Souffleuse

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Die Erde ist ein Lebewesen, sie ist innen hohl

stand lange Zeit auf der halbrunden Hauswand der Commerzbank, gleich neben dem Blauen Affen, einer inzwischen untergegangenen  Neuköllner Trinkeinrichtung. Wann immer ich es las, musste ich an jenen Kommilitonen denken, damals in Franken, der sich, wie so viele an diesem Ort, auf hauchdünnem Eis bewegte.

Da saß er mit uns, im Winter, in dem dunklen Lokal, die Ärmel seiner Jeansjacke hochgekrempelt, die nackten Unterarme auf der steinernen Tischplatte abgelegt, dass es mich fröstelte, und schaute mich an, folgte mir mit höchster Konzentration, wenn ich sprach, jedem Wort, jedem Zungenschlag, meinen Blicken, den Augenbrauen, den Händen, wie einer Verkündung, starrte er mich an, aus zusammengekniffenen Augen, um nur ja nichts zu verpassen, bis seine Füße unter dem Tisch zu tanzen begannen, die Lider flatterten und es ihm entfuhr, es aus ihm heraus wollte, sofort, er es zur Sprache bringen oder vielmehr zu Sprache, zu Worten, machen musste endlich, was er empfing, die Register, die ich gezogen, mittels einer Macht, die ich hatte, weil ich den Schlüssel besaß, zu dem Schloss, von Anfang an. Entstanden oder auferstanden, geweckt und in Form gebracht seine Worte, die ich ihm souffliert hatte aus einem Skript, das er in- und auswändig kannte. Die Erde ist ein Lebewesen raunte er mir zu, ein Hinweis, ein Wink, dass er mich verstanden hatte und mit der nickenden Gewissheit, dass auch ich ihn verstand, ohne Zweifel. Sie erkennen mich immer, sie wissen, dass ich die Weihen habe.

Ein anderer im offenen Ledermantel und mit langem Haar, ein großer schwerer Mann, betritt mit lautem Schritt das Lokal, sieht mich von hinten, mein Haar, schon an der Türe höre ich ihn poltern, die Art, wie er den Raum einnimmt, dass die Holzbohlen unter den schrammelnden Lautsprechern knarren und ich weiß, ohne mich umzudrehen, wem dieses Lärmen gilt, nur gelten kann. Ein Code. Er nimmt den Arm hoch, meine Nackenhaare stellen sich auf, und wirft seine Messer über meinen Kopf hinweg in das große schwarze Ölgemälde, dass ich lachen muss insgeheim. Ich weiß doch wer du bist.

Disch kenn isch, ruft die Wirtin meiner Schwester hinterher, als sie nach dem Flohmarkt die Toilette benutzen möchte. Disch kenn isch? fragt sich die Schwester in ihrer anderen Welt, die dieses Kennen nicht kennt, wie niemand es kennt, der es nicht kennt, selbst wenn er dabei war, während ich auf der Bank sitze und nicke, als sie es ezählt. Kinder derselben Mutter, sind wir zwei ganz verschiedene Wege, die das Leben genommen hat, um ein Flussbett zu formen am Fuße des dunklen Berges in dessen Schatten wir leben.
Ich kann sie sehen, selbst wenn sie nicht da sind, ich spüre sie durch Wände, wie mein Vater das Unheil. Immerzu.

Verlassen liegt der große Platz in der Mittagsglut, kurz und hart sind die Schatten der roten Kapelle. Am oberen Ende der gleißenden Ebene steht mit ausgebreiteten Armen ein Prediger auf einer Kiste. Um ihn herum Ratlose und Ratsuchende, sich am Kinn kratzend, oder am Hinterkopf, während er spricht. Zwischen Hoffnung und Empörung über die heilsbringende Vermessenheit und den Mut, der keiner ist, sondern reine Pflicht. Ich wende mich ihm zu, wie ein Magnet dreht er meinen Kopf und ich schaue ihn an, tu ´s nicht, sagt die Freundin noch, schau da nicht hin!, treffen sich unsere Blicke, und im Weitergehen sehe ich den hageren Mann über die Schulter mit unbeholfener steifbeiniger Hast rückwärts von seiner Kiste steigen, wie ein Elefant, oder doch eher eine Giraffe, von einem kleinen Schemel. Kaum, dass seine Füße den Boden berühren, wirft er die Arme in die Luft und ruft und segnet sie und mich und die Stadt und den Landkreis und die ganze Welt schon von weitem und immer näher kommend auf leichten Füßen mit allem, was er zu geben hat.

