Heimat

Früher gab man uns Kindern einen Stapel Postkarten mit Blumenmotiven in die Hand und schickte uns in fremde Haushalte, Geld zu sammeln für kranke Mütter. Mütter, die dringend von ihren Kindern genesen mussten. Trümmerfrauenmütter in geblümten Kittelschürzen mit geschwollenen Füßen in braunen Nylons. Einsame Mütter. Müttter, die Kataloge durchblätterten. Treppenhäuser mit Bohnerwachskrümeln. Stumpfgegriffene Klingelknöpfe.

Während ich Klinken putzte und fremde Menschen ihre Arme um meine Kindertaille legten, baumelte meine Mutter Zuhause auf dem Sofa mit den Beinen, rauchte und nippte am Rotwein, betrachtete ihre pink lackierten Uhrglasnägel und leckte sich von Zeit zu Zeit über die pinken Lippen, um im Training zu bleiben.

Draußen pfiffen die Bauarbeiter Frauen hinterher. Von der Straße stieg heißer Teerdampf auf und die alte Frau Petersen kam auf ihren dünnen Beinen und dem langen Gesicht den Gehweg herunter gestakst, links und rechts flankiert von ihren pelzigen Hunden mit den blauen Zungen.

over me

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Am Morgen erwache ich mit einer Textzeile im Ohr und sehe mich am Frankfurter Ostbahnhof unweit meiner Schule mit A. auf einem Mäuerchen sitzen. Er pafft. Ich schaue ihm zu und denke an meine Mutter, wie sie mit tiefausgeschnittenem Negligé am Frühstückstisch sitzt, eine Zigarette in der linken Hand, vor ihr eine halbvolle Tasse Filterkaffee.

Ich bin 12 Jahre alt und habe vor wenigen Wochen meine erste LP gekauft. Einzelne Liedfetzen gehen mir im Kopf herum. Hey, hey, you, you, get off of my cloud.
Als er ferig geraucht hat, steht A. auf, greift in seine Hosentasche und holt ein plattgesessenes Lederportemonnaie heraus, das an den Rändern rundgebogen ist. Er klappt es auf, zieht aus einem der Fächer einen Zeitungsausschnitt und reicht ihn mir mit einem Kopfnicken herüber. Liebe ist… steht da über einer Zeichnung mit zwei Figuren, einem Mann und einer Frau, die nebeneinander im Bett liegen, und darunter steht … jeden Tag mit Sonntagslaune zu erwachen. Ich weiss nicht was ich sagen soll und sage nichts.

Ein paar Wochen später sitzen wir auf der Mauer hinter der Post und rauchen, A.s Oberschenkel berührt meinen. Er legt den Arm um mich und sagt: Meine Eltern sind nicht Zuhause. Meine Füße brennen, als wir von der Mauer herunter auf den harten Boden springen. A. greift nach meiner Hand. Ich ziehe sie weg und binde, wie zur Erklärung, meine Schuhe. Wir gehen nebeneinander her in Richtung Röderbergweg, A. redet über Fußball und über die Mädchen in unserer Schule. Über Anke, die schon einen BH trägt.

Vor einem der graubraunen, grob verputzten Häuser bleibt A. stehen und holt einen Schlüssel heraus. Fast alle in meiner Schule tragen einen Wohnungsschlüssel bei sich. Ich nicht. Bei uns ist immer jemand Zuhause und falls nicht warte ich im Hof oder im Garten. Einmal saß ich mehrere Stunden am Fuße des Mammutbaums und schaute nach oben zu unserem Turm, in dem eine Leiche eingemauert ist und auf dessen Spitze eine Kugel aus Zinkblech steckt. Irgendwann kam meine Mutter vom Friseur zurück. Ich erkannte sie von weitem am Klang ihrer Absätze.

