Vergrämen

image_531401110004504569548(Foto: wallpapers-de.ru)

Vergrämen/

Tauben mit Spikes

Junkies mit klassischer Musik

Flüchtlinge mit Zäunen

Waschbären mit Ultraschall

Marder mit Stromschlägen

Obdachlose mit Anti-Homeless-Architektur

Einheimische durch Geld

Zerstört

20140915_163520Da glaubt man, ein alter Hase zu sein: abgebrüht, mit allen Wassern gewaschen, abgestumpft, schmerzfrei.
Und dann spaziere ich nach einem langen Gang durch die Stadt heimwärts und will den Mann durch die ruhigeren Straßen Berlins lotsen, weil er in seiner beschaulichen Alsterstadt derartig imperialen Lärm, geschweige denn 4-Stunden-Märsche nicht gewohnt ist.
Komm, lass uns über den Acker gehen.“
Sage es, biege um die Ecke und stehe vor diesem großen Schild:

PATRIZIA
HIER ENTSTEHEN NEUE WERTE
Wohneigentum in Mitte.

Und nicht nur ich bleibe stehen und schaue und kann die aufsteigenden Tränen kaum niederkämpfen. Auch zwei alte Frauen, die auf ihren Hollandrädern die gewohnte Abkürzung über diese letzte große Brache, das letzte Stück Mauerstreifen im Kiez nehmen, stehen dort und schauen und sind fassungslos und wie betäubt.
Hier nun auch. Wir wussten es. Die ganze Zeit.
Als sie anfingen sämtliche Freiflächen hinter der Bundesdruckerei und Richtung Engelbecken mit großmäuligem Fertigteilprotz (Villa Fellini) oder seelenloser Krisenarchitektur, fast ausnahmslos hochpreisiges Eigentum, versteht sich, zuzubauen, ein Haus schlimmer als das andere, da wussten wir, dass es eines Tages auch unseren Acker treffen würde. Diesen Ort des Wildwuchses, der seit dem Fall der Mauer in einem Dornröschenschlaf lag und von uns gerne zum Spazierengehen und Verweilen genutzt wurde.
Die Essigbäume, die Hagebuttensträucher, die Wildrosen, die Akazien, der Kastanienhain, der Walnussbaum, der kleine Kugelahorn, der sich an die benachbarte große Silberpappel schmiegt, die riesige Wiese mit Weißdorn, Rauke, Goldrute, Disteln, Gräsern, Korn, Winden und zahllosen Wildblumen und Kräutern, der schattige Hohlweg, die Schmetterlinge, der Fuchs, das Käuzchen, die vielen Vogelarten und Insekten, all das wird in wenigen Wochen Vergangenheit sein, und das tut so weh, dass es mir beinahe den Atem raubt.
Die ersten Bäume, zur Straße hin, sind bereits gefällt, das Unkraut zum Gehweg gemäht, hier und da neonfarbene Markierungen vorgenommen. Das Gelände ist vermessen und vorbereitet für die Erschließung.
Wie ein Faustschlag trifft es mich, und so fröhlich, wie ich eben noch plapperte, so traurig und verstummt bin ich mit einem Mal.
Nein, es ist nicht der Regenwald, der da gerodet und auch kein Naturschutzgebiet, das platt gemacht wird. Nicht mein Geburtshaus, noch ein besonderes Kulturzeugnis. Es ist doch nur dieses zugewucherte Stück Mauerstreifen. Die letzte lebendige Erinnerung an das was war. Das Nowhereland. Die zirpende Insel. Der Ort zwischen gestern und heute. Das Verbindungsstück zwischen zwei Welten und Zeiten, die sich  voneinander abgekoppelt haben und auseinander triften wie zwei Kontinente. Mehr ist es nicht. Für mich aber ist es ein Stück Heimat, das da zerstört wird.
Und für was? „Neue Werte“ in Form von Privateigentum natürlich.
Es ist zum Heulen.


Kommentare werden möglicherweise mit Verspätung freigeschaltet, sind aber, wie immer willkommen.
Bin mal für ein paar Tage stationär.

