lebensfroh

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Die netteste Bewerbung seit langem: Ich bin sehr lebensfroh, schreibt eine Frau und die Sonne scheint aus ihren Zeilen. Eine kurze Internetrecherche offenbart einen idealistischen, engagierten und freundlichen Menschen mit einem außergewöhnlich warmen Blick. Ich bin gewillt sie aus dem Stand einzustellen. Lebensfroh! Wo gibt’s denn sowas! Juhu!

Gestern im Plänterwald, wir sind mit den Hunden unterwegs und erfreuen uns des blühenden Bärlauchs mit seinen frisch glänzenden Blättern, sagt die Rothaarige plötzlich: Du bist so liebenswert und herzlich, dass ich dich direkt heiraten würde, wenn ich denn auf Frauen usw.
Herzlich? Icke?
Ja, wer so großzügig und so mitfühlend ist wie du, wer jede Hummel und jeden Käfer rettet, wer soviel Respekt vor dem Leben hat, der hat Herz und ist ein herzlicher Mensch.

Nicht genau meine Definition von Herzlichkeit, doch ich freue mich sehr darüber, auch wenn es mich verlegen macht und ich mir unter herzlich eher jemanden vorstelle, der mit seinem offensten Lächeln allumfassend weltumarmend ist und außerdem irgendeinen herzigen Dialekt spricht. Eine Art innere Vroni. Jedenfalls not me.

Später kommen wir einem halbentwurzelten Baum vorbei, dessen Krone beim Umfallen im Geäst des Nachbarbaumes hängengeblieben ist. Wir bleiben stehen und schauen uns das beeindruckende Wurzelwerk an. Ein sehr schmaler Pfad, kaum zu sehen, führt zu der Höhle die sich darunter aufgetan hat. Es müssen ganz kleine Füßchen gewesen sein, die ihn ausgetreten haben. Wahrscheinlich haben Füchse dort ihren Bau, sage ich und die Rothaarige juchzt kurz auf vor Entzücken. Ich würd sie auch heiraten, wenn ich auf Frauen usw., denke ich. Die unbedingte Freude an allem Lebendigen scheint mir eine gute Grundlage für eine glückliche Beziehung zu sein.

 

 

 

 

Bild: Flies Into The Cloud, Thomas Hawk, Flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Frohsinn, Frust & Freunde

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Der Feuerwehrmann ruft an und wir verabreden uns für die kommende Woche. Es nervt mich, dass ich auf die Frage wie es mir geht nicht antworten kann: Supergut, danke, und selbst? Also sage ich irgend etwas halbwegs okayes. Sowas wie: Och ja, und wie isses bei Dir?

Vielleicht sollte ich mir für unser Treffen ein paar schöne Erlebnisse ausdenken, etwas, was ihn unterhalten und beruhigen würde, eine Art Positivbeichte. Stell Dir vor. Und dann erzählte ich von superleckeren Muffins und köstlichen Cup Cakes, die ich gebacken, von einem voll witzigen Kunststückchen, dass ich meinen Hund gelehrt hätte und von einem zauberhaften Abend im Wintergarten (Programm lesen, Kritiken studieren und Bilder aus dem Netz runterladen!), zusammen mit dem neuen Lover (Sixpack ausdenken), der eine Granate im Bett sei (vieldeutig lächeln). Mit meinem erfundenen Lottogwinn hielte ich dann auch nicht länger hinterm Berg (jubeljubel!) ebensowenig mit der unerwarteten und uns alle sehr glücklich machenden Genesung der G.

Die gerade verstorbene Lieblingstante verschwiege ich besser, ebenso, wie die Schikanen meiner Vermieterin, die Folgen des Wasserschadens sowie meinen erneuten Krankheitsschub. Stattdessen zeigte ich ihm Bilder der Sommerreise und erzählte ihm, dass ich von meinem Lottogewinn jetzt ganzjährig ein Appartement in meiner bevorzugten Urlaubsregion, den Alpen, gemietet habe.
Oh, und ein Pferd konnte ich mir auch endlich zulegen, eine preisgekrönte Hannoveranerstute namens Sweet Destiny, Rückenhöhe einsachtzig, und jetzt fahre ich  3 Mal die Woche nach Strausberg zum Reiten. Zu blöd nur, dass ich immer mit dem Taxi dort hin reisen muss, weil der aufwändig restaurierte, feuerrote Ford Mustang schon wieder in der Werkstatt steht. Ob der Feuerwehrmann mir wohl eine Empfehlung für einen zuverlässigen Zweitwagen, aber bitte keinen Leiterwagen (hihi), geben könne?

Oder ich erzähle gar nichts und stelle immer nur Fragen. Manche Menschen mögen das, wenn sie ganz ohne Störungen und Hindernisse von sich berichten können. Keine Unterbrechungen durch lästiges Gequassel und Selbstoffenbarungen des bedürftigen Gegenübers.

Der Feuerwehrmann aber ist nicht so einer. Der will wirklich wissen, wie es mir geht und der merkt, wenn ich bloß Geschichten erzähle. Deswegen ist er auch mein Freund, der Feuerwehrmann. Unter anderem. Und Freunde sind vielleicht das Allerwichtigste, wenn´s einem so geht, wie es mir gerade geht.

Gestern zum Beispiel liege ich mit Fieber im Bett und mir ist speiübel und alles tut mir weh, das kaputte Knie puckert, nachdem ich es mir dummerweise am Tisch gestoßen habe, und im Hintergrund erbricht sich die genesen geglaubte Katze. Da kommt die kleine Polin zu mir, setzt sich neben mein Bett und liest mir Hauffs Der kleine Muck vor. Kurz darauf trudelt auch der Unterfranke mit seinem Hund Rüpel ein und fragt wann es nun eigentlich soweit sei mit unserer Hochzeit. Ich lache. Da setzt auch er sich zu uns in die dunkle Märchenhöhle, wo die Kleine (aus Gründen der Heimeligkeit) im Schein der Taschenlampe weiter liest, unterbrochen nur vom Geknister der Kekspackung, die der Unterfranke aus seinem Rucksack hervorkramt und brüderlich mit Rüpel teilt.

Nachdem die Geschichte ausgeklungen ist und jeder von uns ihr eine Weile nachgesonnen hat, räuspert sich der Unterfranke und erzählt, dass sein Telefonanbieter ihm nach seiner schriftlichen Vertragskündigung angerufen und im Nachgang behauptet habe, dass bei diesem Telefonat ein neuer Vertrag zustande gekommen sei. Ich berichte ihm, dass mein Mail-Provider gerade etwas Ähnliches bei mir versucht habe, wogegen ich mich mit Verbalkarate und bombastischen Drohszenarien erfolgreich zur Wehr setzen konnte, und, dass ich jedem, der mir mit irgendwelchen angeblichen Online-Vertragsabschlüssen künftig komisch käme, direkt mal, und zwar mit Anlauf, krawumm!
Ob ich das Gleiche wohl auch für ihn tun und ihm diesen lästigen Vertrag vom Halse schaffen könne, bittet der Unterfranke, und ich sage: Claro, that´s what friends are for.

 

 

 

 

 

 

Foto: Jörg Kantel (Gabriele Kantel), Drachenfest auf dem Tempelhofer Feld, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/