 

 

 

 

 

Bild: Thomas Weidenhaupt, suspicious minds
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Aufkleber

Zurück in Berlin.
Lieber wäre ich jetzt in Hattingen, Bielefeld oder Wuppertal.
Alles mir unbekannte Orte, die mir aber, aus der Ferne betrachtet, authentischer, von echtem Leben erfüllt und dennoch ruhiger erscheinen als die aufgeblasene Hauptstadt, in der so Viele, gezogen von unsichtbaren Fäden, mit verschränkten Armen und verschlossenem Blick an wichtige Orte hetzen. Einsam.
Flach wie Aufkleber. Nebeneinander, übereinander. Eindimensionale, flüchtige Botschaften.
Sender ohne Empfänger. Sender, die nicht empfangen. Vielleicht nicht einmal senden.
Berlin bedrückt mich mal wieder. Berlin strengt mich an.
Diese unglücklichen und zugleich blasierten Menschen überall.
Sowenig Herzlichkeit. Soviel Angst und Resignation.
Soviel l´art pour l´art.

Vor wenigen Tagen noch: die Feuerwehr in Sömmersdorf mit ihrer blechernen, einstimmigen Kindersirene.
Irgendwo brennt es. Der Alarm erwischt uns im durstigen Augustwald, wo wir mit den Hunden durchs knackende Unterholz streifen. Borreliosegebiet.
Von Dorf zu Dorf wird er weitergereicht wie ein Staffelholz. Schwillt an und ab. Kreist uns von mehreren Seiten ein. Ob jemand bei der Hitze mit dem Moped über die verdorrte Flur der Fränkischen Trockenplatte geschürt ist?
Wir versuchen uns zu erinnern, was wir als Schulkinder gelernt haben, wenn wir uns bei den Alarmproben an
den Händen fassen, und in Zweier-Reihen das Klassenzimmer verlassen mussten.
Damals probten wir AB und C-Alarm. ABC-Schützen, die wir waren.
Was das alles bedeutete wussten wir natürlich nicht, freuten uns aber über die Unterbrechung des Unterrichtes, der in den, früher üblichen, Holzbaracken abgehalten wurde.
Während der Pausen rauchten unsere Lehrerinnen vor den Stufen der zweizimmrigen Behelfsbauten, und wärmten sich die Hände an der flimmernd-heissen Luft, die von, in die Wand eingelassenen, vergitterten Abluftventilatoren nach außen geblasen wurde
Ans Energiesparen, oder an Wärmedämmung dachte damals noch niemand. Rauchen war kein Makel, sondern eine zeitgemäße, schichtenübergreifende Gewohnheit.
Beim Internationalen Frühschoppen schien man nichts anderes zu tun.

Hier, umgeben von Wald und Feldern, muss ich an das Bett im Kornfeld von Jürgen Drews denken, dann an Nastassja Kinski, die sich in dem Tatort Reifezeugnis mit ihrem Lehrer zum tête à tête im Wald trifft. An ihre Rolle bei Cat People. Ihre stets leicht geöffneten, vollen Lippen. Die obere dezent lefzenartig die untere überlappend. Die dauerpräsente Eitelkeit, das Kokettieren mit unbedarfter Unschuld.
Hat sie nicht auch bei Hotel New Hampshire, Susie the Bear gespielt? Eine schüchterne, unattraktive Lesbe, die wegen ihres schwachen Selbstwertgefühls in einem Bärenkostüm auftritt. Nicht besonders glaubhaft. Aber immerhin konnte sie so mit Jodie Foster, der Hauptdarstellerin, ins Bett gehen (was man ihr allerdings noch weniger abnahm). Wo kommt die Erinnerung an diese Frau plötzlich her?