Bärtige Männer

SAMSUNGIch hab´s ja nicht so mit Weihnachten. Darum an dieser Stelle kein Weihnachtsbeitrag.
Statt vor dem Baum zu sitzen und zu singen bin ich lieber draußen unterwegs und genieße die menschenleeren Straßen.
Es ist mild, fast schon warm. Dann und wann zündet irgendein Bengel einen Knaller und andere Bengel johlen dazu. Ein Auto knattert über den nassen Asphalt und der Hund steckt seine feuchte Nase in den Schmutz.
Dorthin, wo die bärtigen Männer hausen. Die, die bei der großen Verlosung eine Niete gezogen haben, die die nicht über Los gehen durften, sondern für ein paar Runden aussetzen müssen.
Mensch ärgere dich nicht
Die Balkone sind festlich erleuchtet. Immer weniger muslimische Familien leben hier, rund um den Mariannenplatz.
Am Kotti  hängen die üblichen Gestalten rum. Der Turkey fragt nicht nach Jesu Geburt.
Unter dem Viadukt der U-Bahn kauert einer neben seinen zerfetzten Tüten. Das Gesicht vom Leben auf der Straße gezeichnet.
Ich gebe ihm einen Fünfer. Er ist so schwach, dass er sich nicht einmal freuen kann.
Vor der Sparkasse steht der Nächste. Mit einem Pappbecher in der Hand öffnet er jedem die Tür. Drin liegt sein Hund auf einer Decke und schläft.
Er nimmt den Fünfer und schaut sich um, als hätte ich ihm Drogen zugesteckt.
Bei der Post auf der Skalitzer stoße ich gleich auf vier ältere Männer, die hinten im Gang bei dem Behinderteneingang sitzen und die Automatiktür mit einer Unterarmstütze blockieren.
Fünf Euro für jeden von ihnen. Hundert Jahre Leben für mich als Dank.
Draußen ein junger Typ mit Schäferhund.
Als ich ihm 5 Euro gebe kommt die Frau, die auf den Stufen zum Eingang sitzt, und streckt mir ihre Hand entgegen. 5 Tacken auch für sie.
-Siehste, jeder bekommt was, sagt der Typ zu ihr und ich ahne, dass etwas zwischen ihnen schwelt. Die Frau läuft mir hinterher und hält mir eine Packung Ibuprofen unter die Nase. Ich schüttele den Kopf und gehe weiter.
Am Ostbahnhof stehen größere Gruppen betrunkener Männer und streiten sich lautstark.
Ich getraue mich nicht, zu ihnen zu gehen und sie zu beschenken. Lärmende, alkoholisierte Männer ängstigen mich. Außerdem habe ich nicht mehr genug Geld für jeden und befürchte sie könnten sich auch noch um die Scheine streiten.
Drinnen sitzt eine einzelne Reisende mit ihrem Koffer in einem der kleinen Glaskästen, die dort für Wartende aufgestellt wurden. Ansonsten ist der Bahnhof wie ausgestorben. Mitten in der Halle ein Rollstuhlfahrer mit riesigem falbem Schäferhundmischling. Die spindeldürren Beine des Mannes liegen ausgestreckt in einer sperrigen Konstruktion. Er ist in Decken gehüllt und schläft mit zur Seite geneigtem Kopf.
Es dauert nicht lange, bis die patrouillierenden Polizisten auf ihn zutreten, sich breit aufstellen und den Schlafenden auffordern den Bahnhof zu verlassen. Der mächtige Hund fängt an zu bellen und lässt sie nicht näher herankommen. Der Rollstuhlfahrer reagiert nicht, öffnet nicht einmal die Augen. Es bellt ohne Unterlass, die beiden Polizisten schauen ratlos.
Ich freue mich, auch wenn ich weiß, dass sie ihn früher oder später wieder vor die Türe setzen werden. Und wenn sie dafür den Tiernotruf herbei funken müssen, der ihnen den Hund vom Leibe hält.
Inzwischen hat sich, die Gunst der Stunde nutzend, der erste Streithahn durch den Seiteneingang in den Bahnhof geschlichen und wühlt in den Müllbehältern herum.
Statt Pfandflaschen 5 Euro für ihn.
Wie erschrocken er mich anschaut, als ich das Geld aus der Hose hole. Dachte er ich zöge ein Messer? Ich wünsche ihm einen schönen Abend und gehe runter zu Lidl und Rossmann. Dort sitzen sie auch oft.
Heute sehe ich nur einen Mittfünfziger mit gepflegtem Schnauzbart und hellen Wildledermokassins, der mit spitzen Fingern Plastikflaschen aus dem Container klaubt und sie in den mitgebrachten Rollkoffer steckt. Als ich ihn anschaue blickt er weg und geht mit aufrechtem Gang zum Aufzug.
Nein, ihm werde ich nichts anbieten. Es würde ihn kränken.
Das Bellen in der Halle oben hat aufgehört. Der Rollstuhlfahrer ist verschwunden.
Wie immer, wenn ein Obdachloser abgeführt wird, habe ich die Vision, dass er irgendwo in den Katakomben der Bundespolizei verprügelt wird und sie ihn dann an den Stadtrand fahren und auskippen wie Müll. Aus den USA hört man solche Dinge, warum sollte es hierzulande anders sein?
An seiner Stelle steht nun ein gedrungener älterer Mann mit Vollbart. Er trägt ein Ringelshirt und ausgebeulte Hosen mit Hochwasser und Hosenträgern. Darunter Sandalen. Vor ihm ein voll bepackter und mit Tüten behangener Rollator. Ich bin schon im Begriff einen Schein zu ziehen, als ich sehe, dass die Tüten und Kisten voll sind mit Lebensmitteln.
Fehlalarm.
Ich beschließe mit der S-Bahn zu fahren, eine Runde mit dem Hund durch den dunklen Tiergarten zu drehen, und auf dem Rückweg über den Potsdamer Platz vielleicht noch ein paar Obdachlose abzufangen.
Es ist noch Geld übrig.
Neben Balzac sitzt einer, das Gesicht so zugerichtet, dass ich erschrecke.
Ein junger Kerl, keine 25. Platzwunden überall, die Nase dick und blau, die Augen blutunterlaufen und fast vollständig zugeschwollen, hockt er dort beim Ausgang der U-Bahn.
-Kaffee?, rufe ich ihm zu, ehe ich den Laden betrete, und er nickt.
Ich bestelle eine Brezel und einen Cappuccino für mich, einen großen Kaffee und ein belegtes Ciabatta für ihn. In einen kleinen Becher schütte ich etwas Milch und bringe ihm alles drei nach draußen. Er greift nach der Milch und trinkt sie in einem Zug aus. Er hat Hunger.
Dann begreift er, dass ich ihm auch etwas zu essen gebracht habe, und schenkt mir ein schiefes Lächeln. Erst jetzt sehe ich das kleine Pappschild zu seinen Füßen.
I AM HOMELESS
und dieser Satz trifft mich ganz unerwartet tief und heftig. So sehr, dass mir das Kinn zittert, und die Augen brennen.
Wie lasch dagegen das Wort obdachlos klingt.
Der Heimatlose mit polnischem Akzent bedankt sich sehr herzlich bei mir.
You are a good person!
Aufs Äußerste beschämt verlasse ich den Potsdamer Platz und gehe niedergeschlagen nach Hause.
Dort wartet kein Baum, kein Braten, keine Geschenke, kein Kind auf mich.
Dafür aber eine warme Altbauwohnung in begehrter Investorenlage.
Später dann kommt der Unterfranke, und gemeinsam mit einer Freundin kochen und essen wir.
Es gibt kein Recht auf Heimat. Das hat das Bundesverfassungsgericht gerade in einem Urteil zum Braunkohleabbau festgestellt.

Für niemanden.

Musik zum Text: massive Attack, Unfinished Sympathy
http://www.myvideo.de/watch/7030466/Massive_Attack_Unfinished_Sympathy

