heute jedoch nicht

 

Die Welt gehört uns, steht auf Nabelhöhe an die Hauswand gesprayt. Gleich daneben lehnt eine festgekettete Holzleiter. Ein paar Meter weiter sitzen die neuen Kiezbewohner auf den sonnengefleckten Gehwegen am Park und genießen hinter dunkler Brille und sattem Lächeln einen Taschengeldkaffee aus unseren Kolonien.

Der Bekannte und ich versuchen es noch einmal mit einem gemeinsamen Spaziergang durch Kreuzberg. Den Rückweg geht wieder jeder allein. Der Enzian ist ein Mythos und mein Wille zur Steilwandbezwingung ist erlahmt. Nur manchmal noch brennt die Vergeblichkeit ganz oben an der Nasenwurzel.

Am Kanal stehen die verbotenen Angler und locken mit blinkenden Ködern japsende Fische aus dem überwärmten Gewässer. Auch der hessische Riesenwels soll demnächst gefangen werden und anderswo, bei als weniger wertvoll erachteten Arten, für einen darwin´schen Alptraum sorgen. Bereits auf einsfuffzich ist das gefräßige Tier meanwhilst herangewachsen. Sie tauften es auf den Namen Walli.

Ich lese, dass wieder irgendwo in der Republik ein Vater seine Tochter getötet hat, um damit die ungehorsame Kindsmutter zu strafen. Toxische Männlichkeit nennt man das heute. Ich nenne es: verfluchtes Schwein.

Mein Bedürfnis der Welt etwas mitzuteilen scheint verbraucht. Lieber betrachte ich die Feuerwanzen auf den Gehwegplatten, wie sie mit ihren aufgebockten Hinterleibern von links nach rechts torkeln, um sich später am Abend auf Mauern und Baumstämmen zu sammeln, wo sie ihre rotflammenden Panzer für die kommende Nacht mit Wärme betanken.
Am Engeldamm kreuzt ein querschnittgelähmtes Eichhörnchen meinen Weg und kriecht unter dem Bauzaun am Kinderbauernhof hindurch. Neugierig steckt der Taubenzüchter seinen Kopf aus dem federflusigen Holzverschlag. Gemeinsam beobachten wir wie das kleine Tier durchs Unkraut robbt, um den nächsten Baum zu erreichen, ehe der Kater kommt. Ich warte bis ich einen rostroten Fleck auf dem hellen Stamm des Essigbaums entdecke und trotte erst dann mit Tölchen weiter.

Auf dem Oranienplatz ist es selbst für die Trinker heute zu warm und auch die häkelnden Türkinnen finde ich nicht auf ihren Bänken unter den Kastanien.
Nur der Krähenfütterer und ich tun weiter ihren Dienst.
Hinter den Scheiben des farbbeutelverschmierten Hotel Orania stoßen derweil die betuchten Gäste mit einem erlesenen Tropfen an.

 

 

Früher stand hier auf dem Platz ein Mast. Darauf ein umgekippter Katamaran.
Der Wind entlockte den Drähten seiner Segel sphärische Klänge.

Ruhen Sie sanft, Herr Graff.

 

 

Hund/ Kiez/ Spind

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Die kurzen Spaziergänge anstelle der ausufernden Märsche ändern meinen gesamten Tagesablauf.

Statt in den Tiergarten zu gehen, schlendern der Hund und ich jetzt vier Mal täglich die Straße herunter, jeweils nur 50 bis 100 Meter, sie schnüffelt und markiert viel, wirkt dabei jedoch abwesend und auf eine merkwürdige Weise wie aufgezogen. Gefangen, eingespannt in ein Gewohnheitsjoch, das selbst der Tumor nicht auszuschalten vermag. Ein Robot.
Auf dem Rückweg, wenn ihr Gang staksig wird, trage ich sie und Zuhause geht sie sogleich auf ihre Decke unter dem alten Vitrinentischchen, dreht sich ein paar Mal im Kreis herum und lässt sich dann seufzend nieder.