Ich entsinne mich nicht mehr, wie man sich bei Erklingen der Sirenen, nach dem Verlassen des Raumes zu verhalten hatte, noch, was die unterschiedlichen Töne oder Intervalle bedeuteten.
Bei Atomalarm sollten wir, so glaube ich zumindest, im Klassenzimmer bleiben, und uns unter den Tisch kauern. Ob das stimmt? Ich weiß es wirklich nicht mehr.
Ein bisschen Angst bekommen wir nun doch. Wenn wirklich etwas Schlimmes passiert ist!
Grafenrheinfeld, das Kernkraftwerk, ist nur wenige Kilometer entfernt.
Als wir aus dem Wald heraustreten, sehen wir es in der Ferne, hinter den abgeernteten Stoppelfeldern. Die Dampfwolken über den beiden Kühltürmen steigen in den tiefblauen, hochsommerlichen Himmel auf. Eine Fata Morgana.

SAMSUNG
Was, wenn wir vergessen haben den Herd auszumachen, und die Feuerwehr deswegen anrückt?  Ich weiß  nicht, ob mir das nicht eine akzeptable Alternative zu einem atomaren Störfall wäre.
Den Heimweg legen wir zügig zurück. Immer wieder blicke ich rüber nach Grafenrheinfeld.
Wir würden es nicht einmal bemerken, wenn der nuclear fallout uns bis aufs Mark durchleuchtete und die Basensequenz der DNA für immer veränderte.
Ich kontrolliere, ob mein Smartphone funktioniert, und ob noch alle Dateien vorhanden sind. Müssten sie nicht durch die Strahlung vernichtet werden? Wie schnell bewegt sich eine Atomwolke eigentlich? Hätte sie uns schon erreicht?
Bloß nicht hysterisch werden.
Es ist heiß und windstill. Wie damals bei Tschernobyl.
Unzählige Schwalben tummeln sich in der Luft.
Als wir wieder bei den Freunden ankommen, erwarten sie uns bereits.
Unweit des Hauses hat die Freiwillige Feuerwehr ein schwelendes Feld gelöscht. Später am Nachmittag wird sie noch einmal anrücken und nachbessern müssen. Wir schauen ihnen dabei zu. Mehr passiert hier nicht.

Be a Punk in Franconia

Im Garten sitzen wir, so wie früher, und essen alles, was er um diese Jahreszeit hergibt.
Brombeeren, Himbeeren, sogar noch ein paar Erdbeeren. Tomaten und Ringlos. Ringlotten. Renekloden. Edelpflaumen jedenfalls. Blasse Frühäpfel gibt es auch. Klaräpfel.
Eine Hängematte zwischen zwei Bäumen verführt zum Dösen.
Die Hunde trinken aus dem kleinen Teich.
Oleander, Hibiskus, Dahlien und ein paar Rosen blühen noch.  Vieles ist schon verblüht. Ich vermisse den Feigenbaum, der früher hier stand.
Vor dem gewaltigen, bemoosten Findling liegt meine erste Katze begraben. Castorp (ich las damals gerade den Zauberberg). Das kleine schwarze Getüm starb im Januar 2007 auf meinem Schoß. Gerade hatte der Tsunami Südostasien verwüstet.
Die Zeit eilt, alles geht vorbei. Aber hier habe ich das Gefühl noch einmal in den gleichen alten Bummelzug einsteigen und die vertrauten Stationen abfahren zu dürfen. Erinnerungsorte, die ich nur von hier, wo ich die Zeit auf geheimnisvolle Weise  zurückdrehen kann, erreiche.
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Wir haben uns im Studium kennengelernt, das wir zum größten Teil in Kneipen verbrachten. Im Sommer dann entweder in dem Häuschen am Würzburger Waldfriedhof, oder in Obbach. Das Haus der Eltern hüten. Damals gab es die Kinder noch nicht.
Der Sohn, mein Patenkind, wird im September 17. Er schaut regelmäßig Sportschau, legt Wert auf Fleisch in jeder Mahlzeit und macht gerade seinen Führerschein. Die 15-jährige Tochter ist Vegetarierin, trägt Hotpants und hat inzwischen ihren dritten Freund.
Wir verbringen diese Tage ohne die beiden.
Ausgelassen. Unbeschwert. So, als würde die lange Amazonasreise gleich beginnen, und wir wären diejenigen, die noch das große Abenteuer vor sich haben. Für diesen Augenblick fühlt es sich fast so an.
In Wahrheit rücken wir bei Beerdigungen als Nächste nach vorne in die erste Reihe, ehe wir selbst im lilien-geschmückten Sarg vor dem Altar liegen und von denen, die bald die Geschichte bestimmen, betrauert werden.