[ˈætɪˌtjuːd], oder Die Invasion der Zombies

Ein milder Novembertag. Leichter Regen fisselt aus lichtgrauen Himmel.
Es ist 16 Uhr, wir laufen nach Friedrichshain.
Auf der Warschauer Brücke das übliche, geschäftige Treiben. Menschenmassen schieben sich über den Gehweg, der voller Scherben ist.
Von der S-Bahn weg. Zur S-Bahn hin.
Niemand ist hier über fünfzig, so wie auch in den angrenzenden Bezirken kaum noch jemand zu wohnen scheint, der auf die Rente zugeht.
Ein Typ, Anfang zwanzig, mit stoppligem Schädel und reichlich Piercings im Gesicht, sitzt im Schneidersitz vor den Verkaufsbuden, die den Weg zur S-Bahn säumen. Seine Augen sind auffallend blau, um die Lippen spielt ein freundlich-ironischer Zug.
I need money to fix my timemachine and go back to the 70´
steht auf dem aufgeweichten Stück Karton, das vor ihm liegt.
Unsere Blicke treffen sich, als ich ihm 2 Euro gebe, und er schenkt mir ein kleines, entwaffnendes Verführerlächeln. Ich muss lachen.
Hinter der Brücke steht einer der vielen Fotoautomaten für schwarz-weiß Bilder. Auch die Geräte stammen aus den 70ern und erfreuen sich großer Beliebtheit.
So, wie alles, was shabby, vintage retro oder oldschool ist.
Wer will schon in unserer Zeit leben.
Inzwischen erzielen sogar die Humana-Läden, in denen die Erträge aus der Altkleidersammlung verkauft werden, gute Umsätze. Wer auf der Individualitätswelle mitreiten möchte, stattet sich dort mit sämtlichem Zubehör für den Trümmerfrauenlook, oder die Hauptstadtattitude [ˈætɪˌtjuːd] aus. iPhones als Abzeichen der Uniform, gehören ebenso dazu wie Wollmützen (beanies).
Hinter der Warschauer Brücke biegen wir in die Revaler Straße ein, und bewegen uns im Schatten der Mauer des RAW-Geländes Richtung Osten.
Der Regen ist stärker geworden, so dass wir unseren Weg schweigend und mit gesenktem Blick fortsetzen. Jede in ihre eigenen Gedanken versunken.
Der Hund trottet ergeben neben mir her.
Ich frage mich, wann sie anfangen werden den östlichen Zipfel des RAW, dieser letzten großen (71.000 qm) Industriebrache, mit den zahllosen, teilweise unter Denkmalschutz stehenden, Backsteinschuppen des alten Reichsbahnausbesserungswerkes, zu bebauen.
Die Pläne der deutschen Investorengruppe liegen bereits vor.
Eigentumswohnungen natürlich.
Hochpreisig selbstverständlich.
Nichts mehr zu machen.
Logisch.

RAW, FRIEDICHSHAIN, Berlin

RAW, FRIEDICHSHAIN, Berlin (Photo credit: Corscri Daje Tutti! [Cristiano Corsini])

Um die neuen Bewohner vor dem Lärm des Berliner „Technostrichs“ zu schützen, wird gleich neben den Palästen auch noch eine Hütte ein Studentenwohnheim, als Puffer entstehen.
Lustiges Studentenleben.
Auch, wenn die Mietverträge vieler Clubs und Kulturreinrichtungen noch einige Jahre laufen, werden Anwohnerklagen dem Treiben ein verfrühtes Ende setzen.
So wie überall im Neuen Berlin, wird auch hier legitimierte Friedhofsruhe einkehren.
Zusammen mit den Clubs und Konzerthallen, werden der Kinderzirkus, die Töpferwerkstatt, die Skaterhalle, der Flohmarkt, das Badehaus, die Cafés und Restaurants, der Biergarten, sowie das Kulturhaus Astra verschwinden.
Über 60 verschiedene Veranstalter oder Vereine, die heute für Leben hinter der Mauer zur Revaler Straße sorgen, werden sich eine neue Bleibe suchen müssen und keine mehr finden.
Verdrängt von einer sterilen Monokultur besserverdienender Langweiler, die in uninspirierten, glatten Wohnwürfeln ihre Kinder mit anspruchsvollen Hobbies triezen, und frühzeitig zu konsumlobotomierten Zombies heranziehen.

RAW Tempel

RAW Tempel (Photo credit: streunna2)

-Wo kommen eigentlich die ganzen Leute mit Geld her, frage ich mich, als wir am Lovelite, das auch bald Geschichte sein wird, vorbei gehen.
Berliner sind das jedenfalls nicht, denn die sind arm.
Das weiß jeder, und das ist auch gut so.

Wir sind sexy, wir sind scharf, wir sind das heiße Prekariat

Unseretwegen liebt alle Welt diese Stadt, flutet sie mit ihrer Kohle, und spült damit genau das weg, was Berlin so einzigartig macht, und was die Menschen hierher lockt.
Dieses Lebensgefühl lässt sich nicht kaufen. Geld verfälscht und zerstört es schließlich.
Mal wieder ertappe ich mich bei meiner hilflosen Häme.
„Das geschieht denen schön recht, wenn es hier langweilig wird ohne uns“, gehört in eine Kategorie mit dem trotzigen Aufstampfen des machtlosen Kindes:
-Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt, wenn ich erstmal tot bin und ihr an meinem Grab weint!
Wir werden nicht mehr hier sein, um uns an ihrer Ödnis zu ergötzen, und sie werden uns nicht vermissen, weil sie schon das nächste Paradies plattmachen, oder in ihrer gated community ein Barbecue mit fein-marmoriertem Fleisch von handmassierten japanischen Rindern veranstalten.
-Ach was, denke ich, solche Leute wohnen woanders. Die kaufen sich gleich ein Penthouse direkt an der Spree. Zum Beispiel in den gerade entstehenden Wohntürmen Max und Moritz (Quadratmeterpreis bis 8000 €).
Das Areal neben der O2-Arena, hat der Bezirk (mit dem grünen Bürgermeister Schulz), erst in diesem Frühjahr an die Wohnkompanie veräußert. (Dass das Wort Kompanie ursprünglich einmal Brot-Genossenschaft bedeutete, darüber sei an dieser Stelle besser geschwiegen.)
Natürlich hätte man auch kleiner, und damit sozialer denken können, indem man weniger große, bezahlbare Grundstücke an Genossenschaften verkauft hätte.
Hat man aber nicht. Wollte man nicht.
Die höchsten Türme im Zentrum der Metropole bleiben dem Geld vorbehalten. Frankfurter Verhältnisse schaffen.

So geht das

Inzwischen ist es dunkel geworden, und wir biegen in die Gärtnerstraße ab.
Die Freundin möchte Wolle bei
Wollen kaufen, doch der Laden hat wegen eines Fotoshootings geschlossen.
Das nächste Mal besser anrufen, ehe wir den weiten Weg vergeblich machen. Klaro.
Ein bisschen verloren tippeln wir jetzt weiter durch den verregneten Südkiez, in dem das Belanglosigkeits-Gewerbe, Spiegel der Verfasstheit unserer Gesellschaft, boomt und blinkt.
Heimelig erleuchtete putzige Lädchen mit Kinderbekleidung (Siebenschön, Dollyrocker), neben lustigen Stofflädchen mit Eulen-, Fuchs-, Pilz- und Eichhörnchenmotiven oder fancy Küchengeschäften. Ultraniedliche Shops mit Nettigkeiten und herzige Mutticafés mit erfrischend witzigen Namen, springen uns von allen Seiten an.

Kinder, Küche, kochen, Café. Die kleine Welt der modernen Großstadtmutter mit Geldhintergrund.