Der Eine ist abgereist und so ist nicht nur mein Hundeleben, sondern auch die Struktur unseres gemeinsamen Beziehungsalltags außer Kraft gesetzt. Eine ungewohnte Fülle an Zeit steht mir plötzlich zur Verfügung, und gestern Nachmittag habe ich seit Jahren das erste Mal wieder eine große Runde ohne Töle durch meinen Kiez gedreht, um schließlich in der Oppelner Straße bei dem kleinen neuseeländischen Café einen köstlichen Cappuccino zu trinken. Vor den umliegenden Lokalen schauten die Leute in angenehmer Lautstärke Fußball, im Hintergrund am Schlesischen Tor ratterte die Hochbahn vorbei und ich saß, mit der Kölnerin plauschend, unter einer blühenden Linde. Ohne müde zu werden pflückten wir die herabfallenden Milben von unseren Kleidern und aus dem Nacken und genossen das zurückgelehnte Geplänkel über dies und jenes und niemals über etwas.
Ein nachmittägliches Bad im leichten Leben.

Als ich gegen 19 h nach Hause kam stand der schwanzwedelnde Hund bereits an der Tür. Eine solche Freude auf beiden Seiten!
Ein bisschen füttern, ein bisschen kraulen und dann wieder ins Körbchen mit ihr. Am Dienstag startet die Chemotherapie. schlafen soll sie, schlafen.

Später am Abend rief mich der Kanzler an. In seinem Postkasten hatte er einen Brief für mich gefunden.
Da ich seit über 20 Jahren nicht mehr in Frankfurt lebe, passiert das nur noch höchst selten, und wenn, dann ist es meistens die Sparkasse, die mich an mein  Jeanskonto erinnert, welches ich zur Konfirmation mit einem Guthaben von 5 D-Mark geschenkt bekam, und das inzwischen Rekordzinsen abgeworfen haben soll. Warten wir auf die künftigen Negativzinsen und sehen das Vermögen dann peu à peu dahinschmelzen. Gewonnen/ zerronnen halt.
Jetzt also wieder ein Brief für mich, dieses Mal einer mit überraschendem Anliegen: da bekommt man als Teenager, genau genommen in den 80er Jahren, als Deutschland geteilt, Helmut Kohl  Kanzler war und Peter Illmann die Formel Eins moderierte, beim Besuch einer städtischen Einrichtung einen Spindschlüssel gegen Unterschrift ausgehändigt und wird  heute, 3 Jahrzehnte später, dazu aufgefordert diesen umgehend zurückzugeben.

Ist das putzig, oder ist das irre, oder was ist das eigentlich?
Mir jedenfalls so passiert.
Ich lache und wundere mich und warte darauf, dass demnächst ein weiteres Schreiben ins väterliche Haus flattert, in dem mein Abitur für ungültig erklärt wird, weil ich angeblich abgeschrieben, oder besser noch, nach heutigem Stand der Schiller-Forschung, das Thema verfehlt hätte.

 

 

 

 

 

Bild: cosmoflash, locker in the attic
Lizenz: Attribution-ShareAlike 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0)

zu zweit

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Ich möchte auch mal wieder jemanden haben, sagt die Freundin, als wir gemeinsam durch den Ringpark gehen, er vorneweg, große Stöcke für den Hund werfend, sie und ich im leichten Sommerkleid hinter ihm her schlendernd und das Muskelspiel seiner Waden und seiner Arme beobachtend, mein Körper getragen und beschwingt von den Tagen und den Nächten mit ihm. Das verstehe ich, sage ich.
Ich hab solche Sehnsucht nach einem anderen Körper, fährt sie fort, nach irgendeinem. Einfach mal nicht mehr alleine liegen nachts und mal wieder vögeln.
Auch das kann ich gut verstehen und ich nicke, wenngleich mein Begehren gezielter ist als ihres.

Nachdem wir eine ganze Weile spaziert sind, und ich im Vorbeigehen immer wieder die botanischen Besonderheiten des Parks bewundert habe, kommen wir an den Sommer-Volieren im Schatten der Hofgarten-Mauer vorbei, und während Mann und Hund auf dem Rasen weiter toben, bleibe ich vor einem der großen Käfige mit zwei Graupapageien darin stehen und betrachte sie in ihrem kargen Gefängnis. Ich weiss nicht warum, aber ich muss unwillkürlich an meinen verstorbenen Großvater denken, und ich sehe ihn vor mir, wie er in seinem Arbeitszimmer sitzt und eine Predigt vorbereitet, derweil wir Enkelkinder im Garten spielen und die Großmutter in der Küche mit einem Sparschäler Kartoffeln schält. Die Erinnerung stimmt mich traurig und so versuche ich, sie beiseite zu schieben.

