Regen und Sonnenschein

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Das Schicksal ist nicht nur Verhängnis, Tod und Siechtum, sagt der Eine.
Für diesen Satz, zu diesem Zeitpunkt, könnte ich mich direkt nochmal in ihn reinverlieben.
Zum Glück ist es nämlich auch Begegnung, Liebe, Licht und all die anderen wunderbaren Dinge.

Eine kleine Freude in diesen Tagen ist die Anfrage des Deutschen Literaturarchivs Marbach, ob man mein Blog dort langzeitarchivieren dürfe.

Klaro!

Für das Kommentariat bedeutet dies, dass alles, was hier so an Meinungen geäußert wird und wurde ebenso im Archiv landet.
Es gibt Schlimmeres. Zum Beispiel Verhängnis, Tod und Siechtum.

Der Kukuck und der Esel

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Nach unserer Ankunft zuerst mal das Hotelzimmer umräumen.
Platz schaffen.

Mit müden Augen Lindenstraße schauen und halb abwesend staunen wer noch immer da mitspielt. Wie alt und dick selbst die ehemaligen Kinder geworden sind (Klausi Beimer).
Der Stoffwechsel.

Dann endlich ein Spaziergang mit Töle, immer am Fluss entlang.
Jeder zweite Baum trägt eine pinkfarbene Markierung.
Hinter der mittelalterlichen Stadtmauer das schallernde Frohsinnsgedudel der Frühjahrskirmes.

Zwischen 22 und 7 Uhr herrscht Nachtruhe in den Auen.

Auf dem Rückweg zum Hotel kommen wir an der Einrichtung vorbei, in der sie lebt. Ein zweistöckiger Flachbau, mitfinanziert durch die Fernsehlotterie.
Es ist noch hell, die Rolläden sind halb geschlossen.
Hinter welchem Fenster steht ihr Bett? Ist sie wach? Was denkt sie? Geht es ihr gut?
V.s Schweigen neben mir beruhigt mich.

Später, in dem hoteleigenen, rustikalen Lokal, esse ich Gnocchi mit mediterranem Gemüse. V. nimmt Gulasch mit Spätzle.
Der Mann am Nachbartisch versucht ein Gespräch über Hunde. Meine Zunge lahmt, er gibt schnell auf und tätschelt Töles Kopf.
Auf meine Bitte hin verkauft der Kellner uns ein Tetrapack H-Milch.

Müde fahren wir hoch in unser Zimmer.
Das grüne Licht im Fahrstuhl lässt mich aschgrau und alt aussehen.

In der Nacht erwache ich immer wieder von starken Rückenschmerzen.
Ich finde keine Position in der ich bequem liegen kann.
Der Hund spürt meine Nerven und leckt mir die Hand ab. Unterdessen arbeitet die Klimaanlage an der Erosion meiner Stimmbänder.

Morgens ein heiseres Telefonat: ich muss nicht da hin gehen. Ich kann jederzeit umkehren, wenn ich das möchte. Er ist bei mir. Ich hoffe, dass auch ich bei mir sein werde.

Wir kochen Espresso auf der kleinen Reiseplatte und schäumen die H-Milch auf.
Katzenwäsche, auschecken, die Taschen ins Auto werfen, den Hund in die Rabatten kacken lassen, eintüten und losgehen.
Die Sonne scheint, es ist warm, die Bäume blühen.

Die Senioren in dem kargen Garten beäugen uns mit schrägem Blick, wie kleine Vögelchen. Der Wasserlauf aus dem Baumarkt plätschert leise gegen das Rauschen der nahe gelegenen Hauptstraße an. Ein zahnloser Greis freut sich über den schnuppernden Hund. Ich lächle und grüße. Töle wedelt.

Vor der Haustür spüre ich mein Herz stolpern, mir ist schwindlig.
Zusammenreissen, atmen.

Sofort nach Betreten der Demenz-Station sehe ich sie.
Das Profil. Ihre Nase. Unverkennbar.
Sie ist es. Kein Zweifel.
24 Jahre nach meinem Rauswurf. Auf den Tag.
Meine Mutter.

In einem sperrigen Rollstuhl sitzt sie am Küchentisch, vor ihr eine Frauenzeitschrift. Verstohlen legt sie ein zusammengerolltes Stückchen Papier  zwischen zwei Seiten des Magazins und versucht anschließend, mit großer Sorgfalt, das verknitterte Heft wieder glatt zu streichen.
Ihre Hände (der Impuls über glatte Oberflächen zu streichen).

Wortlos setze ich mich neben sie und schaue sie an.
Was hat die Zeit aus ihr gemacht.