A. wohnt mit seinen Eltern in einer Genossenschaftssiedlung. In der Diele liegt graue Auslegware. Die Türen zu den Räumen sind geschlossen. Der Vorraum ist auf eine Weise aufgeräumt, wie ich es von Zuhause nicht kenne. Unsere Ordnung ist eher eine zufällige, hingeworfene. Diese hier ist grundlegend und sie riecht nach Putzmitteln und Seife.
A. zieht seine Schuhe aus, ich folge seinem Beispiel. Dann öffnet er die Türe zu einem der Zimmer. Es liegt im Halbdunkeln, die Rolläden sind herunter gelassen und an der Stirnseite befindet sich ein breites Bett mit einem regalartigen Aufbau am Kopfende. Ein Dutzend Bücher, alle etwa gleich hoch und dick, stehen darin, daneben ein schwarzer Radiowecker mit roten Leuchtziffern. A. macht eine kleine Lampe an und nun sehe ich, dass der Bettrahmen und der Aufbau komplett mit pfirsichfarbenen Samt bezogen sind. Ein glänzender Steppüberwurf in der gleichen Farbe liegt auf der Matratze, die Volants reichen hinunter bis zum Boden und erinnern an die Toilettenpapierumhäkelung in der Gestalt einer Flamencotänzerin, die man auf manchen Autoablagen sehen kann.

Setz dich zu mir, sagt A. der sich wie selbstverständlich aufs Bett gelegt hat und ich setze mich zu ihm. Die Matratze sinkt ungewohnt stark ein und ich rutsche ein Stück nach hinten um nicht abschüssig zu sitzen. A. streckt einen Arm nach mir aus und legt ihn um meine Taille, den Daumen hängt er in den Bund meiner Jeans ein, unsere Haut berührt sich. Ich fühle mich unwohl. Eine Weile geschieht weiter nichts. Wir schweigen, er liegend, ich sitzend, sein Daumen kreist auf meinem Bauch. Irgendwann richtet A. sich auf und streift zuerst seinen Pullover und dann das T-Shirt darunter ab. Ich ignoriere das so gut ich kann und schaue mir die Buchrücken des Bücherdutzends an. Unbezähmbare Angélique steht dort, oder Angélique und Ihre Liebe, daneben Angélique und die Versuchung und als letztes in der Reihe Angélique triumphiert.
Zieh dich aus,
sagt A. jetzt und guckt mich merkwürdig an. Ich bin unschlüssig was ich tun soll. Als er nicht aufhört mich anzustarren, ziehe ich meinen Pullover aus. Das T-Shirt auch, fordert A. und legt nun eine ganze Hand auf meinen Bauch.
Ich möchte nicht, antworte ich, da greift A. von hinten um mich herum und schiebt mein T-Shirt mit beiden Händen nach oben. Mit einem Ruck hat er mich aus dem Sitzen ins Liegen gerissen und mir mein zwei Handgriffen das Hemd ausgezogen. Wenn ich wie die C. Ohrringe trüge, hätte er mir jetzt das Ohrläppchen eingerissen, denke ich. A. setzt sich auf mich, fährt mit beiden Händen an meinem Körper hoch und runter und stößt mit seinem Becken gegen meines. Seine Augen sind glasig und seine Unterlippe hängt ein wenig. Ich schaue ihn an und spüre weder Angst noch Anspannung. Eher so etwas wie Verwunderung. Auf eine merkwürdige Weise erinnert er mich an unseren Graupapagei, wenn er, auf der Stange sitzend, mit dem  Kopf auf und ab wippt und um unsere Aufmerksamkeit buhlt.

Nach einer Weile, ich weiss nicht wieviele Minuten inzwischen vergangen sind, lässt A. sich auf mich sinken und ich spüre seine dampfige Haut auf meiner. Seine Beckenbewegungen werden härter und meine Hüftknochen schmerzen darunter. Grunzend beisst er in meinen Hals. Der Geruch von Speichel dringt in meine Nase und ich denke an einen Nachmittag mit unserer Nenntante im Günthersburgpark. Wir hatten Brötchen mit Esszettschnitten gegessen und sollten anschließend in ein Stofftaschentuch spucken, damit sie unsere Gesichter abwischen konnte. Mich ekelte davor.
A. sackt zusammen und bleibt regungslos auf mir liegen.  Ich warte einen Moment, bis ich sicher bin, dass es vorbei ist. Dann schiebe ich ihn weg, stehe auf und ziehe mich an.  Vor der Haustüre schlüpfe ich in meine Schuhe.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Tobi Gaulke, Oerlikon Walk, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