Mein Sohn hat mich von der Balkonbrüstung geholt, neulich nachts, erzählt die Freundin auf einmal, so schlecht ging es mir.

Und so breit warst du, denke ich mir im Stillen dazu und ich merke, wie Widerwillen  in mir aufsteigt.

Der war ganz schön schockiert, fährt sie fort, und nimmt, mit zusammen gekniffenen Augen, einen tiefen Zug von ihrer Selbstgedrehten, auch wegen seines Vaters. Er weiss ja, dass der C. auf Heroin ist und da macht es ihm Angst, wenn ich die Kontrolle verliere. Wenn ich jemanden hätte, der bei mir ist und mich unterstützt, dann würde so eine Scheiße nicht passieren, sagt sie, und nach einer kurzen Pause, zum Glück ist der Klenne da und passt auf mich auf.

Während des Sprechens steigt ihr ununterbrochen eine schmale Rauchfahne aus Nase und Mund und ich staune über das Lungenvolumen der zierlichen Frau.

Mir fällt nicht ein, was ich sagen könnte, ohne mich in einer ausufernden Diskussion wieder zu finden, und so wende ich mich den beiden Graupapageien in ihrem Verlies zu.

Na, ihr Grauchen, sage ich, und sie schauen mich interessiert an.

Scheiße hier drin, oder? mischt sich die Freundin ein, aber immerhin seid ihr zu zweit.

Ob das wenigstens ein Männle und ein Weible ist?, fragt sie mich oder sich selbst.

Keine Ahnung, ich zucke mit den Schultern und merke, dass ich genervter klinge, als ich möchte.

Sie schaut mich prüfend von der Seite an und ich versuche ein unbefangenes Lächeln. An ihrem strengen Gesichtsausdruck sehe ich, dass es mir nicht besonders gut gelungen ist.

Lass uns in den Biergarten gehen, auf ein Getränk, schlage ich vor und drehe mich zu dem Mann um, der ein Stück entfernt auf einer Bank Platz genommen hat und raucht, den müden Hund zu seinen Füßen. Er lächelt.

Du hast es gut, sagt sie, und blickt zu ihm herüber, du bist nicht allein.

Ja, das stimmt, sage ich und winke ihm zu.

Zu dritt gehen wir hinüber in den Hofgarten und trinken schweigend ein Bier. Der Mann legt seine Hand auf meinen Oberschenkel. Noch am gleichen Abend fahren er und ich mit dem Wohnmobil weiter in den Odenwald.

 

 

 

 

 

 

Bild: Stefan Eising, Duett (flickr)
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Zwischen zwei Leben

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Ich möchte nicht mehr, dass Du zu Deinem Vater ins Auto steigst
, sagt meine Mutter, als ich sie auf halber Treppe treffe. Sie hält einen voll beladenen Wäschekorb in den Händen, der Duft von Waschmittel steigt mir in die Nase, ich schaue sie an. Ihr Blick ist ernst, nichts verächtliches oder heimtückisches liegt darin, auch ihrer Stimme fehlt der übliche abschätzige oder drohende Anklang.  Sie meint es so, wie sie es sagt und sie meint es gut. Das ist das Beunruhigendste.

Wann genau das war, weiß ich nicht mehr. Es muss nach meinem Aufenthalt in der Uniklinik gewesen sein, ob Wochen oder Monate oder vielleicht sogar Jahre später – ich kann es nicht sagen. Die Erinnerung an diese Zeit liegt sorgsam verschlossen. Nur selten habe ich das Bedürfnis und den Mut an diesen Ort der Angst zurück zu kehren.