Sie sind schon hier, sie sind viele, sie sind ein Bild aus der Zukunft.
Hoffentlich nicht nur Aufkleber.

Exekutive Bayern/ Röllbach

Es st spät, als wir endlich mit dem Bus in Röllbach (einem Dorf im Spessart, unweit von Miltenberg) ankommen.

Wir fahren durch den Ort, nehmen den Feldweg Richtung Wald, lassen sämtliche Häuser hinter uns und stellen das Wohnmobil unter einer Gruppe alter Bäume, auf festem Grund ab.
 Im Sommer trifft sich hier die Jugend, um im Schutze einer Marien-Skulptur das Rauchen, Trinken und Jungsein zu genießen. 
Inzwischen ist es fast Oktober. Nachts wird es auf weiter Flur schon frostig kalt. 
Und so ist das Interesse am Zechen im Freien, dem Faible für´s Trinken in geschlossenen, verqualmten Räumen gewichen.


Wer weiß, vielleicht sitzen sie jetzt alle im örtlichen Schützenverein.

Kaum haben wir die Seitentür des Spielmobils aufgeschoben, springt Töle schon aus dem Bus und nimmt instinktiv Witterung auf.
 Sie schnuppert gebannt den Feldweg entlang zur benachbarten Koppel. Der Duft von Pferdeäpfeln entschädigt für die anstrengende Fahrt. 
Auf den abgeernteten Stoppelfeldern riecht es nach Gülle, Mäusen, Hasen und Füchsen. 
Mein Freund dreht sich eine Zigarette.

Wir stehen in der Stille der Nacht, atmen tief ein und schauen dem Rauch hinterher, wie er nach oben steigt und sich in der Dunkelheit verliert.
 Es ist windstill. Der nächste Autobahnanschluss ist weit weg. 
Nur die Flugzeuge, die sich dem Frankfurter Flughafen nähern, grollen und blinken von weitem über der nächtlichen Idylle des fränkischen Dorfes.
 Langsam spazieren wir zurück zum Ortskern, beobachten den manischen Zickzack-Kurs von Töle, und freuen uns als wir den Hof unserer Freunde betreten, deren Hund pflichtbewusst anschlägt.

Lange haben sie auf uns gewartet. Die Flaschen sind kaltgestellt, ein Teil schon geleert. 
Unter ländlichem Sternenhimmel werfen wir den Grill an und schlürfen fröstelnd wärmende Getränke.
 Gegen 3 Uhr beschließen wir die Nacht zu beenden, um am nächsten Tag taufrisch für den Geburtstag meines Patenkindes zu sein.
 Der Junge schläft tief, und ahnt nichts von dem Mountainbike, das wir mitgebracht haben.

Angeschickert machen wir uns auf den Weg zu unserem Bus. Durchs Dorf, übers Feld. 
In vollem Galopp nehmen wir die leichte Steigung Richtung Wald.
 Unser Gastgeber stürzt mit seinem Fahrrad in einen Bewässerungsgraben. 
Die Hunde springen ausgelassen um ihn herum, bellen in die dunkle Nacht und nießen kopfschüttelnd vor Lebensfreude. 
 Am Wohnmobil angekommen, reissen wir die Türen auf, setzen uns ins Fahrzeuginnere, öffnen eine Flasche Rotwein und ich koche mir auf dem Gasherd Wasser für eine Wärmflasche. Es ist sehr frisch geworden und mich fröstelt. Wir wickeln uns in billige Discounterdecken.
 Ein Glas noch, dann geht es ins Bett. Ganz sicher. Morgen ist ja Geburtstag.