große Pfützen, kleine Seen

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Als ich erwache spüre ich den warmen Körper des Katers neben mir. Ich greife in sein Fell, er schnurrt leise. Wir rollen uns ineinander und ich lausche seinem Atem. Draußen trommelt noch immer der Regen auf die Fensterbleche. Schon gestern Nachmittag hatten sich an den Straßenecken riesige Pfützen gebildet, kleine Seen mit schillernden Ölschlieren, wie ich sie als Kind mit Gummistiefeln durchpflügt habe. Am Himmel die dunklen Wolken und unten ich und die langen Nachmittage mit Kaugummiautomaten, Hagebutten und dem bewohnten Nest in der Hecke, unter der ich jeden Morgen ein Bounty vergrub, um es am Nachmittag, auf dem Nachhauseweg, wieder auszubuddeln und zu essen. Sobald ich in die Nähe des Nestes kam, reckten die Küken ihre Hälse, öffneten piepsend die riesigen Schnäbel und ich betrachtete ihre amputierten Arme, das Geflecht der Adern unter der wachsigen Haut und die dunklen Knubbel, hinter denen sich ihre blinden Augen verbargen. Sie taten mir leid.

Manchmal setzte ich mich auf eines der Kiesbetonmäuerchen vor den neuen Bungalows und beobachtete die winzigen roten Läuse, die dort ziellos hin und her krabbelten. Als wir ganz klein waren hatten wir sie mutwillig mit den Fingern zerdrückt, denn es hieß sie saugten Menschenblut. Danach waren die Finger rot und ich entschuldigte mich bei Gott.

Es zog mich nicht nach Hause an diesen Nachmittagen, wo meine Mutter mit ihrem aufwändigen Augen-Makeup und einer unvorhersagbaren Laune wartete. Besser war es, erst zum Abendessen zu kommen, und danach direkt auf mein Zimmer zu gehen um dort zu lesen, bis es Zeit war das Licht zu löschen.

So saß ich und und guckte und beobachtete die Amseln, die die Vorgärten der Siedlung regierten und die geduckt von Strauch zu Strauch rannten, in Deckung gingen, wie Soldaten in einem Gefecht, weiter liefen, und mich dabei nie aus den Augen ließen, den glänzenden schwarzen.

An der Telefonzelle neben dem Kiosk machte ich, wie jeden Tag Halt und schaute, ob jemand sein Wechselgeld in der Klappe vergessen hatte. Einmal fand ich ein Zweipfennigstück, das ich auf die Schienen am Wendekreisel legte. Nachdem die Tram die Haltestelle passiert hatte ohne zu entgleisen, holte ich die plattgefahrene Münze wieder von der Straße und betrachtete sie. Außer einer Rille in der Mitte, sah sie aus wie vorher. Nur in den Schlitz der Telefonzelle passte sie jetzt nicht mehr und die Frau vom Kiosk wollte sie auch nicht nehmen.
Zuhause würde mein Vater sie mir gegen ein Zehnpfennigstück eintauschen.
Ich musste nur warten, bis meine Mutter aus dem Zimmer ging.

 

 

 

 

Bild: https://www.flickr.com/photos/sludgeulper/3089547941
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

 

 

 

Keine Tränen

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Nachdem der Krankenwagen abgefahren ist stehe ich noch eine Weile am Fenster und halte mich mit beiden Händen an dem schmalen Vorhangschal fest, den sie genäht hat. Im Garten gegenüber zerstreut sich die Partygesellschaft. Eben noch hingen sie alle am Zaun und schauten zu, wie sie aus dem Haus getragen wurde, bleich und ohne Leben. Es gibt nichts mehr zu sehen.
Meine Mutter hatte ihren großen Auftritt.

Als ich sieben Jahre alt bin, gehen meine Eltern mit uns spazieren. Meine Mutter zeigt auf ein Haus mit Garten und einem Türmchen. Hier werden wir bald wohnen. Ich freue mich auf ein eigenes Zimmer.

Die kleine, schiefergedeckte Villa wurde 1904 fertiggestellt. Sie hat ein Türmchen, mehrere Giebel und Fachwerk in der oberen Etage. Die Fenster sind mit rosafarbenem Sandstein eingefasst, die zweistöckige Holzveranda ist mit buntem Glas versehen, im Garten steht eine Trauerbirke.
Die große Zypresse vor dem Eingang erinnert an Gutshäuser in der Toskana.
Hier leben wir.

