Aalräucherei – Zylinderstifte

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Endlich wieder die Muße haben, dem Läuten der Gocken am Morgen zu lauschen, sich die Handvoll Menschen vorzustellen, die diesem Ruf folgen, um sich gemeinsam an Gott zu wenden, selbst aber im Bett liegen zu bleiben und sich von dem vertrauten Dröhnen in den Schlaf zurück tragen zu lassen um irgendwann, ganz ohne Wecker und Druck, erholt zu erwachen und in der sonnigen Küche mit einem duftenden Cappucino begrüßt zu werden.

Die Ruhe des Wochenendes habe ich mit dem Sortieren von Papierkram verbracht und mich mit jedem Dokument, das ich aus den Tiefen meiner Ordner pflückte, mehr in meine zukünftige Rolle als Aufstockerin eingefunden. Die Kämpfe der vergangenen Monate haben nicht nur müde, sondern auch arm gemacht. Nix als Schulden sind geblieben; am Monatsneunten waren gerade mal 29 € auf dem Konto. Wer da nicht am Rad dreht, hat Nerven aus Stahl.  Was mich nicht umbringt usw.

Im Postfach finde ich eine Mail der Freundin. Sie wird mich mit einem Privatdarlehen unterstützen. Ich würde alles für Dich tun, schreibt sie und ich weiß, dass sie es ganz genau so meint. Ich fühle mich beschenkt, solche Menschen in meinem Leben zu haben.

Niemand würde alles für jemanden tun, sagt der Bekannte, seiner Pflicht des Zweiflers zuverlässig nachkommend. Doch, du schon, antworte ich, du würdest mir sogar eine Niere spenden… Der Bekannte überlegt ein wenig hin und her, wiegt dabei den Kopf, um den inneren Abwägungsprozess für mich anschaulich zu machen und ist gerade im Begriff zustimmend zu nicken, als ich blitzschnell nachschiebe: …wenn ich Hunger hätte.

Wir necken uns wieder und das ist so entspannend und tut so gut, nach der langen, langen und dunklen Zeit.

Bald schon wird der Bekannte sein Köfferchen packen, mich auf´s Haar küssen und mit aufrechtem Gang in Richtung Bahnhof davon spazieren. Fünf Monate war er nun hier, mich zu unterstützen, jetzt ruft der Norden mit den großen Schiffen.

Es ist schön jemanden bereits zu vermissen, der noch nicht einmal weg ist.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: bswise, flickr
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