleibe stumm, öffne Augen und den Mund, spüre, wie sie meinen Rachen berührt, landet, Halt findet auf meiner Zunge. Der Fallschirmspringer. Sie läuft ins Dunkle, ich schlucke.
Dieser unvorstellbare, markerschütternde Ekel. Würgen. Verzweiflung über meine Unachtsamkeit, auch über ihren Tod. Ich bin vergiftet. Jedes Mal aufs Neue.

Mein Großvater im Talar, das dunkle Holz der Kanzel.
Cola und Chips, der Leib und das Blut.
Armer Jesus.
Wieso opfert der Vater seinen Sohn?

Der schwule, junge Pfarrer mit der Beule im Schritt.

Die Schildkröte gräbt einen Fluchttunnel zum Nachbargarten.
Wir finden sie und bringen sie zurück in ihren Käfig.
Am Morgen sehe ich meine Mutter mit verweinten Augen. Während wir schliefen hat sie die kleine Tusnelda mit dem Absatz ihres Stilettos aufgespießt.
Ich hasse sie dafür.

Ende des Monats werde ich sie wiedersehen, zum ersten Mal nach so vielen Jahren.
Ich fürchte mich nicht mehr davor.
Ich habe eine unerwartete, beinahe ungeduldige Sehnsucht nach ihr. Nach stiller Versöhnung. Ich habe nichts mehr zu verzeihen. Ein Menschenkind wie ich. Ihre Hand nehmen, die pergamentdünne Haut spüren. Der Rest an Leben, der durch ihre geduldigen Adern fließt.
Sie wird mich nicht erkennen.

Mama, werde ich zu ihr sagen, vielleicht zum letzten Mal.

Töle nehme ich mit. Sie ist so freundlich zu jedem Lebewesen.

Bild: By Dirk Ingo Franke (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Ach, Kreuzberg

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Kreuzberg ist der interessanteste und vielfältigste Bezirk Berlins.
Das haben inzwischen auch andere spitz gekriegt und sich nach und nach ins Paradies eingekauft. Weil sie es sich leisten können.
Eigentlich, so meinte K. neulich, sollte man Sticker drucken lassen. Darauf Jesus, wie er auf dem Esel reitet.
Den kleben wir dann auf die Scheiben der dicken Angeberkutschen, damit sie sich schämen.
Schämen
, lache ich. Dafür müsste man ja erstmal sowas wie ein Schamgefühl haben und wenn sie das hätten, würden sie erst gar nicht mit den Klunkern klimpern und Andere aus ihren Wohnungen verdrängen.

Manche kriegen den Hals gar nicht voll und bewohnen zu zweit ein ganzes Mietshaus. Mitten in der Stadt. Ja, das dürfen die, denn wer das Geld hat hat das Recht, das war schon immer so.
Zwar können sie auch nicht mehr als ein Schnitzel essen, wie ein Kollege von mir immer wieder behauptete, aber sie können dabei viel mehr Schaden anrichten als Menschen mit Durchschnittseinkommen oder sozialem Gewissen.
Inzwischen schwappt der Ungeist des Kapitals mehr und mehr auch über meinen Kiez und verändert sein Gesicht rasant. Es ist wie überall: das, was ihnen gefällt zerstören sie durch ihre Inbesitznahme.
Der Tauchausflug ins empfindliche Korallenriff.
Irgendwann ist alles tot. Wie am Prenzlauer Berg.

Die Grenze verläuft nicht zwischen dir und mir
Sie verläuft zwischen oben und unten

stand jahrelang als ungelenkes Graffiti auf einer Brandmauer am Bethaniendamm. Und tatsächlich ist aus dem einst dahin plätschernden Leben in Kreuzberg eines geworden, das nicht mehr zwischen Ich und Du, sondern zwischen Freund und Feind unterscheidet, zwischen oben und unten. Es gibt jetzt einen Gegner, einen Feind im Inneren, den man an seinen Insignien erkennt und, im Wissen, dass das nichts nützen wird, nach Leibeskräften bekämpft verachtet ablehnt. Immerhin sind wir moralisch im Recht, irgendwie.
Bis auch mein kleines Biotop für seltene Arten zerstört ist und das hässlich-einförmige Gesicht der bereits übernommenen Gebiete übergestülpt bekommt, nutze ich die Galgenfrist um das, was ist zu genießen.
Etwas anderes bleibt ja nicht.

Ach, Kreuzberg.