Es ist schön, dort zu sitzen, zu trinken, zu reden, der klaren, kalten Stille zu lauschen und auf das Gestern, Heute und Morgen einer uralten Freundschaft anzustoßen.

Erst spät bemerken wir, dass ein Fahrzeug sich dem Bus nähert, und mit Abblendlicht direkt auf uns zuhält.
 In unseren fröhlich-benebelt-erschöpften Hirnen blubbern zeitlupenartig winzige, wohlwollend wabernde Fragezeichen empor, flackern wie ein Irrlicht, das selbstgenügsam nach keiner Antwort am inneren Firmament sucht auf, und zerfallen in der Euphorie des Augenblicks in winzige funkelnde Moleküle, so wie

… wie irgendwas.


Egal was. 


Was ist hier eigentlich los?

Langsam klickert es in unseren Köpfen, die innere Sanduhr rieselt, und wir ernüchtern schlagartig:

für eine Flurbegehung durch den Landwirt scheint es etwas spät, 
die Jugendlichen haben nur Mopeds, und unterliegen ohnehin dem Hordenzwang. 
Die redlichen Siedler liegen längst im Bürgerkoma.

Wer sonst könnte also um diese nachtschlafende Zeit zwischen brachem Feld und dunklem Wald unterwegs sein?

Die Lichter des Wagens nähern sich.

Langsam wird es merkwürdig.
 Was machen wir bloß, wenn Killer im Anmarsch sind? Niemand wird unsere Schreie hören…

Wir bleiben im Bus sitzen. Das Fahrzeug kommt frontal vor uns zum Stehen, die Vordertüren öffnen sich und zwei Männer steigen aus. 
Geblendet bleiben wir sitzen, starren in die Lichtkegel, die Hunde bellen.
 Jetzt bewegen die beiden sich auf uns zu. Ich erkenne die Silhouette einer Uniform.

Gott sei Dank! Es sind bayerische Polizisten!

Herzlich willkommen! Sie ahnen gar nicht, wie sehr wir Sie vermisst haben!“

möchte ich Ihnen erleichtert entgegen rufen, unterdrücke diesen Impuls aber und warte darauf, was als nächstes geschieht.

Grüß Gott, die Fahrzeugpapiere und ihre Ausweise, bitte!“

Ein routinierter Griff, in die Tasche.

Bitte schön.“

Während der eine zum Dienstwagen zurück geht, um die Daten abzugleichen, frage ich den anderen, wie es eigentlich kommt, dass sie zu so später Stunde hier aufkreuzen.

Gab es Beschwerden?“ möchte ich wissen.

Wir sind die bayerische Polizei; wir schauen unter jeden Stein.“ antwortet er mir mit einem selbstbewussten Lächeln.

Haben wir irgendetwas falsch gemacht? Ist es nicht erlaubt hier zu stehen?“

Junge Frau, es ist so: in Schweden ist alles erlaubt, außer es steht ausdrücklich da, dass es verboten ist.
In Deutschland ist alles verboten, außer es steht ausdrücklich da, dass es erlaubt ist.“

Eine gelungene Zusammenfassung der bürgerlichen Gesellschaft Deutschlands, deren in Paragrafen gegossene, neidverrammelte Engstirnigkeit, das beklemmende Gefühl eines zu eng geschnürten Korsetts hinterlässt.
 Das Empfinden keine Luft mehr zu bekommen.

Also ist es verboten hier zu stehen.“

Der Polizist nickt.

Ich atme tief ein und erkläre ihm, dass wir allesamt zuviel getrunken haben, um das Wohnmobil von diesem Ort zu entfernen.
 Das versteht er und selber wegfahren mag er es auch nicht.

Nachdem unser Freund sich als Einheimischer ausweisen kann, erteilen die Ordnungshüter uns die Erlaubnis, noch bis zum nächsten Tag zu bleiben und verabschieden sich mit einem freundlichen:

Gute Nacht, die Herrschaften!“
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Danke, für diese schönen Stunden,


Danke, für diesen ganzen Tag;


Danke, daß Du mich hast gefunden


Heut’ in Freud und Plag’.