Klassische Eckkneipen, gibt es nicht mehr.
Stattdessen Bars wie Süß war gestern.
Kein Zweifel: Friedrichshain ist der neue Prenzlauer Berg.
Mir wird schlecht von soviel altbackener Bürgerlichkeit im Gewand adulter Kindlichkeit, in der Eltern die besten Kumpel ihrer Kinder sind, und auch gerne mal selbst das BMX-Rad oder die kunterbunten Ringelstrümpfe rausholen.
Mich ekelt vor der schönen Scheinwelt einer Gesellschaft, in der sozialer Zusammenhalt systematisch zerstört wird, und an dessen Stelle der lifestyle-gegelte Hedonismus tritt, in dem allenfalls Liebe für die eigenen Gene Platz hat.
Den Vorschlag der Freundin noch irgendwo im Kiez etwas zu trinken, muss ich leider ablehnen.
Es wird Zeit zurück zu gehen, ins gentrifizierte Kreuzberg.
Auch schlimm, aber wenigstens mein Zuhause.
Auf dem Heimweg werde ich dem Zeitreisenden ein Bier ausgeben.

Musik zum Text:

Cake, Rock`n´Roll Lifestyle

Der Lausi. Ein Berliner Diminutiv.

English: Lausitzer Platz in Berlin-Kreuzberg (...

English: Lausitzer Platz in Berlin-Kreuzberg (Germany) (Photo credit: Wikipedia)

Der Berliner ist ein großer Freund des Diminutivs.
Die Verniedlichung des Nahegelegenen und Vertrauten, macht die Verlorenheit, das Getrenntsein in diesem endlosen Häusermeer der bundesdeutschen Hauptstadt erträglicher.
Indem man Orten Kosenamen gibt, schafft man ein Gefühl von Heimat.
Der Kreuzberger steigt am Kotti in die U1 oder U8, kauft seine Drogen im Görli, trinkt Kaffee am Heini und besucht den freitäglichen Biomarkt auf dem Lausi.

Den Lausi(tzer Platz) nutze ich häufig als Passage, wenn ich mit Töle in den Görlitzer Park (Görli) möchte.
Er ist einer der Plätze in Berlin, die ich zwar mag, auf denen ich aber nicht mehr so oft verweile.
Das liegt vor allem an der verheerenden Zunahme von Bio-Muttis mit Kiddies in Luxus-Buggies, und weniger an den Touris und Yuppies, die inzwischen den Kiez auffressen, und gewachsene Strukturen, naja, strapazieren.
Die Ecke zur Eisenbahnstraße ist dabei das Epizentrum des Unbehagens.
Hier gibt es einen Eissalon, der zeitgemäß Bio- und Soja-Eis anbietet (gutes Eis, sehr freundlicher Service, Hunde willkommen) über eine große Südseiten-Terrasse verfügt und als erfolgreiches Lockmittel bunte Tische und Stühle aufgestellt hat. Flankiert wird er von zwei Geschäften mit Kinderzubehör. Eines davon heisst Sönneken. Der Name des anderen ist mir entfallen, lautet aber ähnlich infantil.
Ideale Voraussetzungen für die Keimzelle der Gesellschaft.
Ich habe mir in den letzten Jahren abgewöhnt den Platz auf dieser Seite zu passieren.
Die egomanen, selbst-bespiegelnden Vintage-Eltern sind mir zu anstrengend.
Denn kaum komme ich mit Töle friedfertig um die Ecke geschlendert, zerren sie auch schon angekotzt ihren Nachwuchs beiseite und bedenken uns mit vorwurfsvollen Blicken.
Wie kann ich mit diesem Viech ihren fancy Privat-Kindergarten, hier mitten auf dem Gehweg, durchkreuzen und den vergoldeten Nachwuchs gefährden?
Noch schlimmer sind allerdings jene Väter oder Mütter, die ihre lieben Kleinen ohne Vorwarnung und ungefragt in meinen Hund hinein schubsen, damit sie „Ei!“ beim Wauwau machen können.
„Leander, mach mal `ei` beim Wauwau!“.
Töle wird unwohl, wenn der Windelträger, mit ausgestreckten Armen, torkelnd auf sie zustürzt, an Fell und Ohren zieht, versehentlich mit dem Finger ins Auge sticht und dabei, mit eisverschmierter Schnute, freudig glucksend und aufstampfend
„Eiii – jeiiih-jei!!“ kreischt.

Als an dieser Ecke noch das Café Liebermann seine Türen geöffnet hatte, war die Bevölkerungsstruktur eine andere.
Es gab neben Eltern, Kindern, Touristen, Yuppies und Hipstern, auch Punks, andere Kinderlose, Lesben, Schwule, Handwerker, Arbeiter, Studenten und sogar ältere und alte Menschen, die hier einen Kaffee tranken, sich im Lottoladen trafen, oder im Lampengeschäft Glühbirnen kauften.
(Ja, gähn, die Gentrifizierung halt mal wieder)
Wegen des Kinder- bzw. Elterngartens bin ich auch nur noch selten auf der Ostseite des Platzes unterwegs.
Das ist schade, denn dort gibt es einen sympathischen Trödel-Laden, mit Nachlass-Verkäufen zu fairen Preisen, der von Paula seit vielen Jahren mit viel Liebe betrieben wird. Fast ganzjährig sitzt er vor den überfüllten Räumen seines Ladens, und begrüßt, immer gut gelaunt, die Anwohner.
Ich hoffe, dass er, trotz steigender Mieten, noch lange durchhält.
Ein erwähnenswertes Urgestein ist auch das Café V, ein vegetarisch-veganes Lokal, mit prima Essen. Drinnen ist es mir oft zu düster und draußen sind die Kinder Vintage-Eltern. Aber Take-away geht immer, und das goutiere ich dann, in Gesellschaft von Töle, Tauben und Obdachlosen, vor der wunderschönen Emmaus-Kirche, die dem Lausitzer Platz sein Gesicht gibt und mich immer wieder in zuversichtliche Stimmung versetzt.
Wenn ich den Lausi von Westen betrete, stoße ich an der Ecke auf die Havanna Bar. Zwar kenne ich niemanden, der dort je Cocktails geschlürft hätte, ich selbst habe es bis auf Weiteres nicht vor, aber stören tut sie nun auch nicht. Zu unbedeutend.
Schade nur um den Pink Panther, der hier früher die Punks mit Bier versorgte und ebenso ein Hort des Vollrausches war, wie die legendäre Fallgrube. Beide gibt es nicht mehr.
Heute betrinkt sich die gleiche Klientel in der Rock´n`Roll-Herberge in der Muskauer Straße, die zwar vergleichsweise aufgerüschter daherkommt, mir aber die liebste Kneipe im Block ist.
Auf der Westseite des Platzes befindet sich seit ein paar Jahren eine der allgegenwärtigen Galerien, die ich ebenso meide, wie all die anderen Saubere-Wände-gleich-höhere-Mieten-Etablissements. Daneben ein italienisches Lokal. Toskana-Fraktion. (say no more).  Zur o.k.en Lasagne gibt es anständige Weine mit anspruchsvollen Preisen. Klar.
Auf der Ecke zur Skalitzer Straße komme ich schließlich zum Baraka, einem ägyptischen Lokal, das gutes Couscous anbietet, und dazu keinen Alkohol ausschenkt. Trotz des großen Andrangs an Touristen, sind Qualität und Gastfreundschaft des langjährigen Stammlokales immer noch gut, und die Preise akzeptabel.
Ich sitze gerne da draußen an den Biertischen, schaue auf die Hochbahn oder freue mich an dem Treiben vor dem benachbarten Kiosk (Späti) mit dem Namen „quicky“; – Treffpunkt ortsansässiger Alkoholiker und anderer Desperados, die diskutieren, sich in die Haare kriegen, wieder versöhnen um johlend zum nächsten Trinkspruch anzuheben.
Die blaue Stunde beginnt, und es wird Zeit zu gehen. Töle wartet auf ihre Runde durch den Park. Wir überqueren die Straße und ich drehe mich noch einmal um.
Da liegt er, der liebe Lausi.
Wie schön er aussieht, der Lausi!
Über dem Eingangsportal der Kirche das vertraut schimmernde Glasmosaik:
Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden
Links und rechts der Kirche aufglimmende Gaslaternen.
Ich erinnere mich an ein Kind, das ich eine zeitlang betreute: der Junge verabschiedete sich vom gurgelnd ablaufenden Badewasser und der untergehenden Sonne mit den gleichen Worten, die er auch für mich im Scheiden übrig hatte:
-Ich sag tschüss, wenn du gehst.
Tschüssi, Lausi!