Ich erinnere mich nicht mehr wer von uns den Brief gefunden hat.
War ich es, oder mein Bruder?
Ich weiss noch sehr genau was sie (in ihrer großen Handschrift) geschrieben hat.
Ich habe Schuld an ihrem Tod. Auf ihrem Grab sollen wir tanzen, mein Bruder und ich, und Parties feiern. Der Weg ist frei für unser Glück.
Meine Ohren dröhnen, mein Mund ist trocken.

Die Rettungssanitäter haben die leeren Tablettenblister eingesammelt und mit genommen.
Ihre kleinen schwarz-weißen Pumps stehen noch immer ordentlich neben der Badewanne.

Das Krankenhaus hat angerufen. Sie ist über den Berg. Beim Auspumpen des Magens wurden ihre Zähne lädiert. Das Elektrogerät war gut isoliert und hat keine Schäden hinterlassen.
Es war ihr ernst.

Ich kann nicht einmal weinen.

Bild: By AleXXw / Alexander Wagner (Own work) [CC BY-SA 3.0 at (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/at/deed.en)%5D, via Wikimedia Commons

Behaupten

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Später komme ich unter die Kobaltbombe, sagt sie und ihre Stimme klingt stolz.
Du wirst nicht bestrahlt, sagt mein Vater.
Doch.
S
ie besteht auf Unterleibskrebs.
Senkung, flüstert er.
Ist das schlimm, Papa?
Verstohlenes Kopfschütteln.

Wissenslücken kennt sie nicht.
Eine veritable Behaupterin.
Was ist das für ein seltsamer Baum, Mama?
Eine Birkenfeige.
Draußen in der Welt lerne ich die anderen Namen (: Korkenzieherhasel).

Nach der OP liegt sie noch eine Weile auf der Gynäkologie.
Die Rolle steht ihr. Krank und tapfer. Heiter, verspielt.
An Ostern versteckt sie Eier in Zimmer und Krankenhausflur.
Ich bin 14 und schäme mich beim Suchen in Grund und Boden.
Wunderbare Mutter. Rührende Familie.

Rauchend sammle ich mich vor dem Krankenhauseingang.

Als ehemalige Kollegin packt sie schon bald im Arbeitsalltag der Schwestern mit an. Macht das Bett, reinigt und desinfiziert, erneuert ihren Verband.
Hier ein Plausch, dort ein Scherz, Sektlaune. Kleine Freundschaften entstehen.
Eine Stimmung wie im Mädchenpensionat.

Zur Entlassung kommt das Stationsteam zusammen.
Große Herzlichkeit. Besuchen Sie uns mal wieder!

Vor der Klinik gefriert ihr Lächeln. Sie zündet sich eine Zigarette an. Mit schnellen Schritten läuft sie über den Parkplatz zum Auto.

Klack klack klack

Bild: Uniklinik Frankfurt, Wikipedia, Ausschnitt

Dschungel

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Der Raum war ein enger, hoher Schacht, tapeziert mit großblättrigem Schlingpflanzendekor in dunklen Grüntönen.
Morgens schien die Sonne in die Höhle, den Rest des Tages sorgte ein alter Messinglüster mit geschliffenen Glastropfen für angenehm gedämpftes Licht.
Der obere Teil des schmalen Fensters war von Bücherbrettern verdeckt, der untere gestattete einen weiten Blick. Im Süden schimmerte kühl die blaue Linie des Spessarts.
Ich studierte die Bücher meines Vaters. Sie gefielen mir ohne dass ich sie verstand.
Robert Walser, Thomas Mann, Franz Kafka.
In dem dicken Hausratgeber von 1920 las ich zum ersten Mal das Wort Leibesfrucht.
Viel später, ich war schon in der Pubertät, vertrieb ich mir dort die Zeit mit Rosa von Praunheims ausschweifenden sexuellen Abenteuern.
Mein Abitur machte ich schließlich auf der gleichen Schule wie er und Canetti.

Die Stunden in der Gästetoilette meines Elternhauses haben meine Weltsicht nachhaltig geprägt.