Das einzig konkrete Bild aus den Tagen in der Klinik, ist das eines verdorbenen Apfels, den ich in der Nacht gegessen habe und dessen zerfressenes Gehäuse ich am nächsten Morgen auf dem metallenen Nachttisch finde, braun und voller Wurmkot. Mich ekelt vor mir.
Auch an das fahlweisse Licht, das durch die Thermoglasfenster in das überheizte Krankenzimmer fällt, erinnere ich mich und an einen Brief des Pfarrers, der mich konfirmiert hat, an seine guten Wünsche für mich, an die Schmerzen in dem Gewebe unter der Operationsnarbe, die wie ein borstiger Tausenfüßler auf meiner Haut sitzt.
Das Gesicht meiner Bettnachbarin ist mir abhanden gekommen. Sie litt an Myasthenia gravis, das weiß ich noch, und ihr Name ist mir im Gedächtnis geblieben – Frau J. Ihre grauen Haare waren kurz, die Augenlider halbgeschlossen, oft hatte sie Mühe zu schlucken und manchmal fiel ihr auch das Sprechen schwer – das machte die Krankheit- dann stützte sie ihren Unterkiefer mit der Hand und ich konnte kaum verstehen was sie sagte. Alles andere habe ich vergessen.

Was nach der Klinik geschah, lässt sich nicht der Reihe nach erzählen.
Die Diagnose griff in unser aller Leben ein und änderte es von Grund auf. In meiner Erinnerung gibt es ein Vorher und ein Nachher. Zwei Leben, scharf voneinander getrennt. Es gab keinen Bereich, der verschont blieb und diese unbegreifliche Veränderung erfüllte mich mit großer Furcht. Eine Würgeschlange hatte sich um meinen Brustkorb gelegt.

Das ohnehin schon brüchige Gefüge meiner Familie war dem Druck nicht gewachsen. Wir verloren uns ganz und damit unser Zuhause und ich war Schuld daran.
Bis heute haben wir uns nicht erholt davon und manchmal denke ich, dass sie mir niemals werden verzeihen können, dass ich uns alle in den Abgrund gerissen habe.

Niemand sprach mit mir, keiner sagte mir was los war und was mit mir geschehen würde. Die größte Bedrohung lag in dem Schweigen, dem ich mehr Glauben schenkte als jedem Symptom und jedem aufmunternden Lächeln meines Vaters.

Auch meine Geschwister, die eine älter, der andere jünger als ich, hatten schwer zu tragen an diesem Geheimnis, dessen Auswirkungen sie nicht ermessen und schon gar nicht verstehen konnten. Sein Raunen klang schrecklich wie der Tod. Ein unausgesprochenes Abkommen, eine Vereinbarung hielt uns drei davon ab miteinander zu reden. Bloß nicht daran rühren, um es nicht noch schlimmer zu machen, es nicht aufzubrechen, wie eine Pestbeule. Man könnte daran zugrunde gehen. Wir hofften das Unglück zu bannen, indem wir ihm keinen Namen gaben. Unterdessen breitete es sich in meinem Inneren aus wie Teer.

Auf der Suche nach Kleingeld für Zigaretten stoße ich eines Tages im Arbeitszimmer meines Vaters auf ein medizinisches Fachbuch. Aufgeschlagen liegt es auf seinem Schreibtisch, zwei, drei Absätze sind rot angestrichen. Kathe steht daneben und jeweils ein großes Ausrufezeichen, gekritzelt mit nervöser Hand. Was ich lese übertrifft alle Befürchtungen. Die Zeit bleibt stehen.
Regungslos stehe ich da, das Blut rauscht in meinem Kopf und ich schaue aus dem Fenster auf das gegenüberliegende Haus. Aus irgendeinem Grund muss ich an Michelle denken, die schon vor langer Zeit von hier weg gezogen und mit ihrer Familie zurück nach Frankreich gegangen ist. Bald darauf wurde die kleine Villa, in der sie lebten, abgerissen und an ihrer Stelle ein Neubau mit Tiefgarage errichtet. Auch der alte Birnbaum, von dem mein Vater jeden Spätsommer die Früchte pflückte, ist verschwunden.
Michelle wird nie von meiner Krankheit erfahren. Auch nicht von meinem Tod. Ich drehe mich um und gehe hinauf in mein Zimmer. Dort setze ich mich unter den Tisch und weine. Die nächsten zehn Jahre höre ich nicht mehr auf damit.