Wofür man steht

Es ist Mittag, die Sonne scheint und mein Hund möchte sich die Beine vertreten. Immer nur Mariannenplatz ist frustrierend wie Kasernenhof, weiter geht es zum Engelbecken.
Aus der Entfernung höre ich das vertraute Flap-Flap-Flap eines Helikopters.
Ein Polizeihubschrauber steht mit wummernden Rotorblättern am Himmel.
Mit jedem Schritt, den wir uns dem Engeldamm nähern, schwillt der Lärm an, bis er sich zu einem ohrenbetäubenden Knallen verdichtet, das sich mit Wucht in den Gehörgang drückt.
Töle schaut zu mir hoch und läuft geduckt weiter.
„Köpi,“ denke ich, „er steht genau auf Höhe der Köpi am Himmel.“ (http://www.koepi137.net/koepi.htm)
Wegen des Baus einer weiteren Eigentümer-Residenz, ist die Adalbertstraße an der Ecke zum Engeldamm seit Monaten für den Verkehr gesperrt. Das jahrzehntelang freistehende Eckgrundstück wird nun auch erschlossen.
Im vergangenen Frühjahr standen auf dem zugewucherten Gelände noch zahlreiche, wild gewachsene Ahorn- und Essigbäume. Im Schutze des Geästs zog hier ein Mäusebussard-Pärchen seine Jungen auf. Ihre unverkennbaren, fordernden Rufe waren weithin zu hören.
Ich unterdrücke meinen Impuls die Route zu ändern und Richtung Köpenicker Straße abzubiegen. Töle will ans Wasser. Das soll sie.
Wir nehmen den Weg durch den, mit Werbung zugeklebten Brettergang vor der Baustelle, als mir im Vorbeigehen eine Reihe nebeneinander platzierter Plakate ins Auge fällt.
Vor weißem Hintergrund ist jeweils ein fünfzackiger, bunt ausgemalter Stern und daneben ein ebenso koloriertes „größer-als“ Zeichen (>) zu sehen. Die Farbgebung und Ausgestaltung der beiden Symbole variiert von Plakat zu Plakat, ebenso wie die Beschriftung.

Pro Kreuzberg ist das eine betitelt, Pro Neukölln das Nächste. Weiter geht’s mit Pro Friedrichshain und Pro Köpenick.

Warum denn nicht gleich Pro Deutschland, denke ich, und frage mich, wer da so überaus fancy wie auch blöde wirbt.
Ich muss daran denken, wie ich vor Jahren, anlässlich der Berlinale in den Potsdamer-Platz-Arkaden unterwegs war. Ein Shop im Souterrain bot eine rosafarbene Miniaturtasche, im Stile einer Retro-Sporttasche von Adidas an, auf der  München 1972 stand. Wie kommt so etwas zustande? Gibt es da niemanden in der Werbeabteilung von adidas, der das Stichwort wenigstens ein einziges Mal durch Google laufen lässt, um zu sehen, was an erster Stelle damit asoziiert ist?

https://www.google.de/search?q=m%C3%BCnchen+1972+&ie=utf-8&oe=utf-8&aq=t&rls=org.mozilla:de:official&client=firefox-a

Mein Begleiter war so entgeistert, dass er die Verkäuferin fragte, ob sie denn auch auch das Modell Dachau 1943 da habe.
Leider nein, wir sollten aber unbedingt mal beim Flagstore nachfragen. Wenn jemand das im Sortiment habe, dann die.
Viel später am Tag sitze ich Zuhause und suche Im Netz nach der Plakataktion.

Unter http://skateboardmsm.mpora.de/news/converse-pro-streets.html finde ich die Erklärung:

„Mit seiner pan-europäischen Aktion „PRO STREETS“ sucht Converse den kreativsten Stadtteil Europas. (…) Ab dem 20. August 2012 wird Converse „PRO STREETS“ in sechs der größten Städte Europas (…) den kreativsten Kiez suchen. Die Berliner Bezirke Kreuzberg, Friedrichshain, Neukölln und Köpenick messen sich dann mit Stadtvierteln aus London, Paris, Madrid, Amsterdam und Mailand.
Vor Ort wird dazu aufgerufen, zu zeigen, was den eigenen Kiez so besonders macht. Von Skateboarding bis Basketball, von Urban Art bis Musik –alles ist erlaubt. Hauptsache es macht deutlich, wer dahinter steckt und wofür man steht(…).“
Das Internet gibt mir auch die Antwort darauf, was in der Köpenicker Straße los war.
Vor dem Hausprojekt Köpi 137, hatten sich etwa 150 Menschen versammelt, um gegen eine Veranstaltung von Pro Deutschland zu demonstrieren, die vor Berliner Moscheen gegen Islamismus defilierten. Die rechtspopulistische Bewegung trug bei ihrer Tour Mohammed-Karikaturen vor sich her. Diese zu zeigen, war am Vortag der Veranstaltung vom Berliner Verwaltungsgericht im Rahmen der Kunstfreiheit genehmigt worden.
Alles ist erlaubt. Hauptsache es macht deutlich, wer dahinter steckt, und wofür man steht.
Ein paar Tage später lese ich auf der Homepage von pro-Deutschland folgendes:
„Als Reaktion auf die pro-Deutschland-Kundgebungen in Berlin ist in Kairo ein offenbar geisteskranker Islamist ausgerastet.
Der Mann stürmte in die deutsche Botschaft und schoß mit einer Spielzeugpistole um sich. Außerdem versetze er die anwesenden Menschen mit Pyrotechnik und nicht funktionierenden Nagelbomben in Angst und Schrecken. Zur Begründung verwies er nach seiner Festnahme darauf, für ihn sei das Zeigen der Mohammed-Karikaturen in Berlin am vergangenen Wochenende unerträglich gewesen.
Er führte den Angaben zufolge Artikel aus der ägyptischen Tageszeitung „al-Ahram“ vom 17. August 2012 mit sich, die berichtete, daß die Berliner Verwaltungsgerichte das Zeigen der Karikaturen erlaubt hatten. Daraufhin beschloß er offenbar einen Racheakt.
Verletzt wurde bei dem Amoklauf niemand.“
Wie war das? Alles ist erlaubt. Hauptsache es macht deutlich…