Exekutive Bayern/ Schweinfurt

Nachdem Töle sich die Beine vertreten hat, und der Bus halbwegs aufgeräumt ist, verlassen wir den Rasthof Frankenwald bei Rudolphstein und setzen unsere Fahrt Richtung Westen fort.
Das Spielmobil tut sich schwer. 
Immer wieder muss es zur Maximalgeschwindigkeit (101km/ h) getriezt werden, um sich mit röhrendem Motor die nächste Steigung zu erkämpfen, wobei der Schub durch die Gesetze der Schwerkraft schnell verloren geht, und wir mit 50 km/h den Berg hochzuckeln. 
Die schwer beladenen 12- Tonner, die sich von hinten heranschieben, blenden fluchend auf und würden uns gerne mit einem Wildfänger von der Piste räumen, wie einst die Widlwest-Lokomotiven kreuzende Bisons.
 Lang dauert es nicht mehr, bis der liebliche Teil des bayerischen Vogtlandes sich vor uns öffnet, und die Welt wieder weit erscheint.

Ich erinnere mich an eine Zugfahrt von Berlin über Fulda nach Würzburg.
 Mir gegenüber saßen zwei Herren mit reichlich Gepäck, die eben von einer China-Reise zurückkehrten. 
Mit hängenden Schultern und müden Augen, referierten sie erschöpft und mit monotoner Stimme von den Unbillen ihrer Asienreise. 
Bis der ICE Hessen verließ und nach Franken einfuhr. 
Ein müder Blick aus dem Fenster. Die Stimmung änderte sich schlagartig.
 „Herrliche Landschaft, wunderbares Gemüt!“ entfuhr es dem jüngeren der beiden, und die Gesichtszüge strafften sich. Sein fränkisches Herz schlug höher.
 So weit war er gereist, so nahe lag das Glück.

Wir nähern uns Bayreuth (Wagner). 
Lassen Kulmbach rechts liegen (Gottschalk).
 Vorbei an Bamberg (Bamberger Reiter). 
Über Haßfurt, durch die Haßberge. (?)

Inzwischen ist es dunkel geworden, und wir fahren auf die erste Tankstelle in Schweinfurt.
 Dank seiner ausgeleierten Blattfedern schaukelt der Bus, behäbig wie ein Kamel, über die Ablaufrinne vor der Tanke, und wir steuern die linke Zapfsäule an. 
Zu meinem Erstaunen wimmelt es hier nur so vor biertrinkenden Skinheads.
 Live-Musik dröhnt an unsere Ohren.

Als meine Begleitung aussteigt, kommt ein grün-weißer BMW rasant angeschossen, bleibt quer vor uns stehen, die Türen springen auf und zwei Polizisten stürzen auf meinen Freund zu, der sich erstaunt umschaut, im Glauben, dass jetzt die Glatzen dran sind.

Mitnichten.

Wie schon auf dem Rasthof Frankenwald, müssen wir unsere Papiere zur Kontrolle vorlegen, und werden (nach ergebnisloser Prüfung) aufgefordert den Beamten Zutritt zu unserem Bus zu gewähren.
Töles Knurren quittiert der Dienstältere mit einem jovialen Auflachen, und bittet mich den Hund festzuhalten. 
Na klar.
 Unseren Einwand, unlängst kontrolliert, danach ewig mit Aufräumen beschäftigt gewesen zu sein (weil sonst alles klappert), und inzwischen erheblich im Verzug zu sein, wollen sie nicht gelten lassen. Vielmehr scheint diese Behauptung das Interesse der Ordnungshüter erst richtig anzufachen.
 Handschuhfach, Sonnenblende, Aschenbecher, Kühlschrank, Taschen, Hundekorb, Chemietoilette. Das Gleiche nochmal, nur gründlicher.
 Am Ende ist nichts mehr an seinem Platz.
 Töle wird allmählich nervös und knurrt immer bedrohlicher. Auch die ungeahnte Chance aus den überall verteilten Klamotten eine Schlafstätte zu bauen, kann ihre Stimmung nicht heben.

