Johnny Rotten von der Sparkasse

Wenn ich nichts schreibe, heisst das nicht, das nichts passiert. Eher, dass viel los ist, und ich ständig unterwegs bin.
Abends komme ich dann nach Hause, füttere die Katzen, lese Mails, unterhalte mich, esse etwas und schaffe es immer wieder, erst weit nach Mitternacht ins Bett zu gehen. Meist wird es 3 h, bis der letzte Gedanke in meinem Kopf Anker wirft, und ich schlafen kann.

Deutsch: Anker 1750
Inzwischen winke ich nur noch ab, wenn ich mittags durchhänge, lamentiere und gelobe. Geschenkt.
Mit solchen Interna, die mich selbst anöden, möchte ich auch andere nicht langweilen.

Interessanter waren da die Erlebnisse der letzten Woche. Beispielsweise dieses:
dank der Klapprechnerhavarie, konnte ich eine dringende Überweisung nicht online durchführen, und musste mich auf den Weg zur, in meiner Straße gelegenen, Sparkasse machen. Seit einer Weile gibt es dort eine langgezogene Rampe vor der Türe.
Auf der Rampe hat sich der Engländer postiert, der früher neben der Türe stand , und öffnet jedem mit einem Lächeln aus spitzen Eckzähnen die Türe, der hinein oder hinaus möchte. Neben ihm lehnt  eine Gitarre an der Wand. Manchmal scheint er darauf zu spielen. Leider habe ich das noch nie zu hören bekommen. Johnny Thunders, Billy Bragg, irgend sowas. Ich könnte wetten.
Er ist in die Jahre gekommen, Johnny-Rotten-Grinsen, dunkelblonde zerwühlte Haare, helle Augen, abgetragener brauner Tweetanzug mit passender Weste. Wie ein Zirkusdirektor. Jeder kennt ihn, grüßt ihn, wirft ein paar Cent in seinen Hut. Er genießt Ansehen hier im Kiez. Mnachmal steht ein Punkmädchen bei ihm und sie unterhalten sich. Sein Englisch klingt ein wenig nach Cockney.
Als ich nun zur Sparkasse gehe, um dort die Überweisung zu veranlassen, sehe ich, dass er heute nicht da ist.
An seiner Stelle sitzt ein massiger Gorilla mit kräftigem Kinn, breiten Schultern und übertrainierter Brustmuskulatur auf einem Stuhl. Um die Rampe herum hohe Metallgitter.

Gorilla Man

Gorilla Man (Photo credit: Mr. Daniel Ted Feliciano)

Ich bleibe stehen und versuche die Situation zu erfassen: ein Muskelprotz sitzt in einem Metallkäfig auf einem Holzstuhl auf der Rampe vor meiner Sparkasse. und glotzt gefährlich. In der Filiale brennt Licht. Die Tür ist geschlossen. Kein Hineinkommen möglich.
Und noch etwas stimmt nicht. Irgendwie ist die Perspektive merkwürdig verschoben. Erst auf den zweiten Blick sehe ich, dass die Rahmen der weißen Metallfenster und der Türe bauchig nach außen gewölbt, und dort, wo sie in das Mauerwerk eingesetzt wurden, Steine und Mörtel heraus gebrochen sind.
Das Sicherheitsglas hingegen sitzt bombenfest im Rahmen.
Später erfahre ich, dass morgens gegen halb 6 jemand versucht hat einen der Geldautomaten zu sprengen, die sich in dem Vorraum der Sparkasse befinden, und Tag und Nacht zugänglich sind. Die Sprengung war erfolgreich. Der Automat kaputt, die Farbpatrone, die bei Gewalteinwirkung zerplatzen soll, unversehrt, der Vorraum voll mit druckfrischen Scheinen. 50 000 Euro. Die Tür allerdings war nach der Sprengung so verklemmt, dass sie sich nicht mehr öffnen ließ.
Mit dem  Ziel in Greifweite gibt man nicht einfach auf. Die Sprengmeister sollen noch versucht haben mit der Akkuflex die Türe zu öffnen, flohen aber schließlich unerkannt und mit leeren Händen.
Die Überweisung habe ich dann gar nicht mehr gemacht, sondern bin direkt in die Oranienstraße gegangen und habe dort meine Schulden mit echtem Geld aus Papier beglichen.