Blitztrumpf Wojtyla

SAMSUNGNeulich ging ich mal wieder in die Sparkasse, um zu gucken, ob jemand da war.
Ich traf gleich auf drei Männer. Einer, Mitte 30, stand im Eingangsbereich und öffnete die Tür, und die beiden anderen, schon älter und fast zahnlos, saßen bei den Automaten und teilten sich gerade eine Mandarine. Jedem von ihnen gab ich ein wenig Geld.
Als ich die Sparkasse wieder verließ, nahm der Mann im Eingangsbereich sein hölzernes Kreuz ab, das er mit einem Lederbändchen um den Hals gebunden hatte, küsste es und reichte es mir, mit Tränen in den Augen.
Ich wehrte ab, er solle es bitte behalten, aber er bestand darauf, dass ich es nehmen müsse.
Da er weder Deutsch noch Englisch sprach, verständigten wir uns mit heftigem Nicken und Kopfschütteln.
Katolicki! Katolicki!“ sagte er, und das verstand ich.
Ich nahm sein Geschenk an, und verließ sehr gerührt die Sparkasse. Draußen steckte ich das Kreuz in meine Jackentasche.
Etwa eine Woche später, bei der Post, traf ich ihn wieder. Er saß in dem langen Gang gegenüber den Schließfächern, trocknete seine Schuhe an der Heizung, war sehr blass, sah elend und mitgenommen aus.
Ich gab ihm ein Teil meiner Lebensmitteleinkäufe und ging schnell weg.
Vor wenigen Tagen dann, bin ich in der Wrangelstraße unterwegs, als ich jemanden rufen höre.
„Allo! Allo!“.
Wenn es irgendwo ruft oder pfeift, drehe ich mich, reflexhaft und aus einer schwer zu zügelnden Neugier sofort um. Selbst oder gerade dann, wenn Bauarbeiter vom Gerüst herunter pfeifen. Dieses Mal ist es kein Arbeiter, sondern Katolicki, der bekleidet mit dunklen Bermudashorts, Reiterstiefeln und Parka winkend über die Straße hastet, um mich einzuholen. Wir begrüßen uns und er fängt ganz selbstverständlich ein Gespräch auf polnisch an. Als er merkt, dass ich ihm nicht folgen kann, spricht er einfach etwas lauter, so, als trennten uns nicht verschiedene Sprachen, sondern lediglich mangelnde Dezibel. Kopfschüttelnd und schulterzuckend gebe ich ihm zu verstehen, dass ich nicht weiß, was er mir sagen möchte, bis er aufgibt.
Er denkt kurz nach, greift in die Innentasche seines Parkas und holt einen Brustbeutel hervor, aus dem er einen Zeitungsausschnitt zieht.
„Papież. Polski!“ sagt er, und überreicht mir das Stück Papier mit dem Foto des verstorbenen Papstes Johannes Paul II.
Wie schon bei dem Holzkreuz (das inzwischen an dem Umhängeriemen meiner Olympia-2000- in- Berlin- ich- bin- dafür- Tasche hängt) ist Ablehnen sinnlos. Ich bedanke mich ganz herzlich bei ihm und stecke das Geschenk verlegen in meine Jackentasche. Dann fällt mir etwas ein. Ich nehme mein Portemonnaie zur Hand, sehe im Augenwinkel wie er gekränkt abwehrt und fische dann eine grüne Plastikkarte aus dem Kartenfach hervor.SAMSUNG
Ein argentinischer Freund, mit dem ich einmal in Rom war, wo ich mich in verschiedenen Kirchen mit Heiligenfiguren versorgte, um sie für Kitsch-Installationen zu verwenden, hatte mir von seiner letzten Romreise dieses Geschenk mitgebracht: eine hellgrüne Plastikkarte mit dem Konterfei des argentinischen Papstes, in die ein kleines Amulett eingelassen war, das man herausdrücken und umhängen konnte. Diese Karte überreiche ich jetzt dem völlig perplexen Katolicki. Damit hat er nicht gerechnet.
Ah Papież!“ sagt er und fügt nach einer  kurzen Pause „argentyński“ hinzu.
Der polnische Papst Wojtyla scheint viel mehr wert zu sein in unserem religiösen Quartett-Spiel als der lateinamerikanische Franziskus. Der Blitztrumpf sozusagen. Ich hebe die Hand zum Abschied und gehe mit Töle los, Richtung Ostbahnhof.
„Katolicki?“, fragt er noch.
Nein.“
Großes Erstaunen „Nie?“
Nein,“ entschuldigend zucke ich mit den Schultern.
Meine Antwort lässt ihn ratlos zurück.