 

 

 

 

Bild:  Michele M.F. Bronze runners from the Villa of the Papyri (Herculaneum)
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Coup de Schlumpf

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Der Unterfranke sammelt gerne und viel und er liebt die Ordnung. Im Prinzip. Heimisch wird sie bei so vielen Fundstücken allerdings nur schwer und da er nichts wegwerfen möchte, beschließt er einen Ebay-Account einzurichten und dort das ein oder andere zu verkaufen. Anfangen will er, versuchsweise, mit einem kleinen Schlumpf. Einem, den er doppelt, wahrscheinlich sogar drei-, möglicherweise auch vierfach besitzt, obwohl er nie vorhatte sowas zu sammeln. Es hat sich einfach so ergeben. Die Dinge liegen am Straßenrand und bitten regelrecht darum mitgenommen zu werden. Der Unterfranke hat ein großes Herz und gibt ihnen allen ein Zuhause. Dafür opfert er in seiner 3-Zimmer-Wohnung in bester Lage auch gerne einen ganzen Raum, der bis unter die Decke voll ist mit seinen Schutzbefohlenen. So voll, dass man nicht einmal eine Pritsche für einen Übernachtungsgast aufstellen könnte. Selbst sein braver Hund hat Mühe, sich zwischen all den Schätzen hindurch zu schlängeln, wenn er das Zimmer durchqueren will. Wer sich nicht zu dem Unterfranken ins Bett legen möchte, der kann leider nicht bleiben, falls er den letzten Bus verpasst hat und zu müde oder zu breit zum Laufen ist, denn in dem dritten Wohnraum stehen das Motorrad und jede Menge Werkzeug und Ersatzteile. Wer trotzdem bleibt, bekommt am nächsten Morgen einen starken Kaffee und kann diesen mit Blick auf Spree und Treptower Park genießen. Darüber hinaus kann der Besuch sich an dem Schwarz-weiß-Photo eines überaus wohlgeformten weiblichen Gesäßes in Netzstrumpfhosen erfreuen, der durch die knapp neben der Pofalte verlaufende Naht besonders raffiniert in Szene gesetzt ist.

Ein weiterer Blickfang sind der kleine Birnbaum, der aus einem alten Toaster herauswächst und der Apfelbaum, der aus einem Wasserkessel sprießt, den der Unterfranke gefunden hat.

Einmal hat der Unterfranke Flohmarkt gemacht. Das ist schon lange her. Unter anderem hat er damals ein Skelett verkauft, ein richtig teures, wie es zur Physiotherapieausbildung verwendet wird. Bis heute bedauert er, sich von einem solchen Prachtstück getrennt zu haben. Besser erstmal gar nichts weggeben, das wird ja alles immer wertvoller, Tag für Tag, und irgendwann braucht man dringend Geld und hat längst alles versilbert. Höchstens den Schlumpf könnte man mal verkaufen, bei Ebay. Sind ja noch 2 bis 3 gleiche übrig, falls sich auch hier der Wert überraschend steigern sollte, oder der Notfall eintritt.

Möööööööp

Ein Verkauf bei Ebay will gut vorbereitet sein, damit man sich hinterher nicht mit schlechten Bewertungen herumschlagen muss. Zuerst mal braucht man natürlich dringend gute Fotos und dafür wartet man am besten auf das richtige Licht. Im Winter wird das also nichts, verschieben wir es auf den Frühling. Der Unterfranke hat keine Eile, der Schlumpf sowieso nicht, er fühlt sich wohl unter seinesgleichen und in der Obhut seines Finders.

An einem Mittag im Frühjahr liegt der Unterfranke auf dem Bett, in der einen Hand den Schlumpf, über dessen Mütze er selbstvergessen mit dem Daumen streichelt, in der anderen ein Buch, und auf seinem Brustkorb die Tigerkatze.

– Wolltest du den Schlumpf nicht verkaufen?, frage ich ihn.
– Sicher.
– Wollen wir mal Fotos machen?
– Sicher.
– Wann denn?
– Sicher.
– Hörst du mir zu?
– Sicher.

So wird das nichts. Ich hole die Kamera und schieße ein paar Bilder von den Dreien.
Zu meiner Überraschung packt den Unterfranken, kaum, dass er die Fotos sieht, die Kaufmannslust. Mit frischem Mut legt er sein Buch beiseite, schält sich aus dem Bett, holt den Laptop aus dem Regal und öffnet die Ebay-Seite.