Zerstört

20140915_163520Da glaubt man, ein alter Hase zu sein: abgebrüht, mit allen Wassern gewaschen, abgestumpft, schmerzfrei.
Und dann spaziere ich nach einem langen Gang durch die Stadt heimwärts und will den Mann durch die ruhigeren Straßen Berlins lotsen, weil er in seiner beschaulichen Alsterstadt derartig imperialen Lärm, geschweige denn 4-Stunden-Märsche nicht gewohnt ist.
Komm, lass uns über den Acker gehen.“
Sage es, biege um die Ecke und stehe vor diesem großen Schild:

PATRIZIA
HIER ENTSTEHEN NEUE WERTE
Wohneigentum in Mitte.

Und nicht nur ich bleibe stehen und schaue und kann die aufsteigenden Tränen kaum niederkämpfen. Auch zwei alte Frauen, die auf ihren Hollandrädern die gewohnte Abkürzung über diese letzte große Brache, das letzte Stück Mauerstreifen im Kiez nehmen, stehen dort und schauen und sind fassungslos und wie betäubt.
Hier nun auch. Wir wussten es. Die ganze Zeit.
Als sie anfingen sämtliche Freiflächen hinter der Bundesdruckerei und Richtung Engelbecken mit großmäuligem Fertigteilprotz (Villa Fellini) oder seelenloser Krisenarchitektur, fast ausnahmslos hochpreisiges Eigentum, versteht sich, zuzubauen, ein Haus schlimmer als das andere, da wussten wir, dass es eines Tages auch unseren Acker treffen würde. Diesen Ort des Wildwuchses, der seit dem Fall der Mauer in einem Dornröschenschlaf lag und von uns gerne zum Spazierengehen und Verweilen genutzt wurde.
Die Essigbäume, die Hagebuttensträucher, die Wildrosen, die Akazien, der Kastanienhain, der Walnussbaum, der kleine Kugelahorn, der sich an die benachbarte große Silberpappel schmiegt, die riesige Wiese mit Weißdorn, Rauke, Goldrute, Disteln, Gräsern, Korn, Winden und zahllosen Wildblumen und Kräutern, der schattige Hohlweg, die Schmetterlinge, der Fuchs, das Käuzchen, die vielen Vogelarten und Insekten, all das wird in wenigen Wochen Vergangenheit sein, und das tut so weh, dass es mir beinahe den Atem raubt.
Die ersten Bäume, zur Straße hin, sind bereits gefällt, das Unkraut zum Gehweg gemäht, hier und da neonfarbene Markierungen vorgenommen. Das Gelände ist vermessen und vorbereitet für die Erschließung.
Wie ein Faustschlag trifft es mich, und so fröhlich, wie ich eben noch plapperte, so traurig und verstummt bin ich mit einem Mal.
Nein, es ist nicht der Regenwald, der da gerodet und auch kein Naturschutzgebiet, das platt gemacht wird. Nicht mein Geburtshaus, noch ein besonderes Kulturzeugnis. Es ist doch nur dieses zugewucherte Stück Mauerstreifen. Die letzte lebendige Erinnerung an das was war. Das Nowhereland. Die zirpende Insel. Der Ort zwischen gestern und heute. Das Verbindungsstück zwischen zwei Welten und Zeiten, die sich  voneinander abgekoppelt haben und auseinander triften wie zwei Kontinente. Mehr ist es nicht. Für mich aber ist es ein Stück Heimat, das da zerstört wird.
Und für was? „Neue Werte“ in Form von Privateigentum natürlich.
Es ist zum Heulen.


Kommentare werden möglicherweise mit Verspätung freigeschaltet, sind aber, wie immer willkommen.
Bin mal für ein paar Tage stationär.