 

 

Bild: Henri Rousseau, Dschungel am Äquator, artelista

Kielwasser, oder Da war doch was

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Nachtragend zu sein ist eine neue Erfahrung für mich.
Bis vor kurzem hätte ich das Gegenteil von mir behauptet, was übrigens genau so stimmt.
Denn meistens vergesse ich viel zu schnell, viel zu viel.
Ich habe Übung darin. Von klein auf.

Vor einiger Zeit meldete sich Ale bei mir. Ganz unerwartet. Ob sie mich besuchen dürfe, wenn sie demnächst nach Berlin käme. Ihre Stimme klang unsicher.
War da was? Was war da bloß?
Außer ihrem blöden Abgang fiel mir nichts ein, was ich ihr hätte nachtragen sollen. Warum also nicht?

Als wir uns ein paar Wochen später im Café gegenüber sitzen, scheint sie nervös und schielt dann und wann verstohlen aus den Augenwinkeln zu mir herüber. Ein Blick, den ich von früher kenne. Und wie früher nervt sie mich bereits nach wenigen Sätzen mit ihrer Art und dem unpointierten Erzählstil, der in merkwürdigem Kontrast steht zu der sich überschlagenden Stimme und den weit aufgerissenen Augen.
Ich hatte das vergessen.
Nach kurzem Abgleich der Eckdaten unserer Leben stockt das Gespräch, wir rühren in unserem Kaffee herum und schauen aus dem Fenster. Verlegenes Schweigen. Ein Blick auf die Speisekarte führt sie schließlich zu ihrem Thema: Teigtaschen. Ihre Leidenschaft. Selbstgemacht und gefüllt mit allem Möglichen, auch mit Süßem. Als Nachspeise. Heiß oder kalt. Mit Eis oder ohne. Total lecker. Besonders gut mit verschiedenen, selbstgemachten Saucen. Auch so ein Hobby.
Eine Mischung aus Missbehagen und zäher Langeweile macht sich in mir breit. Ich fühle mich schlecht. Dieser Widerwille ihr gegenüber. Obwohl wir uns so lange nicht gesehen haben, ödet sie mich in Grund und Boden. Meine Mimik verhärtet sich und ich kriege diese Zustände. Ich muss hier raus. Was habe ich überhaupt mit mit diesem Menschen zu schaffen? Unsere Zeit ist längst vorbei. Die Erinnerung daran eine schwache Kontur. Doch statt zu gehen bestelle ich noch einen Cappuccino, stütze mein Kinn auf die Hand und schaue durch sie hindurch.
Sie plappert weiter.
Ohne Antennen, ohne Verstand.

Was war da bloß? Da war doch was.

Nach zwei Stunden schnappe ich aus einem verzweifelten Impuls mein Handy und murmele irgend eine Entschuldigung, während ich die Nummer des Unterfranken wähle. Kaum geht er dran, pflaume ich ihn schon an. Wo er denn bleibt und warum er mich versetzt hat, wir sind doch verabredet!
Sind wir? Für einen kurzen Augenblick versteht er nicht.
Ich spüre Ales bewundernde Blicke. Ja, ich erinnere mich. So war das. Sie mochte fast alles was ich tat und eiferte mir nach. Auch und besonders in Äußerlichkeiten: Haare, Stiefel, Lidstrich, Musik. Genau so war das.
Kurz darauf steht der Unterfranke in der Tür des Cafés und winkt zu uns herüber. Ale mustert ihn von oben bis unten und ihr Gesicht fängt an zu leuchten. Holla! Sexy! sagt sie und das s klingt lasziv-weich, als hätte sie Sahne sagen wollen. Ich schaue sie an.

Da war doch was.