– Wie soll ich mich denn nennen?, fragt er mich in euphorischer Stimmung.
– Wie wär´s mit Unterfranke?
– Ne. Was hälst du von Schrauber?
– Auch gut.
– Oder vielleicht Stier, mein Sternzeichen.
– Ja.
– Ich glaube aber nicht an Astrologie.
– Macht ja nix, ist ja nur ein Name.
– Wieso nur. Das bin ja auch ich, und am Ende denkt noch jemand ich wäre ein Bulle.
– Wieso das denn?
– Wegen Stier.
– Ist doch egal, was irgendwer, den du nicht kennst, von dir bzw deinem Namen denkt.
– Mit Bullen will aber keiner Geschäfte machen. Das riecht nach Ärger. Ich hab´s, ich nenne mich Husaberg.
– Super.
– Das sagst du nur damit ich mich beeile.
– Damit du dich wenigstens mal anmeldest.
– Also gut, dann Husar.
– Dufte.
– Husar?
– Ja!

Die weitere Anmeldung verläuft komplikationslos und nach 10 Minuten steht der kleine Plastikschlumpf, zusammen mit der Tigerkatze und der Hand des Unterfranken online.
Die Auktion läuft 12 Tage und an jedem einzelnen schaut der Unterfranke mindestens 3 mal nach ob schon jemand auf den Schlumpf geboten hat. Fehlanzeige. Niemand interessiert sich für den kleinen Kerl.

Am letzten Tag der Auktion liegen wir zusammen auf dem Bett und gucken eine DVD.

Wenn niemand den Schlumpf ersteigert und diese Auktion der Testlauf ist, um endlich die Wohnung zu entrümpeln, denke ich, dann wird der Unterfranke nie wieder versuchen etwas bei Ebay zu versteigern und irgendwann unter all den Fundsachen verschütt gehen.
Unter einem Vorwand verabschiede ich mich ins Nebenzimmer, eröffne auf die Schnelle einen Ebay-Account unter einem Phantasienamen, und ersteigere den Schlumpf in letzter Minute. Er wird sich so freuen!
Nach dem Film geht der Unterfranke an den Computer. Kurz darauf höre ich einen Schrei von nebenan.

– Aaaaargghhh! Das gibt’s doch nicht!
– Was denn,
frage ich scheinheilig.
– Der Schlumpf ist verkauft. Sauerei!
– Wieso Sauerei?
– Den kauft doch keiner, jetzt kauft den doch einer! Das gibt’s doch nicht!
– Aber du hast doch noch drei davon!
– Na und. Aber dieser hier ist trotzdem einmalig.
– Ich dachte du wolltest ihn loswerden.
– Aber doch nicht für einen Euro!
– Dann hättest du ein Mindestgebot verlangen müssen.
– Scheiße, echt! Ich verkauf nix mehr. Immer wird man über den Tisch gezogen.
– Guck mal, wer ihn gekauft hat,
schlage ich vor, vielleicht lässt sich mit dem demjenigen verhandeln. Du schickst ihm oder ihr einfach `ne Mail und sagst Du hast dich geirrt.
– Dann gibt das Arschloch mir eine schlechte Bewertung.
– Versuchs doch mal.
– Ich hasse den jetzt schon. Ist bestimmt ein Arztsohn.

Tatsächlich schickt der Unterfranke mir noch am gleichen Abend eine zerknirschte Mail,  mit der Bitte den Kauf rückgängig zu machen.
Später liegen wir zusammen im Bett, zwischen uns die Katze und der Schlumpf.

Es war eine bescheuerte Idee den Schlumpf bei Ebay einzustellen, sagt der Unterfranke und ich kann hören, wie schwer ihm um´s Herz ist.
Vielleicht wird doch noch alles gut, flüstere ich und streiche dem kleinen blauen Kerl über seine Mütze.