Ich frage den jüngeren der Uniformierten, woher eigentlich die Musik und die kahlköpfige Kundschaft kommen. 
Er freut sich über mein Interesse am lokalen Geschehen, und erklärt mir gut gelaunt, dass unweit ein Konzert der Böhsen Enkelz, einer Coverband der Böhsen Onkelz stattfindet.
 Der Ältere, inzwischen sichtlich gereizt, unterbricht das Gespräch und fordert uns auf Jacken- sowie Hosentaschen zu leeren. 
Irgendetwas muss sich doch finden lassen!
 Mein Freund wird aufgefordert aususteigen, die Arme nach oben zu strecken, und sich vor dem Bus abtasten zu lassen.
 Mich dürfen sie nicht anfassen. Ich befürchte, dass als Nächstes weibliche Verstärkung herbeigefunkt wird, und wir noch mehr Zeit verlieren.

Nur ein Wagen voller Afrikaner könnte jetzt helfen, denke ich.

Aus irgendeinem Grunde lassen die Beamten dann doch von uns ab, und wir dürfen die Reise fortsetzen.
 Vielleicht hat die Musik im Hintergrund sie wieder ein bisschen fröhlicher gestimmt.


Die Ordnungshüter verzichten darauf weitere Personenkontrollen unter der einheimischen Bevölkerung vorzunehmen, und setzen ihre nächtliche Patrouille durch die Straßen Schweinfurts fort.

Exekutive Bayern/ Hof

Wir fahren mit dem Spielmobil nach Unterfranken um Freunde zu besuchen.

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Da Töle sich dringend die Beine vertreten muss, verlassen wir am Rasthof Frankenwald die Autobahn. 
Kaum ist das Tuckern des Dieselmotors verklungen, kommt ein grün-weißer BMW hinter unserem Bus zum Stehen. 
Die beiden Polizisten steigen aus, setzen ihre Dienstmützen auf und ziehen angelegentlich die Hosen am Gürtel in Form.
 Ich beobachte durch den Rückspiegel, wie sie sich von links und rechts dem Fahrerhaus nähern und dabei mit fachmännischem Kennerblick das Fahrzeug auf Mängel prüfen. Rost am Schweller, fehlende AU oder TÜV? 
Ich kurbele das Fenster herunter und begrüße sie, noch ehe sie mich ansprechen können.


„Guten Tag!“

„Grüß Gott, Ausweis und Fahrzeuchbabiere bitte!“

kommt die Antwort in breitestem Fränkisch.
 Der Beamte verschwindet mit den Papieren, derweil sein Kollege weiter um das Wohnmobil herumschleicht und mir unterdessen immer wieder ernste Blicke zuwirft. 
Nach kurzer Zeit erhalten wir die Papiere zurück.

„Alles soweid in Oddnung. Haben Sie Drogen oder Waffen dabei?“


„Nein, haben wir nicht.“ 


(Was denkt der sich eigentlich? Erwartet er im Ernst, dass wir antworten „Selbstverständlich Herr Wachtmeister! Allerfeinster Stoff aus Berlin,-was brauchen Sie denn?“)

Wir würden uns trotzdem gernemol in Ihrem Fahrzeuch umschaun.“

Nur zu.

Ich öffne die Schiebetür und gewähre den Herren Eintritt.
 Töle fängt an zu knurren, als die Uniformierten den Wagen betreten und ihr Werk beginnen.
 Handschuhfach, Aschenbecher, Kühlschrank, Bettkasten, Hundekorb, Taschen, ja selbst die Chemietoilette ist verdächtig und wird untersucht.

Der Hund knurrt sich blinzelnd in den Schlaf, während die Ordnungshüter allem auf den Grund gehen.


Nichts gefunden, nicht mal einen Löffel.


„Ich darf Sie bidden ihre Hosendaschn zu leern.


Als wir uns anschicken dem Wunsch Folge zu leisten, hält einer der Männer inne. 
Er schaut aus dem Fenster auf den Parkplatz, gibt seinem Kollegen ein Zeichen und die Herren verabschieden sich hastig.


„Alles soweit in Oddnung! Gude Weidäfatt.“

Sprachlos starren wir den beiden hinterher, wie sie entschlossenen Schrittes zu einem PKW eilen, aus dem gerade eine afrikanische Familie mit Kleinkind entsteigt.
 Wir schauen uns an und fangen an aufzuräumen.