Danke, Converse.

Es geht voran

Bald wird es dunkel, und für einen ausgedehnten Spaziergang im Tiergarten sind wir spät dran. 
Schnell die dicke Jacke angezogen, Schal umgeworfen, Schlüssel geschnappt und zack, zack, zack 
aus dem Haus gestürzt. 
Töle spürt die Eile. Sie senkt den Kopf ein wenig und trabt konzentriert neben mir her.
Mariannenstraße, Schillingbrücke, Koppenstraße.
Am Ostbahnhof angekommen, hetze ich durch die ausgestorbene Minerva-Passage und blicke nach rechts.
Die Postfiliale bietet zwar keinen Geldverkehr, dafür aber Zigarren an, die neben dem Eingang in Humidoren aufbewahrt werden. Erstaunlich. 
Der Sandwich-Laden mit den passablen Thunfisch-Stullen ist schon wieder ausgezogen. Sein Vormieter Subway hat den zweiten Anlauf genommen hier Fuß zu fassen. 
Wie früher, ist der Laden auch heute wieder gähnend leer. 
Nicht die richtige Ecke für belegte Weißmehl-Produkte. Die Konkurrenz durch Mc Donalds und Backwerk in der Haupthalle ist einfach zu groß. 
Um dem lukullischen Elend die Krone aufzusetzen wird wahrscheinlich 
Dunkin Donuts als nächstes hier eröffnen.
Ein im Mittelgang aufgebauter Pavillon verkauft neben Filzpantoffeln, Schals mit Leopardenprint, bunten Socken und Moonboots auch Plüschhausschuhe in vielfältigen Ausführungen: Riesen-Chucks, Welpen, Ferkel, Drakulaköpfe, Tigertatzen, Bärenpranken usw.
Ich stelle mir vor, wie die glückliche Kundin Puschen für sich und ihren Partner erwirbt, die die beiden fortan in ihrer Freizeit tragen werden. 
Die Dame des Hauses trägt die Ferkel zur rosafarbenen Jogginghose mit silbernen Seitenstreifen. Der Gatte kombiniert die Raubtierfüße mit der legeren, tiefsitzenden Sweat-Hose in hellgrau.
Der Gedanke gefällt mir, und während ich mir den Alltag des Pärchens, zwischen RTL, festen und flüssigen Kohlenhydraten, sowie Lexmaul-Tuning ausmale, sehe ich mein Spiegelbild in einem Schaufenster.
 Abrupt bleibe ich stehen.
 „Nein!“ 
Töle schaut mich an und gähnt verlegen. 
„Gibt´s doch nich!“
 Der Hund macht Sitz.

Zur schwarzen Hose und schwarzen Schürstiefeln trage ich tatsächlich eine rote Jacke mit gelbem Schal und gelber Kapuze, und sehe aus wie eine Deutschlandfahne. Schwarz, rot, gelb.
 Dass ich das nicht schon Zuhause gemerkt habe! 
Ob ich mir rasch etwas anderes zum Anziehen kaufe? 
In der Haupthalle gibt es einen Fanshop für Hertha BSC und die Berliner Eisbären. 
Die Fanartikel in XXXL sind zu blau, zu geräumig und sowieso nicht mein Fall. 
Ansonsten steht noch der Modevertrieb von Frau Pooth zur Auswahl.
 Der Preis für den Billigramsch ist mir zu hoch. Hungrige Kinder nähen nicht besonders gut.

Aber in diesem Flaggenlook durch die ganze Stadt?
 Dann lieber mit Drakula-Puschen in die S-Bahn steigen, einen Haarreif mit blinkenden Teufelshörnern aufsetzen und den Hund Männchen machen lassen.
 Wahrscheinlich würde sich Töle in meine Plüschfüße verbeissen und totschütteln spielen.
 Die Mitreisenden würden sich freuen, ihr lächelnd den Kopf tätscheln, die Mini-Pizza 
mit ihr teilen und mir ein paar Kupfermünzen vor die Füße werfen.


Ich beschließe meine Pläne zu vertagen und nach Kreuzberg zurück zu kehren.

Der Abwechslung halber gehen wir heute an der East- Side- Gallery entlang, Richtung Oberbaumbrücke, um torkelnde Touristen (TT) zu gucken.
 Der von Künstlern gestaltete Überrest der Berliner Mauer mit seiner naiv-düsteren Achtziger-Jahre-Ästhetik ist auch heute wieder ein Magnet für die Besucher der Stadt.
 Besonders beliebtes Fotomotiv, ist das Bild der in Ketten gelegten Friedenstaube. 
Ganze Gruppen bleiben davor stehen und lassen sich ablichten, ehe sie sich einen Original-DDR-Stempel in ihren Reisepass drücken lassen.
 Ohne nach links und rechts zu schauen laufen sie kreuz und quer (TT) und schrecken verstört beiseite, als ich versuche mir mit einem „Achtung!“ den Weg durch die Menge zu bahnen.

Wahrscheinlich schüchtert sie der Nationalfahnen-Aufzug, gepaart mit meiner harschen Aufforderung und dem Hund an meiner Seite, hier im ehemaligen russischen Sektor so sehr ein, dass sie beinahe glauben, die Mauer stünde noch und jeden Moment käme ein Volkspolizist sie zu verhaften, in düstere Stasi-Gefängnisse ab zu transportieren und wochenlang gnadenlos verhören zu lassen.

Direkt hinter der East Side Gallery fließt die Spree. Sie bildete die natürliche Grenze zwischen Ost- und West-Berlin.
 Bis 1989 patrouillierten hier die Grenzposten der DDR.