Manifest

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Mainfest
, nicht Manifest.
In dem großen Bassin schwimmen überdimensionierte Wasserbälle aus transparentem Plastik. Verschlossen mit einem grobzahnigen Reissverschluss, einer langen Narbe. Darin, kugelnde Kinder. Spaß haben. Oma und Opa sitzen müde am Beckenrand.
Es ist Freitag, es ist schwül und die Stadt ist voll. Die Polizei hat ein größeres Areal abgesperrt. Irgendwo wird eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft. Stau. Der Unterfranke kommt nicht durch. Um den Block zu fahren gestaltet sich schwierig. Einbahnstraßen, immer nur Einbahnstraßen. Ich warte im Hotel am Gerippten auf ihn. Der Barkeeper Sherif B. begrüßt mich mit Handschlag.
Große Freude, wie geht es Ihnen, danke gut.
Wie immer läuft der Fernseher in der Lounge. Sport, ohne Ton.
Eine dreiköpfige Delegation im Anzug prüft die Fluchttüren des Hotels und macht Notizen. Ich trinke einen Cappuccino und schaue ihnen dabei zu. Sie sind konzentriert und viel zu gut gekleidet für den Job. Das ist Frankfurt.
Derweil braut sich draußen ein Gewitter zusammen. Schon wieder.
Später, bei unserer Rückkehr, werden die Freunde aus dem Spessartdorf erzählen, dass sie den ganzen Tag in der Sonne saßen.
Travis
Nach dem großen Guss, mit Grollen und Blitzen, ist der Himmel immer noch bedeckt und schwefelgelbe Wolken stehen im Osten. Ein warmer Wind geht. Ich liebe diese Stadt.
Vom Westhafen laufen wir Richtung City, immer am Main entlang.
Ich zeige den Anderen das Kleinnizza mit den Bananenpalmen, dem Kakibaum und dem riesigen Ginkgo. Der typische Wuchs. Dicht beblättert, mit wenigen Verästelungen.
Auf dem nassen Rasen lagern die Obdachlosen mit roten Gesichtern. Eine dünne, schmutzige Matratze hängt im Blauglockenbaum. Unter dem Sandsteingewölbe der Brücke stinkt es nach Pisse. Überall Scherben. Daneben ein Kinderspielplatz.
Hunde sind an der kurzen Leine zu führen
Töle scheucht halbherzig Gänse auf, die sich ihr in den Weg stellen und sie aus kleinen schlauen Augen anschauen. Am Himmel spielen Krähen im Wind. Rähräh.
Jakob!
So viele Tiere sind mir auf dieser Reise schon begegnet. Kühe, Kälbchen, Pferde und Schweine. Eine tote Blindschleiche.
Bei Starkregen im Wald bei Oberstdorf sogar Alpensalamander. Schwarze Urtiere, in der Bewegung erstarrt als wir uns nähern. Den dritten, den wir sehen, müssen wir anfassen. Seine Haut ist warm, der Körper pneumatisch wie Weingummi.
Ich denke an die Seekuh im Berliner Tierpark. Gefangen in einem schmalen Becken, das kaum den Radius eines Flossenschlages erlaubt, liegt sie dort im trüben Wasser. Auch sie fühlt sich warm und elastisch an.
Eine Elefantenkuh im gleichen Haus hat gerade gekalbt. Das Kleine steht schutzsuchend zwischen ihren Beinen, während die Menschentraube vor dem Käfig es lautstark bestaunt. Der Pfleger hält die Tiere mit einem Elektrostock im Zaum. Ein Schild erklärt, dass die Kette am Bein der Elefanten ganz natürlich ist und mit Tierquälerei nichts zu tun hat. In Indien macht man das so.
Mit einem kräftigen Strahl pinkelt die Mutter ihrem Jungen auf den Kopf.
Draußen, auf dem Brückengeländer, vor dem Schloss Friedrichsfelde, sitzen die Pelikane und klappern mit den Schnäbeln.
***
Der alte Doktor ist gestorben. Rauchen und Übergewicht. Mit seinem Sohn ging ich zur Schule.
In seinen Räumen hat die Tochter des Zahnarztes nun ihre Tierarztpraxis eröffnet. Auch ihr Vater ist inzwischen verstorben.
Bei seiner Beerdigung soll es so kalt gewesen sein, dass die eingefrorenen Orgelregister nur ein krächzendes I did it my way hervorbrachten.
Bei der Tochter hole ich jetzt Frontline gegen die Flöhe, die wir uns im Hotel in Augsburg eingefangen haben. Das Gift wird mit einer Pipette zwischen den Schulterblättern des Tieres aufgebracht. Die nächsten 24 Stunden darf ich den Hund nicht streicheln. Nass werden soll sie auch nicht. Wir versuchen es.

Die schönen Villen in der Melsunger Straße. Oben Fachwerk, das Gesims aus rosa Sandstein. Erbaut um die Jahrhundertwende, als Freud die Hysterie erforschte und Europa ein großer Krieg bevor stand. (Der Mann, der seiner Heimatstadt das Geld für eine Gaslaterne überweist, die er vor 70 Jahren mit einer Steinschleuder eingeschossen hat. Rechnungen begleichen.)

Schau, und hier bin ich als Kind singend um die Ecke gehopst, als mir eine Schmeißfliege in den Mund flog, die ich versehentlich verschluckte. Mir ist jetzt noch schlecht.