Vergegnung

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Was ich ihm damals wirklich übel genommen habe, was mich über die Maßen gekränkt hat, im ganz wörtlichen Sinne, war die Haltung seiner Eltern. Zu uns, zu mir und zu den nicht geborenen Enkeln.
Ich dachte, sie müssen doch nach dem Glück ihres Sohnes fragen. Ob er den richtigen Menschen an seiner Seite hat, und nicht sich selbst bedauern wegen eines zukünftigen Mangels.
Natürlich war es nicht seine Schuld. Vielleicht hätte er es mir auch einfach nicht erzählen sollen. Ich muss nicht immer alles wissen und seine Wahrhaftigkeit ging allein auf meine Kosten. Überhaupt: sein Hang zu großen Worten und Gesten. Schampus und Brillanten.
Ich will nicht, dass sie zu unserer Hochzeit kommen, habe ich ihm gesagt, denn ich wusste, dass das das Schwerste überhaupt für ihn war.
Seine Eltern standen ihm so nah und sie waren das, was man sich unter guten Leuten vorstellt. Aufrecht, gebildet und immer loyal zu ihren Kindern. Das waren sie und sind es sicher immer noch. Aber sie mochten mich eben nicht. Ich habe ihrem Sohn nur Unglück gebracht.
Als er ihnen am Telefon erzählte, dass er mit Jemandem zusammen ist, freuten sie sich. Wie schön, wer ist sie? Als sie erfuhren, dass ich es bin (ich schon wieder) musste dieses Enkelargument herhalten.
So stelle ich es mir vor. Es war nur vorgeschoben, gar nicht so gemeint.
So denke ich es mir und das entlastet mich. Wenn nur ich es bin, und nicht meine Kinder.

Ich erinnere mich an ihn, wie er mit breiten Schultern in einem weißen Hemd am Klavier sitzt und darauf herumklimpert. Imagine. Irgendeine Abschlussfeier seiner alten Schule, eine Aula, Holzboden und rote Wangen.
Damals war er knapp Zwanzig. Zwischen Mann und Welpe. Dick die Pfoten, groß der Kopf, ein wenig unbeholfen und kräftig und manchmal überraschend elegant. Sein ganzer Körper nur Muskeln und Sehnen. Nicht zuviel und nicht zuwenig davon.
Ich war sieben Jahre älter als er und er hielt mich für die schönste Frau der Welt. Wahrscheinlich war ich das auch.

Ich kann nicht sagen, dass ich mit ihm gespielt hätte.
Ich konnte es nur einfach nicht besser, so wie die Dinge standen und so, wie ich war.

 

Bild: By Robert Wiene († 1938) [Public domain], via Wikimedia Commons

Wie es begann

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Als ich von der Physiotherapie zurück komme sind quer durch das Zimmer dünne Seile gespannt. Längs gespaltene Möhren sitzen darauf, wie steife Reiter; der Strunk ihr Kopf.
Ein Brief ist mit einer Wäscheklammer an einer der Schnüre befestigt. Ich erkenne die Handschrift. Das Telefon klingelt, ich ducke mich unter den Schnüren hindurch und hebe ab.

Es ist Freitag der 17. Mai. Ich höre die Stimme meiner Schwester. Sie sagt meinen Namen und sie sagt „Papa hatte einen Herzinfarkt, er liegt auf Intensivstation, wir wissen nicht ob er es überleben wird.“

Ich verlasse die Klinik und setze mich mit M. ins Auto. Ich habe keine andere Wahl. Er bringt mich nach Frankfurt. In der Nacht legt er sich nackt auf mich. Ich weine.
Meine Mutter weint auch. Ohne euren Vater bin ich verloren.

Ich trinke sehr viel Bier und rauche und trinke noch mehr Bier. Meine Haut brennt, ich warte und hoffe und finde keinen Halt.
Ich darf nicht zu ihm; keiner von uns.
Zwei traurige Tage später fahre ich mit M. zurück. Ich ekele mich vor ihm.

Es ist Sonntag, früher Abend, als M. mich auf der Station N2 abliefert. Die Schnüre in meinem Zimmer sind verschwunden, der Brief liegt ungeöffnet auf dem Tisch.
Ich setze mich aufs Bett und weine die letzten Tränen. Eine Taube hat durch die offene Balkontür den Weg zu mir gefunden und läuft kopfruckend über das Linoleum. Die Abendsonne malt ein helles Viereck auf den Boden. Aus roten Augen schauen wir uns an. Sie nickt.

Auf dem Balkon, vor meinem Fenster steht ein junger Typ in der Bewegung erstarrt. Er sieht mich an und lächelt vorsichtig. Ich senke den Blick und er geht weiter.

Nebenan sitzt ein fröhliches Besuchergrüppchen und lacht, während mein Vater mit dem Tod ringt und die Tumore in den Köpfen der Mitpatienten sprießen, wie Brokkoli.