„You are entering a world of pain“  hatte um die Jahrtausendwende ein anonymer Sprayer in riesigen, kunstvollen Lettern dort auf die Mauer gesprüht.
 Schade, dass das Graffito übertüncht wurde.
 Heute finden sich hier nur ein paar geistlose Kritzeleien und die üblichen Tags.

Ich erinnere mich an die Werbung für ein Sprachinstitut, das Anfang der 90er Jahre Deutsch als Fremdsprache anbot „Learn German, as quick as you can spell reunification“. 
So schnell, wie sie buchstabiert und beschlossen war, hat sich die Wiedervereinigung nicht vollzogen. 
Auch nach über 20 Jahren, werden in den Neuen Bundesländern noch niedrigere Löhne gezahlt, als in den Alten.

Gleich sind wir an der Oberbaumbrücke. Im Lärm der riesigen Kreuzung zwischen Friedrichshain und Kreuzberg stehen ratlose Besucher der Stadt und studieren einen Reiseführer.
 Mit Hund wird man sofort als Einheimische identifiziert, und natürlich fragen sie mich nach einem der unzähligen Hostels, deren Namen ich noch nie gehört habe, weil sie mich naturgemäß nicht interessieren.

Als wir die schönste aller Berliner Brücken Richtung Süden überquert haben, biegen wir rechts ab ans May-Ayim-Ufer, und befinden uns jetzt auf der gegenüberliegenden Seite der East-Side-Gallery.
 Zur Kolonialausstellung wurde dieser Uferabschnitt ab 1891 ordentlich aufgehübscht. (Ausgerechnet hier spaziere ich jetzt in den deutschen Nationalfarben mit frisch gewaschenem weißen Hund entlang!) 
Die Doppel-Kaianlage ist eine Besonderheit. Anstelle des Leuchtturmes von damals, steht dort seit zwei Jahren die Signalkugel einer Berliner Künsterin.

Nach der Teilung Berlins verlief hier die Sektorengrenze, wobei die Spree in voller Breite zu Ost-Berlin gehörte. 
In den sechziger und siebziger Jahren wurden hier nicht nur die Menschen erschossen, die versuchten über den Fluss in den Westen zu gelangen. Es ertranken auch einige West-Berliner Kinder, weil den Rettungskräften jedes Eingreifen durch die Grenztruppen der DDR untersagt war.
 Später wurden Wasserunfallmelder aufgestellt die den DDR-Grenzposten optische und akustische Signale gaben, um (auf gleiche Weise) eine Ausnahmegenehmigung für die Rettung eines Ertrinkenden zu erhalten. 
Um weitere Kinder vor dem Sturz ins Wasser zu bewahren wurde oberhalb der Uferböschung enger Maschendraht gespannt.
Ein Teil davon steht heute noch. Löchrig durch die Jahre, wird auch er in Kürze dem neuen Anstrich des Modebezirks Kreuzberg weichen.

Man fängt an um die merkwürdigsten Dinge zu trauern, denke ich, als ich nach Hause trotte und an den leerstehenden Räumen der ungeliebten kleinen Schlecker-Filiale auf der Köpenicker Straße vorbei komme.
 In der Wrangelstraße werden die letzten Häuser saniert und selbstverständlich in Eigentumswohnungen umgewandelt. 
Wir warten gespannt auf den Einzug der neuen Nachbarn.
 Wer wird wohl als erstes gegen den, in der Markthalle beheimateten Privatclub klagen, und dessen Schließung erzwingen? 
Wieso sollte es hier in Kreuzberg anders laufen, als am Prenzlauer Berg? 


Sogar der traditionsreiche Knaack-Club, der immerhin 59 Jahre durchgehalten hat musste dem Druck der zugezogenen, neuen Eigentümer weichen. 
Der Magnet Club ist aus dem gleichen Grund nach Kreuzberg umgezogen; das Icon hat ganz dicht gemacht.
 Als im vergangenen Jahr der Club der Republik schließen musste, hing man kurzerhand ein Transparent aus dem Fenster, das mir gut gefallen hat.

Club der Republik

Zuhause angekommen schlägt mir eine Rauchwolke im Treppenhaus entgegen. Es stinkt auch wieder nach Pisse, und missmutig kicke ich die Scherben auf dem Boden beiseite, ehe Töle sich etwas eintritt.


ARF- Asoziale Radikale Ficker,

lese ich, als ich die Tür aufschließe . 


Kreuzberg 36, auf den Rest den scheiss ich!

steht darunter, ergänzt von

Fick die Welt

und


FUCK SYSTEM .

Daneben ein Fleck getrockneten Blutes.

Auch um diesen Schmutz und Gestank werde ich wohl eines Tages trauern, wenn endlich die letzte Eigentumswohnung verkauft ist. 


Mir graut vor dem Moment, in dem ein Gebäudereiniger sein Gerüst hier aufbaut und ich schriftlich dazu aufgefordert werde mich an der Planung zur Luxussanierung zu beteiligen.

Solange es hier so aussieht werde ich wohl noch ein bißchen bleiben können, bis die Gentrifizierung auch über mir zusammenschlägt wie eine große Welle.

Mariannenplatz

Der Mariannenplatz liegt eingebettet zwischen der Mariannenstraße im Osten, der Waldemarstraße im Süden, dem Bethaniendamm, der ihn im Norden begrenzt und der Adalbertstraße im Westen.

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Er führt den Namen Platz zu Recht, anders als zum Beispiel der nahe gelegene Heinrichplatz, der einfach ein Plätzchen ist.
Marianne von Oranienburg-Nassau, Tochter Wilhelm des I., ist die Namenspatin meines Lieblingsplatzes in Berlin.
Ich liebe es von der Mariannenstraße aus die Stufen zum Bethanien zu nehmen und zu dem alten schönen Gemäuer mit seinen beiden Türmen und der dazwischen angebrachten Glocke, die an Missionskirchen in Lateinamerika erinnert, empor zu schauen.
Ein Blick nach links: in der Ferne, der Feuerwehrbrunnen von Kurt Mühlenhaupt, der 1981 an derselben Stelle errichtet wurde, an dem schon sein Vorgänger dem Krieg zum Opfer fiel. Ich weiß, dass dieser Brunnen die Arbeit und die Opferbereitschaft der Feuerwehrleute würdigen soll. Ein Blick in die Gesichter der Bronzefiguren, lässt einen dann aber doch an der hehren Absicht zweifeln: die sehen mit ihren dicken, geschwollenen und überdimensionierten Nasen und ihrem dümmlichen Gesichtsausdruck allesamt aus wie schwere Säufer.
Man könnte glauben, dass der Brunnen aus Hass auf Feuerwehrleute dort steht, und einzig ihrer Verunglimpfung dienen soll.
Um den Brunnen herum, gruppieren sich im Halbkreis rosafarben getünchte Alt- und Neubauten.
Auf Luftaufnahmen nach 1945 ist deutlich zu erkennen, welche Häuser im Block durch Bomben ausradiert wurden.
Eines davon stand direkt auf der Ecke Waldemar-/ Mariannenstraße.
Dort befindet sich jetzt ein großer Neubau, der sich gut ins Bild einfügt, und dessen Erdgeschoss eine Eckkneipe beherbergt, in der schon Rio Reiser gerne und häufig zu Gast war.
Vielleicht haben durchzechte Nächte zu der ersten Zeile des Rauchhaussongs geführt.