Da ist der Hydrant, unter dem der Galan seine Dusche nahm, hier der Park meiner Kindheit und dort haben wir gezündelt.
Dahinten das Unfallkrankenhaus der Berufsgenossenschaften.
Oben am Himmel klopfen die Rotorblätter von Christoph II.
Kundschaft
Unten auf der Wiese sitzt eine Rothaarige im Rollstuhl. Sie ist Anfang Zwanzig. Eine blasse, zarte Schönheit. Ihre Hände sind getaped, die Beine fixiert, die Narben des Luftröhrenschnitts noch rot. Hoher Querschnitt. Ihr Freund ruft Töle zu sich und krault den Hund zwischen den Schulterblättern.
Mein Blick begegnet ihrem. Wir lächeln uns an.

Musik zum Text: Travis, Why does it always rain on me

Zuhause, oder Selbstmord und Silberrücken

English: Thunderstorm in front of Taunus, Nied...
Auf der Rückfahrt durch sternlose Nacht sprechen wir über den Abend, der hinter uns liegt.
Ihr seid so harmonisch, sagt die Freundin. Alles scheint geklärt zwischen euch.
Findest du?
, frage ich erstaunt.
Ja, schon, du nicht? Worüber ihr euch unterhalten könnt!
Was meinst Du?
Na, über´s Kiffen und über Popstars, über Selbstmord, über das Sterben. Über Essstörungen, Liebeskummer, Politik, Religion.
Tatsächlich haben wir, dort im lauschigen Gärtchen der Gaststätte, bei Grüner Soße mit Salzkartoffeln und sauer Gespritztem, so ziemlich jedes große Themengebiet zumindest kurz gestreift. Bezüglich der angenehmsten Art Selbstmord zu begehen waren die drei Ärzte am Tisch sich allerdings nicht ganz einig. Der Eine findet Ersticken durch Plastiktüte gut, die Andere das Ausbluten und der Nächste gibt Kohlenmonoxid den Vorzug. Anästhesisten, so erzählt der Schwager, bevorzugten den Tod, den auch Michael Jackson starb. Eine Überdosis der weißen Milch befördere sicher und mit sanften Träumen auf die andere Seite des großen Flusses.
Mir erscheint die Plastiktüten-Variante am besten. Einfach, lautlos, sauber, und noch für den kleinsten Geldbeutel erschwinglich.

Suicide made by Lidl

Wer immer sie mir dereinst reichen wird, macht sich zum Sterbehelfer.
Später erklärt mir der Neffe, warum er Abends keine Kohlenhydrate mehr zu sich nimmt. Es hat zu tun mit Muskelaufbau und vor allem auch mit Muskeldefinition. Wie genau das nun zusammenhängt weiß ich nicht mehr. Über seine Pommes und die gebratenen Zwiebeln jedenfalls freut sich die Schwester, das Rumpsteak verleibt der große, kräftige Kerl mit der Kinderseele sich ganz alleine ein. Danach raucht er eine Parisienne bleue. (Filterkippen stinken)
Interessanter finde ich die Frage, wozu er, den ich noch als eher trägen Teenager mit ausgeprägter Vorliebe für hochkalorische Süßspeisen in Erinnerung habe, seinen Körper so derartig auftrainieren möchte. Ist es, um den Mädchen zu gefallen, oder will er damit eher andere Jungs beeindrucken? Denn das weibliche Geschlecht, da sind wir drei Frauen am Tisch uns einig, steht ja eigentlich gar nicht auf muskelbepackte Hulks.
Nicht? Da staunt er. Nein, eher nicht.
Ich erzähle ihm von dem Silberrücken im Frankfurter Zoo, der die konkurrierenden Männchen der Gruppe mit martialischem Gehabe und breitschultrigem Brusttrommeln beeindruckt und im Zaum hält. Die Gorillaweibchen kümmert das wenig. Im Gegenteil. Bei einem Zoobesuch vor vielen Jahren, gemeinsam mit meinem Bruder, führte der Gorillachef sich gerade wieder lautstark und gewaltbereit auf, derweil die Gorilladamen hinter der dicken Glasscheibe mit dem Publikum flirteten. Eine von ihnen hatte ganz offensichtlich ein Auge auf meinen Bruder geworfen, der den zähen Körper eines Marathonläufers, nicht aber eines Kraftprotzes hat. Benny fand meine Beobachtung wenig schmeichelhaft. Zum Beweis, nahm ich ihn in den Arm und küsste ihn auf die Wange, was das Weibchen derartig in Rage brachte, dass sie an die Scheibe herantrat und mit schwarzen Augen und wildem Gesichtsausdruck laut und gefährlich dagegen trommelte. Hätte sie gekonnt, hätte sie mich getötet, da war ich mir sicher.
Auf einmal tat sie mir ungeheuer leid, und ich zog Benny aus dem Affenhaus ins Freie.
Nie wieder habe ich diesen Ort danach aufgesucht.
Der Neffe hat meinen Ausführungen interessiert gelauscht und schenkt mir nun ein nettes Lächeln mit bezaubernden Grübchen.
Er kann schon sehr charmant sein, denke ich, und ich hoffe, dass die Frau, die er eines Tages ins Herz schließen wird, ihn genau für seine weiche und zuvorkommende Art, nicht aber für seine Muckis und sein Großmannsgetue lieben wird. Mein goldiges Näffchen.
Der Abschied ist warm und ein kleiner Schmerz sitzt mir in den Nasennebenhöhlen. Nicht weinen. Ich kämpfe die aufsteigenden Tränen nieder und mein Abgang gerät viel sachlicher als gewollt.