Als der Unterfranke zur Toilette geht, legt sie tantenhaft eine Hand auf meinen Arm: Du hattest immer die tollsten Männer!
Ich bin sprachlos.
Zu dritt sitzen wir da und Ale erzählt. Vom Kochen. Der Unterfranke hört ihr zu, fragt nach und drückt unter dem Tisch mein Knie. Ein Bier später empfiehlt er sich. Ale und ich bleiben vor unseren halbvollen Gläsern sitzen und schauen aus dem Fenster in die Dämmerung.
Ich hatte Angst dich anzurufen, sagt sie plötzlich in das Schweigen hinein.
Angst?  wiederhole ich überrascht und drehe mich zu ihr, wieso das denn?
Ich dachte, du bist immer noch sauer.
Ich wüsste nicht warum.
Meine Antwort erstaunt sie derart, dass sie sich entgeistert zurücklehnt und dabei beinahe von der Bank fällt.
Du weisst es nicht?
Nein, ich weiss es nicht. Sag Du es mir. Ich schaue sie an. Sie zieht die Augenbrauen zusammen und eine merkwürdige Mischung aus Unglauben und Verärgerung zeichnet sich in ihrem Gesicht ab.
So schlimm? frage ich.
Sie zögert, scheint nach den richtigen Worten zu suchen. Atmet ein und dann wieder aus. Mehrmals. Schließlich platzt es aus ihr heraus. Schnell und aufgeregt. Und es klingt nicht wie ein Geständnis, sondern wie ein Vorwurf.
Das weißt du nicht mehr? Ich habe mit T. geschlafen. Und mit F. Und ich habe mich mit J. getroffen.
Und plötzlich, als hätte sie einen geheimen Knopf gedrückt, ist alles wieder da. Das ganze Bild.
Ja, so war das damals. Das war es.

Sie hatte sich mit meinem Freund verabredet, während ich mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus lag. Als er sich nicht für sie interessierte, war sie weiter gezogen zu meinem langjährigen Ex-Freund. Nachdem dieser nicht mehr wollte, hatte sie es beim Nächsten versucht. Was mein war, sollte auch ihres sein. Dass sie sich dabei, wir wohnten zusammen,  meiner Klamotten und meines Parfums bediente, war noch das Geringste. Jahrelang fischte sie in meinem Kielwasser, bis ich sie eines Tages beim Lesen meines Tagebuches erwischte und kurzerhand aus der Wohnung warf.
Das alles hatte ich erstaunlicherweise vergessen. Nur der Abschied, der war mir in Erinnerung geblieben.
Ale starrt mich jetzt an, als erwartete sie ein großes Donnerwetter. Den erlösenden Knall.
Ich schaue in ihre grünen Augen und fühle nichts. So schnell wie die Empörung gekommen ist, so rasch ist sie auch verflogen.
Macht doch nichts, höre ich mich sagen, hatte ich alles längst vergessen. War nicht so wichtig.
Fassungslosigkeit und Enttäuschung stehen ihr ins Gesicht geschrieben.

Am nächsten Tag erzählt mir der Unterfranke, dass sie ihm ihre Telefonnummer gegeben hat.

 

(Photo: http://www.rostseite.de, Kielwasser)

Too drunk

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Um 1 Uhr nachts verlasse ich den Elfer.
Als ich das Auto aufschließe spricht mich eine Männerstimme an:

Cooles Auto.

Öh, ja.

Nimmste mich mit?

Nee.

Wieso nich?

Kenn dich nich.

Bin schwer in Ordnung.

Nee.

Bitte.

Geht nich.

So´n nich?

Könntest mir was antun.

Too drunk.

Eben.

Ich komm sonst nich in die Stadt.

Du kotzt ins Auto.

So blau bin ich nich.

Aha.

Nur halb. Und nett.

Sicher?

Ja.

Steig ein.

Im Auto legt er direkt seine Hand auf meinen Oberschenkel und lächelt mich aus tiefbraunen Augen an.

Zu betrunken, ja?

Ja.

Wo musst du hin?

Berger Straße, und du?

Geht dich nichts an.

Küssen?

Nein.

Schade.

Geht so.

Beim Aussteigen schreibt er seine Telefonnummer in den Staub auf dem Fahrzeuglack.
Ein knappes Jahr später zieht er nach Frankreich um Ziegen zu züchten.
Gerade habe ich ihn zufällig auf twitter entdeckt. Er lebt wieder in Frankfurt.
Mit Katze.

(Photo: „Mercedes-Benz W115 front 20080816“ von Rudolf Stricker – Eigenes Werk. Lizenziert unter Attribution über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mercedes-Benz_W115_front_20080816.jpg#mediaviewer/File:Mercedes-Benz_W115_front_20080816.jpg)