Teil II Junge Hunde
Teil III Nine years later and change

Foto: By User:Mattes (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Poupette (*.txt)

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Wenn aber ich allein und Frau nur selber bin, wisch gern den Mund an mir ich selber ab.

Frauennamen, die sich von Männernamen ableiten. A oder Ette. Karla und Henriette. Vom Vater belächelt gefallen mir solche (aus einer Rippe geformte) Namen. Ette la poupette.
Ein Püppchen zu sein muss man sich erarbeiten. Durch den schmalen Reifen der Emanzipanzion hindurch.

Alouette, je te plumerais

Hochsommer. Zu heiß für alles. Ein großes Nein vom südlichsten Rand Europas.
Zu warm sogar für Haut und Körper.
Schlafen unter glatter Seide.

Mein erster August in Berlin. Siesta in flirrender Hitze. Ein Doppeldeckerbus streift die Akazie vor dem Haus, die Blicke der Fahrgäste; ich ziehe das Tuch über seine Auberginenhaut, er nimmt es seufzend als Fürsorge, sein schwerer Körper auf meinem.

Dieser Text ist Teil dieses Projektes. Stichwort: nackt

Rot und weiß

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Rot bin ich im Gesicht die Sonne.
Rot ist meine Bluse das Blut das mir ins Gesicht schießt von der Sonne.
Die kleine Laterne an der Hauswand. Irgendwo in Neukölln in einem anderen Leben.
Im Biergarten. Mir ist schlecht. Zum ersten Mal seit 7 Jahren esse ich Fleisch. Schweinenackensteak. Und ich rauche. Nach 3 Jahren wieder.
Mein Bruder und seine Frau streiten sich indem sie meinem Freund Komplimente macht und mit ihm anstößt.
Mit meinem Bruder stößt sie nicht an.

Eres una persona muy amable.
Bin ich komisch, bin ich eifersüchtig? Krankhaft? Ist das komisch? Kommt mir komisch vor.
Mir auch.

Das letzte Mal hat sie sich einem Anderen auf den Schoß gesetzt. Rittlings.

Stell dich nicht so an, du bist krankhaft eifersüchtig.

Inzwischen schläft sie mit meinem Exfreund, wie auch mit ihren Exfreunden und deren Freunden und den Exfreunden meines Bruders.

Geht mich das etwas an? Sie sind längst geschieden.
Wie ein Gorillababy sieht sie aus, hat er gesagt, ehe sie aus Mexiko nach Karlshorst kam. Im Garten mit der eingegrabenen Yuccapalme.
Wie soll die den Winter überstehen?
Die grabe ich wieder aus.
Das geht nicht.
Achso.

Die Parties dort. Jeder mit einer mitgebrachten Latina an der Hand.
Kennen wir uns nicht aus Quito?
Nein, ich glaube aus San José.
Schönen Ohrring hast du da. Woher?
Danke
, sage ich, den habe ich in Santa Monica, in Kalifornien gekauft.
Ah, man kommt rum! Nordamerika, Gringos.

A. schmult mir in den Auschnitt.
Mach mal: Patricia Hearst darf alles.
Guck, ich kann einen viereckigen Mund.

Genau so!

Später schenkt er mir das Foto auf eine Tasse gedruckt. Gesicht und Brüste von oben.
An den Schläfen 3 graue Haare.
Grauchen, sagt er zu mir, Eselchen.

Dabei wartet das Grauchen Zuhause, zusammengerollt. Fast 16 Jahre haben wir zusammen verbracht.
Mit ihm nur sieben.
Solange rauche ich bald nicht mehr.
Vielleicht ziehe ich woanders hin.
Vielleicht wird sowieso alles ganz anders. Von innen nach außen und von außen nach innen.
Während der Sonnenfinsternis sitzt die Katze draußen und schaut ins Licht, das Schwindende.

1999 schwiegen die Vögel im Garten in Schnellmannskreuth und Schinken und Haxe wälzten sich im Lehm.
Jede Menge dürre Katzen. Krank und struppig. Die Mutter rettet sie alle, sagt das Mädchen. Aber die Mutter ist nicht da und das Mädchen ist 17 und trägt ein weißes Kleid und will Schauspielerin werden. So herzerfrischend ist sie und so echt.

Bild: „Clothes line“ von w:User:Evil Monkey – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY 2.5 über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Clothes_line.JPG#/media/File:Clothes_line.JPG