Heute steht das Bethanien nicht mehr ganz leer.
Es beherbergt zahlreiche Ateliers für Künstler, eine Kita, das Restaurant
“3 Schwestern” und im Südflügel die ehemaligen Besetzer der Yorckstraße, die inzwischen ordentliche Mieter sind, den Betreibern des Künstlerhauses Bethanien aber aus Gründen des Renommées ein solcher Dorn im Auge waren, dass man sich entschloss in ein todschickes Haus auf dem Kottbusser Damm umzuziehen. Gut so.
Wo Kunst nicht nur apolitisch ist, sondern zum Erfüllungsgehilfen von Gentrifizierern und Gleichmachern wird und sich ausdrücklich von alternativen Lebensformen distanziert, ist sie eben auch nichts anderes mehr als ein Business. Dies allerdings gerne mit viel Chichi und Wichtigmeierei.
Kurz: ich bin froh, dass sie weg sind.
Der Südflügel beherbergt neben den” Yorckies” auch die Heilpraktiker Schule (selbstverwaltet), die mit einem lässig aus dem Fenster gehängten Transparent, verziert mit dem Yin-und-Yang-Symbol, ihren Standort kenntlich macht.
Sobald es warm genug ist, sitzen die SchülerInnen draußen und halten mit ihren gezähmten LehrerInnen im Freien Unterricht ab. Man erkennt sie sofort. Haare, Klamotten alles ein bißchen filzig und grob.
Am eindeutigsten sind sie aber an ihren Blicken auszumachen.
Da ist so etwas Wissendes drin. Da merkt man gleich, dass sie sich durch ihre spirituelle Offenheit Welten erschlossen haben, zu denen ich als verkopfter und ignoranter Mensch niemals Zugang haben werde.
Mit toleranzgeschürzten Gesichtern sitzen sie da, mit friedvoll hängenden Schultern und wachsamem Blick.
Eine kurze Irisdiagnose en passant. Ein Braunauge.
Mein verschlossen bis ablehnender Gesichtsausdruck lässt eine Spontandiagnose zu: “Sepia!, total Sepia! Verzweifelt oder verbittert!”
Das hat mir mal ein Homöopath mit auf den Weg gegeben. So würde ich enden.
Ob er am Ende recht behält?
Schnell die Schule und die glotzenden Gutmenschen hinter mir gelassen (ich spüre noch ihre kosmische, feinstoffliche Liebe im Nacken), und rechts abgebogen, vorbei am Freiluftkino und zum Nachbarschaftgarten.
Dort treffe ich fast immer auf den gleichen Trinker, der mit seinem Foxterrier Idefix Ball spielt.
Idefix ist der klassische Apportierhund. Er lebt einsam in der Welt seines Balles, Artgenossen interessieren ihn nicht, Menschen interessieren ihn nicht: der Ball muss fliegen, zurück gebracht werden um wieder zu fliegen.
Das alleine zählt, und das stimmt mich irgendwie traurig.
Auf dem Rasen stehen zwei übermuskulöse Typen mit ihrem übermuskulösen Staffordshire-Rüden.
Dieser hat sich derartig in einen Knüppel verbissen, dass sie damit das 50- Kilo-Tier immer im Kreise herumschleudern können.
Da freuen sich Mensch und Kreatur gleichermaßen.
Ich nehme den Weg durch den Nachbarschaftsgarten und bewege mich auf das Georg-von-Rauch-Haus zu.
Ich mag das alte Gebäude.
Von der Nordseite des Bethanien hört man Musikfetzen. Klavier.
Die Jugend-Musikschule.
Es riecht mal wieder nach geröstetem Brot und nach einem Feuerchen.
Aus den Schloten der Bauwägen vom Kreuzdorf raucht es behaglich.
Eine Gruppe Touristen kommt mir entgegen. Ein Reiseleiter erklärt ihnen alles, was man über das revolutionäre Kreuzberg wissen muss. Und natürlich muss der Rauch-Haus-Song herhalten.
Ich finde es respektlos, wie sie da vor der Wagenburg stehen bleiben um geiles Ghetto zu gucken.
Kein Blick zu diesen Deppen, und wenn sie noch so gerne mal Blickkontakt mit einem Ureinwohner hätten.

Zurück zur Vorderseite des Platzes.
Am nördlichen Ende steht die Engelskirche. Ein monumentaler, schöner Backsteinbau, den man architektonisch eher in der Toskana verorten würde.
Ich verweile einen Moment auf den Stufen vor dem Eingang und schaue einem großen Hunderudel beim Spielen in der Sonne zu.
Als das Ordnungsamt versucht sich anzuschleichen, flüchtet man in alle Richtungen.
Auch ich schnappe meine Töle und gehe nach Hause.
Nachher müssen wir eh nochmal raus. Zur Abendrunde auf dem Platz.

Die Reichen und die Toten

In Rummelsburg wird weiterhin gebaut.
Eigentumswohnungen und Townhouses, versteht sich.
Auch die Ende des 19. Jahrhunderts errichtete Armenhaussiedlung, die in der DDR als Gefängnis diente, wurde inzwischen in käuflichen Wohnraum verwandelt, ebenso wie die Knabenhäuser des ehemaligen Waisenhauses.
Im Schatten des alten Gefängniswachturmes wohnt nun die neue Bürgerlichkeit und zieht dort die nächste Generation groß.

Kaum vorstellbar, dass hier einst die Ärmsten der Armen ghettoisiert wurden und Arbeitsdienst leisten mussten.
Nichts erinnert mehr an sie.

Doch dann wird bei Aushebungsarbeiten im geplanten Mischbaugebiet ein alter Friedhof entdeckt.
Hier wurden Armenhausbewohner und Waise beigesetzt.

Über 1 Jahr hat man nun auf Bezirksebene beratschlagt, ob und wie hier ein Ort des Gedenkens errichtet werden könne.
Am Ende erlagen die Zuständigen dann doch der Verlockung des Geldes.
Die Armen werden exhumiert und ihre sterblichen Überreste auf anderen Friedhöfen Berlins beigesetzt.
Dort sollen sie ihre letzte Ruhe finden.

Bis der nächste Bagger kommt.