Die Freundin hat Recht, wir sind schon sehr harmonisch miteinander, inzwischen.
Das mit der Herzlichkeit wird auch noch. Ich übe.

Zuhause, oder Nächte mit Nietzsche

SAMSUNGNachts bei heimeligem Schummerlicht im Musikzimmer. Blick auf das schwarze Klavier.
Das Bett steht im kleinen Erker, neben dem immer blühenden, wild wuchernden Christusdorn. Kuschelige Biberbettwäsche. Du frierst doch immer so.
Alles ist vertraut. Jedes Bild, jedes kleine Dekozipfelchen. Die Handschrift der Freundin, geschwungen und verschnörkelt wie Briefe an einen König.
Damals im Häuschen am Waldfriedhof die Reste des moussierenden Holunderweines vom Dachboden ausgetrunken. Ihr glucksendes Lachen und das Zitronengesicht, wenn sie sich freut. Esoterische Anwandlungen. Mondschein und eine Menstruationshütte.
Beerenwein während der Medizin-Vorlesungen.
Herr Doktor, Herr Doktor, ich hab einen Knoten in der Brust! Wer macht denn sowas?
Wieder ihr helles Lachen, das mich mitreisst, noch beim albernsten Witz.
Vor Jahren in Würzburg bei strömenden Regen vor dem Immerhin herum geirrt, auf der Flucht vor meinem hartnäckigen Verehrer. Ausgerechnet sie schickt ihn mit klaren Worten davon.
Ringelblumentee und Lavendelblüten. Ein Nest bauen. Ohne Ecken.
Ihre langen blonden Haare, die langen Beine und die großen Brüste. Ihr Kopfschütteln: Männer sind so einfach gestrickt.
Wo immer sie ist, ist Zuhause.

Auf der Hinfahrt Sonnenuntergang bei Amorbach. Am Ende des kurzen Tunnels liegt der riesige, gleißend orangene Feuerball glühend auf dem Asphalt und verschließt die Ausfahrt vollständig. Ein flammender Deckel aus Licht. Geblendet und mit halbgeschlossenen Lidern fahren wir auf ihn zu.
So wird das sein, an jenem Tag.
Die Fähre bei Mondfeld ist außer Betrieb.
Der Main schimmert seidig, die Luft ist weich und mild.

Sils-Maria statt Amorbach wäre seine Wahl.
Nachts die geliebte Stimme am Telefon. Jeden Tag, an jedem Ort.
Kühl und warm, beides zugleich.
Na? So fangen wir an und lachen dann leise.
Wir reden und reden. Manchmal plaudern wir auch.
Das Schlagen der Kirchturmuhr. Alle fünfzehn Minuten und zur vollen Stunde.
Du bist so weit weg. Du bist mir so nah.
Mein Herz.
Nach genau zwei Stunden trennt uns wieder die elektronische Telefongouvernante.
Sofortiger Rückruf. Nur ganz kurz.
Zum Glück ist die Verbindung besser als im Allgäu.
Am Ende kann ich kaum noch sprechen. Ich möchte mit deiner Stimme im Ohr einschlafen.
Liest Du mir etwas vor?
Nietzsche. Das einzige was ich höre ist Leiber, Leiber, Leiber.
Wie gerne ich jetzt meine Hand an deinen Kehlkopf legte um die Töne zu fühlen, die dein Brustkorb hervor bringt und der Mund schließlich in die Muschel hinein formt. Mit den Lippen Wörter schälen
Ich flüstere, Du flüsterst. Wir wispern.
Ein Seufzen.
Ich hab Dich so gern.