Behinderte gucken gehen

38767028931_9faa0bacd6_z

In meinem Studium lernte ich, dass wenn man Menschen mit Down-Syndrom eine kleine Aufgabe zuwies, sie diese mit besonderer Akribie, wenn nicht Pedanterie erledigten. Einmal gingen wir sogar in eine Werkstatt für Behinderte und schauten uns welche an. Der Dozent, ein erzkatholischer, aalglatter Typ, blieb am Tisch eines etwa fünfzigjährigen Mannes stehen der im Rollstuhl sitzend eine Thermoskanne zusammensetzte.
Das ist der Herr Sch., sagte er, der  Herr Sch. hatte einen Schlaganfall. Seither ist er halbseitig gelähmt, das Sprachzentrum ist auch betroffen. Reden kann er nimmer, aber verstehen tut er alles. Herr Sch. lebt im Wohnheim und kommt jeden Tag hierher zur Arbeit. 

Ich schaute zu Herrn Sch., der seine Arbeit ruhen ließ und mit hängenden Schultern und müdem Gesicht zu unserer Gruppe aufblickte und ich schämte mich in Grund und Boden.

Ich finde das nicht in Ordnung, dass wir hier Behinderte angucken wie im Zoo, sagte ich zu unserem Dozenten.

Das stört die Behinderten nicht, antwortete der Dozent und winkte, um seine Behauptung zu untermauern, zwei junge Männer mit Down-Syndrom heran, die interessiert hinter uns getreten waren. Jovial legte er den Arm um einen der Beiden.
Fühlst du dich wohl hier, fragte er ihn und der Umarmte lächelte verlegen und nickte.

Manchmal, erklärte der Dozent, haben die Behinderten natürlich auch keine Lust zu arbeiten, das ist nicht anders als bei uns. Aber der Heimplatz ist an den Werkstattplatz gekoppelt und sie wissen, wenn sie bei ihren Freunden bleiben wollen, müssen sie dafür arbeiten. Gerade Menschen mit Down-Syndrom können sehr stur und faul sein, denen tut ein bisschen Druck ganz gut. 

Ich schaute zu Herrn Sch., der sich längst wieder seiner Arbeit zugewendet hatte, drehte mich um und verließ die Werkstatt.

 

 

 

 

 

Bild: Nadja Varga, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Die Reichen und die Toten

In Rummelsburg wird weiterhin gebaut.
Eigentumswohnungen und Townhouses, versteht sich.
Auch die Ende des 19. Jahrhunderts errichtete Armenhaussiedlung, die in der DDR als Gefängnis diente, wurde inzwischen in käuflichen Wohnraum verwandelt, ebenso wie die Knabenhäuser des ehemaligen Waisenhauses.
Im Schatten des alten Gefängniswachturmes wohnt nun die neue Bürgerlichkeit und zieht dort die nächste Generation groß.

Kaum vorstellbar, dass hier einst die Ärmsten der Armen ghettoisiert wurden und Arbeitsdienst leisten mussten.
Nichts erinnert mehr an sie.

Doch dann wird bei Aushebungsarbeiten im geplanten Mischbaugebiet ein alter Friedhof entdeckt.
Hier wurden Armenhausbewohner und Waise beigesetzt.

Über 1 Jahr hat man nun auf Bezirksebene beratschlagt, ob und wie hier ein Ort des Gedenkens errichtet werden könne.
Am Ende erlagen die Zuständigen dann doch der Verlockung des Geldes.
Die Armen werden exhumiert und ihre sterblichen Überreste auf anderen Friedhöfen Berlins beigesetzt.
Dort sollen sie ihre letzte Ruhe finden.

Bis der nächste Bagger kommt.