Möchten sie zu Frau X.? fragt mich eine freundliche Stimme. Ich schaue die Altenpflegerin an und nicke.
Frau X., da ist Besuch für Sie!
Sie sagt es ermunternd, doch meine Mutter blickt nur kurz auf und wendet sich dann wieder der Zeitschrift zu.
Im Hintergrund stimmen zwei Frauen mit brüchiger Stimme und spitzen Mündern „Der Kuckuck und der Esel“ an.

Ich schließe die Augen und weine.

 

 

 

Foto: https://www.flickr.com/photos/diepuppenstubensammlerin/8787662385/
CC-Lizenz: attribution, non commercial, Weitergabe unter gleichen Bedingungen

In einem Garten

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Morgen ist es soweit. Ich werde mich in den Wagen setzen, 400 km über die Autobahn nach Westen, in eine unbekannte Stadt, fahren und dort in ein kleines Hotel einchecken. Ich werde den Hund über die Wiesen am nahegelegenen Fluss toben lassen und im Vorbeigehen die Einrichtung in Augenschein nehmen.
Vielleicht ist sie im Garten – falls das Wetter es zulässt – dann könnte ich sie sehen. Würde ich sie erkennen?

Ich würde am Zaun stehen und sie beobachten, wie sie, inzwischen im Rollstuhl sitzend, in die Frühlingssonne blinzelt während kleine Blitze in ihrem Hirn von Korridor zu Korridor huschen, ein flüchtiges Schlaglicht in die verwaisten Räume ihrer Erinnerung werfen, um diese sogleich wieder in stille Dunkelheit zurück fallen zu lassen.

Ich würde tief durchatmen, meine Gefühle und Tränen, wie auch den Hund an die Leine legen und zum Haupteingang des Stiftes spazieren. Dort würde ich mich vorstellen und nach einer Bewohnerin (Insassin?) mit dem gleichen Namen fragen.

Ich würde über die hochglanzpolierten Linoleumflure mit der eigentümlichen Atmosphäre des konfessionell-geführten Heimes gehen, würde den Duft des nachmittäglichen Bohnenkaffees und des süßlichen Bienenstichs einatmen und mit jedem Meter, den ich mich der Station näherte, würde ich spüren, wie mein Herz im Hals trommelte und mein Brustkorb eng würde.

Den Diakonissen in grauer Tracht mit weißer Haube, die meinen Weg kreuzen, würde ich freundlich zunicken und dabei an Anna, die Gemeindeschwester meiner Kindheit denken, die im Mutterhaus lebte, mit dem meine Familie eng verbunden war.

Dann würde ich die Glastüre zur Dementen-Station öffnen, einen vorbei eilenden Pfleger nach ihr fragen und seiner vagen Handbewegung folgen.
Vom Aufenthaltsraum aus würde ich die große, zum Garten hin gelegene, Terrasse betreten. Von hinten würde ich versuchen unter den weißhaarigen Menschen, die dort zusammen gesunken in ihren Rollstühlen sitzen und ins Nichts schauen, meine Mutter zu finden.

Ich würde an sie herantreten und sie ganz leise und vorsichtig ansprechen.
Mama, würde ich sagen und es wäre eine Frage.

Mama?

Ganz langsam würde sie den Kopf heben und sich zu mir umdrehen.
Wir würden uns in unsere großen, braunen Augen blicken und uns nicht erkennen.

Deutsche Fotothek‎ [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)%5D, via Wikimedia Commons

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Computer

Computer (Photo credit: Joachim S. Müller)

Trotz Brandverletzung und Mandelentzündung habe ich mich heute zuerst in die Freidrichstraße, von dort zur Kulturbrauerei, und dann an den Ernst-Reuter-Platz geschleppt um dem Grauen ein Ende zu bereiten.

In Wahrheit  habe ich mich überhaupt nicht geschleppt, sondern bin in bester Stimmung von einem Laden zum nächsten geeilt, bis im Flagstore das gewünschte Gerät vorrätig war. Um 19.40 h war ich drin, um 19.52 h wieder draußen.Zusätzlich zum Laptop, habe ich noch dies und das bekommen, und natürlich jede Menge Leerzeichen, und funktionierende Tasten.

Der alte G4 kommt jetzt ins Museum, und der frisch zerstörte Rechner ist irreparabel. Elektroschrott. Schade drum.
Ich kann aber jetzt wieder schreiben.

Wenn ich noch die Rechnung hätte, würde sogar die Haftpflichtersicherung der Freundin zahlen, die das kochende Wasser verkippt hat.

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